Die Portugiesen wurden ihrem Ruf als Minimalisten mal wieder gerecht und erkämpften sich durch ein mühevolles 1:1 Unentschieden gegen den Iran den zweiten Tabellenplatz... WM-Analyse: Die Minimalisten aus Portugal steigen auf

Die Portugiesen wurden ihrem Ruf als Minimalisten mal wieder gerecht und erkämpften sich durch ein mühevolles 1:1 Unentschieden gegen den Iran den zweiten Tabellenplatz in der Gruppe B hinter den punktegleichen Spaniern. Die Partie selbst lebte vor allem von der Spannung, spielerisch und taktisch war während der 90 Minuten viel Leerlauf und Eindimensionalität zu sehen. Die Iraner setzten wie erwartet auf ihre stabile Defensive und lauerten auf Umschaltmomente, die Portugiesen kontrollierten zwar das Spiel mit mehr Ballbesitz, der Sicherheitsgedanke war aber auch bei den Iberern sehr stark ausgeprägt. Aufgrund dieser Charakteristiken kam ein vorsichtiges, träges und Mitte der zweiten Halbzeit auch sehr emotionales Spiel zustande. Wir schauen uns den portugiesischen Ballbesitz mit Fokus auf die Absicherung an und erklären in diesem Zusammenhang auch das Defensivkonzept vom Iran. Ein kurzes Spielerportrait von William Carvalho, dem heimlichen Star im portugiesischen Spiel, rundet diese Analyse ab.

Grundordnungen und Personal

Fernando Santos formierte seine portugiesische Mannschaft wieder in der gewohnten 4-4-2 Grundordnung, bei eigenem Ballbesitz ausgestattet mit variablen Bewegungen und Positionierungen.
Die Viererkette vor Torhüter Rui Patricio bestand erneut wieder aus den beiden Innenverteidigern Fonte und Pepe, unterstützt wurden diese zwei von den beiden Außenverteidigern Guerreiro und Cedric.
Das zentrale Mittelfeld bildeten William Carvalho und Adrien Silva, der etwas offensiver und weiträumiger agierte als sein Nebenmann. Auf den Flügelpositionen setzte Santos ebenfalls auf zwei unterschiedliche Spielertypen. Auf der rechten Seite brachte er mit Ricardo Quaresma einen geradlinigen Dribbelspieler, der grundsätzlich seine Position am Flügel konstant hielt. Joao Mario ist der kombinationsorientiertere Typ, der sich dazu von seiner Flügelposition auch gerne in den nahen defensiven Halbraum oder gar in das Zentrum fallen lässt und die Ballzirkulation zusammen mit den beiden Sechsern sowie den entgegenkommenden Stürmern aufrechterhält.
In der vordersten Sturmlinie bekam neben Cristiano Ronaldo der 22-jährige Andre Silva vom AC Mailand seine Chance.

Carlos Queiroz, der portugiesische Trainer des Iran, vertraute wie schon gegen Spanien auf seine 4-1-4-1 Grundformation, die je nach gegnerische Ballbesitzstruktur zu einem 4-5-1, 6-3-1 oder 6-4-0 abgewandelt werden kann.
In der Innenverteidigung positionierten sich dafür Hosseini und Pouraliganji, flankiert wurden sie von den Außenverteidigern Hajsafi auf links und Rezaeian auf rechts.
Den Sechser vor der Abwehr gab erneut Ezatolahi, unterstützt wurde er von den beiden Achtern Amiri und Ebrahmi.
Die Flügelpositionen bekleideten die flinken und technisch beschlagenen Taremi und Jahanbakhsh, die in Umschaltsituationen nach vorne neben Stürmer Azmoun rückten und durch diesen Dreier-Sturm die portugiesische Abwehr öfters (vornehmlich noch in der ersten Halbzeit) beschäftigen und nach hinten drücken konnten. Es blieb aber leider bei ein paar recht zahnlosen Versuchen, welche aber von der stabilen portugiesischen Restverteidigung verteidigt werden konnten.

