Viel Kritik wurde an Pep Guardiola in den letzten Wochen laut. Zu unflexibel und dogmatisch sei das Spiel der Bayern, so heißt es aus... Bayern München in der Krise (2) – Der Wendepunkt und die taktischen Ursachen der Krise

FC Bayern München Logo 2Viel Kritik wurde an Pep Guardiola in den letzten Wochen laut. Zu unflexibel und dogmatisch sei das Spiel der Bayern, so heißt es aus (vermeintlichen) Expertenkreisen und den Mainstreammedien weitestgehend einheitlich. Teilweise wurde sogar schon der Ballbesitzfußball als solcher und als strategisches Konzept in Frage gestellt, ohne auf die genaue taktische Umsetzung dieses Spielstils oder die spezifischen Besonderheiten der Münchner sowie ihrer Gegner zu achten.

Darum soll in diesem dreiteiligen Artikel die Krise der Bayern genauer diskutiert werden. Im ersten Teil geht es hierbei um die grundlegende Spielweise des deutschen Rekordmeisters in Ballbesitz und die vielfältigen strategischen Anpassungen Guardiolas zur Untermauerung seiner Flexibilität. Beim zweiten Teil dreht sich das meiste um die spezifischen Ursachen für ihre jeweiligen schwächeren Partien und Teil Drei ist eine Zusammenfassung nicht-taktischer Ursachen mit einer kurzen abschließenden Betrachtung, inwiefern die Spielweise der Münchner und das diesjährige Scheitern als grundsätzliche Kritik am Ballbesitzfußball als Spielphilosophie anwendbar ist.

Der zweite Teil konzentriert sich also auf die Krise selbst; ab wann nahm die Kritik der Münchner Überhand, in welchen Spielen waren es wirklich taktische Ursachen und was sind die Hintergründe hinter diesen taktischen Problemen, um die man sich bis zur nächsten Saison kümmern sollte.

Die Meisterfeier als Dauerkater?

Meistens wird die endgültig fixierte Meisterschaft als Beginn und Ursache der Krise gesehen, insbesondere wegen der von Guardiola dann noch intensivierten Rotation (Weiser, Sallahi, Höjbjerg und Co. wurden vermehrt eingesetzt) sowie dessen etwas unglücklicher Aussage, dass somit die Liga für ihn vorbei sei.

Diese Kritik mag in einigen Partien durchaus zutreffen: Gegen Hoffenheim, Braunschweig oder Stuttgart gab es zwar einige taktische Probleme, diese dürften aber wirklich eher auf taktikpsychologische und rein mentale Aspekte zurückzuführen sein. Hier hatten sie Probleme mit der Intensität im Spiel, sowohl bei der Arbeit gegen den Ball als auch im eigenen Bewegungsspiel. Doch drei, vielleicht auch vier, andere Gegner und die Spiele gegen diese sollten den Bayern viel eher Kopfzerbrechen bereiten, denn sie hatten kaum etwas mit der gewonnenen Meisterschaft zu tun.

Nummer 1: Probleme gegen leitende Elemente

Exemplarisch für diese Probleme steht die Partie gegen den BVB, wo man mit einem 0:3 zuhause in München gegen den Erzrivalen verlor – und sicherlich nicht „unmotiviert“ war. Dortmund, aber zuvor auch mit Abstrichen und anderer Spielanlage Augsburg, nutzte nämlich ein asymmetrisches 4-2-3-1/4-3-3 im Pressing, gegen das die Bayern durch das leitende Element im Sechserraum kaum Zugriff fanden. Hofmann auf der rechten Außenbahn orientierte sich dabei etwas weiter nach vorne und unterstützte die beiden zentralen Stürmer, Reus und Aubameyang, welche das Aufbauspiel der Bayern zwar früh störten, dabei aber nicht draufgingen, sondern den Sechserraum versperrten.

Dante und Boateng hatten dadurch viel Zeit und Raum, aber kaum Anspielstationen. Hofmann half den beiden Stürmern und kümmerte sich um Alabas Einrücken ebenso wie um ein situatives, bogenartiges Anlaufen von Dante. Kehl balancierte das dann und übernahm Alaba im Sechserraum, Reus blieb öfters tiefer und kümmerte sich um Lahm. Mkhitaryan auf der linken Seite hingegen spielte tiefer und sicherte somit die Räume um den dribbelstarken Robben, desweiteren konnte er die beiden Sechser unterstützen und absichern.

Bayern kam damit nicht klar, weil sie keine wirkliche Anpassung hatten; weder häufigeres noch selteneres Abkippen von Lahm, Dribblings der Flügelstürmer oder unterschiedliche Varianten der Bewegung der Außenverteidiger brachten keine Lösung. Zentral war der Sechserraum versperrt, Bayern spielte schon im ersten Drittel mit vielen sehr langen und riskanten Bällen über die Innenverteidiger nach außen, wo der BVB dann isolierte. In diesem Spiel waren die Bayern nicht an der tiefen und kompakten Strafraumverteidigung gescheitert, sondern an der mangelnden Raumöffnung in der Mitte gegen einen Gegner im passiven Angriffspressing. Diese unterschiedliche Höhe und das leitende Element bei diesem hohen Pressing ist der grundlegende Unterschied zum zweiten Problem, welches in dieser Phase sichtbar wurde.

