Nachdem Frankreich Weltmeister Deutschland ausgeschaltet hatte, ging die „Equipe Tricolore“  als Favorit in das Endspiel. Gegen eine portugiesische Elf, die erneut mit vielen Mannorientierungen... Als Fernando Santos den Sieg eingewechselte

_Fernando Santos - PortugalNachdem Frankreich Weltmeister Deutschland ausgeschaltet hatte, ging die „Equipe Tricolore“  als Favorit in das Endspiel. Gegen eine portugiesische Elf, die erneut mit vielen Mannorientierungen arbeitete, fehlte es dem Team von Trainer Didier Deschamps an zündenden Ideen um nachhaltig gefährlich zu werden. Portugal steckte den frühen Ausfall von Ronaldo gut weg und gewann dank eines Spielers dem bis dato nicht einmal 15 Minuten Einsatzzeit vergönnt waren.

Grundformationen

Frankreich startete im gewohnten 4-4-1-1-System. Pogba und Matuidi bildeten die Doppelsechs, Griezmann spielte versetzt hinter Giroud, Payet und Sissoko besetzten die Flügel. Die beiden Außenverteidiger Sagna und Evra wurden selten in den Spielaufbau einbezogen und gaben stattdessen breite im letzten Drittel. Wie bereits im Halbfinale gegen Deutschland schoben die Franzosen zu Beginn der Partie mit allen Mannschaftsteilen  sehr weit nach vorne und versuchten Portugal im Mittelfeld in Zweikämpfe zu verwickeln um ihre physischen Vorteile zu Nutzen.

Portugals Trainer Fernando Santos ließ sein Team -wie das ganze Turnier über- mit vielen Mannorientierungen agieren. William (an Griezmann), A.Silva (an Pogba) und Renato (an Matuidi) verfolgten ihre jeweiligen Gegenspieler eng im Raum, um dadurch einen erhöhten Zugriff auf das Spiel zu erlangen und Passoptionen zu versperren. Ronaldo und Nani versperrten das Zentrum und sicherten Herausrückbewegungen der Achter auf die Außenverteidiger ab.

Die Franzosen versuchten diesen Mannorientierungen durch weiträumige Ausweichbewegungen durcheinander zu bringen und zwangen die Iberer zur Improvisation: Pogba hielt Kontakt zur ersten Linie und wurde tiefer als gewohnt in den Spielaufbau einbezogen. Dadurch wurde Andre Silva, der ihn weiträumig verfolgte, aus dem kompakten portugiesischen Mittelfeld herausgezogen und öffnete Räume für den  ins Zentrum rückenden Sissoko. In Kombination mit dem ebenfalls tief spielenden Griezmann, konnten die Franzosen temporär das Zentrum überladen und die portugiesischen Mannorientierungen auflösen. Sissoko wurde häufig im Zwischenlinienraum frei gespielt und konnte mit dynamischen Dribblings durch die Linien für Gefahr sorgen.  Portugal wirkte in der ersten Halbzeit sehr fahrig und ungenau in der Positionsfindung sowie im Positionsspiel. Frankreich störte früh, presste auch einige Bälle in hohen Zonen zurück, verfolgte diese Strategie allerdings nicht mit letzter Konsequenz und beschränkte sich darauf das portugiesische Aufbauspiel zu leiten und Passoptionen nach vorne zu versperren.

Nachdem Ronaldo durch Quaresma ersetzt wurde, stellte Santos auf ein 4-1-4-1-Mittelfeldpressing mit Nani als einziger Spitze um. Portugal konnte dadurch Präsenz im Zentrum zurückerobern und längere Ballbesitzphasen einstreuen. Frankreich fehlten nun die Verbindungen nach vorne. Sie staffelten sich unvorteilhaft und konnten selten in die portugiesische Formation hineinspielen.

2.Halbzeit

Frankreich streute in der zweiten Hälfte vermehrt hohe Pressingphasen ein, wirkte dabei allerdings inkohärent (Hinter Griezmann und Giroud waren große Lücken) und ermöglichten Portugal lange Ballzirkulationsphasen in der ersten Linie.

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– Inkohärentes Pressing
– Giroud und Griezmann stören früh
– Mittelfeld rückt nicht
– Portugal kann sich leicht befreien

William kippte bei eigenem Ballbesitz zwischen die Innenverteidiger ab und stellte dadurch gegen Griezmann und Giroud eine Überzahlsituation in der ersten Linie her. Anschließend fehlten  die vertikalen Verbindungen und Verlagerungsoptionen um ein strukturiertes Aufbauspiel zu betreiben. Dadurch waren sie gezwungen  Angriffe entweder die Linie herunterzuspielen und auf anschließende Einzelaktionen zu hoffen oder lang ins gegnerische Drittel zu schlagen und auf die 2. Bälle zu gehen.

