Der insgesamt 167. Liga-Clásico war der erste „el Clásico“ seit über drei Jahren ohne die Beteiligung von Pep Guardiola oder José Mourinho. Wir werfen... Él clásico 2013/2014: FC Barcelona gewinnt im Camp Nou gegen Real Madrid 2:1

FC Barcelona Logo 2Der insgesamt 167. Liga-Clásico war der erste „el Clásico“ seit über drei Jahren ohne die Beteiligung von Pep Guardiola oder José Mourinho. Wir werfen einen Blick auf die Taktik der Mannschaften sowie auf die Umstände dieses vielleicht größten und prestigeträchtigsten Duells im Vereinsfußball.

Viele personelle Veränderungen bei beiden Vereinen seit dem letzten Aufeinandertreffen

Bei den Königlichen hat sich im Sommer vieles getan: Trainer José Mourinho wurde durch Paris Saint Germain Coach Carlo Ancelotti ersetzt, Mesut Özil wurde für rund 50 Millionen an Arsenal abgegeben und im Gegenzug wurden Asier Illarramendi von Real Sociedad San Sebastián sowie Isco vom FC Málaga verpflichtet (jeweilige Ablösesumme: 30 Millionen €).

Gleich drei Spieler verließen die Königlichen in Richtung Neapel: Stürmer Gonzalo Higuaín (Ablösesumme 37 Millionen €), Innenverteidiger Raúl Albiol (12 Millionen €) sowie Flügelstürmer José María Callejón (9,5 Millionen €). Zudem wurde der ehemalige Weltfußballer Kaká – der in Madrid nie an seine besten Zeiten im Trikot des AC Milan anknüpfen konnte – ablösefrei an seinen alten Verein in Mailand abgegeben. Ricardo Carvalho durfte ebenfalls ablösefrei gehen (AS Monaco) und Pedro León wurde für 6 Millionen € an den FC Getafe verkauft. Darüber hinaus wurde Daniel Carvajal von Bayer 04 Leverkusen zurückgeholt (6,5 Millionen €), das brasilianische Mittelfeldtalent Casemiro verpflichtet (6 Millionen €) und zahlreiche Akteure von der zweiten Mannschaft Reals in die erste Mannschaft befördert (Álvaro Morata, Jesé Rodríguez, Nacho Fernández und Denis Cheryshev; Letzterer ist ein Jahr an den FC Sevilla ausgeliehen).

Der teuerste Transfer des vergangenen Sommers geht ebenfalls auf die Kappe von Real Madrid: nach wochenlangen Hin und Her konnte der Waliser Gareth Bale von Tottenham Hotspur in die spanischen Hauptstadt geholt werden – die Ablösesumme für den Offensivspieler betrug zwischen 91 und 100 Millionen €.

Die zahlreichen taktischen Möglichkeiten, die vor allem durch den Bale-Transfer möglich geworden sind, wurden bereits von Rene Maric beschrieben.

Erwähnenswert ist ebenfalls die Tatsache, dass der ehemalige Real-Akteur und französische Weltmeister Zinédine Zidane in Sommer als Sportdirektor installiert wurde.

Bei den Katalanen fanden im Sommer ebenfalls viele personelle Umbrüche statt: Gerardo ‚Tata‘ Martino übernahm den Trainerposten von Tito Vilanova, der aufgrund seiner Krebserkrankung im Sommer zurücktrat. Der französische Verteidiger und Krebs-Bezwinger Éric Abidal wechselte im Sommer ablösefrei zum AS Monaco, David Villa  wurde für 2,1 Millionen € zu Atlético Madrid transferiert, Innenverteidiger Andreu Fontàs wechselte für 1 Millionen € zu Celta Vigo und Thiago Alcántara wurde für 25 Millionen € an den FC Bayern München verkauft. Bis zum nächsten Sommer ausgeliehen sind Bojan Krkic (Ajax Amsterdam), Gerard Deulofeu (FC Everton) sowie Rafinha (Celta Vigo). Darüber hinaus kehrten Isaac Cuenca und Ibrahim Afellay von ihrer einjährigen Leihe zurück (Ajax Amsterdam bzw. FC Schalke 04) und Sergi Roberto sowie Oier Olazábal wurden in die 1.Mannschaft der Katalanen befördert.

Mit dem 21-jährigen Brasilianer Neymar (FC Santos) konnte ein weltweit gefragter Offensivakteur im vergangenen Sommer nach Katalonien geholt werden – die exakte Ablösesumme ist bis heute nicht bekannt (die am häufigsten zitierte Summe beläuft sich auf 57 Millionen €).

