Philipp Lahm hat ein Buch geschrieben: 270 Seiten inklusive Vorwort, Stichwortverzeichnis, Danksagung und Epilog. Im August 2011 erschien eine Autobiografie des FCB-Spielers und löste...

Philipp Lahm - DeutschlandPhilipp Lahm hat ein Buch geschrieben: 270 Seiten inklusive Vorwort, Stichwortverzeichnis, Danksagung und Epilog. Im August 2011 erschien eine Autobiografie des FCB-Spielers und löste in der Fußballwelt einen „Orkan“ aus. So jedenfalls bezeichnete der Autor selbst die Welle von Entrüstung aus Fachkreisen und der Medienwelt, die ihm damals entgegenschlug. Lahm habe seine Seele schon vor der Erscheinung seiner Aufzeichnungen an den Teufel verkauft, so sahen es umgekehrt Kollegen und Journalisten. Der Münchner arbeitete mit der wohl mächtigsten Boulevard-Zeitung Deutschlands zusammen und ließ das Blatt mit den vier Buchstaben vor dem offiziellen Verkaufsstart Passagen seines Werkes veröffentlichen.

„Exklusiv“ druckte die allmächtige Zeitung die kontroversen „Enthüllungen“ eines sonst eintönigen Buches ab: Nein, er sei nicht schwul. Klinsmann fehle jegliches taktisches Verständnis. Völlers Training gestalte sich unsystematisch. Felix Magath sei ein –naja, was eigentlich?-. Dass die Trainingsmethoden des gebürtigen Aschaffenburgers an die Grundfesten der körperlichen Kraft gehen, ist allgemein bekannt. Solche Aussagen ließ Philipp Lahm jedenfalls in seinem Buch „Der feine Unterschied – Wie man heute Spitzenfußballer wird“ vom Stapel.

Dafür hagelte es reichlich Kritik von Fans, Medien und den Angegriffenen selbst. „Im konkreten Fall ist Philipp […] an Grenzen gestoßen. Es war aber nach Bewertung des gesamten Buches für uns zu keinem Zeitpunkt ein Thema, Philipp als Kapitän abzusetzen […]“, meinte etwa Oliver Bierhoff, der Manager des DFB-Teams. Erstaunlicherweise hatte der Defensivspieler den heute wie damals aktuellen Nationalcoach, Jogi Löw, nicht beurteilt. Passiert ist Lahm weiter nichts. Damit könnte es ja genug sein: Drei Jahre sind vergangen in denen der Rechtsfuß weiter in der Defensive der Münchner und des deutschen Nationalteams werkt. Mittlerweile darf er sich Triple-Sieger nennen und ist fester Bestandteil der im Moment wohl besten Klubmannschaft weltweit.

Das Buch

Er wolle ein Buch schreiben, wie er „es selbst gerne gelesen hätte“, bemerkt der FCB-Kapitän im Vorwort. Schließlich soll ein moderner Fußballer über viel mehr, als nur über reines Ballgefühl verfügen. Laut einer Studie von Prof. Dr. Lahm muss ein angehender Profi heutzutage nämlich „seine Karriere detailliert planen, mit verschiedensten Chefs, Trainern und Spielern auskommen, sich in unterschiedliche, herausfordernde Spielsysteme einfügen, mit einer anspruchsvollen Medienlandschaft umgehen, das Leben eines Prominenten führen, sich seiner Verantwortung als öffentliche Person bewusst sein.“ Letzteres hat der Buchautor mit der Herausgabe seiner „Milieustudie“ nicht so gut auf die Reihe bekommen. Er wünsche sich, dass die Leute den Fußball besser verstehen, meinte Lahm kurz nach dem Erscheinen des „feinen Unterschiedes“. Ah ja. Eines vorweg: Das Buch liest sich schnell. Verdammt schnell. Einfache Sätze, die ruck-zuck in den Kopf hinein und genauso flink wieder rausgehen. Obwohl es beinahe 300 Seiten sind, wird Philipps Karriere im Eiltempo durchgekaut. Also nicht gekaut, eher „bulimiegelesen“: Geschluckt und wieder ausgespuckt.

