Wie schon in der vergangenen Winterpause gehen wir in dieser Rubrik auf einzelne fixe Transfers zumeist größerer Vereine ein, wo die Hintergründe und Motive... Transfers erklärt: Darum wechselte Marco Van Ginkel zu Chelsea

Jose Mourinho (Real Madrid)Wie schon in der vergangenen Winterpause gehen wir in dieser Rubrik auf einzelne fixe Transfers zumeist größerer Vereine ein, wo die Hintergründe und Motive beleuchtet werden. Wieso holt eine Mannschaft diesen Spieler? Wer ist dieser Spieler überhaupt? Was erwartet sich sein neuer Verein von ihm? Kann er die Erwartungen in seinem neuen Verein erfüllen?

Diese Fragen sollen hauptsächlich beantwortet werden. Auch die taktische Perspektive soll nicht zu kurz kommen, immerhin ermöglicht ein neuer Spieler oftmals eine Vielzahl neuer Kombinationen und Synergien, die ebenfalls kurz erläutert werden sollen.

Wir blicken auf die Top-Transfers der gesamten Transferperiode des Chelsea FC, welcher sich unter José Mourinho wieder zu einem Titelanwärter in der Premier League entwickeln will. Der portugiesische Startrainer hat sich diesen Sommer vier namhafte Spieler gesichert und einige talentierte Jungstars verliehen. Kurzum: Mourinho baut schon an der nächsten Meistermannschaft, zumindest versucht er es.

In dieser kleinen Serie wollen wir nicht nur die Neuzugänge kennenlernen, sondern auch Mourinhos Denkweise bei den Transfers und wie die Akteure in das Chelsea-Spiel passen beziehungsweise welche taktischen Alternativen sie bringen. Denn eines ist gewiss, Mourinho hat bei seinen Transfers zumindest einen theoretischen Plan im Hinterkopf, wie er Spieler XY für seine Zwecke nutzen kann.

Im zweiten Teil geht es um einen niederländischen Jungstar für das zentrale Mittelfeld.

Marco Van Ginkel – Mourinhos größtes Fragezeichen?

Diesen Sommer wechselte mit Marco Van Ginkel der Kapitän der niederländischen U21-Nationalmannschaft zu Chelsea. Es war ein ziemlich unerwarteter Wechsel; trotz seines Talents gelten der 18-jährige Tonny Vilhena, der zwei Jahre ältere Kevin Strootman und der 20-jährige Adam Maher als die langfristig wohl hoffnungsvolleren Akteure. Dennoch war von der reinen Kaderstruktur die Verpflichtung Van Ginkels intelligent.

Der zentrale Mittelfeldspieler, der sowohl auf der Sechs, als auch auf der Acht und der Zehn spielen kann, ist mit 20 Jahren entwicklungsfähig und könnte mittelfristig die Nachfolge von Frank Lampard antreten oder mit Ramires schon in naher Zukunft in den Konkurrenzkampf gehen. Ohnehin fehlte es Chelsea bislang an Kadertiefe im zentralen Mittelfeld. Mit Ramires, dem 35-jährigen Lampard und Obi Mikel mangelte es an taktischen Varianten und auch an dem notwendigen Polster bei Verletzungen; das war einer von mehreren Gründen, wieso Rafael Benitez schließlich auch David Luiz ins Mittelfeld zog.

Dank der Verpflichtung Van Ginkels und der Rückkehr von Michael Essien ist man hier besser aufgestellt und der langzeitverletzte Oriol Romeu konnte zu Valencia verliehen werden. Zusätzlich kann, je nach Entwicklungsverlauf, langfristig auch mit Nathaniel Chalobah oder Josh McEachran geplant werden. Frei nach dem Motto: Aus vier Talenten wird es schon einer schaffen.