Um den portugiesischen Mannorientierungen zu entkommen ließen sich Griezmann, Matuidi und Pogba tief fallen um dann aus der Tiefe mit Dynamik Angriffe zu initiieren. Dadurch konnte zwar die gegnerische Defensivformation durcheinander gewirbelt werden und die Ballzirkulation gesichert werden, allerdings fehlten dem französischen Offensivspiel danach passende vertikale Staffelungen um erfolgsstabil ins letzte Drittel einzudringen. Die letzte Linie wurde zwar quantitativ besetzt (Giroud, Coman, Evra, Sagna), dahinter befanden sich allerdings zu viele Spieler in einer horizontalen Linie, um die kompakten Portugiesen zu knacken

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– Unvorteilhafte Verbindungen nach vorne
– Zu Viele Spieler befinden sich auf einer horizontalen Linie
– Zwischenlinienraum verwaist

Deschamps reagierte und brachte in der 55.Minute Coman für Payet. Viele französische Angriffe liefen nun über die linke Seite. Evra schob weiter nach vorne und verschaffte Coman die Möglichkeit diagonal in die Mitte zu ziehen und gemeinsam mit Griezmann im Zwischenlinienraum zu kombinieren. Eine Chance in der 57 Minute illustrierte das Zusammenspiel zwischen Griezmann und Coman: Griezmann ließ sich fallen und zog William aus dem Zentrum. Coman besetzte den frei gewordenen Raum, erhielt einen Vertikalpass, den er sofort auf den aus der Tiefe starteten Griezmann weiterleitete, welcher daraufhin zu einer aussichtsreichen Chance gelangte.

Fernando Santos brachte Eder für Renato und stellte nun auf ein 4-3-3 System um. Nani rückte nach rechts, Quaresma nach links und Eder besetzte das Sturmzentrum. Der Wechsel passte gut zu den Gegebenheiten des Spiels und der portugiesischen Spielweise: Eder konnte sich gegen die physisch starken Franzosen durchsetzen und lange Bälle im letzten Drittel behaupten. Oftmals holte er auch aus eher aussichtslosen Situationen noch eine Standardsituation heraus, sorgte für Entlastung und sicherte Portugal die Verlängerung.

Verlängerung

Schon kurz vor Ende der regulären Spielzeit tauschte Deschamps Gignac für Giroud aus, welcher versuchte durch ausweichende Bewegungen Lücken in die portugiesische Abwehr zu reißen. Man merkte aber insbesondere in der Verlängerung beiden Teams die Strapazen des langen Turnieres an. Die Abstände wurden größer, Pässe ungenauer und Angriffe wurden selten zu Ende gespielt sondern bereits früh zur Flanke gegriffen. Es deutete sich an, dass entweder eine Standardsituation oder eine Einzelaktion das Spiel entscheiden würde. Kurz nachdem Guerreiro einen Freistoß an die Latte setzte, erzielte Eder mit einem Weitschuss das umjubelte 1:0.

Frankreich versuchte nun über Flügelangriffe und hohe Strafraumbesetzung zum Torerfolg zu kommen, vernachlässigte es aber den Rückraum zu besetzten und ermöglichte Portugal immer wieder Entlastungsangriffe um wertvolle Zeit von der Uhr zu holen.

Fazit

Die Portugiesen stachen vor allem auf Grund ihrer Mannorientierungen aus dem großen Teilnehmerfeld heraus. Auch im Finale konnte Portugal durch die Mannorientierungen die physische Dominanz der Franzosen egalisieren. Frankreich machte keine schlechte Partie und versuchte durch Ausweichbewegungen und Überladungen zum Erfolg zu kommen, dadurch vernachlässigten sie allerdings die Zwischenlinienräume und stellten unvorteilhafte Angriffsstrukturen her. Gegen den Ball war ihr Pressing zu inkohärent um Portugal längere Zeit unter Druck zu setzten.

Bis auf Coman konnten Deschamps Einwechselspieler keine nennenswerten Akzente setzte, während Fernando Santos perfekt auf den Spielrhytmus reagierte und mit dem bulligen Stoßstürmer Eder den Sieg einwechselte.

Marius Kaltwasser

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