Der Autor stellt jedem Kapitel Stichwörter voran, die er als „Kernfragen“ definiert hat. Doch diese Schlüsselwörter bekräftigen nur den abgehackten Stil des Buches und sind keine weitere Hilfe. Nun gut, lesen wir quer:

Zunächst beschreibt der im November 1983 geborene Profikicker seine ersten Schritte auf dem Fußballplatz: „Es braucht diesen Spaß am Spiel, dieses erfüllende Gefühl, sobald du auf dem Platz stehst, das Nicht-mehr-an-die-Freunde-Denken, die jetzt beim Schwimmen sind, der Ball, du, das Tor, deine Welt.“, so formuliert Lahm (oder sein Ghostwriter Christian Seiler) die notwendige Spielleidenschaft, die seiner Meinung nach jeder zukünftige Profifußballer benötigt.

Den Fans der „Roten“ wird es bestimmt Wohlgefallen bereiten, zu erfahren, dass Klein-Philipp einem möglichen Engagement bei 1860 München wegen eines löchrigen Zaunes abgesagt hat: „Hier will ich nicht spielen.“ Stattdessen heuerte er nach ersten Versuchen bei der FT Gern beim allmächtigen FC Bayern an. Seine Jugendzeit lässt Lahm buchstabentechnisch schnell vorbei ziehen und widmet sich der Beratersuche, die er als Amateur betrieb. Das zweite Kapitel ist aus und es stellt sich die Frage, was man als Jung-Kicker aus diesem lernen soll? Lahm hat seinen alten U19-Trainer einem fremden Spielerberater vorgezogen. Sein alter Schullehrer, der einst meinte, Lahm solle nebenbei einen Beruf lernen, zieht seine Aussage zurück, als Philipp beim VfB Stuttgart Profi wird. Zwei nette Geschichten. Alles ist so schön aufgegangen, wie mein Käsesoufflé. Ein No-Name-Jugendfußballer, wie es zigtausende gibt, kann sich aber nicht einfach so einen Roman Grill (nicht nur Philipp Lahms Berater sondern auch der von Rapid-Kapitän Steffen Hofmann) bestellen. Es ist wahrscheinlich auch nicht unbedingt empfehlenswert Ausbildung und Schule komplett links liegen zu lassen, um im Profigeschäft Fuß zu fassen. Lahm erzählt seine Geschichte: Er hatte Glück. Das Glück des Tüchtigen wahrscheinlich, aber doch „Masel“. Aber wie sollen sich daraus allgemeingültige Grundsätze ableiten lassen? Er hätte genauso gut mit seinem ehemaligen Trainer als Berater „einfahren“ oder die Chance auf eine hoffnungsvolle Karriere durch ein Unglück verlieren können. Nun ja, es bleiben noch vierzehn weitere Kapitel, in denen hoffentlich wertvolle Tipps versteckt sind, zu lesen übrig.

Anschließend geht’s ans Eingemachte. In Kapitel drei beschreibt der Defensivspieler seine erste Einberufung in das Nationalteam unter Rudi Völler. Hier fallen auch die denkwürdigen Sätze: „Mir kommt das so vor, als würden ein paar Kumpels miteinander in die Ferien fahren, um Fußball zu spielen. Nach dem Training sagt keiner was. Die alten Spieler kümmern sich sowieso nicht um die Jungen, […], und der Trainer findet offenbar, dass alles okay ist, wie es ist.“ Vor fast genau zehn Jahren feierte Lahm als Außenverteidiger sein Länderspieldebüt gegen Kroatien. Keine Taktikbesprechungen habe es damals gegeben, die deutsche Nationalmannschaft sei eine zusammengewürfelte Truppe gewesen. Der damalige Stuttgart-Verteidiger übt sich in Bescheidenheit: Er sei als Linksverteidiger nur mit zur EM 2004 gefahren, weil „sich kein anderer Kandidat groß“ aufgedrängt habe. Die Vorbereitung auf die Europameisterschaft in Portugal beschreibt Lahm so: Nach einer Stunde Spaß-Training pro Tag, seien die Spieler sofort zurück auf ihre Zimmer gegangen, wo „die Playstations geglüht haben.“

Taktische Besprechungen, Videoanalysen vom eigenen Team oder von den Gegnern? Fehlanzeige! „Das Einzige, worüber wir reden, sind Fehler, die dem Bundestrainer aufgefallen waren. Da einigt man sich dann darauf, dass man sie in Zukunft nicht mehr machen will.“ Deftig. Wer sich an das Ende der EM 2004 nicht mehr erinnern kann, dem sei hiermit gesagt: Die Deutschen haben die Gruppenphase als Dritter nicht überstanden und Völler musste seinen Hut nehmen. Lahm mäßigt die Schärfe seiner Aussagen allerdings auf derselben Buchseite: „Ich weiß von keiner Nationalmannschaft des  Jahres 2004, die sich anders, professioneller vorbereitet hätte als wir.“ Das relativiert seine Kritik an „Tante Käthe“ doch deutlich. Überhaupt bleibt es bei diesen wenigen Worten, die man beinahe überlesen könnte.