Nummer 2: Probleme gegen hohe Defensivkompaktheit im Zentrum bei dazugehörigem Fokus

Selbst gegen die unter David Moyes enorm kriselnden Starspieler von Manchester United hatten die Bayern ihre Probleme – auch hier gilt durch den Champions-League-Charakter die Ausrede der mangelnden Motivation nicht. Natürlich hatten die Bayern viele Chancen und waren letztlich auch überlegen sowie verdient weitergekommen, dennoch taten sie sich gegen einen klar schwächeren Gegner sichtlich schwer qualitativ hochwertige Chancen herauszuspielen. Ursache dafür ist die mangelnde Präsenz im zentralen Zwischenlinienraum, welcher auch durch eine einfache Besetzung dieser Zone nicht wirklich beizukommen ist.

Das Problem ist die mangelnde Einbindung der Spieler in diesen Räumen und die fehlende Quantität an passenden Spielertypen für diese schwierige Aufgabe. Einzig Thiago und Mario Götze oder eventuell noch Philipp Lahm sind Akteure, welche sich konstant in diesen engen Räumen behaupten und ihr Sichtfeld drehen können, um das Spiel nicht zu verlangsamen oder den Raumgewinn nicht zu opfern. Lahm wird allerdings auf anderen Positionen benötigt und er ist ebenso wie Götze von seinen Abläufen nicht ideal für diese Rolle, die selbst Thiago wegen seiner spieldiktierenden Art nur selten einnimmt.

Gegen eine Mannschaft, welche sich enorm auf die Strafraumverteidigung konzentriert und mit zehn Mann einen geringen Raum vor dem Strafraum versperrt, wird Bayern somit nicht nur auf die Flügel gelockt, sondern hat auch kaum eine Möglichkeit konstruktiv vom Flügel wieder in die Mitte zu kommen; Distanzschüsse, Halbchancen und ziellose Flanken sind die Folge. Das dritte große Problem ist die Verbindung von Nummer 1 und Nummer 2 mit einem zusätzlichen Faktor.

Nummer 3: Probleme mit variablem und rhythmischem Pressing

Zusätzlich zu diesem leitenden Element im Aufbauspiel, der generellen Probleme mit der Zentrumsbesetzung und dem Verteidigen von dadurch entstehenden Kontern gibt es noch eine dritte große Problemzone, welche Guardiola in der nächsten Saison beziehungsweise womöglich in der nächsten Transferphase adressieren muss. Gegen Real zeigte sich, dass die Bayern gegen ein flexibles Pressing, dessen Intensität und Höhe im Spielverlauf häufig wechseln, extreme Probleme haben.

Die Münchner konnten in dieser Saison schon vielfach Spiele drehen, weil sie sich im Spielverlauf gruppen- wie mannschaftstaktisch angepasst haben. Diese Anpassungen kamen meist von der Seite durch den Trainer und waren spezielle Veränderungen an die gegnerische Spielweise. Wenn diese Spielweise sich jedoch öfters ändert, kann es keine so klaren Anpassungen geben – und hier beginnen die Probleme der Bayern.

Im Gegensatz zu den Katalanen unter Guardiola oder den spanischen Nationalmannschaften haben sie keine Spielertypen in der Mitte, die in jeder Situation auf höchstem Niveau pressingresistent und unter Druck erfolgsstabil in ihrer Entscheidungsfindung sowie spielphilosophie-adäquat sind. Xavi, Iniesta und Busquets oder auch Koke, Illarramendi und Thiago auf U21-Niveau können sich mit intelligenten Kurzpässen auch im ersten Drittel unter Druck befreien ohne an Raumgewinn oder Stabilität zu verlieren und sie sind auch im letzten Drittel stark genug, um in engen Räumen nicht abzudrehen und den Ball weiter strafraumnah zirkulieren zu lassen.

Thiago spielt natürlich auch bei den Bayern und war hier eine große Hilfe, doch bei nur einem  Akteur ist auf höchstem Niveau die Gefahr gegeben, dass dieser isoliert werden kann und die anderen mehr übernehmen müssen. In der Rhythmuskontrolle sind Thiagos Mitspieler hingegen nicht so komplett, obwohl sie in ihren besten Situationen absolute Weltklasse sind und spielerisch, taktisch wie technisch ebenfalls höchstes Niveau verkörpern.

Schweinsteiger ist zum Beispiel in der reinen Ballverteilung strategisch herausragend, ebenso wie Toni Kroos, doch beide haben in bestimmten Situationen Probleme. Schweinsteiger ist zum Beispiel im ersten Drittel unter Druck oftmals zu vertikal und raumgreifend, nur um in höheren Zonen in seinen Pässen zu zirkulierend und undynamisch zu werden.

Kroos hat zwar eine höhere Dynamik in der Zirkulation unter Druck in der gegnerischen Hälfte, variiert aber dann nicht mehr den Spielrhythmus wie beim Spielaufbau im ersten Drittel. Die Balance gelingt ihren spanischen Pendants deutlich besser. Gegen Real war darum auch auffällig, wie schwer sich die Bayern mit passenden Reaktionen – nicht nur im Passspiel, sondern auch schon im Freilaufen – auf die unterschiedlichen Aufgaben des Gegners taten.

Dies ist die Ursache, wieso die Bayern noch ein drittes Problem (sogar ein weitestgehend taktikpsychologisches) haben. Im nächsten Artikel geht es dann um jene Probleme, welche nicht taktisch, sondern rein psychologisch oder strukturell sind.

René Maric, www.abseits.at

Rene Maric