Im Hinspiel des Europa-League-Achtelfinals siegte Benfica Lissabon an der White Hart Lane bei den Tottenham Hotspurs mit 3:1. Ein fast schon vorentscheidendes Ergebnis. Aber... Europa League: Das Rückspiel zwischen Benfica und Tottenham Hotspur

Tottenham Hotspur Wappen, LogoIm Hinspiel des Europa-League-Achtelfinals siegte Benfica Lissabon an der White Hart Lane bei den Tottenham Hotspurs mit 3:1. Ein fast schon vorentscheidendes Ergebnis. Aber haben die Spurs trotz der klaren Hinspielniederlage vielleicht doch noch eine Chance in die nächste Runde aufzusteigen?

Um auf diese Frage eine Antwort zu finden, lohnt sich sicherlich noch einmal der genaue Blick auf das Hinspiel am vergangenen Donnerstag. Dieses war geprägt von insgesamt wenigen Torchancen und gut gewählten Defensivstrategien der jeweiligen Trainer. Bezeichnend: drei der vier Tore fielen nach Standards, das erste Tor Benficas nach einem Konter. Dem Warum und Wieso widmet sich die nachfolgende Analyse des Spiels. Am Ende gibt es einen Ausblick darauf, wie das Spiel heute Abend laufen könnte.

Asymmetrie und gute Bewegungsmuster im Lissaboner Aufbau

Gegen den Ball wählte Tottenhams Trainer Tim Sherwood wieder ein 4-4-2, in dem sich neben Adebayor noch Kane in die Spitze gesellte um die Innenverteidiger anzulaufen. Weil sich beide an den Innenverteidigern Benficas, Garay und Luisao, orientierten und diese auch gut anliefen, kippte der alleinige Sechser Fejsa meistens zwischen beide ab, manchmal aber auch in den linken defensiven Halbraum heraus.

Aus dieser Struktur rückte dann einer der beiden Innenverteidiger, meistens Luisao mit Ball am Fuß ins Mittelfeld. Um hier Raum zu öffnen schob Außenverteidiger Silvio in diesen Momenten aus seiner eher tieferen Rolle nach vorne um dem Spiel die Breite zu geben und Flügelspieler Markovic ließ sich ins Zentrum fallen, um mit einem langen, flachen Pass zwischen den Linien anspielbar zu sein.

Neben dieser Art der Spieleröffnung kamen über die linke Seite eher spielerische und gruppentaktische Mittel zum Einsatz, mit denen Benfica versuchte den Übergang ins Mitteldrittel herzustellen. Stand Fejsa zwischen den Innenverteidigern ließ sich der rechte Achter Amorim in die defensiven Halbräume fallen, oder stand zentral hinter der Schnittstelle zwischen Adebayor und Kane. Dazu kippte Sulejmani oft vom linken Flügel in die Mitte, bot sich auf die äußere Schnittstelle der Mittelfeldkette des Londoner 4-4-2 an und versuchte dort mit vertikalen Läufen im Halbraum Lücken zu öffnen. In Verbindung mit dem sehr frei agierenden Rodrigo, der nominell als Achter agierte, kam Benfica immer wieder gut ins zweite Spielfelddrittel, konnte dann aber von dort aus wenig Durchschlagskraft entwickeln.

Starkes Pressing zwingt Tottenham zu langen Bällen

Lissabons Trainer Jorge Fernado Pinheiro wählte gegen den Ball ein 4-1-4-1 in dem Cardozo Tottenhams Innenverteidiger schon früh anlief, und bei dem es an den Flügeln Mannorientierungen zu den Außenverteidigern gab. Weil man das Spiel auf den spielschwächeren Kaboul lenken wollte, hatte das 4-1-4-1 in hohen Räumen, sprich dem ersten Londoner Drittel Züge eines 4-4-2. Hier rückte dann Amorim auf eine Höhe mit Cardozo um Vertonghen zuzustellen. Wurde die erste Pressinglinie überspielt, blieb es bei zwei Viererketten – der weitere Verlauf der Angriffe wurde so verteidigt.

