Seit Guardiolas Amtsantritt gibt es zweitgeteilte Meinungen, was genau er verändert hat, wie diese Veränderungen genau aussehen und welche Aspekte sie betreffen. In den... Sieben Fragen, sieben Antworten (2): Was hat sich beim FC Bayern München seit Guardiolas Amtsantritt verändert

David Alaba (ÖFB, FC Bayern München)Seit Guardiolas Amtsantritt gibt es zweitgeteilte Meinungen, was genau er verändert hat, wie diese Veränderungen genau aussehen und welche Aspekte sie betreffen. In den letzten Wochen und Tagen trafen auch bei uns Fragen dazu ein; sieben dieser Fragen beantworten wir in einer zweiteiligen Serie. Im ersten Teil gibt es einen Fokus auf Guardiola und die Mannschaft als solche sowie den Ballbesitz, während im zweiten Teil die hineinkippenden Außenverteidiger, die Defensive, die Sechserposition bzw. Philipp Lahm auf dieser Position und das Pressing beleuchtet werden.

4. Welche Bedeutung haben die hineinkippenden Außenverteidiger für den Ballbesitz?

Eine banale und zusammenfassende Antwort auf die Frage wäre: „Die kippen in den Halbraum hinein und bieten sich dort für die Innenverteidiger an, wenn die Außen versperrt sind, oder unterstützen die Offensiv- und zentralen Spieler als Kurzpassstation“.

Die detaillierte Antwort ist aber viel weitschichtiger und kontextueller. Sehr oft kippen sie nämlich nicht ganz hinein, sondern rücken nur weit ein, um eine Mannorientierung des gegnerischen Außenstürmers zu bespielen. Der gegnerische Flügelstürmer verfolgt sie dann, wodurch die gegnerische Mittelfeldkette in der Horizontale sehr eng steht.

Die Innenverteidiger können dann direkte Pässe auf die Flügelstürmer spielen, was einfachen großen Raumgewinn bedeutet und die Flügelstürmer können direkt ins Dribbling gehen. Aber der Effekt ist hier nicht schon zu Ende beschrieben. Damit der breite Flügelstürmer nicht Fahrt aufnehmen kann, muss der Außenverteidiger der Abwehrkette herausrücken. Dies öffnet die Schnittstelle zwischen ihm und dem Innenverteidiger oder provoziert weites Verschieben.

Irgendwo öffnen sich Räume, meistens aber eben in der Schnittstelle zwischen Innen- und Außenverteidiger. Dorthin können die Außenverteidiger dann aus ihrer eingerückten Position sprinten, was zu großen Problemen für den Gegner im Übergeben bedeutet. Doch es geht noch weiter. Selbst wenn der Ball verloren wird, sind die oftmals für das Konterspiel wichtigen Außenstürmer überaus tief und eng geschoben worden, was die Konter schwierig und das bayrische Gegenpressing effektiv macht.

Gleichzeitig können sie mit ihren Sprints Räume in der Mitte für die Außenstürmer und deren inverse Dribblings öffnen oder als Kombinationsstation dienen. Auch Passwege auf die Sechser und den Zehner können geöffnet werden. Selbst wenn sie nicht vorsprinten, haben sie einen interessanten gruppentaktischen Effekt: Der Flügelstürmer kann den Ball nach solchen langen Pässen prallen lassen und der eingerückte Außenverteidiger oder ein Sechser/Achter als Passempfänger hat ein Sichtfeld zum gegnerischen Tor hin, anstatt nach hinten oder zur Seite (wie es bei Direktpässen von Innenverteidiger auf Außenverteidiger für diesen unter Bedrängnis wäre). Auch dies sorgt für Stabilität und mehr Übersicht.

Dazu kommt eben das normale Hineinkippen, wo man gegen bestimmte Formationen (zum Beispiel 4-3-3-Formationen mit breiten, aber hohen Außenstürmern) den gegnerischen Deckungsschatten überspielen und besser ins Mittelfeld kommen kann. Hier ergeben sich ebenfalls vielschichtige Prozesse, aber das würde wohl den Rahmen dieses Artikels sprengen.

5. Was macht das Pressing der Bayern so erfolgreich und bemerkenswert (siehe Ballbesitz 70,5%), worin liegen die großen Unterschiede zu anderen Pressingvarianten?

Auch das Pressing ist eine sehr komplexe und tiefgreifende Sache, die man kurz zusammenfassen kann: Gute Anpassungen, saubere Abläufe und hoher Druck in mehreren Aspekten: Zeitlich, räumlich, physisch und bei den Anspielstationen.

Manchmal pressen die Bayern zum Beispiel in einem 4-1-4-1-Mittelfeldpressing, sind dabei sehr kompakt und beherrschen Grundlagen der Raumverknappung hervorragend, manchmal stehen sie in einem 4-3-3, wo der Mittelstürmer einen Innenverteidiger zustellt, den anderen presst und dabei von einem Flügelstürmer unterstützt wird, der den Außenverteidiger in seinen Deckungsschatten nimmt und ebenfalls auf den isolierten Innenverteidiger geht.

