Argentinien ist unter Jorge Sampaoli eine spannende und etwas unberechenbare Mannschaft, die aber nicht zum allerengsten Favoritenkreis zählen wird. Wir sehen uns den Kader... WM-Teamanalyse Argentinien: Findet Sampaoli die fehlende Balance?

Argentinien ist unter Jorge Sampaoli eine spannende und etwas unberechenbare Mannschaft, die aber nicht zum allerengsten Favoritenkreis zählen wird. Wir sehen uns den Kader genauer an und berichten über die Stärken und Schwächen der Mannschaft.

Argentinien sicherte sich erst am letzten Spieltag der WM-Qualifikation mit einem 3:1-Auswärtssieg gegen Ecuador die Teilnahme an der Endrunde und die Testspielresultate der letzten Monate sind auch nicht berauschend. Siege wurden gegen Russland (1:0), Italien (2:0) und Haiti (4:0) eingefahren, doch es setzte auch bittere Niederlagen gegen Nigeria (2:4) und Spanien (1:6). Gerade das Debakel gegen Spanien ließ die Alarmglocken läuten, denn es wurde deutlich, dass die Mannschaft ohne ihrem Superstar Messi, der wegen muskulären Problemen aussetzen musste, nicht gefestigt ist. Allerdings muss man festhalten, dass Coach Sampaoli viele verschiedene Akteure und Systeme testete und die Mannschaft unter Wettkampfbedingungen wohl anders auftreten wird.

Verletzungspech im Tor

Argentiniens Stammkeeper Sergio Romero wird die Endrunde in Russland aufgrund eine Knieverletzung verpassen. Der United-Ersatzkeeper wird schwer zu ersetzen sein, zumal sein Wort auch in der Kabine einiges an Gewicht hatte. Statt ihm wird wohl Oldie Willy Caballero beginnen, der beim FC Chelsea meist die Ersatzbank wärmt und fast ausschließlich in den Cup-Bewerben eingesetzt wurde. Der mittlerweile 36-Jährige verfügt über viel Routine und strahlt am Platz viel Ruhe aus. Eine weitere Alternative ist der um vier Jahre jüngere Nahuel Guzmán, der bei den UANL Tigres in Mexiko unter Vertrag steht. Beide Keeper haben aber nicht (mehr) die Qualität um Sergio Romero gleichwertig ersetzen zu können.

Ungestüme Klasse

Nicolás Otamendi von Manchester City und Federico Fazio von der AS Roma bilden das Innenverteidiger-Duo. Otamendi ist seit drei Saisonen Stammspieler bei den Citizens und setzt in erster Linie auf seine starke Athletik und Zweikampfstärke. Er ist um einiges schneller als sein Nebenmann Fazio, der dafür ein wenig mehr Ruhe am Ball mitbringt. Beide Innenverteidiger neigen dazu in manchen Situationen etwas überaggressiv und ungestüm ans Werk zu gehen. Marcos Rojo (Manchester United) und Christian Ansaldi (Torino) würden für diese Position ebenfalls zur Verfügung stehen, werden sich aber hinten einreihen müssen. Sampaoli setzt auch mit Argentinien oftmals auf ein hohes Pressing, allerdings könnte es zum Problem werden, dass die Abwehrreihe nicht den nötigen Speed dafür besitzt.

Nicht weltmeisterlich besetzt

Die Außenverteidiger fallen im Vergleich zur Innenverteidigung ein wenig ab. Rechts hinten hat Gabriel Mercado gute Chancen auf einen Platz in der Startelf. Der Sevilla-Legionär ist physisch stark, zeigt aber immer wieder taktische Mängel. Eine andere Option wäre es den Rechtsaußen Eduardo Salvio zurückzuziehen, was die offensivere und wahrscheinlich sogar bessere Variante wäre. Der Benfica-Spieler ist insbesondere bei seinen Vorstößen gefährlicher, was auch seine 15 Scorerpunkte in der Liga demonstrieren.
Auf der linken Abwehrseite erwarten wir Nicolás Tagliafico von Ajax, der seine Rolle zuverlässig aber unspektakulär interpretiert. Marcos Rojo könnte ebenfalls als linker Außenverteidiger auflaufen.