Die Causa Iker Casillas

Seit der schweren Verletzung von Casillas zu Beginn des Jahres 2013 und der darauf folgenden Verpflichtung von Diego López ist „San Iker“ nicht mehr der unumstrittene Stammtorhüter der Königlichen. López‘ gute Leistungen während Casillas‘ Verletzung veranlassten den damaligen Trainer José Mourinho dazu, Casillas zur Nummer zwei zu degradieren –  für viele Madridistas ein Affront, den Kapitän und eine lebende Vereinslegende während seiner Verletzung zu degradieren. Unter Carlo Ancelotti hat sich diese Situation nicht grundlegend geändert: im Moment lautet der Deal Ancelottis, dass López die Spiele in der Liga bestreitet, während dem Casillas in der Champions League das Madrider Tor hüten darf.

Jüngst drohte Casillas, den Verein verlassen zu wollen, wenn sich seine Situation innerhalb der nächsten drei Monate nicht ändern wird. Ob Casillas seiner Drohung wirklich Taten folgen lassen wird, ist noch nicht abzusehen.

Bisheriger Saisonverlauf in der Primera División: Barça konstant und meist überzeugend, Real oft glücklich

Nach neun Spieltagen musste der FC Barcelona erst in der letzten Begegnung auswärts gegen den CA Osasuna (Endstand 0:0) Punkte liegen lassen. Im Camp Nou ließen die Katalanen in dieser Saison wenig anbrennen und konnten meist ungefährdete, hohe Siege feiern; ähnlich wie in der letzten Saison hatte Barça auswärts einige Probleme, es reichte dennoch in den meisten Partien für einen knappen Sieg.

Die bisherige Saison von Real Madrid in der spanischen Liga ist dagegen geprägt von vielen umstrittenen Elfmetern und späten Siegtoren (Elche, Levante). Am siebten Spieltag unterlag man sogar dem Stadtrivalen Atlético mit 0:1 im Santiago Bernabéu. Angesichts des Trainerwechsels, der tiefgreifenden Veränderung des Madrider Kaders und der vielen taktischen Experimente Ancelottis ist die Ausgangslage der Königlichen in der Liga zwar nicht optimal, aber nicht aussichtslos: die Saison ist bekanntlich noch sehr jung.

In der Tabelle lag der FC Barcelona vor dem Duell an erster Stelle, Atlético Madrid folgte mit einem Punkt Rückstand, Real Madrid lag zwei Punkte hinter dem Stadtrivalen auf Rang drei.

Startaufstellungen: Real überraschend mit drei gelernten Innenverteidiger und ohne gelernten Mittelstürmer, Barça mit vier gelernten Mittelfeldakteuren

Die Startaufstellung der Gäste aus Madrid war mit vielen Überraschungen gespickt: Diego López begann im Tor, Raphaël Varane und Pepe bildeten das Innenverteidigerpärchen, rechts verteidigte Daniel Carvajal und links Marcelo. Kapitän Sergio Ramos, Sami Khedira sowie Luka Modrić bildeten das Mittelfeld und Cristiano Ronaldo, Gareth Bale und Ángel Di María starteten in der Offensive der Gäste. Nach Bekanntgabe der Madrider Aufstellung wurde spekuliert, ob es sich um eine 4-2-3-1, eine 4-2-2-2 eine 4-3-3 oder gar um eine 3-5-2-Formation handeln könnte.

Auf der Ersatzbank hatte Ancelotti mit Iker Casillas, Fábio Coentrão, Karim Benzema, Álvaro Arbeloa, Jesé Rodríguez, Isco und Asier Illarramendi viele hochkarätige Reservisten und diverse taktische Optionen.
Auf den verletzten Xabi Alonso sowie auf den aus dem Kader gestrichenen Álvaro Morata musste Ancelotti verzichten.

Bei den Hausherren begann Victor Valdés im Tor, davor verteidigten Dani Alves, Gerard Piqué, Javier Mascherano und Adriano. Sergio Busquets spielte auf der Sechser-Position, vor ihm komplettierten Xavi und Andrés Iniesta das Mittelfeld der Katalanen. In der Offensive begannen Cesc Fàbregas, Lionel Messi und Neymar. Auch die Aufstellung des FC Barcelona lässt nicht eindeutig erkennen, wie die Offensivformation aussehen wird: spielt Messi am rechten Flügel und Fàbregas auf der falschen Neun im gewohnten 4-3-3? Ist es vielleicht sogar ein 4-4-2 mit Fàbregas im Mittelfeld? Oder gibt Alves rechts die Breite im letzten Drittel und Messi und Fàbregas stoßen abwechselnd in die Sturmspitze?