Irgendwie kreiert Lahm (oder Seiler?) keine Atmosphäre, die es einem möglich macht sich in den Spieler „hineinzufühlen“. Lahm erklärt mit kargen Worten sein Gefühlsdilemma nach dem erfolgslosen Turnier in Portugal: Er habe gut gespielt, Teamchef Völler und Tormannlegende Kahn haben ihn gelobt. Die Leistung der Mannschaft sei aber katastrophal gewesen. Ruhige Worte in einem gleichtönigen Buch. Dann bricht eine Lobeshymne auf Klinsmann und seinen damaligen Assistenten Löw an: Die beiden hätten wie die Wilden Daten und Fitnesswerte der Spieler gesammelt. Löw habe den Taktikfuchs gegeben, Klinsmann die Truppe eingeschworen. Daneben habe man mit ganz anderen Methoden trainiert: Fitness hieß das Zauberwort.

Ziemlich unbefriedigend ist, dass Lahm nach den einzelnen Kapiteln Sprünge macht. Zumindest hat man das Gefühl, er würde von einer Angelegenheit zur nächsten „hüpfen“. Spätestens als der DFB-Kapitän von seinen Verletzungen erzählt, bemerkt man erstmals den Nutzen, welchen Juniorenspieler aus seinem Werk ziehen sollen: Der Defensivspieler rät, genau auf den Körper zu hören. Lahm ist sich nicht zu schade nach Hilfsmitteln zu suchen, die ihn bei der Leistungsoptimierung unterstützen sollen. Beeindruckt staunt der Leser über Lahms Stehaufmännchen-Vermögen: Mit gebrochenem Arm fliegt er zur WM-06-Vorbereitung nach Sardinien: „Niemand soll auf die Idee kommen, dass ich der deutschen Nationalmannschaft nicht zur Verfügung stehe: Nicht einmal ich selbst.“

Aber auch mit diesen Geschichten vermag es der Spieler nicht wirklich seine Leserschaft in den Bann zu ziehen. Er lässt die Heim-WM nochmals Revue passieren, aber gefesselt ist man davon nicht. Philipp Lahm spricht von seiner Erleichterung nach seinem Tor und dem Sieg gegen Costa Rica. Er beschreibt das Elferschießen gegen Argentinien und das Ausscheiden gegen Italien. Man liest es und nimmt es so hin. „Beschreibungsimpotenz“ hat Peter Handke einen derartigen Stil einst 1966 genannt. Nun gut, der Schriftsteller griff bei einer Autorentagung in Princeton die „Gruppe 47“ frontal an. Schriftsteller verfolgen mit einem Buch aber bekanntlich andere Ziele als Philipp Lahm. Zur Abrundung der Geschehnisse fehlen aber eindeutig private Eindrücke, die eine Biografie erst lesenswert machen, auch persönliche Empfindungen kommen zu kurz. Die Tatsache, dass Lahm das EM-Finale zur Halbzeit verlassen musste, bleibt noch einer der intimsten Momente des Buches. Den Rest hat man als Sportinteressierter mit durchschnittlicher Fantasiebegabung bereits mittels Fernsehen und Internet mitbekommen.

Das neunte Kapitel verspricht interessant zu werden: Der Defensivspieler lässt erstmals wirklich hinter die Kulissen blicken. Endlich, denkt man sich, denn dafür heißt ein „Enthüllungsbuch“ schließlich „Enthüllungsbuch“: Bei einem Interview vor einem Länderspiel Deutschlands gegen die Türkei im Jahre 2010 kreuzten sich die Meinungen von Philipp Lahm und Hamit Altintop. Der türkische Mittelfeldspieler kritisierte Mesut Özil dafür, dass er sich gegen die türkische Nationalmannschaft und für die deutsche Elf entschieden hätte. Doch auch hier verebbt die Anfangs-Euphorie bald, als Lahm sich in Allgemeinheiten auslässt: Integration: Super. Bunte Nationalmannschaft: Auch super. Eh klar. Selbst der nachstehende Bericht über eine Privat-Audienz bei Kanzlerin Merkel bleibt langweilig. „Wir antworten frei von der Leber weg“, kommentiert der Münchner das persönliche Gespräch mit der mächtigsten Frau der Welt. Sein konkreter Eindruck, seine persönliche Gefühle, das alles bleibt außen vor.