Absicherung first im portugiesischen Ballbesitzspiel

Das portugiesische Angriffsspiel ist tatsächlich etwas zweigeteilt. Auf der einen Seite eine robuste und konstant besetzte Defensiv- und Absicherungsabteilung, die bei eigenem Aufbau und Ballbesitz äußerst vorsichtig und abwartend agiert und in erster Linie darauf bedacht ist, die fluiden Bewegungen der Offensivspieler zu balancieren und zu sichern. Auf der anderen Seite die Offensivabteilung rund um Superstar Cristiano Ronaldo. Zusammen mit seinem Sturmpartner und den beiden Flügelspielern sowie einem aufrückendem Sechser (häufig Silva) rochieren sie fluide durch die Zonen in der gegnerischen Spielfeldhälfte und versuchen so, lokale Überzahlsituationen herzustellen, um im Normalfall über die Flügelzonen durchbrechen zu können (so gesehen beim 1:0 durch Quaresma).
Bestärkt wird diese These auch durch die Personalbesetzung von Trainer Santos. In den defensiven Mannschaftsteilen (Viererkette plus ein Sechser) baut er auf einen eingespielten Stamm, während er auf den kreativeren Positionen immer wieder personelle Veränderungen vornimmt und diese auch an den Gegner anpasst.

Das portugiesische Spiel wirkt durch einen solch stabilitätsorientierten Ansatz zwar selten flüssig oder gar spektakulär, in der Regel ist es aber effektiv und gut gegen Konter abgesichert. Schließlich wurde man so auch vor zwei Jahren in Frankreich Europameister. Gegen einen ebenfalls defensiv denkenden Gegner wie dem Iran entwickelt sich dann logischerweise ein recht träges und proaktives Match, so wie wir gestern eines gesehen haben.

Die Portugiesen hatten zwar durch die tiefe Pressingzone des Iran eine stabile und hoch angelegte Ballzirkulation, wirklich Risiko zwecks einer Druckerhöhung oder einer besseren Durchschlagskraft gingen sie über die gesamten 90 Minuten nie wirklich ein. So kommt es bei den Iberern eigentlich regelmäßig vor, dass immer bis zu fünf Spieler hinter dem Ball bleiben und den eigenen Angriff dementsprechend absichern. Dazu eine exemplarische Spielszene mit einem Angriff über die linke Seite:

Der linke Außenverteidiger Raphael Guerreiro erhält in der gegnerischen Hälfte ein diagonales Zuspiel aus dem Zentrum. Zwei Bewegungen stehen dabei exemplarisch für den portugiesischen Absicherungsfokus. Der ballnahe Sechser Carvalho lässt sich sofort zurückfallen und sichert so den Raum hinter dem aufgerückten Außenverteidiger. Dadurch stellte er auch eine stabile Rückpass-Option für Guerreiro dar, was Carvalho für einige gute, diagonal-flache Verlagerungen nutzte. Zweiter beachtlicher Punkt in diesem Zusammenhang ist das Einrücken des ballfernen Außenverteidigers Cedric. Positionierte sich sein Gegenüber so wie in dieser Szene in höheren Zonen, ließ er sich in die Abwehrkette zurückfallen und unterstützte die beiden Innenverteidiger, wodurch die Breite des Platzes besser abgedeckt werden konnte. In Zusammenhang mit dem Flügelfokus (weiter Weg für den Gegner zum Tor, leichter gegenzupressen) ergab sich dadurch ein sehr robustes Absicherungs-Netz, was zwar nicht besonders attraktiv, dafür aber effektiv ist.