Allerdings dürften Chalobah (zu jung) und McEachran (zu inkonstant) in der nächsten Zeit kaum auf Einsätze kommen. Van Ginkel dürfte es gegen Lampard und Ramires ebenfalls schwer haben, bringt aber im Vergleich zu Ramires und Konkurrent Essien zumindest einige taktische Vorteile mit. Eigentlich ist das niederländische Talent eher ein Spieler für die Achterposition oder gar für die Zehn, auf der er gegen Hull und Aston Villa eingewechselt wurde. Jedoch ist er nicht so kombinativ, obwohl er technisch durchaus versiert ist und gut im Kombinationsspiel. Stattdessen hält Van Ginkel den Ball mehr und versucht ihn dann mit intelligenten raumgreifenden Pässen zu verteilen.

Darum wurde er von Mourinho wohl auch in der Vorbereitung auf der Sechserposition im 4-1-2-3/4-3-3 getestet und spielte auch schon als offensiverer Sechser im 4-2-3-1. Dies könnte langfristig Van Ginkel entgegenkommen. Für eine Zehn vom Typus Mesut Özil fehlt es ihm an Kreativität und Dynamik, auf der Sechs könnte er sich aber (bestenfalls) zu einem Spielertypen wie Xabi Alonso mit mehr Beweglichkeit, einem vertikaleren Aktionsradius und feinerer defensiver Fertigkeit entwickeln, obgleich er nicht ganz diese Übersicht und Passgenauigkeit bei langen Bällen mitbringt, was er allerdings durch im Schnitt kürzere Pässe egalisiert.

Van Ginkel verfügt über sehr gute Bewegungen in der Defensive und bespielt Räume im Aufbauspiel gut, er kann sich auch intelligent fallen lassen oder mit ein oder zwei guten Pässen das gegnerische Pressing stark umspielen. Auch körperlich ist er schon sehr weit und könnte in der Premier League bei einem ballbesitzorientierten Team durchaus mithalten.

Fraglich ist allerdings, ob er bei Chelseas aktuellem Spielstil wirklich eine Option auf dieser Position sein könnte. Bei seinen aufrückenden Läufen von der Sechs aus, öffnet er gelegentlich zu große Lücken und geht viel Risiko, wenn er offene Räume sieht. Chelsea versucht aber nicht unbedingt diese Räume zu bespielen, sondern geht eher mit Oscar, Mata, de Bruyne und insbesondere Hazard gerne in Engen, in Unterzahlsituationen und ins Dribbling, um dann schnelle Torabschlüsse aus gefährlichen Positionen zu finden.

Somit könnte Van Ginkel trotz seines Talents und den Experimenten in der Vorbereitung noch einige Zeit darauf warten, dass er regelmäßig auf der Sechs eingesetzt wird. Vorerst könnte er sich allerdings als Option in der Rotation, gegen tiefstehende Gegner und als Alternative zu Oscar in den Vordergrund spielen. Oscar weicht auf der Zehn oftmals auf die Flügel auf, übernimmt diese Position und bietet sich in den Halbräumen als Anspielstation an.

Auf der Zehn könnte er als ausweichende Variante und Supportspieler ebenfalls genutzt werden. Im letzten Spielfelddrittel orientiert er sich ebenfalls gerne auf die Halbpositionen und die Flügel, könnte damit Flügelstürmer wie Juan Mata oder Eden Hazard absichern, die gerne in die Mitte ziehen und sich spielgestalterisch betätigen. Die beiden sind außerdem dynamisch und kombinationsstark, könnten Van Ginkel als Anspielstation nutzen und ihn dann hinter- oder vorderlaufen.

Van Ginkel könnte also einer jener Spieler werden, die Mourinho nach seinen Vorstellungen prägt. Er ist athletisch genug für die Premier League und für eine klassische Mourinho-Mannschaft, allerdings könnte er dennoch Probleme bekommen: Nicht immer ist er in seinen Aktionen handlungsschnell genug, teilweise kommen einzelne sehr gute Aktionen, die jedoch im Gesamteindruck von schwachen oder zu langsamen ausgeführten Aktionen wieder verwässert werden.

Die Zeit wird zeigen, ob Van Ginkel wirklich zu einem Spieler von internationalem Format reifen kann. Dass er nach der Vorbereitung nicht verliehen wurde, zeigt allerdings schon die Tendenz.

Rene Maric

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