Zwischen Mascherano und Messi

Javier Mascherano ist der Abräumer im defensiven Mittelfeld. Der 34-Jährige spielt in der chinesischen Super League bei Hebei China Fortune und viele argentinischen Fans befürchten, dass er seinen Zenit bereits überschritten hat. Insbesondere nach der bitteren Verletzung des Kreativspielers Manuel Lanzini könnte Lucas Biglia im zentralen Mittelfeld starten, da Giovani Lo Celso weiter vorne benötigt wird. Biglia kickt beim AC Milan und ist ein guter Allrounder auf der Sechser-Position, der auch im Aufbauspiel seine Stärken hat. Auch Biglia musste sich aber mit Verletzungen herumschlagen und befindet sich nicht in Top-Form.
Lo Celso ist vielen Fußballfans hierzulande noch gar kein richtiger Begriff, doch der 22-Jährige PSG-Legionär machte diese Saison einen gewaltigen Sprung nach vorne und sicherte sich sowohl bei seinem Klub als auch im Nationalteam einen Stammplatz. Je nachdem wie Coach Sampaoli reagiert wird er nach Lanzinis Ausfall entweder statt Biglia oder Paolo Dybala auflaufen. Lo Celso ist ein vielseitig einsetzbarer Spieler mit einer sehr starken Technik, der heuer immerhin sieben Scorerpunkte in der Ligue 1 beisteuerte. Der in Rosario geborene Mittelfeldspieler ist ein eleganter Spieler, der von Fans gerne mit Di Maria verglichen wird. Ever Banega wäre ebenfalls eine extrem interessante Alternative, allerdings musste der Sevilla-Regisseur jüngst einige Trainingseinheiten verletzungsbedingt ausfallen lassen. Es ist abzuwarten wann der technisch starke Argentinier wieder vollkommen fit ist.
Unter Coach Sampaoli sah man Lionel Messi in zahlreichen verschiedenen Rollen, da der Trainer stets Wege sucht die Fähigkeiten seines Superstars am besten ausspielen zu können. Wir rechnen damit, dass er bei der Weltmeisterschaft am ehesten als Zehner bzw. als hängende Spitze eingesetzt werden wird. Man sah aber auch schon ein 4-4-2 in dem er neben Higuain im Sturm agierte, oder Einsätze am rechten Flügel. Wo auch immer Messi spielt – der Barcelona-Superstar ist aktuell wohl der beste Spieler der Welt und die Hoffnungen der argentinischen Fans liegen wieder einmal auf seinen Schultern. In der spanischen Liga kam er heuer in 36 Einsätzen auf 34 Tore und 12 Assists.

Klasse Flügel

Am linken Flügel ist Angel Di Maria gesetzt, der mit seinen Dribblings und seinem Speed noch immer für jeden Gegner eine riesige Bedrohung darstellt. In der Ligue 1 steuerte er heuer in 30 Partien 11 Tore und sechs Assists bei. Am rechten Flügel gibt es aktuell mehrere Varianten. Paolo Dybala, der auch im Sturmzentrum eingesetzt werden könnte, wäre prädestiniert für diese Rolle. Alternativ kann auch Lo Celso oder Messi diese Position einnehmen.

Bomben-Sturm

Ein Team, das es sich leisten kann auf den Torschützenkönig der Serie A zu verzichten, muss im Angriff wirklich stark aufgestellt sein! Und das ist es auch, denn mit Gonzalo Higuain, Sergio Aguero und Paulo Dybala verfügt Sampaoli über absolute Weltklasse im Sturm. Dazu sei noch erwähnt, dass Lionel Messi ebenfalls im Angriff beginnen könnte, sollte Sampaoli zwei Spitzen aufstellen. Higuain wurde heuer mit Juventus wieder einmal Meister und steuerte dabei 16 Treffer und 6 Assists bei. Sein Klubkollege Dybala kam sogar auf 22 Tore und 5 Assists. Der 30-jährige Aguero steuerte heuer in 25 Partien starke 21 Tore und 6 Assists bei, hatte in der Rückrunde jedoch immer wieder mit Knieverletzungen zu kämpfen.

Fachmann mit verrückten Ideen

Trainer Sampaoli ist vor allem für seine Zeit als chilenischer Nationalcoach bekannt, wo er einen spektakulären Spielstil verfolgte, der sich insbesondere durch das unermüdliche Angriffspressing definierte. Der Bielsa-Schüler testete seit seinem Amtsantritt zahlreiche Systeme mit unterschiedlichen Besetzungen um die richtige Mannschaft rund um Superstar Messi zu formen. Mit Sampaoli kann alles passieren – er ist ein Typ der mit seiner Mannschaft den Titel holen oder aber in der Vorrunde rausfliegen kann. Dass er ein großer Fachmann ist, ist natürlich unbestritten.

Die abseits.at-Einschätzung

Argentinien gehört trotz einer unglaublichen Offensivkraft nicht zum engsten Favoritenkreis, da Sampaoli noch nicht unter Beweis stellen konnte, dass er die perfekte Mischung parat hat. Dabei dreht es sich nicht nur darum, wie man die Trumpfkarte Messi am besten ausspielt, sondern wie viel Risiko man im Spiel gegen den Ball nimmt. Mit Chile zeigte der Coach ein imposantes Angriffspressing, für das das argentinische Personal wahrscheinlich nicht geschaffen ist. Sollten aber alle Räder ineinandergreifen dann ist Messi und Co. alles zuzutrauen.

Stefan Karger