Der siebente EM-Tag. Auf den torreichsten und dabei gar nicht so torreichen EM-Tag mit sieben Treffern am Donnerstag folgte wieder ein zäher Tag mit... Der regnerische siebente EM-Tag: Von schlechten Trainern, Böllern, Chacharidi und Zozulyaya

Rainer Pariasek_abseits.atDer siebente EM-Tag. Auf den torreichsten und dabei gar nicht so torreichen EM-Tag mit sieben Treffern am Donnerstag folgte wieder ein zäher Tag mit mageren fünf Toren in  drei Partien. In Gesprächen mit Freunden wird uns versichert, dass man diesem schwachen Turnier schon jetzt nur mehr wenig abgewinnen kann.

Vorher schockt uns aber einmal mehr, wie hoch die Rate der vercoachten Spiele bei diesem Turnier ist. Englands Roy Hodgson lieferte gegen Wales gleich wieder ein gutes Beispiel. Stur hielt der Trainerdinosaurier an seinem 4-3-3 fest, ließ Jamie Vardy wie schon gegen Russland von Beginn an auf der Bank. Dieser wiederum benötigte gerademal elf Minuten für den englischen Ausgleich, nachdem Hodgson zur Pause seinen Fehler doch noch korrigierte.

Keine ruhmreichen Trainerleistungen

In-Game-Coaching ist eine Sache, die bei dieser EURO nicht gerade weit verbreitet ist, aber noch schockierender sind die Wiederholungen von grundlegenden Fehlern, die sich bereits in der Vergangenheit nicht bewährten. Hodgson und Deschamps seien hier dezidiert genannt, aber auch Coleman stellte die Waliser in der zweiten Halbzeit nicht gut auf die Engländer ein. Gramgebeugt sehen wir dem entgegen was Marc Wilmots noch verbrechen wird. Und hoffentlich auch Fernando Santos.

Leider noch kaum Konzepttrainer bei Nationalteams

Es ist ein wenig dem doch unterschiedlichen Job des Teamchefs geschuldet. Die richtig interessanten Typen, die Konzepttrainer, die den Fußball revolutionieren und neue Ideen haben, geben sich (noch) nicht für das Nationalteam her, sind meistens auch noch zu jung dafür. Der tägliche Umgang mit der Mannschaft ist wichtiger, erlaubt es, Grundsätze der eigenen Fußballphilosophie umzusetzen. Beim „Team“ ist man eben nur kurz, muss von allem ein bisschen etwas einimpfen, tut sich schwerer ein fußballerisches Alleinstellungsmerkmal zu kreieren oder gar den Stil einer ganzen Nation zu revolutionieren. Man kann sich sein Spielermaterial schließlich nicht immer aussuchen.

100 Prozent sind das Minimum

Auch die gestern von Stefan Karger beschriebene ungarische Herangehensweise an die EM kann sich so manches Team auf die Stirn picken. Die Ukraine zum Beispiel, die sich wieder ein wenig dem schöngeistigen Kick hingeben wollte und somit einige Einsatzprozente hinter den Nordiren blieb. Logische Folge: Der Außenseiter nützte das qualitativ enger zusammengerückte Teilnehmerfeld aus und besiegte den Favoriten bei schönem Inselwetter. Nicht das erste Mal, dass wir das heuer sehen. Hundert Prozent sind eben das Minimum.

Taktisches Säbelrasseln bei Deutschland gegen Polen

Vorfreude auf das Spiel der starken Deutschen. Noch dazu gegen Polen, gegen die man sich immer wieder abplagte. Für uns Taktikfreunde eine hübsche Angelegenheit, auch wenn ein überfälliger Treffer von Arek Milik das Ganze natürlich noch hitziger gemacht hätte. „Schneckerl“ Prohaska bemühte das Zitat „die Taktik schlägt die Technik“, nicht ohne zu erwähnen, dass es sich nicht um sein eigenes handelte. Der Analytiker, selbst früher ein begnadeter Techniker, beklagt also den Vormarsch der Taktik zu Ungunsten der Technik…

Schneckerl jammert an der falschen Baustelle

…ein bisschen oberflächlich. Der moderne Fußball entwickelte sich in den letzten Jahren weg von der völligen Kontrolle über den Gegner, hin zu Dynamik, der Bereitschaft zu Fehlern, um diese auch als Stilmittel nutzen zu können. Die Italiener zeigten etwa, wie man eine durchdachte Defensivtaktik zugunsten offensiver Dynamik nützen kann. Es kommt immer darauf an, wie man seine Spielidee auf die Möglichkeiten adaptieren will und wie wir bereits erwähnten, ist dies bisher nicht die Europameisterschaft der Trainer. Aber einzelne Fehler oder zumindest potentielle Fehler der einstigen Kollegen aufzuzeigen ist schwieriger und eckt mehr an, als einfach die grundlegende Entwicklung des Fußballs degoutant zu betrachten. Stadthalle war gestern, das ist nun mal so.

