Die kalte Jahreszeit macht es dem geneigten Zuseher des Gekickes mit dem runden Leder oftmals nicht leicht, den Weg in die diversen Spielstätten zu... Groundhopping: Viele Treffer beim Fußballwochenende in Bayern

Die kalte Jahreszeit macht es dem geneigten Zuseher des Gekickes mit dem runden Leder oftmals nicht leicht, den Weg in die diversen Spielstätten zu finden. Temperaturen um den Gefrierpunkt, kalter Wind und eklig kühle Sitzschalen in den Stadien sind kein verheißungsvolles Triumvirat für einen Besuch der kleinen und großen Arenen des nördlichen Nachbarn. Dennoch, die Liebe zum Spiel, die Leidenschaft für den Verein und das gesamte Drumherum lassen einen die negativen Aspekte vergessen und so ging es Freitagvormittag auf nach Bayern, dem einzigen Bundesland mit einer alleinigen Regionalliga in Deutschland.

SpVgg Greuther Fürth 3:2 1. FC Magdeburg

Im beschaulichen Fürth, einem Vorort von Nürnberg, stand Freitagabend das Zweitligaspiel zwischen der hiesigen Spielvereinigung und Magdeburg an, wobei die Gäste nach dem Trainerwechsel erwartungsvoll die Reise nach Bayern antraten. Die Vorzeichen für ein spannendes Spiel waren also gegeben, denn auch die Fürther waren zum Siegen verdammt, sofern sie weiterhin in der Tabelle oben dranbleiben wollten.

Das Stadion, ehemals Playmobilstadion, befindet sich inmitten eines Wohngebiets in Fürth. Der Thomas Sommer Sportpark am Ronhof fasst 18.000 Personen, an diesem kalten Novemberabend fanden sich aber nur gut 9.000 Leute in der Arena wieder, wobei sich das Spiel deutlich mehr Zuschauer verdient hätte. Die Gespräche der heimischen Fans vor dem Spiel waren geprägt von fränkischer Gemütlichkeit, denn auf die Frage, ob ihre Mannschaft heute mal wiedergewinnt, war meist nur das obligatorische „Jo mei, schau ma moi“, zu hören.

Im Gegensatz dazu war der Magdeburger Anhang voller Tatendrang. Viele Fans Sachsen-Anhalt waren mit nach Fürth gekommen und eine Vielzahl dieser Schlachtenbummler fand sich entweder vor einem stadionnahen Lokal oder einer privaten Garage wieder, bei der sich ein Einheimischer mit dem Ausschank von Bier und Schnaps ein goldenes Näschen verdiente. Im Stadion machten die ostdeutschen Fans dann ordentlich Dampf, sowohl stimmungsbezogen als auch im wahrsten Sinne des Wortes, denn die ersten Spielminuten waren aufgrund der starken Rauchentwicklung nur schwer einsehbar.

Das Spiel an sich war aus Fürther Sicht zwiegespalten. In Hälfte Eins war das größte Highlight, neben dem Tor versteht sich, eine starke Ballannahme von Trainer Buric. Die Gäste spielten dagegen gut auf, die positive Energie des Anhangs schwappte auf die Mannschaft über und so schossen die Gäste kurz nach der Halbzeit den Treffer zur 2:1-Führung. Apropos Halbzeit: In Fürth scheint es so, als sei hier einiges los in der Kantine, denn neben einen reichlichen Getränkeangebot und den obligatorischen „Brodwoschdsemmala“ und „Bodaggnschdeggerli“ gab es auch ein Linsen-Curry und Kaiserschmarrn zu erwerben.

Erst in den letzten Spielminuten taten es die Kicker dem Kantinenpersonal gleich und erweiterten ihr Angebot an Toren. Ausgleich in Minute 88 und der Siegtreffer in der Nachspielzeit, da war dann ganz schön was los hinter dem Tor. Enttäuscht, aber gesittet zogen die Magdeburger von Tannen und die Fürther feierten noch einige Zeit ihre Mannschaft, ehe auch sie ihre Feierlichkeiten in die naheliegenden Lokale verlegten. In Summe zwar technisch nicht das beste Spiel, aber hohes Tempo und viele Tore, Zweiligaherz was willst du mehr.

