In dieser begleitenden Serie zur Europameisterschaft in Frankreich werden während des Turniers die Schlüsselduelle der einzelnen Begegnungen kurz unter die Lupe genommen. Wer die... Die Schlüsselduelle des dritten Viertelfinaltags: Das Duell der Weltklasse-Goalies

Gianluigi Buffon_abseits.atIn dieser begleitenden Serie zur Europameisterschaft in Frankreich werden während des Turniers die Schlüsselduelle der einzelnen Begegnungen kurz unter die Lupe genommen. Wer die Duelle für sich entscheiden konnte und ob es überhaupt zu den vorgestellten Auseinandersetzungen gekommen ist, wird vor den folgenden Partien besprochen. Diesmal mit der Viertelfinalpaarung Deutschland – Italien.

Jerome Boateng vs. Graziano Pelle

Mit Boateng verbindet man mittlerweile einen Begriff, den es vorher so in der Fußballersprache nicht gab: Laserpass. Dieser Neologismus beschreibt den zentimetergenauen Pass des Innenverteidigers aus der eigenen Hälfte oder von Höhe der Mittellinie auf seine Offensiv-Kollegen. Dieses Mittel zum schnellen Spielaufbau hat Boateng in den letzten Jahren perfektioniert, wie er sein gesamtes Spiel unter Pep Guardiola auf ein neues Level gehoben hat. Früher war Boateng noch als eine Art Bruder Leichtfuß verschrien, der gerne den eienn oder anderen Leichtsinnsfehler einstreute. Diese schlechte Angewohnheit hat der  modische Trendsetter fast komplett abgelegt und überzeugt, nicht nur bei dieser EM, mittlerweile mit konstanten  defensiven, wie offensiven Weltklasseleistungen.

Spät aber doch: dieser Spruch beschreibt die bisherige Karriere von Graziano Pelle wohl am  treffendsten. 2012 suchte der Stürmer noch händeringend einen neuen Verein, nachdem er sich bei diversen italienischen Unter- bis Mittelklasseklubs nicht nachhaltig durchsetzen konnte. Das Wort „aufgeben“ kommt jedoch im Wortschatz des Italieners nicht vor und so versuchte er sein Glück im Ausland. Unter Trainer Ronald Koeman gelang ihm mit 27 Jahren der Durchbruch bei Feyernord Rotterdam, wechselte anschließend gemeinsam mit dem Niederländer in die Premier League zu Southampton und feierte 2014 dann sogar sein Debüt in der Squadra Azzurra. Der 30-Jährige überzeugt, trotz einer Körpergröße von 194cm, mit einer großartigen Technik und körperlicher Gewandtheit. Im Achtelfinale gegen Spanien, wo Pelle eine Weltklasseleistung lieferte, schaffte er nun auch zu guter Letzt den Durchbruch auf der ganz großen internationalen Bühne.

Manuel Neuer vs. Gianluigi Buffon

In diesem Duell treffen die beiden mit Abstand besten Torhüter dieser Europameisterschaft aufeinander. Beide werden wohl, falls Bastian Schweinsteiger erneut nicht zum Zuge kommt, ihre Mannschaften als Kapitän in dieses vorgezogene Finale führen.

Neuer bewies während des Turniers erneut, warum er der derzeit wohl beste Torhüter der Welt ist: mit teils überragenden Reflexen sicherte er beispielsweise die Null im so wichtigen Auftaktspiel gegen die Ukraine und verhinderte im Achtelfinale mit einer Weltklasseparade den möglichen Ausgleich gegen die bis dato vollkommen unterlegene Slowakei. Zudem agiert die deutsche Nummer eins nicht nur im klassischen Torwartspiel auf Weltklasseniveau: seine fußballerischen Fähigkeiten unterstützen den deutschen Spielaufbau, indem Neuer zeitweise als initiierender Akteur fungiert, und helfen den deutschen Innenverteidigern, brenzlige Situationen mit einem Pass auf ihren Torhüter zu lösen.

Buffon hingegen ist mittlerweile so etwas wie der „elder statesman“ des Torwartspiels: mit seiner unerhört souveränen Ausstrahlung und seiner jahrelangen Erfahrung, löst der viermalige Welttorhüter Situationen, bevor sie gefährlich werden können. Trotz seiner 38 Jahre gehört Italiens Kapitän immer noch zu den absolut besten Torhütern der Welt, was sich zum Beispiel im Achtelfinale gegen Spanien zeigte, in dem er in der Schlussphase die iberischen Offensivakteure reihenweise zur Verzweiflung brachte. Sein fußballerischer Beitrag während des Spiels wird jedoch immer noch weitestgehend unterschätzt; Buffon gilt in der Öffentlichkeit im Vergleich zu Neuer als Torhüter der alten Schule. Dies könnte jedoch nicht ferner abseits der Wahrheit liegen, ist Buffon doch auch spielerisch für die Defensive der Azzurri eminent wichtig und klebt nicht nur auf seiner Linie.

In einem voraussichtlich sehr engen Spiel, könnten die Torhüterleistungen der beiden Weltklasse-Goalies zum Zünglein an der Waage werden.

Nachbetrachtung der letzten Duelle

Die EM erlebte mit dem 3:1-Erfolg von Wales über Belgien ihre nächste Überraschung. In einer insgesamt guten Partie, konnte Gareth Bale, obwohl er an keinem Treffer direkt beteiligt war, das Duell der Superstars gegen Eden Hazard für sich entscheiden. Der derzeit wohl berühmteste männliche messy-bun-Träger der Welt überzeugte auch im Viertelfinale mit seiner individuellen Klasse, die so wichtig für das walisische Offensivspiel ist. Mit seinem Tempo riss er immer wieder Löcher für seine Teamkollegen und initiierte viele Angriffe der Waliser und war sich auch für die defensive Drecksarbeit nicht zu schade. Trotzdem stand er in diesem Spiel ein klein wenig im Schatten seines Sidekicks Aaron Ramsey, der ebenfalls ein überragendes Spiel ablieferte und zwei Treffer vorbereitete. Von der personell-dezimierten Defensive der Belgier war Ramsey nie in den Griff zu bekommen. Falls die beiden Waliser ihre überragende Form weiterhin halten können, muss für ihr Team das Halbfinale gegen Portugal noch nicht die Endstation bedeuten.

Hazard hingegen überzeugte nur in der furiosen Anfangs-Viertelstunde der Belgier, konnte der Offensive danach aber keine Impulse mehr geben. Nichtsdestotrotz zeigte sich der Flügelspieler, neben Torschütze Radja Nainggolan, zu dessen Treffer er die Vorlage lieferte, noch als einer der bemühtesten Belgier. Gegen fantastisch organisierte Waliser, reichte pure Individualität nicht zum Erreichen des Halbfinals aus, was mit Sicherheit Wasser auf die Mühlen der zahlreichen Wilmots-Kritiker liefern wird.

Ral, abseits.at

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