Die Ersatzbank der Katalanen war mit José Manuel Pinto, Martín Montoya, Carles Puyol, Alex Song, Sergi Roberto, Pedro und Alexis Sánchez nicht minder hochkarätig besetzt als jene der Gäste.
Cristian Tello und Marc Bartra wurden aus dem Kader gestrichen, Jordi Alba, Jonathan dos Santos und Ibrahim Afellay fehlten verletzt.

Erste Halbzeit: Madrid im 4-3-3 mit wenigen Offensivaktionen, Barça kontrolliert und eiskalt vor dem Tor

Auf dem Rasen sah Madrids Startaufstellung wie folgt aus: vor der Vierer-Abwehrreihe gab Ramos den Sechser, vor ihm spielten Modrić und Khedira als Achter; Bale lief als nomineller Mittelstürmer auf, Ronaldo auf dem linken, Di María auf dem rechten Flügel. Allerdings war dies nicht dermaßen statisch, wie es sich auf dem Papier liest: ein fluides 4-3-3 beschreibt die Formation der Gäste am besten, da alle drei Offensivakteure ständig ihre Positionen wechselten und selbst Khedira oft in die Spitze stieß. Es ist davon auszugehen, dass Ancelotti defensiv sicher stehen wollte und mit dieser an Konterstärke kaum zu überbietenden Offensivreihe der konteranfälligen Defensive der Katalanen viele Probleme bereiten wollte. Auffällig war auch die Tatsache, dass alle drei Offensiven viel Laufarbeit leisteten, die Hausherren hoch pressten und häufig bis in die eigene Hälfte verteidigten.

Der FC Barcelona agierte im gewohnten 4-3-3, jedoch nahm Martino viele mikro-taktische Veränderungen und Anpassungen vor: im Gegensatz zu den meisten Partien in dieser Saison entschied sich Martino gegen zwei klassische Flügelstürmer: Messi war meist auf rechts zu finden, zog aber häufig ins Zentrum des Mittelfeldes oder des Angriffs und tauschte die Position mit Fàbregas. Manchmal wirkte die Formation der Katalanen wie ein 4-4-2, da sich Fàbregas ins Mittelfeld zurückfallen ließ. Diese Maßnahme bewirkte einerseits, dass Messi seinem vermeintlichen Kettenhund Sergio Ramos entzogen wird und andererseits soll dies die Dominanz im Zentrum erhöhen (da Messi den Drang zur Mitte hat und nicht am Flügel kleben bleibt); ein zusätzlicher Effekt davon war, dass sich Marcelo mehr zurückhielt und so die katalanische Defensive entlastet wurde. Erwähnenswert ist auch die Tatsache, dass Messi mit Iniesta die meisten Tackles im gesamten Spiel hatte (mit je 5). Auf dem linken Flügel hielt Neymar seine Position und bereitete der Madrider Defensive große Probleme.

Darüber hinaus spielte Dani Alves für seine Verhältnisse äußerst zurückhaltend und defensiv – somit wollte Martino verhindern, dass Reals schnelle Konterspieler Bale, Ronaldo und Di María gefährlich werden. Auf der linken Außenverteidigerposition agierte Adriano noch defensiver als Alves und sicherte auch oft den Halbraum ab. Nur situativ schalteten sich die beiden Außenverteidiger in die Offensive ein. Martinos Maßnahmen zur Stabilisierung der katalanischen Defensive trugen in der ersten Hälfte Früchte, da Real offensiv kaum statt fand (bis auf eine gefährliche Aktion durch Khedira nach Cristiano-Ronaldo-Flanke in der 45. Minute).

Durchschnittliche Feldpositionen im Clasico

Die durchschnittlichen Spielerpositionen der beiden Mannschaften: links der FC Barcelona, rechts Real Madrid. (Quelle: whoscored.com)

Zudem erkannte man Martinos Handschrift in den ersten 45 Minuten bereits sehr deutlich daran, dass Barcelona sehr flexibel und pragmatisch agierte: um Konter Reals zu verhindern, überließ man den Gästen zeitweise den Ball und verteidigte kompakt und diszipliniert – dies funktionierte in der ersten Hälfte hervorragend, da Real kein Durchkommen fand und vermehrt auf ungefährliche Fernschüsse setzte (Bale in Minute 15 und 26). Dass Real Madrid vor allem dann Probleme hat, wenn man ihnen den Ball überlässt, wurde in der letzten Saison der Primera División mehr als deutlich. Die Tatsachen, dass Xabi Alonso verletzt ausfällt, einige Kreativspieler im ersten Durchgang auf der Bank saßen, Mesut Özil verkauft und mit Bale ein weiterer konterstarker Akteur verpflichtet worden ist, haben dieses Probleme nicht grade behoben.