„Achtung, die Kanzlerin und der Bundespräsident kommen.“ Wer gerade noch nackt durch die Kabine lief, schnappt sich das nächste Handtuch, bindet es sich um die Hüfte, und dann ist der Tross schon da.“ Dank des berühmten Fotos mit Mesut Özil ist auch diese Kabinen-Episode des Jahrs 2010 längst bekannt. Jeder kann sich vorstellen, was vorher passiert ist, dafür muss man kein Buch schreiben. So ähnlich geht es weiter. „Das ist die beste deutsche Nationalelf, in der ich je gespielt habe.“, spart Lahm im Frühling 2010 nicht mit Floskeln. Auch diese Tatsache ist einem Fußballfan gleich welcher Herkunft nicht unbekannt geblieben.

Der Kicker beschreibt den Verlauf der WM in Südafrika so, wie es der bisherige Teil des Buches versprochen hat: Kurz und schmerzlos. Interessant ist folgender Punkt: „Ich stehe am Sechzehner und sehe ganz genau, dass der Ball hinter der Linie aufschlägt. […] Selbstverständlich ist eine Fehlentscheidung wie diese der pure Wahnsinn. Ich muss mir nur vorstellen, wie ich aus der Haut gefahren wäre, wenn der Schiedsrichter uns so ein Tor aberkannt hätte. […] Aber natürlich ist es für uns perfekt, mit dem 2:1 in die Pause zu gehen. Geschenk angenommen, herzlichen Dank.“

Bei dieser Stelle überkommt mich zum ersten Mal ein nebuloses Gefühl: Will Lahm mit seiner Biografie nur provozieren? Möchte der 1,70 Meter kleine Spieler endlich zeigen, dass auch er einer von der „harten Sorte“ ist? Dieser Gedanke wird mich noch einige Male überfallen. Dazu aber später mehr.

Vor dem WM-Spiel Deutschland gegen Argentinien fragt Lahm laut, wie man denn Fußballgott Messi aus dem Spiel nehmen kann: „Wenn er mit dem Ball auf unsere Verteidigung zuläuft, muss er immer bedrängt und begleitet werden, ohne Foul, bis ein zweiter Spieler dabei ist, der ihn zusätzlich stört.“ Der Versuch klappt und Deutschland steigt auf. Von Mitleid will Lahm nach dem 4:0 gegen die Blau-Weißen nichts wissen: „Wie bitte? Mitleid wäre in diesem Moment total falsch am Platz. Fußball funktioniert eben so, und nach einem glänzenden Ergebnis in einem so wichtigen Spiel ist einzig und allein Freude angesagt, […].“ „Kleiner Mann, ganz groß – Teil 2.“

Das letzte Kapitel deutet mit der Überschrift „Ein Traum ist kein Ziel – Was ein Spitzenfußballer heute können muss“ an, dass es hier endlich die ersehnten Insider-Tipps eines kickenden Bubens, der es geschafft hat zum Weltklassespieler aufzusteigen, geben könnte: Talent, Ehrgeiz, Disziplin, soziale Kompetenz – ich wiederhole mich, aber um das zu wissen, muss man definitiv kein Buch schreiben.

Philipp spricht offen aus, was beinahe jeder seiner Kollegen sagt: „Ich lese gar keine Kritiken mehr. Ich hole mir mein Feedback beim Trainer, bei Kollegen, bei Freunden, deren Meinung ich schätze, weil sie etwas von Fußball verstehen.“ Zack, zum Schluss nochmal ein Seitenhieb auf unqualifizierte Journalisten.

