Seit Wochen bereiten italienische Staatsanwälte und der Fußballverband (FIGC) einen großen Prozess vor, der Ende Juli beginnen soll. Stafano Palezzi, Chefankläger vonseiten des Verbandes,... Italien „Epizentrum der Wettmanipulation“ – Monsterprozess wird vorbereitet

Seit Wochen bereiten italienische Staatsanwälte und der Fußballverband (FIGC) einen großen Prozess vor, der Ende Juli beginnen soll. Stafano Palezzi, Chefankläger vonseiten des Verbandes, hat auf seiner Liste Beschuldigter 22 Vereine und 61 Spieler und Manager von unter anderem Atalanta Bergamo, Novara Calcio und AC Siena.

Der Hauptfokus, der Palezzi zu der Aussage, sein Heimatland wäre das „Epizentrums der Wettmanipulation“, hingerissen hatte, liegt auf Spielen der Serie B. Für die 22 Vereine, laut italienischen Medienberichten die erwähnten drei Serie A-Klubs und 13 Zweitligavereine, gelte, dass sie mitverantwortlich für die Manipulationen sind. Wenn die Spieler sich zu Wettmanipulation hinreißen lassen, stehe der Verein ebenso gerade. Den Spielern – 35 wurden verhaftet, unter den Angeklagten befindet sich auch der Ex-Atalanta-Kapitän Cristiano Doni, der im Dezember 2011 ebenfalls festgenommen wurde – drohen lange Sperren, den Klubs Punkteabzüge und auch Haftstrafen stehen im Raum.

Ablauf eines Betrugs?

Den wohl krassesten Fall von Wettmanipulation vermuten italienische Medien beim AS Bari. Die Apulier standen drei Spieltage vor Schluss in der Saison 2010/11 bereits als Absteiger fest. Teile der „Ultras“ sollen Spieler, verhört wurden der frühere Torwart Jean Francois Gillet und der ehemalige Abwehrspieler Marco Rossi, unter Druck gesetzt haben, auch die letzten drei Saisonspiele zu verlieren. Obwohl diese bestritten, die Ergebnisse manipuliert zu haben, verlor der AS Bari diese. Im Visier der Staatsanwaltschaft stand auch Andrea Masiello, ebenfalls Abwehrspieler bei Bari. Er wurde Anfang April festgenommen, er soll Serie A-Spiele gegen Lecce, Palermo, Bologna, Chievo und Samdporia Genua verschoben haben. Der Verteidiger gab zu, in der vergangenen Saison bei seinem ehemaligen Verein ein Eigentor zum 0:2 im Lokalderby gegen Lecce absichtlich geschossen zu haben. Dafür hätten er und zwei Komplizen rund 250.000 Euro in bar erhalten.

Keine Ruhe nach 2005

Der italienische Klubfußball kommt nicht zur Ruhe. Nachdem Juventus Turin in der Meistersaison 2004/05 Spiel verschoben hatte und zwangsrelegiert wurde, wurde im Zuge des deutschen Wettskandals 2009 rund um Schiedsrichter Robert Hoyzer bekannt, dass zumindest auch eine Serie-B-Partie geschoben gewesen sein soll. In Zuge dieses Skandals wurde auch die Begegnung SK Rapid Wien – KS Vllaznia Shkodra (5:0 am 16. Juli 2009) untersucht sowie drei Spiele in der Champions League.

Gründe für die Manipulationen

War der Skandal von 2005 um Juventus Turin der Vereinsführung geschuldet, sind es nun vermutlich Spieler selbst, die die Begegnungen verschoben haben sollen. Mögliche Gründe nannte Gerhard Novotny von der Spielergewerkschaft VdF in Österreich in Zusammenhang mit ausstehenden Gehältern bei einem Ostligaklub. Die Spieler bekommen ihr Geld nicht, sind unzufrieden und wollen aber dennoch kassieren. Dabei reichen den Betrügerbanden oftmals ein paar pikante Details aus dem Privatleben – etwa ein Seitensprung oder sexuelle Orientierung, die nicht öffentlich bekannt werden soll. Dass manche Spieler trotz regelmäßigen Gehalts bei den Summen, die durch Manipulationen umgesetzt werden, schwach werden, steht außer Frage. Gerade in Italien – das organisierte Verbrechen ist das liquideste Geldhaus im Land – ist genug Geld vorhanden. Und reich wird ein Spieler, der jahrelang in der Serie B spielt, auch nicht.

Ausblick

Die 33 Spiele, die genau untersucht werden, sind noch nicht zur Gänze bekannt. Palazzi kündigte bereits an, dass weitere Namen von Spielern und Vereinen veröffentlicht werden sollen. Der italienische Fußball steht also vor einer weiteren Eruption. Die Tabelle der Serie B dürfte nach dem Prozess, der anfangs für 21. Mai anberaumt war, nicht mehr wirklich aussagekräftig sein. Es erwartet die Italiener ein heißer Sommer.

Verständnis?

Im Endeffekt sind die Wettmanipulationen kaum zu verhindern. In manchen Ländern wird nicht gefragt, wo die aberwitzigen Summen herkommen, die gesetzt werden. Wie viel Geld muss die Wettmafia verdienen, wenn, wie im Fall von Masiello, drei Personen 250.000 Euro bekommen? Und haben manche Kicker nicht vielleicht sogar Verständnis für ihre Kollegen? Die Wirtschaft steht schlecht da, gerade in Österreich gibt es viele Beispiele für Vereine, die sich den Spielbetrieb irgendwann nicht mehr leisten konnten. Noch dazu sind viele Berufsfußballer, die es nicht in die höchsten Spielklassen schaffen, in schwierigen Arbeitsverhältnissen. Masiello spielte im Nachwuchs bei Juventus Turin, widmete sein Leben dem Calcio, verfügt nicht über einen bürgerlichen Beruf. Was bleibt nach der Profikarriere? Ein finanzieller Polster durch ein, wie Fehler im Spiel, ein Eigentor, das immer wieder passieren kann – die Verlockung ist groß. Verständnis sollte es dennoch keines geben.

Wird „Wettskandal“ gegoogelt, so erscheinen viele verschiedene aufgedeckte. Die Wettmafia ist zum Teil des Fußballs geworden und das Einzige, was den Verbänden und Vereinen bleibt, ist auf moralische Werte der Spieler zu pochen – oftmals kein allzu dicker Polster.

Georg Sander, abseits.at

Georg Sander

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