Das Hinspiel des Duells in der Europa League zwischen zwei der traditionsreichsten englischen Mannschaften konnte der FC Liverpool für sich entscheiden. In diesem Artikel... Klopps Team zeigt mehr Konstanz: Englisches EL-Duell geht an Liverpool

Jürgen Klopp_abseits.atDas Hinspiel des Duells in der Europa League zwischen zwei der traditionsreichsten englischen Mannschaften konnte der FC Liverpool für sich entscheiden. In diesem Artikel analysieren wir, wie der Sieg zustande kam.

Mann- gegen Passwegorientierung

Beide Mannschaften formierten sich im Pressing in einem 4-4-2, wobei sich das Pressing an der Höhe des Mittelfeldes orientierte. Dennoch gab es zwei distinktive Unterschiede, nämlich die Art und Weise, wie der Ball gewonnen, beziehungsweise der Gegner geleitet werden sollte. United trat nämlich, auch in der Abwehr mit teils sehr klaren und konsequent genutzten Mannorientierungenan. Immer wieder verfolgten die Spieler ihren Gegner mehrere Meter und nahmen dabei fehlende Absicherungen in Kauf.

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Varela und Smalling verfolgen ihre Gegner und nehmen den offenen Raum hinter ihnen in Kauf.

Dies funktionierte im Mittelfeld zu Beginn jedoch sehr gut, man konnte immer wieder Ballgewinne gegen den großen Rivalen aus Liverpool verzeichnen. Wichtig bei Mannorientierungen sind vor allem Reaktionsschnelligkeit und Intensität: Da man ja immer in der reagierenden Rolle als Verteidiger ist, muss auf Freilaufbewegungen schnell reagiert werden und Zweikämpfe intensiv geführt werden. Was passiert, wenn man dies nicht tut, zeigte Chelsea einen Tag davor gegen PSG. United war stets sehr eng am Mann und ließ der technisch starken offensiven Dreierreihe der Reds kaum Zeit für Mitnahmen oder Dribblings. Die Gäste hatten zwar vor allem im Mittelfeld mehr vom Ball, jedoch kam man durch Spielaufbau in den ersten 20 Minuten nur selten gefährlich vors Tor der Red Devils. Die besten Chancen erspielte man sich durch intensives Gegenpressing mit anschließender schneller Umschaltaktion. Sturridge wich dabei immer leicht aus und machte Platz für horizontale Läufe in den Strafraum für seine Mitspieler.

Liverpool hingegen spielt unter Klopp Pressing mit Fokus auf Raumverknappung. Der Gegner soll durch bogenförmige Läufe in eine Zone gelenkt werden (meistens den Flügel) wo man ihn dann isolieren will, um den Ball zu erobern. Dadurch, dass bei United oft nur Schneiderlin als einzige tiefere Anspielstation im Zentrum bereit stand, war dies ein recht einfaches Unterfangen für die Mannschaft Jürgen Klopps. Durch das zusätzlich starke Gegenpresing konnte man immer wieder den Ball zurückgewinnen, falls dieser mal verloren ging. Im Gegenpressing wird die Schnelligkeit und Wendigkeit der Liverpooler Mittelfeldspieler genutzt, die nach mittlerweile einigen Monaten an Training unter dem emotionalen Deutschen instinktiv nach Ballverlust ins Gegenpressing umschalten.

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Liverpools intensives Gegenpressing. Wichtig auch die passende Absicherung durch Sakho hinten und Firmino in der Mitte. So sind genug Zugriffsmöglichkeiten da.

Liverpool ging mit fortlaufender Spielzeit auch deutlich besser mit den Mannorientierungen um: Mit vielen Positionswechseln, Läufen hinter die Abwehrreihe und Antäuschbewegungen beim Freilaufen konnte man sich immer wieder befreien und kam nun noch besser ins Spiel. Immer wieder konnte man sich über den Halbraum durchkombinieren, die folgenden Hereingaben waren ebenfalls stark und konnten meist abgeschlossen werden. De Gea verhinderte jedoch schlimmeres, gegen den Elfmeter konnte er jedoch natürlich nichts machen.

Die zweite Halbzeit

In Halbzeit zwei agierte United nach Einwechslung von Carrick, der in die Innenverteidigung rückte und für Rashford kam, in einem 5-3-2. Auch das Gegenpressing war nun intensiver, Liverpool konnte sich aber immer wieder mit schnellen, direkten Kombinationen vom Druck befreien. Bei United fehlte es weiter an den passenden Verbindungen, man bekam nur in den seltensten Fällen Ballstaffetten über mehrere Stationen zusammen. Fellaini war meist nur bei hohen Bällen präsent, Mata fehlte es somit an einem Partner. Weder Martial noch Depay sind geeignete Mitspieler in solchen Situationen für den kombinationsfreudigen Spanier. Eine frühere Einwechslung von Herrera für Fellaini hätte hier vielleicht eine Verbesserung gebracht. Zudem positionierte sich Liverpool, sofern der erste Pressingwall von den Gastgebern überspielt wurde, recht tief in der eigenen Hälfte. Dies machte Depay und Martial, designierte Umschaltspieler, die von Weiträumigkeit profitieren und einen gewissen „Anlauf“ brauchen, noch ineffektiver. Durch aggressiveres, jedoch weniger systematisches Nachsetzen konnten die Red Devils zu Beginn des zweiten Durchgangs jedoch trotzdem das Spiel recht offen gestalten. Das Pressing war nun auch höher angelegt, was Mignolet oft zu hohen Bällen zwang. Wie oben bereits erwähnt konnte Liverpool mit vielen Vertikalpässen und schnell folgenden Ablagen auf den dritten, in den Raum startenden, Mann herausspielen. Das entscheidende 2:0 fiel dann in Minute 73, als nach Gegenpressing der Ball in der eigenen Hälfte gewonnen wurde und durch eine Überladung am rechten Flügel der Ball in den Strafraum befördert wurde. Carrick machte hier einen Fehler und klärte nicht richtig, woraufhin der Ball vor Firminos Füße kam und dieser aus fünf Metern netzte.

Fazit

Es geht weiter bei Uniteds Auf und Ab. Nach guten Vorstellungen im EL-Rückspiel gegen den FC Midtjylland und gegen Arsenal folgten Ernüchterungen West Brom und Liverpool. Das fehlende Gegenpressing, die Verbindungs- und auch die Personalprobleme bereiten Louis van Gaal, eigentlich einer der größten seines Fachs, Kopfzerbrechen. Klopps Liverpool machte hingegen ein Spiel, das den Coach wahrscheinlich sehr zufrieden macht. Man hat den Spielstil mittlerweile verinnerlicht, jedoch fehlt es auch hier an Konstanz und Erfolgsstabilität. Der Elfmeter half das Eis zu brechen, es wäre interessant gewesen den Spielverlauf ohne diesen beobachten zu können.

David Goigitzer, abseits.at

David Goigitzer