Fehlende Breite im letzten Drittel nimmt auch Tottenham die Durchschlagskraft

Dass es auch Tottenham an klaren Abschlüssen mangelte, lag vor allem daran, dass im letzten Drittel nie konsequent die Breite im Spiel gegeben war. Sherwood wies seine Außenverteidiger Naughton und Walker dazu an, im Spielaufbau für Breite im ersten Drittel zu sorgen, und dann im weiteren Angriffsverlauf in die Halbräume einzurücken. Dort dienten die beiden vor allem als Durchlaufstationen und hatten die Funktion, den Flügelstürmern Eriksen und Lennon als sichere Rückpassstation zu dienen, über die das Spiel verlagert werden konnte.

Vermutlich wählten Tim Sherwood und Co-Trainer Steffen Freund diese Strategie um im Umschaltmoment besser gegen die gefährlichen Konter der Lissaboner abgesichert zu sein, was beim ersten Tor allerdings nicht funktionierte, generell aber logisch war. In der Folge beschränkte sich das Londoner Angriffsspiel vor allem auf Zielspieler Adebayor, der viele lange Bälle erhielt.

Die Bewegungsmuster in der Offensive von Tottenham

Mit Adebayor agierte in vorderster Reihe ein Zielspieler der oftmals mit langen Bällen gesucht wurde, in den entsprechenden Situationen jedoch viel und vor allem nach rechts auswich. Passend zu dieser Spielweise spielte auf der Zehn Jugendspieler Kane, der viel in die Spitze stieß und seine Rolle, ähnlich wie Thomas Müller beim FC Bayern, als Schattenstürmer interpretierte. Auf Adebayors Bewegungen reagierte allerdings nicht nur Kane, sondern auch Lennon, der vom rechten Flügel in den Halbraum kippte, wenn Adebayor dorthin auswich. Diese gegenläufigen Bewegungen und Rochaden waren alles in allem aber nicht wirklich flüssig und gut getimt, sodass sie oftmals wirkungslos blieben. Weil Eriksen auf links auch zu wenig Unterstützung erhielt – weder wurde er vom Außenverteidiger hinterlaufen, noch von einem Mittelfeldspieler vorderlaufen – wirkte das Offensivspiel der Spurs in der ersten und auch weiten Teilen der zweiten Halbzeit relativ Ideenlos.

Das änderte sich etwas, als sich Walker und Naughton öfter in die Angriffe einschalteten und vorne für die notwendige Breite sorgten. Um im Umschaltmoment dann besser abgesichert zu sein, und Pressingsituationen im Aufbau zu vermeiden gab Paulinho den tiefen Spielmacher, der im Sechserraum zwischen letzter und vorletzter Linie hin und her pendelte. Tottenham bekam so zumindest ein optisches Übergewicht, klare Torchancen blieben allerdings Mangelware.

Fazit

Bedenkt man, dass Tottenham mindestens drei Tore in Lissabon erzielen muss, scheint der Aufstieg fast schon utopisch, wenn man die Probleme der Offensivabteilung der Spurs betrachtet. Diese hängen aber sicherlich auch mit der zurückhaltenden Spielweise der Außenverteidiger zusammen, die aus sicherheitstechnischen Gründen meistens eher zurückhaltend agieren.

Blickt man auf die Defensivleistung der Mannschaft war diese über das komplette Spiel gut und man stand generell stabil. Konter Lissabons wurden nicht viele zugelassen, und wenn dann wurden sie effektiv verteidigt.

Gelingt es Tim Sherwood die Probleme in der Offensive zu beheben, z.B. indem er die Außenverteidiger von Beginn an nach vorne zieht, ist ein Aufstieg in die nächste Runde zwar weiterhin nicht wahrscheinlich, aber auch nicht unmöglich. Ein schnelles Tor in der Anfangsphase könnte das Spiel sicherlich in die Richtung von Tottenham kippen lassen, die allerdings aufpassen müssen, nicht ausgekontert zu werden.

Tobias Robl, abseits.at

Tobias Robl

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