Unsere Sitzplätze befanden sich direkt neben dem „Lohner“ einer separaten Stehplatz-Tribüne, auf welche die Kleeblätter besonders stolz zu sein scheinen. Die Stimmung hier war aber nicht unbedingt am Brodeln, nur gut zur Hälfte gefüllt präsentierte sich der Lohner eher als verhaltener Block und wohl als eine der leisesten Stehplatztribünen Deutschlands.

Bayern München 3:3 Fortuna Düsseldorf

Samstag, Tag zwei und auf in die Landeshauptstadt, auf nach München und den Bayern auf die Füße gucken. In der Innenstadt ist gewöhnlich viel los, ist ja auch Samstag. Vereinzelt Personen mit Schals, aber die Fußballverrücktheit ist am Marienplatz noch nicht angekommen – geht ja immerhin nur gegen den Aufsteiger aus Düsseldorf. Ganz anders die Rheinländer, die in kleinen Truppen und lautstark auftraten. Ebenso in der Bahn Richtung Stadion. Gesittete Gespräche, welche sich teilweise um Fußball drehen plus vereinzelte Fortuna-Sprechchöre. Raus aus der Bahn, Fußweg olè und rein in die Arena.

Also das muss man hier an dieser Stelle schon mal sagen, die Arena ist durchgeplant sondergleichen, auch im dritten Rang perfekte Sicht und nur wenige Wartezeiten. Stimmungsvoll war das ganze Spektakel dann auch, wobei die Düsseldorfer für ordentlich Betrieb sorgten. Die Bayern waren einzig hinter dem Tor eine Macht, das restliche Stadion war geprägt von Fußballtouristen und Leuten, welche nicht genau wussten, wann zu klatschen war, deshalb war der sogenannte Szenenapplaus auch nur rar gesät. Natürlich gibt es auch genügend eingefleischte Münchner Fans, wenig verwunderlich bei einer Kapazität von 75.000 Leute, aber die Euphorie war nicht so recht gegeben.

Das Spiel geht los, gute Situationen der Gäste aber dann die Bayern mit einem Doppelschlag. Die Münchner waren glücklich, alles auf Schiene und so war es auch auf den Rängen. Kurz vor der Halbzeit noch ein Gegentreffer, aber das war nebensächlich, denn viele machten sich schon auf, um eine der scharfen Stadionwürste zu ergattern. Wohlschmeckend und feurig scharf war das pausendliche Vergnügen und weiter ging die wilde Fahrt im Innenraum des Stadions.

Drittes Tor für die Bayern, Müller trifft und die Menge jubelt. Dennoch, es bleibt dabei, die Düsseldorfer sind einfach ein wenig lauter und skandieren daher immer wieder „Heimspiel in München“. Dann der vermeintliche Anschlusstreffer der Düsseldorfer, aber der Schiri gibt abseits. Aber wir leben im Jahr 2018, ein Funkspruch aus Köln und plötzlich nur noch 3:2. Die Bayern gehen fahrlässig mit ihren Chancen um, offenbaren defensive Unachtsamkeiten und in der letzten Sekunde fällt der Ausgleich. Der Düsseldorfer Anhang tobt, grölt und Bier fliegt durch den Block, wohingegen der bayrische Anhang zum einen geht, zum anderen verhalten applaudiert, der Block hinter dem Tor aufmuntert und der Rest pfeift. Komische Stimmung irgendwie.

