Eines der interessantesten Experimente auf Nationalmannschaftsebene dürfte Louis van Gaal bei den Niederländern sein. Nachdem er 2002 bei der Qualifikation für die Weltmeisterschaft scheiterte...

Eines der interessantesten Experimente auf Nationalmannschaftsebene dürfte Louis van Gaal bei den Niederländern sein. Nachdem er 2002 bei der Qualifikation für die Weltmeisterschaft scheiterte und gehen musste, kehrt er nun zurück und möchte nach der schwachen Europameisterschaft nicht nur sich selbst, sondern die gesamte Nationalmannschaft wieder in die Erfolgsspur bringen.

Romantik gegen Pragmatismus – der Unterschied zu Bert van Marwijk

Der Vorwurf an van Marwijk lautete, dass er seine Mannschaft zu defensiv und konservativ aufstellte. Vorne durfte zwar frei gewirbelt werden und auch Wesley Sneijder hinter der offensiven Dreierreihe genoss seine geringen defensiven Verantwortlichkeiten, doch dahinter sah es mau aus. Die Außenverteidiger schalteten sich sporadisch in die Offensive ein, doch die Doppelsechs und die zentralen Innenverteidiger wirkten eher rustikal. Van Marwijk setzte auf eine kompakte Zentrale und eine klassische Rollenauslegung. Dadurch wirkten die Offensivspieler oftmals isoliert und Sneijder musste die gesamte kreative Traglast aus der Tiefe heraus auf seine Schultern nehmen. Die Abwehr war zwar kompakt, doch die gesamtmannschaftliche Kompaktheit ging zugrunde und äußerte sich insbesondere beim Pressing sowie dem kollektiven Offensivspiel.

Total Voetbal unter Van Gaal

Van Gaals Philosophie ist hierbei deutlich weniger auf den Erfolg und auf das Ausnutzen einzelner Stärken ausgerichtet. Der ehemalige Bayerntrainer steht für den totalen und den schönen Fußball, in welchem die Mannschaft der Star ist. Mit Synergien und taktischer Komplettheit sollen etwaige suboptimale Positionsanpassungen der Individualisten aufgefangen werden – und im Idealfall werden diese Individualisten durch eine passende Spielweise noch  besser inszeniert. So geschah dies beispielsweise bei Arjen Robben, der von rechts nach innen ziehen konnte und ihm die nötigen Räume durch Lahm und Müller wie auch Olic geöffnet wurden.

Beschneidung des eigenen Potentials

In der Nationalmannschaft fehlte dies. Van der Wiel ging selten mit passendem Timing die richtigen Wege, Van Persie suchte vorne für sich selbst Lücken, während Sneijder oder auch Van der Vaart hinter Van Persie den Ball und die Räume für sich haben wollten. Die Konsequenz war Ausrechenbarkeit und Beschneidung des eigenen Potenzials. Wenn Robben nach innen zog, entstand Chaos, es fehlte an Anspielstationen und Breite. Unter Louis Van Gaal soll sich dies ändern.

Die Kollektivisierung naht

Entsprechend dem ganzheitlichen Prinzip werden auf dem Platz nicht mehr die nominell besten Spieler oder irgendwelche Systemkorsette zu sehen sein, sondern die Schnittmenge der besten Spieler und der besten Mitspieler. Hierbei wird eruiert, welche Systeme möglich sind und welche Individualisten die taktischen Anforderungen des Positionsspiels erfüllen können. Das Positionsspiel ist eines der Markenzeichen des Ballbesitzfußballs unter Van Gaal. Man könnte die Spielweise gar als eine weniger chaotische und dafür vertikale Version des aktuellen Barcelona-Fußball deklarieren.

Erzwingen qualitativ hochwertiger Chancen

Bei beiden liegt das Hauptmerkmal im Herausspielen qualitativer Chancen, wobei Van Gaal das Raumschaffen durch läuferische Bewegung stärker forciert als das Raumschaffen durch Ballgeschiebe – wobei natürlich in beiden Systemen beides vorkommt. Dies erscheint fast paradox im Verbund mit dem Positionsspiel, doch liegt auch daran, dass die Passstafetten der Teams des Van Gaal etwas kürzer sind, da ein stärkerer Fokus auf das Erzwingen qualitativer Chancen liegt. Darum auch das Positionsspiel: bestimmte Zonen und Positionen müssen jederzeit besetzt werden, um den Gegner einen möglichst großen Raum zum Verteidigen zu geben. Dies soll dessen Kompaktheit vermindern und Lücken öffnen.