Der ballferne Außenstürmer geht meistens dann etwas nach hinten und orientiert sich in die Mitte, wo man die Bälle erwartet, erobert und dann in sichere Zonen (oder situativ in einen eigenen Konterversuch) zirkuliert. Manchmal rückt auch einer der Achter auf den isolierten Innenverteidiger, es entsteht ein 4-1-3-2/4-1-3-1-1/4-4-1-1, auch hier ist dies gegnerabhängig. Kurzum: Die Anpassungen Guardiolas erstrecken sich auch auf das Pressing und die dortigen Abläufe. Gegen Arsenal presst man im 4-1-4-1 mit herausrückendem Thiago, gegen Hannover fünf Tage später ist es plötzlich ein eher orthodoxes 4-4-1-1.

In puncto Auswirkung auf den Ballbesitz dürften das sehr schnelle und gute Gegenpressing (sofortige Ballrückeroberung nach Ballverlusten) sowie das Angriffspressing (in hohen Räumen startendes Pressing) wohl den größten Anteil an der Erklärung ausmachen.

6. Welche Aufgabe nimmt Lahm auf der 6 im Spielsystem Guardiolas ein, was sind dort seine wichtigsten Aufgaben?

Bezüglich Lahms Rolle bzw. der Sechserposition ist ebenfalls keine verallgemeinernde Antwort möglich. Es ist weder immer ein 4-1-4-1 mit nur einem Sechser noch spielte nur Lahm auf dieser Position des alleinigen Sechser. Auch Kroos, Martinez, Schweinsteiger und Thiago spielten dort, Lahm agierte manchmal auch als Achter.

Wenn Lahm aber im 4-1-4-1 auf der Sechs spielt, hat er vielfältige Aufgaben: Er fängt Angriffe ab, er ist quasi der Mittelfeldlibero hinter den Achtern, balanciert deren Herausrücken und positioniert sich im Zwischenlinienraum stark ballorientiert, wo er sich auch asymmetrisch zu seinen Vordermännern bewegen muss. In der Horizontale steht er alleine, weswegen er seine Läufe sehr intelligent, bedächtig und präzise machen muss.

Das tut er hervorragend. Dazu kommt auch noch das Organisieren von Pressingbewegungen, intelligentes Absichern von Offensivbewegungen und Herausrücken (oder eben nicht) im Gegenpressing. Bei Abstößen steht er manchmal sogar in der Viererkette, um bei langen Bällen und Kopfballduellen zu helfen.

In eigenem Ballbesitz kippt er manchmal ab und ermöglicht so andere Passwinkel für die Innenverteidiger wie höhere Positionierungen der Außenverteidiger, er ist wichtig im Epizentrum des gegnerischen Pressings im Sechserraum, muss die strategisch wichtige Mitte kontrollieren und riskante Pässe durch die Schnittstellen spielen sowie abwägen, wann über welche Seite angegriffen werden muss. Bei Rückpässen von vorne muss er auch wissen, wo wer steht, da der Gegner in solchen Situationen oft dem Pass hinterher schiebt und kurz großen Druck entfacht. Keine einfache Aufgabe, die weltweit wohl aktuell nur Busquets so gut löst wie Lahm.

7. Welche taktischen Kniffe sorgen für den Erfolg in der Abwehrarbeit?

Wie üblich: Bei Guardiola und Bayern ist dies schwer zu verallgemeinern. Das Herausrücken der Innenverteidiger in die offenen Halbräume neben der Sechs, das sehr intensive Gegenpressing bei passender, ballnah kompakter Staffelung im Offensivspiel, die individuelle Klasse, das schnelle Umschaltspiel und die Zweikampfstärke spielen alle ihre Rolle, ebenso wie die gegnerspezifischen Anpassungen.

Sehr wichtig ist auch das Entfachen von Druck im (Angriffs-)Pressing, wo der Gegner zu Fehlern gezwungen wird, das Spiel wird auch oft in die Mitte gelenkt, wo man sich dann beidseitig in der Horizontale und auch in der Vertikale eng zusammenzieht und den Raum für den Gegner erstickt. Der Blogger von „Paradigma Guardiola“ bezeichnet das als „Anti-Lebensraum“, im Taktiksprech ist es eine konsequente und intensive Umsetzung grundlegender taktischer Prinzipien der Raumverknappung.

Das ist der wichtigste Bestandteil der Guardiola’schen Spielphilosophie – nicht nur im Defensivspiel, sondern auch in der Offensive, wo die Raumverknappung des Gegners hervorragend bespielt wird und Guardiola sich bei der Gegnervorbereitung insbesondere auf diese Interaktionen des gegnerischen Verschiebens und der formativen Aspekte konzentriert.

René Maric, www.abseits.at

Rene Maric

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