1.2 Milliarden Menschen – kein einziger aktiver Legionär. Obwohl der indische Fußball Jahr für Jahr an Popularität gewinnt, hinkt er den eigenen Möglichkeiten weit... Fußball in Indien (Teil 1) – Riesiges Potential, mangelnde Infrastruktur

1.2 Milliarden Menschen – kein einziger aktiver Legionär. Obwohl der indische Fußball Jahr für Jahr an Popularität gewinnt, hinkt er den eigenen Möglichkeiten weit hinterher. Der indische Fußballverband verpflichtet nun Experten aus dem Ausland, die sowohl die Nationalmannschaft, als auch die indische Liga nach vorne bringen sollen.

Indien ist DAS Land der Gegensätze. Während die Hälfte der Bevölkerung von weniger als einem Dollar pro Tag leben muss, gibt es eine 200-Millionen-starke wohlhabende Mittelschicht und etwa 160.000 Dollar-Millionäre. Die britische Bank Barclays schätzte im Jahr 2008, dass sich in den nächsten zehn Jahren die Anzahl der indischen Millionäre vervierfachen wird und so wie es bisher aussieht, liegt sie mit dieser Prognose goldrichtig. Ein großes Problem, das auch dem Fußball zu schaffen macht, ist die fehlende Infrastruktur. In der indischen I-League kommt es immer wieder vor, dass Partien kurzfristig abgesagt werden, da die Stadien doppelt belegt sind. Die Berichterstattung in den heimischen Medien ist ausbaufähig, selbst die Tabellenstände werden in den indischen Zeitungen nur unregelmäßig aktualisiert. Ein neues Konzept und Experten aus dem Ausland sollen nun Ordnung in das Chaos bringen.

VERBAND SUCHT TECHNISCHEN DIREKTOR

Auf der Suche nach einem neuen technischen Direktor verpflichtete der indische Fußballverband beinahe den Mentor von Josep Guardiola. Der 45-jährige Juan Manuel Lillo galt als aussichtsreichster Kandidat und sein Engagement in Indien schien eine beschlossene Sache zu sein. Astronomische Gehaltsforderungen und mangelnde Englischkenntnisse stellten sich am Ende der Verhandlungen jedoch als ein unüberwindbares Hindernis heraus, sodass die Suche nach einem Experten weiterläuft. Juan Manuel Lillo gilt als Erfinder des modernen 4-2-3-1-Systems und hat maßgeblich Einfluss auf den erfolgreichen Stil, den sein ehemaliger Spieler und Freund Josep Guardiola in Barcelona durchzieht. Lillo hätte den indischen Fußballverband in eine neue Richtung führen können und die indischen Fußballfans müssen nun hoffen, dass ein Visionär seines Kalibers verpflichtet wird.

DIE AKTUELLE LAGE DES INDISCHEN NATIONALTEAMS

In der FIFA-Weltrangliste liegt Indien nur auf dem 147. Rang. Die Färöer-Inseln sind um 33 Plätze besser platziert. Selbst die kleine karibische Insel Dominica liegt zehn Plätze vor den Indern, obwohl auch auf der paradiesischen Insel Cricket die populärste Sportart ist. Indiens ehemaliger Legionär Sunil Chhetri wechselte im März 2010 zu Sporting Kansas City, stand in der Meisterschaft jedoch keine einzige Minute auf dem Platz und wechselte Anfang des Jahres zurück in die indische Liga. Obwohl das Land 1.2 Milliarden Einwohner hat, gibt es keinen einzigen Fußballprofi, der sein Geld im Ausland verdient. In der jüngeren Vergangenheit trainierten zwei Engländer das Nationalteam, doch sowohl Stephen Constantine, als auch Bobby Houghton konnten langfristig nicht viel bewirken. Nachdem Indien Anfang dieses Jahres beim Asien-Cup alle drei Gruppenspiele verlor, musste Houghton zurücktreten und dem indischen Erfolgstrainer Armando Calaco Platz machen. Calaco führte im Jahr 2008 zum ersten Mal eine indische Mannschaft in das AFC-Cup-Halbfinale.

EINE GOLDENE ZUKUNFT?

Die Autoren des Bestsellers “Soccernomics“ behaupten in ihrem mehr als lesenswerten Buch, dass es drei Faktoren gibt, die den Ausschlag über den langfristigen Erfolg eines Nationalteams geben: Die Einwohnerzahl, das Bruttonationaleinkommen und die Erfahrung.

Was die Einwohneranzahl betrifft liegt Indien noch hinter China, holt aber stetig auf und wird 2025 voraussichtlich die Nummer eins sein. Im Jahr 2009 lag Indien in Bezug auf das Bruttonationaleinkommen weltweit auf dem zwölften Platz. In den vergangenen Jahren machte sich der Übergang von einer sozialistisch orientierten zu einer liberalen Wirtschaftspolitik bemerkbar und beschleunigte das Wirtschaftswachstum. Trotz guter Aussichten muss Indien in den nächsten Jahren viel Geld in die Infrastruktur stecken und die hohe Korruption bekämpfen. Die mangelnde Erfahrung wird der indische Fußballverband durch Importe aus dem Ausland ausgleichen müssen. Zumindest zwei der drei Faktoren versprechen Indien eine herausragende Zukunft.

Im zweiten und letzten Teil dieser Serie nehmen wir die entsprechenden Maßnahmen des indischen Fußballverbands unter die Lupe. Wird eine Idee, die ursprünglich vom Cricket kommt, den indischen Fußball retten können?

Stefan Karger, www.abseits.at

Stefan Karger

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