Eins sei noch gesagt zum Thema, das der Fußball inszeniert und kommerzialisiert wird. Tickets gibt es teilweise zu horrenden Preisen über den Zweitmarkt, da ein normales Nicht-Mitglied nur schwer an Karten kommt. Dubiose Agenturen und Einzelpersonen verhökern diese Karten, haben an diesem Wochenende nicht alle Billets an den Mann gebracht, obwohl der Stadionsprecher stolz „Ausverkauft!“ postulierte. Einige Plätze blieben leer, das war mit freiem Auge erkennbar. Auch die Stadionmusik und das Drumherum wirkte ausgesetzt, also würde versucht werden, mit allen Liedern ein Gemeinschaftsgefühl, ein „Mia san Mia“, zu schaffen, obwohl viele Zuseher keine Bindung zum Verein und teilweise auch zum Fußball haben. Es ist zu sagen, dass hier ein wenig der Fußball in den Hintergrund gerät, vielmehr geht es um die Inszenierung, um das Kaufen von Geschenkartikel und um das Schießen von Selfies.

Nach dem langen Warten auf dem Weg zur Bahn geht es heimwärts, morgen steht das nächste Spiel auf dem Programm. Herzerwärmend sind aber doch die richtigen Fußballfans in der Bahn, wie ein Kindergartenkind, das ob des Unentschiedens bitterliche Tränen vergoss und vom Vater getröstet werden musste. Beide ganz in rot mit dem aktuellen Trikot über den dicken Wintermantel, also der Fußball geht nicht ganz verloren.

SSV Jahn Regensburg 1:1 FC St. Pauli

Für mich persönlich als großen Fan des FC St. Pauli stand das Highlight des Wochenendes am Sonntag auf dem Programm. Am späten Vormittag ging es Richtung Hauptbahnhof, wo die Shuttlebusse den Anhang beider Teams in Stadion brachten. Für die Ultras der Hanseaten aus der Kurve gab es natürlich Sonderbusse, wobei das Konfliktpotential nur spärlich vorhanden war, da diese Fanlager nicht für grobe Streitereien untereinander bekannt sind. Angenehme Anreise, zügiger Einlass, freundliches Personal und ein paar Kinder, welche die Fanzeitung verkaufen, sprachen uns sogleich an und meinten, im rar gesäten Hochdeutsch hier am Fußballplatz: „Man munkelt ja, das Pauli heute verlieren wird.“ Mit einem Lächeln auf den Lippen ging es in Richtung Kantine, wo das Mittagsmahl aus Pommes und Bratwurst bestand, beides übrigens von allererster Güte. Dasselbe trifft auch auf den süffig leichten Gerstensaft zu, der in Literkrügen mit praktischem Henkeln ausgeschenkt wurde.

Stimmungsvoll erwies sich die gesamte Atmosphäre im rappelvollen Stadion des Jahn. Die Continental-Arena, ein modernes Stadion ein wenig außerhalb der eigentlichen Stadt, glänzte mit einer roten Aufmachung und einer geschlossenen Tribüne, weshalb die Sprechchöre der beiden Fanlager über das gesamte Spielfeld hallten. Auf der Westtribüne neben dem Stehplatzsektor der Paulianer war das Kräfteverhältnis in etwa 50:50, beide Teams wurden somit aus diesem Bereich beklatscht. Bereits beim Aufwärmen der Teams war das Besondere an diesem Nachmittag zu vernehmen, denn die Kulisse war für ein Zweitligaspiel prächtig. Die Fanlager verzichteten auf Pyrotechnik, dafür gab es 90 Minuten lang keine ruhige Sekunde, die Gesänge übertrugen sich aber nur bedingt aufs Spielfeld.

In einer über weiten Strecken mauen Partie gelang den Hamburger recht überraschend kurz vor dem Pausenpfiff das 1:0. In Hälfte Zwei gab es gute Gelegenheiten auf beiden Seiten ehe Stolze kurz vor Schluss, den viel umjubelten und hochverdienten Ausgleichstreffer erzielte. Am Ende steht somit eine gerechte Punktetrennung, mit der der Jahn etwas besser leben, da ein später Ausgleich immer einen fahlen Beigeschmack mit sich bringt. Dennoch wurden beide Teams nach dem Spiel von ihrem Anhang gefeiert und somit gingen eigentlich alle Zuschauer mit einer verhalten positiven Gemütslage ihrer Wege.