Ein Effekt vom vermehrten Ballbesitz Reals waren eigene Kontermöglichkeiten, die oft gefährlich wurden (Chance von Messi in der 20.Minute nach Pass von Iniesta). Es ist bezeichnend für den neuen Trainer, dass in dieser Saison viele Tore durch eigene Konter erzielt werden konnten.

Nach 19 Minuten konnte Clásico-Debütant Neymar nach starkem Zuspiel von Iniesta den Führungstreffer markieren, allerdings war auch eine gehörige Portion Glück beim abgefälschten Abschluss des Brasilianers dabei. Die Abwehr Reals sah bei diesem Tor alles andere als souverän aus: Sechs Real-Akteure konnten drei Barça-Spieler nicht entscheidend stören.

Zweite Hälfte: Wechsel auf beiden Seiten bringen neuen Schwung

Die ersten 10 bis 15 Minuten der zweiten Hälfte verliefen ähnlich wie die erste Halbzeit. Durch die Spielerwechsel Ancelottis (Illarramendi für den gelb-rot-gefährdeten Ramos und Benzema für Bale, später dann Jesé für Di María) wurde Real offensiv gefährlicher, direkter und zielstrebiger, was aber auch an der zunehmenden Ermüdung der Barça-Akteure lag. Die Folge der Ermüdung war, dass Barcelona defensiv weniger kompakt stand und Real mehr Lücken vorfand; einige gute Chancen der Gäste konnte Valdés abwehren (Cristiano Ronaldo in der 57. Minute, Khedira in der 86.Minute), manchmal war auch Pech im Spiel (Lattenschuss Benzema in der 71.Minute; umstrittene Elfmeter-Entscheidungen).

Martinos erste Wechsel waren einerseits eine Reaktion auf die Ermüdung seiner Mannschaft und andererseits auch die Rückkehr zum gewohnten 4-3-3: Alexis Sánchez kam für Fàbregas in die Partie und besetzte den rechten Flügel, somit konnte Messi wieder auf seine Stammposition im Zentrum rücken. Dieser Wechsel hatte auch eine defensive Komponente: Sánchez presste stark, half in der eigenen Defensive aus und erzielte nach einem Konter und starker Einzelaktion das 2:0 (78. Minute). Dieses Tor war aus diesem Grunde so entscheidend, da es in Reals stärkste Phase fiel und sie knapp vor dem Ausgleichstreffer standen.

Zudem ersetzte Martino Iniesta durch den physisch starken Song, um so das Mittelfeld zurückzugewinnen.

Dass Martinos Plan, Konter der Gäste zu unterbinden, nicht ganz aufging, zeigte Jesés Tor in der 91. Minute: nach einem Ballverlust von Messi wird Cristiano Ronaldo bedient, der Tempo aufnimmt und das Spielgerät in den Lauf des eingewechselten Jesé spielt, der vollenden kann.

Barça war in dieser Situation zu weit aufgerückt und Reals Konterspezialisten hatten leichtes Spiel.

Fazit: ein taktisch interessanter ‚el clásico‘, der auch hätte anders ausgehen können

Durch diesen in der Entstehung etwas glücklichen aber nicht unverdienten Sieg der Katalanen konnte der Vorsprung in der Tabelle auf Real Madrid vergrößert werden.

Beide Trainer brachten interessante Ideen und Ansätze in ihre Startaufstellungen ein, wovon allerdings nicht alles gelang. Martinos Taktik hat sich letztendlich als die erfolgreichere erwiesen und sie zeigt auch, dass Barcelona mit eigenen Kontern, diszipliniertem Verteidigen und weniger Ballbesitz gewinnen kann. Bei Real-Coach Ancelotti dürfte diese Partie viele bereits bekannte Probleme nochmals offengelegt haben; es wird interessant zu beobachten sein, wie der Italiener darauf reagieren wird.

Wir dürfen uns bereits jetzt auf eine spannende Saison und auf einen weiteren nicht minder spannenden und taktisch geprägten ‚el clásico‘ im Santiago Bernabéu freuen.

Luc Scholtes, abseits.at

Luc Scholtes