Selbe Struktur, aber höhere Grundpositionierung beim Iran

Der Iran positionierte sich im Spiel gegen den Ball erneut in einer 4-1-4-1 Grundordnung, allerdings war die Grundpositionierung nicht so extrem tief gewählt wie eine Runde zuvor gegen Spanien, wo sie vor allem in den ersten 45 Minuten fast durchgehend im 6-3-1 verteidigten. So tief wollten es die Iraner, auch bedingt durch die Tabellenkonstellation, gegen den amtierenden Europameister nicht angehen.
Unterstützt wurde die höhere Positionierung auch dadurch, dass die portugiesischen Außenverteidiger nicht so schnell im Aufbau und nicht so hoch aufrückten wie die Spanier, weshalb die angesprochenen Staffelungen mit einer Sechserkette seltener zu sehen waren. Ansonsten blieb vieles im Vergleich zum Spanien-Spiel gleich, dafür war die defensive Stabilität zu groß. Soll heißen, dass sich die beiden Achter Amiri und Ebrahimi an den portugiesischen Sechsern orientierten und dafür öfters auch eine Linie nach vor schoben und kurzzeitig mit Mittelstürmer Azmoun eine 4-4-2 Staffelung herstellten. Vereinzelt schoben die Achter auch durch und attackierten den ballführenden Innenverteidiger Portugals, was aber eher selten zu sehen war. Die Achter hatten generell einen ziemlich großen vertikalen Aktionsradius. Wie bereits erwähnt verteidigten sie einige Male in der ersten Pressinglinie, teilweise dann aber wieder sehr nah an der eigenen Abwehrkette oder tief am Flügel. Generell kann man sagen, dass die Iraner ein sehr gutes Raumgefühl unter Beweis stellten. Die vielen fluiden Positionsrochaden der Portugiesen stellten sie nicht vor großartige Zuordnungs- oder Übergabeprobleme, stattdessen wurden die Gegenspieler gut von Raum zu Raum übergeben und von der Überzahl in Ballnähe einfach geschluckt.
Vereinzelt brachten individualtaktische Schwächen das iranische Defensivkonstrukt aus dem Gleichgewicht. Vor allem der linke Außenverteidiger Hajsafi agierte einige Male zu nah an Quaresma und konnte so mit einer einfachen Auftaktbewegung überlaufen werden.
Ein recht interessanter Aspekt war auch die Mannorientierung von Stürmer Azmoun auf William Carvalho. Zu Spielbeginn war diese Facette noch nicht so ausgeprägt (vermutlich war sie auch gar nicht vorgesehen), nach etwa einer Viertelstunde gestikulierte Trainer Queiroz und sein Assistent aber wild, Azmoun solle sich doch strikt an Carvalho orientieren. Ab der 25. Minute fruchtete das Einwirken von der Trainerbank auch und der iranische Stürmer lief konsequent (horizontal wie vertikal) Carvalho nach, was zu etlichen kuriosen Staffelungen führte. Wirklich stabilisierend wirkte diese Anpassung aber nicht (was auch am guten Verhalten von Carvalho lag), weil die Zonen vor dem iranischen Mittelfeldband völlig verwaist waren und Carvalho Azmoun in Räume zog, in denen er weit weg von einem etwaigen Zugriff auf das Spiel war. Deshalb wurde dieses Experiment in der Halbzeitpause auch wieder ad acta gelegt.

William Carvalho – darum tut er dem portugiesischen Spiel so gut

Über die klaren Rollenverteilungen im portugiesischen Spiel zwischen Offensive und Defensive haben wir ja bereits geschrieben. William Carvalho ist häufig der Spieler, der diese Mannschaftsteile alleine miteinander verbindet. Auf der Sechserposition im zentralen Mittelfeld agiert er sehr umsichtig und vorausschauend und kommt dadurch selten in Drucksituationen bzw. löst diese mit einfachen Pässen auf, bevor sie überhaupt entstehen. Das ist quasi die Königsdisziplin auf der Sechserposition im modernen Fußball, geprägt natürlich durch Sergio Busquets (auch bei dieser WM wieder).
Aber er löst nicht nur Drucksituationen auf, er kann auch mit seinen Pässen für welche beim Gegner sorgen. Vor allem mit seinen flachen, diagonalen Pässen auf die Flügel zwingt er den Gegner immer wieder zum Rückzug und überspielt so mehrere gegnerische Spieler in einer Aktion.

Ziemlich cool war gegen den Iran auch sein Verhalten auf die gegnerische Manndeckung. Er agierte nicht zu ballfordernd und erhöhte durch seine Bewegungen auch nicht die gegnerische Kompaktheit, stattdessen zog er seinen direkten Bewacher mit viel Bewegung hinter sich nach und verschleppte ihn so in Räume, in denen er für die eigene Defensive nicht viel leisten konnte und nebenbei auch noch Räume vor dem eigenen Mittelfeld öffnete. In Summe ist William Carvalho ein Spieler, der in unterschiedlichsten Spielsituationen eine sehr hohe Entscheidungsqualität aufweist und dadurch unübersichtliche, enge Situationen im Mittelfeldzentrum problemlos auflösen kann. Er fungiert als Verbindungsmann in Portugals Team und leistet auch mit intelligenten Positionierungen bei eigenem Ballbesitz einen sehr wichtigen Beitrag zur Konterabsicherung. Fernando Santos kann sich glücklich schätzen, einen solchen Spielertypen im Kader zu haben.

Sebastian Ungerank, abseits.at

Sebastian Ungerank