Lahms (einzige?) wertvolle, konkrete Anweisung an Jung-Kicker: „Als ich beim FC Bayern in der U11 spielte, war es mein Ziel, nächstes Jahr in der U12 spielen zu dürfen. Als ich in der U17 spielte, wollte ich zu den Amateuren kommen […]“ Der Münchner unterscheidet zwischen Traum und Ziel und meint, es sei wichtig beides differenziert zu betrachten. Das war’s. „Der feine Unterschied“: Ein Skandal- oder Enthüllungsbuch? Sicher nicht. Es handelt sich um die fade Autobiografie eines klugen, talentierten Spielers. Nicht mehr und nicht weniger. Ein Gefühl für den Menschen und Sportler Philipp Lahm bekommt man nur marginal, dazu fehlt es an allen Ecken und Enden an differenzierten Beobachtungen, einzeln betrachteten Erlebnissen und Anekdoten. Aber wie soll man auch mit 27 Jahren auf dem Höhepunkt der Schaffenskraft eine vernünftige Erzählung seiner Lebensgeschichte hinbekommen?

Das Skandal-Placebo

Die Kritik an Völler, Magath, Klinsmann und Van Gaal liegt im Promille-Bereich des Buches und kann beinahe überlesen werden. Die markanten Sprüche, die die BILD-Zeitung schon vorab gedruckt hat, sind nicht die Flaggschiffe dieser persönlichen Angriffe, sondern die einzigen Kritikpunkte, die Lahm vorbringt. Im Endeffekt darf sich nur Völler auf den Schlips getreten fühlen, ihm hat der Münchner die „peinlichsten“ Vorwürfe gemacht. Van Gaals Verbissenheit bemängelt der Defensivspieler ebenso, der streitbare Holländer wollte die Fehler seiner offensiven Spielausrichtung nicht zur Kenntnis nehmen. Aber das war‘s auch schon. Joachim Löw wird ausschließlich gelobt: „Jogi Löw ist ein präziser Denker mit einem guten Gespür für die taktischen Möglichkeiten einer Mannschaft.“ […] „Wenn eine Entscheidung dann reif ist, sitzt sie.“

Der schlaue Philipp weiß, genauso wie Markus Suttner von Austria Wien: „Einen Trainer öffentlich zu kritisieren, kann für den Spieler nie gut ausgehen!“. „Sutti“ hat dieses „Kapitalverbrechen“ noch nie beganngen, meinte aber, als er einst darauf angesprochen wurde, dass Lahm mit seinem Buch viel Bonus verspielt hätte. Von seinem aktuellen Nationalteamcoach hat der Rechtsfuß vorausschauend die Finger gelassen. Sicher ist sicher.

„Es ist eigentlich ein leises Buch.“, hat die Süddeutsche Zeitung geschrieben. Viel zu ruhig und abgeklärt ist es. Zu wenig Abrechnendes für ein Enthüllungsbuch, zu wenig Persönliches für eine gute Autobiografie steht darin. Philipp Lahm spricht von Reife und man merkt ihm seinen Sachverstand und seine Intelligenz an. Doch leider bedient er sich größtenteils nur hohler Phrasen: „Die Mannschaft glaubt fest daran, dass Inter zu packen ist.“, meint er im Vorfeld des (verlorenen) CL-Finales 2010. Genau dasselbe hat Lahm mehrere Kapitel zuvor auch über das EM-Finale 2008 und das WM-Halbfinale 2010 geschrieben. Der einzige Unterschied dabei war, dass er über das Aufeinandertreffen mit Spanien sprach. Einen Euro in das Phrasenschwein, bitte! So ein Satz fällt in die Kategorie „Wir sind top vorbereitet“ und „Wir haben Respekt, aber keine Angst.“.

Ex-Profi Thomas Strunz vermutete: „Sorry, wenn ich mir mein Profil erkaufen möchte, dann kann ich eben ein Buch herausbringen.“ Diskussionsansatzpunkt war ein Interview Lahms in der Süddeutschen Zeitung, in welchem er die Einkaufspolitik seines Vereines beanstandet hatte. Er „brannte“ dafür 50.000 €, die höchste Geldstrafe der Vereinsgeschichte. Auch diese Episode findet eine „lobende“ Erwähnung in der Autobiografie. Sie ist der letzte Teil der „Kleiner Mann, ganz groß“ – Trilogie.