Geschichten rund ums Stadion gibt es natürlich zu Hauf, Fans sind eben ein ganz eigenes Völkchen, wobei ich eine Szene nicht vorenthalten möchte. Ein deutlich angetrunkener Mann mittleren Alters trug einen HSV-Schal und machte sich in ironisch-bayrischer Gemütlichkeit über ein paar Paulianer lustig. Diese trugen es mit einem Lächeln und nahmen den Mann nicht sonderlich ernst. Erst ein Regensburger gebot ihm Einhalt, als er ihn an das Heimspiel seines HSV gegen den Jahn erinnerte, welches der Underdog mit 5:0 gewann. Sichtlich irritiert zog der HSV-Fan weiter und gab geschätzte 100 Meter abseits seine Schmähungen gegen des von ihm sogenannten „Zeckenpacks“ wieder preis.

Schön zu sehen war am Ende, dass der ehemalige Regensburger Knoll vom tollen Anhang des Jahn noch ein wenig beklatscht wurde uns sich mit seinen Ex-Mitspielern in freundschaftlicher Atmosphäre am Platz unterhielt. Auch die beiden Kiezkicker Ziereis und Neudecker, beide mit bayrischen Wurzeln, fanden den Weg zu Bekannten und Freunden auf die Tribüne und standen sogar für Fotos noch ante portas. Ein gelungener Nachmittag in Regensburg also, ein Stadion, zu dem man gerne wiederkommen möchte.

Der Ausklang des Wochenendes fand im urigen Brauhaus im Stadtkern von Regensburg statt, indem zwei Besucher dem älteren Wirt`n von der fantastischen Stimmung der heutigen Partie berichteten. Der Eindruck täuscht also nicht, es war ein Fußballfest beim Jahn und ein ereignisreiches Fußballwochenende im Freistaat.

Fazit

Der Fußball in Bayern hat einen sehr hohen Stellenwert, die Stadien werden stark frequentiert und die Fans lieben ihre Vereine. Vor allem die fränkische Gemütlichkeit in Fürth war ansteckend, selten gab es so ein faires Publikum zu bestaunen, welches sich angenehm und gut erzogen verhielt. Gespräche mit auswertigen wurden augenzwinkernd und scherzend geführt, eine großartige Atmosphäre, jedoch fehlt es ein wenig an Heimstimmung am Ronhof.

In München verhält sich die Situation ein wenig anders. Die Auffassung dieser ganz speziellen Stimmung in der Allianz Arena ist wohl sehr subjektiv, da es in dieser riesigen Arena aufgrund der starken Unterschiede der Sitzplätze deutlich differente Wahrnehmungen gibt. Einzig zu manifestieren ist, dass die Sicht von wirklich jedem Platz hervorragend ist und wer zufällig die Möglichkeit hat, an die begehrten Karten für ein Spiel zu kommen, sollte diese auch nutzen, da der dargebotene Fußball meist sehr ansehnlich ist. Egal ob man es für oder gegen die Bayern hält, es ist imposant zu sehen, wie sich dieser Verein vermarktet und den Fußball aufzieht.

Wieder zurück in den Niederungen der Zweitklassigkeit bekommt man in Regensburg ein Bild davon, wie Fußball funktionieren kann. Natürlich sind auch hier genügend Werbeeinschaltungen, sogar die Ecken werden von einer Firma präsentiert, aber der Anhang ist ein anderer. Durch die gute Akustik im Stadion und dem sehr kompakten Sitzplatzangebot wird hier Fußball gelebt, es passt einfach. Freundlichkeit, ein gutes Angebot and Speisen und Getränken, ein modernes Stadion und Zweiligafußball machen eine gute Mischung aus. Natürlich trägt der Gegner bzw. dessen Anhang das Seinige zu einem guten Fußballnachmittag bei, aber die Gegebenheiten hier sind auf jeden Fall ganz in Ordnung.

Thomas Schützenhöfer, abseits.at

Thomas Schützenhöfer