Chachacha-ridi und Zozulyaya Touré?

Wirklich leicht haben’s die ORF-Protagonisten bei diesem Turnier ohnehin nicht. Aber auch gestern machten sie sich’s selbst nicht einfacher. Boris Kastner-Jirka dürfte tags zuvor einen ordentlichen ukrainischen Tanzkater davongetragen haben, nachdem Evgen Khacheridi plötzlich immer „Chacharidi“ war. Dass Rainer Pariasek grundlegende Probleme mit ukrainischen Namen haben würde, war auch keine große Überraschung. Gleich beim Erstversuch wurde aus Roman Zozulya „Zozulyaya“, ohne merkliches Stirnrunzeln der anderen „Experten“, die diesen Spieler halt einfach nicht kennen, sich nie wirklich mit ihm auseinandersetzten.

Stilblüten und kompletter Konzentrationsverlust

Damit sind wir beim eigentlichen Grundproblem des ORF-Kommentars. Rainer Pariasek interessiert das alles nicht. Die Moderation wird so inkompetent wie möglich aufgebaut und fußt lediglich auf ein paar unlustigen Schmähs und tendenziöser Gangart, die von den Matchkommentatoren 1:1 übernommen wird, was auch Jörg Heinrich von der TZ nur schwer übersehen konnte. Irgendwie gehört diese Inkompetenz ja fast schon dazu, niemand erwartet sich die plötzliche Eingebung, die Pariasek zum Fußballversteher macht und es ist ja auch irgendwie schön, wenn man sich in den Matchpausen über die Herren mit den Mikros wundern darf. Aber wenigstens konzentriert könnten die Herren bleiben. Wenn wir Spielernamen falsch schreiben, ist das der Totschlagfehler schlechthin – sofort wird man als inkompetentes Portal abgekanzelt (deswegen machen wir’s auch nicht J ). Noch etwas wilder wäre es dann eigentlich nur mehr, wenn man Bilder vom Testspiel zwischen Deutschland und Frankreich einspielt, bei denen man im Hintergrund die Bomben der Selbstmordattentäter vor dem Stade Saint Denis hört und dies sinngemäß mit „ein schwerer Abend für Frankreich, im Hintergrund hört man ganz klar die Böller“ kommentiert. Auch das ist dem Moderator gestern „gelungen“. Meistens kann man drüber lachen, teilweise ist’s aber nur mehr zum Heulen schlecht.

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

  • Kritiker

    Ganz schön frech. Zuerst sollte man auf sich selbst schauen bevor man über andere urteilt. Im Übrigen sehe ich beim ORF bei dieser EM eine klare Steigerung. Und Gott sei Dank ist Humor ja unterschiedlich, aber offenbar ist meiner auch schlecht, wie Hr. Mandl zu urteilen weiß.

    • Mr. S

      Schau mal einen deutschen Sender. Die berichten über das albanische Scouting system (wie sie die ganzen Spieler ausfindig gemacht haben) oder neue Fussballkennzahlen (Packing Rate).
      Das is spannend und informativ. Der ORF ist extrem oberflächlich, obwohl sie eine ganze „Delegation“ nach Frankreich geschickt haben.
      Meiner Meinung nach könnte man sich besser vorbereiten auf ein Event wie dieses.
      Am schlimmsten fand ich die Sendung mit dem Schiedsrichterexperten wie sie alle neue Regelungen erklärten. Der Moderater ist dem Experten bei gefühlt jedem Satz ins Wort gefallen. Man wurde da als Zuseher richtig nervös.

    • Daniel Mandl

      No worries, wir schauen auf uns selbst. Ein Blick auf unsere EM-Berichterstattung sollte genügen.
      Humor ist nicht das Hauptthema dieses Kommentars und liegt selbstverständlich im Auge des Betrachters.
      Die Steigerung des ORF liegt darin, dass endlich moderne Hilfsmittel verwendet werden – der tatsächliche Auskennerstatus, also eben zB wie gut man die Spieler, die an dem Turnier teilnehmen, kennt, ist stagnierend niedrig…

      Und frech sein ist nichts schlechtes mMn. Würden wir mit allem konform gehen, gäb’s keinen Dialog, keine Auseinandersetzung. Das wär‘ irgendwie schade. Und die Herren beim ORF halten’s schon aus, wenn man sie kritisiert.