Torchancen statt Ballbesitz

Im Ziehharmonikaspiel wird der Ball horizontal durch die Reihen geschoben, es werden Wechselpässe und kurze diagonale Schnittstellenpässe eingestreut, um die Tiefenstaffelung des Gegners zu verändern. Immer wieder muss der Gegner verschieben, ermüdet – und je breiter die Reihe und je größer die zuzustellenden Lücken sind, umso schneller geschieht dies. In gewisser Weise ist der Van-Gaal-Fußball also eine organisiertere und mit stärkerem Offensivfokus ausgerichtete Spielvariation des dominanten Fußballs – der Ballbesitz ist kein Selbstzweck zur defensiven Stabilität und dem Erspielen des Sieges, es ist eine fixe Idee, um zum bestmöglichen Torabschluss und einer dominanten Spielweise in Relation zu herausgespielten Torchancen statt Ballbesitz zu kommen. Entsprechend dem Zitat eines Funktionärs von Barcelona: „Cruijff sagte, er würde liebend gerne auch 5:3 gewinnen, solange er gewinne. Guardiola hingegen tut schon ein Gegentor weh.“

Wie könnte eine Van-Gaal-Elf aussehen?

Wichtig bei der Berücksichtigung einer solchen fiktiven Kaderzusammenstellung sollte sein, dass van Gaal das 4-3-3 mit „Punkt nach vorne“ präferiert. Das heißt, dass eine spielstarke Doppelsechs hinter einem zentralen Mittelfeldspieler agiert, der sich aber eher als hängender Stürmer – als sogenannter „Schattenstürmer“ – interpretiert. Dadurch ist hinter der Doppelsechs Raum für einen Innenverteidiger frei, um ins Mittelfeld aufzurücken. Diese Rolle hatte beim Ajax der Mittneunziger Frank Rijkaard inne. Somit gibt es im hypothetischen Idealsystem von Louis Van Gaal zwei ganz eigene Positionen: den spielstarken und aufrückenden Innenverteidiger sowie den Schattenstürmer.

Typischer Innenverteidiger statt sehr tiefer Spielmacher

Mit Heitinga und Maduro gäbe es zwei solche Spieler, die aus der Verteidigung heraus nach vorne operieren könnten. Eine weitere Alternative wäre es, wenn Mark Van Bommel oder Nigel De Jong umfunktioniert werden, um diese Rolle zu spielen. Beide sind defensiv- und zweikampfstark, was für eine solche Umstellung sprechen könnte. Das Problem ist jedoch, dass sie im Verein solche Rollen wohl nie spielen werden. In Anbetracht der geringen Vorbereitungs- und gemeinsamen Trainingszeiten bei der Nationalmannschaft läuft es also eher auf einen gelernten Innenverteidiger heraus beziehungsweise jemanden, der diese Rolle schon gespielt hat.

Wer wird Schattenstürmer?

Ein ähnliches Problem gibt es im Angriff. Van Persie agierte früher zumeist auf dem Flügel und spielt aktuell als Mittelstürmer. Robben kann beide Seiten im Angriff bespielen, allerdings nicht zentral. Sneijder hingegen ist auf dem Flügel gut, aber nicht ideal aufgehoben und zentral wirkt er oftmals etwas lethargisch, was die Defensivarbeit betrifft. Außerdem entspricht er eher dem Bild einer klassischen Zehn anstatt eines Schattenstürmers, der aus der Tiefe in den Strafraumkommt kommt und gleichzeitig Räume für seine Mitspieler schafft. Für diese Rolle scheint eher einer wie Van Persie in Frage zu kommen, was einen freien Platz für Huntelaar im Sturm bedeuten könnte – oder alternativ den etwas mitspielenden Akteur Luuk de Jong. Ebenfalls möglich als Schattenstürmer wären die Varianten Afellay und Van der Vaart, die beide diese Rolle auf ihre eigene Art und Weise ausführen würden. Van der Vaart etwas weniger raumschaffend, dafür aber vertikal und kombinationsstark, Afellay als falsche Zehn, die auf den Flügeln aushilft. Sneijder könnte womöglich ganz aus der Mannschaft rücken oder sich im Extremfall auf der Achter-Position neben einem defensiveren Spieler wiederfinden. Wahrscheinlicher ist es jedoch, dass dieser Platz Schaars oder Strootman gehören wird.

Rene Maric, abseits.at

Rene Maric

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