Der Gedanke, der mich einst überfiel, drängt sich nun wieder auf. Die Gerüchte um seine Homosexualität, die Betitelung als „Kapitänchen“ haben wohl zunehmend an Lahms Selbstwertgefühl gekratzt. Sie finden ihren Nährboden wahrscheinlich im bubenhaften Aussehens des Bayern-Urgesteins: 1,70 Meter ist er klein, seine Stimme erinnert an den Trickfilmvogel „Tweety“, wenn dieser an Halsweh leidet. Diplomatisch und nett, wie der angenehme Schwiegersohn von nebenan wirkt der Fußballprofi. Auch technisch packt der Spieler meist die feine Klinge aus. Hat Lahm dieses Image einfach sattgehabt? „Männlichkeit“ – wie auch immer man diesen Begriff auf einen allgemeinen Nenner bringen will – ist einer der letzten Trümpfe der Fußballwelt. Der tapfere Lahm ist hartnäckig und zweikampfstark. Er verfügt über außerordentliche Qualitäten sowohl im Defensiv- als auch im Offensivbereich. Kein Zweifel, Lahm ist einer der besten Spieler der Welt und sowohl auf Klubebene als auch im Nationalteam Kapitän. Regelmäßig schafft er es in All-Star-Auswahlen. Doch irgendwie rückte er nie in den ultimativen Blickpunkt der Öffentlichkeit, den strahlenden Helden gab der Münchner bis jetzt nicht: Bei der Weltmeisterschaft 2006 feierte ganz Deutschland die „Geburt“ der „Zwillinge“ „Schweini“ und „Poldi“, 2008 lag der Fokus auf dem „Bruderzwist“ Kahn gegen Lehmann, 2010 wurde Thomas Müller das WM-Idol der Bundesrepublik, der bayerische CL-Sieg 2013 war Genugtuung für den Holländer Robben, der vom tragischen Helden zur Symbolfigur des Triple-Siegers avancierte. Lahm, ein tapferer Soldat, der sich nicht in den Vordergrund spielte, geriet einzig und alleine beim „Streit“ um das Amt des Kapitäns etwas mehr in den Mittelpunkt der Berichterstattung.

Hat sich der Münchner Lothar Matthäus zum Vorbild genommen? Der plauderte einst auch „Geschäftsgeheimnisse“ und Interna, die besser in den Katakomben geblieben wären, in derselben Zeitung, mit der auch Lahm kooperierte, aus. Doch der deutsche Rekordnationalspieler war schon vor diesem Zwischenfall der tonangebende Chef bei den roten Münchnern, seine „Kabinenflüstereien“ schadeten ihm nur. Aufgrund seines „geheimen Tagebuches“ verlor der gebürtige Franke seinen Kapitänsposten. Philipp Lahm hat also auf das falsche Pferd gesetzt, wenn er damit seinen Ruf in die Richtung streitbares „Alpha-Männchen“ verschieben wollte. Aber welchen Grund sollte er sonst gehabt haben? Eine (echte) Biografie hätte er noch nach seiner aktiven Zeit publizieren können.

Die Nachwirkungen

Rudi Völler nannte das Buch „erbärmlich und schäbig.“ Lahm entschuldigte sich postwendend: Die Darstellung sei verfehlt gewesen. Zweieinhalb Jahre später im Herbst 2013 schickte der Vater eines Sohnes anlässlich seines hundertsten DFB-Spieles einige zerknirschte Grußworte an seinen Ex-Trainer: „Großen Dank an Rudi Völler, weil es nicht selbstverständlich ist, dass ich in meinen jungen Jahren, dann das erste Mal im Turnier immer von Anfang an gespielt hab.“ Lahm hat seine Zeilen über den jetzigen Leverkusen-Sportdirektor nie als Angriff gegen diesen verstanden: „Wer das Buch ganz liest, der sieht, dass es keine Abrechnung ist. Dass ich niemanden in die Pfanne hauen wollte. […] Alle [Trainer, Anm.] lobe ich auch. Deswegen sehe ich da gar kein Problem für die Zukunft.“, sagte er kurz vor dem Erscheinungstermin des „feinen Unterschiedes“. Völler widersprach der Darstellung bezüglich seiner Trainingsgestaltung in der Sendung „Doppelpass“ deutlich: „Natürlich haben wir auch Videoanalysen gemacht, wir haben uns auf die Gegner vorbereitet. […] Aber ist ja normalerweise ein Witz, dass ich hier darauf eingehen muss, wie wir damals gearbeitet haben.“ „Tante Käthe“ war sehr gefasst. Er meinte hellseherisch: „Das Leben wird für Philipp Lahm weitergehen. Der wird eine tolle Karriere weiterhin führen und auch meine oder Jürgen Klinsmanns oder Felix Magaths Karriere wird weitergehen.“ So ist es auch gekommen. Der FC Bayern hielt sich aus dem Streit heraus und Lahms anderer „Arbeitgeber“, der DFB, bat ihn nur zum Gespräch, in dem die Weitergabe von Kabinen-Interna diskutiert werden sollte. Damit war die Sache vom Tisch.

