Nach 22 Jahren geht in wenigen Tagen eine außergewöhnliche Trainer-Ära zu Ende. Eine die Englands Fußball wie kaum eine andere prägte. Arsène Wenger wird... Von lebenslustigen Hallodris zu den „Invincibles“ | Arsène Wenger prägte in 22 Jahren einen ganzen Klub

Nach 22 Jahren geht in wenigen Tagen eine außergewöhnliche Trainer-Ära zu Ende. Eine die Englands Fußball wie kaum eine andere prägte. Arsène Wenger wird seinen Hut nehmen und den „Gunners“ Good Bye sagen. Der intellektuelle Franzose hat den britischen Inselkick positiv beeinflusst, vor allem in seiner Anfangszeit revolutioniert und dabei national alles gewonnen. Ein internationaler Titel fehlt den Nordlondonern aber noch. Heute soll in Madrid ein Abschiedsgeschenk in Form des Finaleinzugs für den Dienstältesten Coach einer europäischen Spitzenliga geschnürt werden. Wir blicken noch einmal auf die Verbindung Arsenal und Arsène Wengers zurück, die lange Zeit so perfekt passte.

Ein Professor bringt Linie in den Verein

„Arsène who?“ titelte der englische Boulevard gewohnt bissig, als sich Anfang Oktober 1996 ein Franzose anschickte, den FC Arsenal zu trainieren. Wenger eilte damals schon das Image eines intellektuellen Perfektionisten voraus. Ein Professor, der so gar nicht zu dem Arbeiterklub mit ausgeprägter Trink- und Fast-Food-Süßigkeiten-Kultur passte.

Dass sich zwei Jahrzehnte später, eine ganze Generation an Fußballfans diese negativen Prädikate mit dem ästhetischen Primgeigerklub nicht mehr verbinden kann, ist ganz alleine Wengers Verdienst. In einem Team von zahlreichen Talenten und großen Namen, aber meist absolut unprofessionellen Kickern, wurden Ernährungspläne, Alkoholverbote und individuelle Trainingssteuerungen eingeführt. Zuerst vom konservativen Briten kollektiv belächelt, danach aber vielfach auf der Insel kopiert. Eine Professionalisierungswelle erfasste – spät aber doch – auch das stolze Mutterland des Fußballs.

Rasch prägte der deutschsprachige Franzose Ende der Neunziger eine neue Kunstrichtung in der englischen Premier League. Offensiv, stillvoll, elegant, schön – so sollte die Spielausrichtung des neuen FC Arsenal sein. Die Eleganz des Spiels stellte Wenger damals wie heute oft über das Ergebnis auf der Anzeigetafel. Auch die Erfolge stellten sich auch rasch ein. Schon 1998 wurde der Meistertitel ins Highbury geholt. Mit dem ersten von sieben FA-Cup-Siegen in seiner Ära wurde auch gleich das Double fixiert. Ein weiteres sollte vier Jahre später noch folgen. Wenger stieg damit zum größten Gegenspieler des Sir Alex Ferguson auf, der mit den „Red Devils“ den englischen Fußball dominierte. Mit seinem größten Rivalen verband der Elsässer eine Hassliebe, nach einer Niederlage bewarfen sich beide im Spielertunnels des Old Traffords mit Pizza. Kontroversen pflegte der sechs Sprachen sprechende Wenger danach auch immer wieder mit zahlreichen anderen Trainerkollegen, zuletzt machten die Dispute mit José Mourinho Schlagzeilen.

Arsenal steigt endgültig zum bewunderten Spitzenklub auf

Mit dem nötigen Gespür für die passenden Spieler bastelte der Franzose an einer stilprägenden Mannschaft. Viele bezeichneten es auch nicht ganz zu Unrecht als Orchester. Perfektionisten am Ball, die spielerische Lösung als oberste Maxime. Fußball musste gespielt, besser noch zelebriert werden, wurde von Wenger zur eleganten Kunstform hochstilisiert. Kein Heavy-Metal-Tempo-Bolzen a la Klopp, kein pragmatischer Ergebnisfußball a la Mourinho. Und dass alles immer an der kurzen Leine des Dirigenten.

Mit zahlreichen talentierten aber noch eher unbekannten Landsmänner wie Thierry Henry, Patrick Vieira, Emmanuel Petit, Nicolas Anelka, Robert Pires stellte Wenger eine der prägendsten Fußballmannschaften dieser Zeit zusammen. 2002 wurde der Meistertitel abermals nach Nordlondon geholt, ehe die Krönung 2004 alles überstrahlen sollte. „The Invincibles“ – die Unbezwingbaren gewannen mit einer makellosen Saison die Liga. Dieses Kunststück schaffte bislang nur Preston North End, Sie erinnern sich wohl kaum mehr daran:  Es war in der Saison 1888/89. 2006 verspielte man im Champions League Finale eine Führung und musste Barcelona beim Jubeln erste Reihe fußfrei zusehen. Mittlerweile war der gebürtige Straßburger bereits zum Ritter der Ehrenlegion und zum „Officer of the Order of the British Empire“ ernannt worden. Der durchs All düsende Asteroid 33179 wurde 2007 „arsènewenger“ benannt.

Die gestiegenen Erfolge samt Champions League Dauerticket machten sich auch auf den Bankkonten des Klubs bemerkbar. Nicht zuletzt deshalb war Anfang des Jahrtausends auch die finanzielle Basis gelegt, um ein neues Stadion zu errichten. Im Juli 2006 das 60.000 Plätze fassende Emirates eröffnet und ist heute bereits abbezahlt. Die Fans liebten ihren Messias – „Arsène knows“ oder „In Arsène we trust“ stand auf unzähligen Fahnen und Transparenten.