Heute ist Lahm immer noch nicht Weltmeister, wie er sich es in seinem Buch gewünscht hat. Na-no-na-ned, schließlich findet die nächste WM erst diesen Sommer statt. Ein anderes Ziel hat der Münchner aber bereits erreicht: Er durfte endlich den CL-Pott in die Höhe stemmen. Der mittlerweile 30-Jährige wohnt mit seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn am Tegernsee und ist zurzeit wahrscheinlich in der besten Form seines Lebens: „Er ist der intelligenteste Spieler, denn ich je trainiert habe.“, sagt Pep Guardiola über den Rechtsfuß. Die Wellen, die das Buch einst schlug, sind längst verebbt. Aber eigentlich lösten Lahms Erinnerungen gar keinen Sturm aus: Es waren vielmehr die stichprobenartigen Auszüge, die vorab die Fußballfanseele zum Kochen brachten. Viele resignierten wohl, als sie sich die Biografie tatsächlich lasen. Denn wenn Lahms Werk eine Abrechnung ist, bin ich die Kaiserin von China.

Einige Journalisten fürchteten, Lahm habe sich als Kapitän mit seiner Veröffentlichung ins Knie geschossen. Ein Vertrauensamt könne er jetzt nicht mehr ausüben. Diese Sorge dürfte Lahm nicht geteilt haben, denn in seinem eigenen Buch, rät er jungen Spielern Folgendes: „Deine Probleme löst du besser außerhalb der Mannschaft, mit Menschen, denen du vertraust.“ Und tatsächlich anno 2014 ist der Münchner immer noch „doppelgleisig“ unterwegs: Er trägt die Kapitänsbinde bei den Bayern und ist Spielführer der DFB-Elf. Hat er sich durch das Buch vielleicht doch etwas Respekt verschafft? Für die Mitspieler ist es vorteilshaft einen durchsetzungsstarken Sprecher in ihrer Mitte zu haben. „Ich bin authentisch. Ich spreche die Dinge so an, wie ich sie sehe. Allein das ist mir wichtig. Ich achte nicht auf mein Image. Ich will einfach „Ich“ sein“, hat Lahm in einem trotzigen Interview nach Erscheinen seines Buches von sich gegeben. Ist das Buch am Ende nur ein riesiger PR-Gag gewesen? Die legere Profilierungs-Absicht eines jungen Mannes, der etwas an seinem butterweichen Image rütteln wollte, ist naheliegend. Philipp haute auf den Tisch, damit er endlich ernstgenommen werden würde. Seine Natur spielte ihm aber doch einen Streich: Kleinlaut ließ er aufgrund überraschend hartem Gegenwind ein paar halbherzige Entschuldigungen verlautbaren. Dann schlug das Glück des Herrn Lahm wieder zu: Sein Buch erreichte Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste für Sachbücher und die Käufer desselben bemerkten, dass interne Ausplaudereien sowieso nur in einer Mikro-Dosis enthalten waren. Der „Mini-Capitano“ wie Lahm von einigen verächtlich genannt wurde, kam mit einem blauen Auge davon. Drei Jahre nach dem „feinen Unterschied“ (Was genau ist damit eigentlich gemeint?) ist alles wie es immer war.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

  • Lukas Tank

    11.März.2014 #1 Author

    Da ich das Buch nicht gelesen habe, kann ich dazu nichts sagen. Aber Lehmann vs. Kahn war doch auch 2006, oder verstehe ich da was falsch?

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  • Chris Fischer

    11.März.2014 #2 Author

    „…seine Stimme erinnert an den Trickfilmvogel „Tweety“, wenn dieser an Halsweh leidet.“
    Ginge es nicht ein etwas sachlicher? Unabhängig davon, wie gut oder schlecht das Buch ist, sollten Sie darauf achten Ihre zukünftigen Texte weniger meinungsbildend zu formulieren, Frau Samstag. Ich finde der Text besitzt ein unangenehmes Maß an Zynismus und ich musste mich an der ein oder anderen Passage dazu zwingen weiter zu lesen. Da hilft auch das Alibi-Lob, welches übrigens bei Lahms Buch kritisiert wird, nicht weiter.

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  • ZdzislawaHI78

    23.März.2015 #3 Author

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