Mit dem Erfolg stiegen die Ansprüche

Doch die Konkurrenz holte auf. Kopierte mit viel mehr Geld die Ideen oder Trainingsmethoden und entwickelte sie weiter. Zwischen 2006 und 2015 reichte es immer „nur“ zu Platz drei oder vier. Die Fans honorierten das zum Selbstverständnis gewordene Champions League Ticket fortan immer weniger. Es sollte endlich wieder der ganz große Coup gelingen. Doch für den Titel gab es mittlerweile schon andere, finanzkräftigere Favoriten. Und als dann 2016 einmal alle kollektiv ausließen, schnappte ausgerechnet Abstiegskandidat Leicester den Gunners den heißersehnten Titel weg.

So kühlte die Beziehung zwischen Fans und ihrem Erfolgsmanager immer weiter ab. Im Vorjahr verpasste man erstmals die Champions League Qualifikation, dafür holte Wenger mit dem siebten FA-Cup-Sieg weitere „Silverware“. Die bestehende Kritik wurde aber immer lauter und nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand geäußert. Interessante Spieler landeten jetzt bevorzugt in Manchester, bei Liverpool oder in anderen Stadtteilen Londons. Im Sextett der Spitzenteams verloren die „Gunners“ etwas an Boden. Ein Trend den der Franzose nicht stoppen konnte.

Es läuft nicht mehr rund

Für die Spielidee eines Arsène Wengers fehlte zuletzt immer öfter das nötige Personal um diese am Rasen umzusetzen. Mit Beharrlichkeit bzw. Sturheit bei Transfers, Aufstellung und Taktik eckte der Chefcoach an. Die mangelnde Flexibilität, kein Adaptieren der Taktik auf die Fähigkeiten der eigenen, verfügbaren Spieler und schon gar nie einmal nur schnöder Ergebnisfußball wurde ihm zusehends angekreidet. Wohlgleich er mit eben dieser Linie den Erfolg erst überhaupt nach London brachte. Dazu konnten die immer wieder zu Superstars aufgestiegenen Spieler selten gehalten werden. Oft schnappte gar die direkte Konkurrenz zu. Mit Thierry Henry, Cesc Fàbregas, Robin van Persie oder zuletzt Alexis Sanchez verabschiedete sich regelmäßig der aktuelle Führungsspieler vom Verein.

Mit den Gewohnheiten stiegen wie so oft auch die Ansprüche. Die smarten Personalentscheidungen und die gekonnte Transferpolitik die Arsenals Höhenflug ermöglichten, wurden in den letzten Jahren zusehends schwieriger. Ausgerechnet der Lokalrivale aus Tottenham schlüpfte zuletzt in diese Rolle. Mit jungen, hungrigen Spielern bietet man den reicheren Klubs mit attraktivem Offensivfußball die Stirn. Eine Rolle die auch Wenger nur allzu gern wieder einnehmen würde, aber nicht mehr kann. Die Beziehung mit dem Verein hat sich abgelebt.

Das war’s – eine Trainer-Legende sagt „Goodbye“

Am 20. April gab Arsène Wenger das Aus per Saisonende bekannt. Damit geht eine 22-Jährige Amtszeit bei einem europäischen Spitzenteam zu Ende. Ob der Abgang dann ganz freiwillig war, darüber scheiden sich noch die Geister. Mindestens vier Mal wird Arsène Wenger noch an der Seitenoutlinie stehen. Aus seiner Sicht idealerweise fünfmal. Dann wird der 68–Jährige aber nicht in Pension gehen und möchte es bei einem neuen Verein nochmal versuchen. An fehlenden Angeboten wird es nicht scheitern.

Fix ist, wenn am 13. Mai das Spiel gegen Huddersfield abgepfiffen wird, wird es Tränen geben. Spieler und Fans werden ihren Maestro noch einmal hochleben lassen, bevor ein neuer Besen im Emirates kehren wird. Die Premier League verliert einen ihrer größten „Influencer“. Ob es drei Tage später noch eine emotionale Zugabe in Lyon geben wird, entscheidet sich schon heute Abend. Es wäre dann sein 1203. Pflichtspiel für die „Gunners“. Und es könnte ein kitschiges finales Kapitel werden. Wenn nämlich ausgerechnet da das letzte noch ausstehende Puzzleteil im Erfolgsbild Wenger/Arsenal gesetzt werden würde: Das des noch fehlenden internationalen Titels.

Arsené Wenger – Zahlen und Fakten 

  • 3 Meistertitel (1998, 2002, 2004 ohne Niederlage)
  • 7 FA-Cup-Siege (1998, 2002, 2003, 2005, 2014, 2015, 2017)
  • Zwischen 1997/98 und 2015/16 qualifizierten sich die „Gunners“ jedes Jahr für die Champions League
  • Gesamt-Bilanz: 1198 Spiele, 694 Siege, 262 Remis, 243 Niederlagen
  • Profi-Spieler-Karriere: Racing Straßbourg (11 Spiele) – meist als Libero
  • Trainer-Karriere: Racing Straßbourg (Jugend, 1980 – 83), AS Cannes (Co-Trainer 1983-84), AS Nancy (1984-87), AS Monaco (1987-94), Nagoya Grampus Eight (Japan, 1994 – 96), seit 1.10.1996 bei Arsenal London
  • Geboren am 22. Oktober 1949 in Straßburg, spricht muttersprachlich Deutsch

Werner Sonnleitner, abseits.at

Werner Sonnleitner

Keine Kommentare bisher.

Sei der/die Erste mit einem Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert