Die Austria war durch einige Ausfälle zu schmerzhaften Umstellungen gezwungen und so musste sich der Trainer der Veilchen Thomas Letsch im Vorfeld etwas einfallen... Wie Rapid die fehlende Balance der Veilchen bestrafte

Die Austria war durch einige Ausfälle zu schmerzhaften Umstellungen gezwungen und so musste sich der Trainer der Veilchen Thomas Letsch im Vorfeld etwas einfallen lassen, nachdem mit Serbest und Holzhauser einerseits quasi das „Herz & Hirn“ der Mannschaft nicht dabei war, zusätzlich aber auch noch Prokop, Friesenbichler und Stangl nicht rechtzeitig fit wurden.

Dadurch rutschten mit De Paula, Alhassan und Venuto Spieler aus der zweiten Reihe in die Startelf und bekamen ihre Chance von Anfang an mitzuwirken. Der violette Derby-Gastgeber entschied sich für ein 4-2-3-1 System, in welchem der junge Demaku und De Paula die Doppelsechs bildeten und der großgewachsene Alhassan hinter der einzigen Spitze Monschein positioniert wurde.

Von Anfang an machten die Veilchen dabei klar, wie ihre Spielanlage in diesem wichtigen Derby in den folgenden 90 Minuten aussehen wird. Man presste den Stadtrivalen von Beginn aus einem 4-4-2 heraus sehr hoch an, in welchem sich Monschein und Alhassan an den beiden Innenverteidigern orientierten und auch gelegentlich Venuto nach vorne rückte und ein 4-3-3 daraus machte, um einen tiefen Aufbau über Linksverteidiger Bolingoli zuzustellen.

Das klappte zunächst recht gut, hatte man doch nach nicht mal einer gespielten Minute bereits einen hohen Ballgewinn verbuchen können und kreierte so im Anschluss eine aussichtsreiche vier gegen vier Situation, die Rapid jedoch letztlich doch noch bereinigen konnte.

Gleichwohl konnte man allerdings relativ früh auch sehen, wo die Gefahren bei der Austria liegen könnten, da Schwab ebenfalls in der Anfangsphase die einzige Spitze Schobesberger mit einem schönen langen Ball bediente und dieser im letzten Moment von Borkovic gestoppt wurde. Da deutete Rapid bereits an, wie ihr Matchplan für dieses Spiel aussieht und wie man gedenkt das Pressing der Austria auszunutzen. Wenig später kam es zum gleichen Duell zwischen den beiden, welches Schobesberger diesmal für sich entscheiden konnte und im Anschluss der frühe Führungstreffer für die Hütteldorfer durch Kapitän Schwab fiel.

Mit der ersten Torchance gingen die Gäste also prompt in Führung, wodurch die violetten Gastgeber bereits früh unter Zugzwang standen. Die Austria zog unbeirrt ihre Spielanlage durch und ging teilweise bereits früh großes Risiko ein, indem man mit sieben bis acht Spielern in die gegnerische Hälfte rückte und versuchte Rapid unter Druck zu setzen. Allerdings wirkte erstens das Pressing der Austria diesmal nicht so griffig, wie es gegen Sturm noch der Fall war und zweitens stand die Abwehr der Veilchen vor einem ständigen Dilemma, da Rapid sich sehr oft mit drei Angreifern sehr weit vorne positionierte, dadurch eine hohe Präsenz in der letzten Abwehrlinie der Austria aufbaute und ein aufrücken erschwerte. Daher war es essenziell für die Violetten, genügend Druck auf den ballführenden Rapid-Spieler aufzubauen, damit dieser keine Gelegenheit hat, den langen Ball nach vorne zu spielen und man in keine gefährlichen Konter rennt bzw. die Abwehr nicht entblößt wird. Allerdings scheiterten die Veilchen an dieser Aufgabe immer wieder, wie dies die nächste Szene sinnbildlich darstellt:

Rapid im Ballbesitz, die Austria rückt weit auf und versucht den Gegner mit sieben Spielern zuzustellen und den Spielaufbau zu verhindern. Allerdings übt man keinen Druck auf den ballführenden Rechtsverteidiger von Rapid aus und dieser hat alle Zeit der Welt aufzublicken, sich den Ball herzurichten

..und einen langen Ball nach vorne zu spielen, wo die Austria plötzlich in eine drei gegen drei Situation gerät, durch einen simplen langen Ball.

Die Gäste verstanden es gut, die Schwachstellen der Austria anzubohren und gezielt zu bespielen. Die Abläufe und die Abstände bei den Veilchen wirkten dabei alles andere als stimmig, da sich immer wieder große Räume für den Gegner auftaten und man speziell die langen Bälle von Schwab überhaupt nicht in den Griff bekam, geschweige denn unterbinden konnte.

Die Balanceprobleme wurden daher immer größer und für die Austria gab es nur zwei Möglichkeiten, entweder volles Risiko oder volles Risiko. Das lag einerseits an der Abwehrlinie, die aus Angst vor dem schnellen Schobesberger nicht immer nachschob und selbst wenn sie es tat, bedeutete es dennoch nicht, dass man genügend Druck auf den Gegner aufbaute, sondern es nun noch mehr Rückraum für Rapid  gab, den sie mit ihren Pässen in die Tiefe nach Balleroberungen meist auch sofort attackierten.

Aber auch die beiden Sechser rückten weit aus ihren Positionen heraus und gingen oft ein großes Risiko ein, was allerdings nicht so gut klappte wie noch gegen Sturm, da einerseits Tarkan Serbest mit seiner Präsenz und seinem guten Gespür im Gegenpressing fehlte und andererseits Rapid die richtigen Lehren daraus zog bzw. mit Schwab und Ljubicic Spieler in den Reihen hat, die sich auch unter Druck befreien können und dies auch immer wieder taten.

Das Herausrücken der beiden Sechser der Austria war auch insofern schwierig, da man im Gegenpressing ein weiteres Problem hatte, nämlich die mangelhafte Staffelung der Offensivspieler nach Ballverlust. Diese standen nämlich teilweise sehr hoch auf einer Linie und nahmen nicht immer die entsprechende Struktur im Ballbesitzspiel ein, wodurch man im Gegenpressing keinen Zugriff auf Rapid bekam. Dies kann man bei den nächsten beiden Szenen gut nachvollziehen:

Die Austria mit einem Ballverlust, gleich fünf Spieler stehen sehr hoch und fast auf einer Linie, wodurch sie also etwas weiter vor dem Ball stehen und damit nicht in der Lage sind, sofort ins Gegenpressing zu gehen. Die beiden Sechser der Violetten rücken dennoch heraus, um Ljubicic und Schwab unter Druck zu setzen, wodurch allerdings quasi nur noch drei Spieler hinten zur Absicherung übrig bleiben. Rapid befreit sich aus dieser Situation und Klein verhindert in weiterer Folge in höchster Not einen Pass, mit dem Rapid in einer 3 vs. 2 Überzahl kontern hätte können.

Auch in dieser Szene sieht man ähnliches: Erneut sind fünf Spieler vor dem Ball auf einer Linie und die Staffelung der Offensivreihe äußerst mangelhaft. Demaku verliert dann auch noch den Ball und damit sind sechs Spieler aus dem Spiel und Rapid hat viel Raum zum Kontern, da die Austria gar nicht ins Gegenpressing kommt und zu hoch steht.

Neben den taktischen Aspekten machte man sich allerdings auch immer wieder das Leben selber schwer, indem man den Ball zu leichtfertig verlor und viele individuelle Fehler beging, mit denen man Rapid zum Teil aussichtsreiche Konterchancen ermöglichte. Dadurch hatten die Hütteldorfer bereits in der ersten Hälfte unzählige Möglichkeiten auf ihr schnelles Umschaltspiel zu setzen und dies wurde in der zweiten Halbzeit quantitativ sogar nochmal überboten.

Im Ballbesitzspiel versuchte der Trainer der Austria ebenfalls in der Spieleröffnung neue Akzente zu setzen und nicht mehr so viele lange Bälle nach vorne spielen zu lassen, wie es noch vergangene Woche gegen Sturm Graz zumeist der Fall war.

Dafür kippte Sechser De Paula immer wieder auf die Seite heraus und sollte sich neben zwei Stürmern von Rapid postieren, die für gewöhnlich versuchten, Pässe der Austria-Innenverteidiger durch das Zentrum zu verhindern und die Räume zuzustellen. Daher wollte man dies einfach umspielen und die Stürmer von Rapid zur Reaktion zwingen, wodurch sich bestenfalls Passwege für die beiden Innenverteidiger öffneten oder eben De Paula den Ball nach vorne führen konnte.

Allerdings reagierten die Hütteldorfer passend darauf und so schoben entweder Schaub oder Berisha nach vorne und stellten De Paula ebenfalls zu. In der Folge hätte man sich diese Kettenreaktion bei Rapid zunutze machen können, allerdings wurde dieser Mechanismus mit De Paula nicht passend von den violetten Außenverteidigern antizipiert und entsprechend eingebunden, wodurch eine Möglichkeit die Spieleröffnung erfolgsstabiler ausführen zu können ausgelassen wurde.

Dennoch versuchten die beiden Innenverteidiger immer wieder selbst durch kleine Fenster die Pässe anzubringen, was einige Male dank der hohen Qualität in der Spieleröffnung von Madl und Borkovic auch gelang.

Problematischer war dabei eher erneut das Positionsspiel der Austria, das zu einigen negativen Auswirkungen führte. Die Veilchen stehen unter Letsch relativ eng beieinander, um so im Falle eines Ballverlustes sofort ins Gegenpressing gehen und ausreichend Druck aufbauen zu können. Dabei merkt man auch den Einfluss von Ralf Rangnick auf Thomas Letsch, der ähnliches immer wieder predigte und diese Philosophie von seinen Mannschaften im Red-Bull-Imperium umgesetzt sehen will.

Daher agieren Teams von Red Bull auch gewöhnlich sehr eng und zentrumsfokussiert, was hierzulande ja bestens bekannt ist, wobei dies unter dem aktuellen Salzburg-Trainer Marco Rose nicht mehr so strikt propagiert wird und man dahingehend nun wesentlich variabler agiert. Wenn man jedoch so eng steht, bekommt das der Gegner ebenfalls mit und stellt sich entsprechend darauf ein, indem er ebenfalls stark zum Ball verschiebt. Dadurch kommt es dann zu folgenden Szenen:

Austria versucht die rechte Seite zu überladen, Rapid kontert dies einfach und verschiebt ebenfalls mit allen Spielern zum Ball. Dadurch stehen sich acht Austrianer und zehn Rapidler, ergo 18 (!) Spieler auf einer extrem kleinen Fläche gegenüber und die Tür ist für die Violetten de facto zu. Im Anschluss muss man den Ball nach hinten spielen, fabriziert einen Fehlpass und kassiert das 0:3.

Diese extreme Enge im Positionsspiel sieht man nicht zum ersten Mal unter Letsch, auch im Spiel gegen Altach wurde dies ersichtlich und führte zu den gleichen Problemen, wie man sie nun auch gegen Rapid bekam. Man konnte sich kaum aus diesen Situationen befreien, da man dafür nicht wirklich die richtigen „Spielerprofile“ auf dem Feld hatte. So agieren die beiden Flügelspieler sehr zentral, wobei dies bei Pires noch stärker ausgeprägt war und dieser sich überall auf dem Feld aufhielt, während Venuto zumindest hie und da auf der „Seitenlinie“ stand und ins Dribbling gehen konnte. Jedoch sind beides keine Spieler, die sich auf engem Raum wohlfühlen, sondern Platz für ihre hohe Geschwindigkeit und Dribblings brauchen, um richtig Fahrt aufzunehmen.

Aber auch Alhassan ist kein Dominik Prokop und tat sich in der Hinsicht relativ schwer, weshalb man sich meist festspielte und kaum durch den gegnerischen Defensivverbund und dem verknappten Raum kombinieren konnte. Erst mit der Einwechslung von Dominik Fitz wurde es dahingehend ein wenig besser, aber auch da konnte man den Gegner nur selten wirklich gefährden, weshalb das Offensivspiel ebenfalls nur unzureichend funktionierte.

Die Austria musste also letztlich eine deftige Klatsche einstecken, was allgemein bereits schmerzlich ist, allerdings in einem Heimderby gegen den Stadtrivalen noch wesentlich mehr. Natürlich kann man argumentieren, dass der Spielverlauf nicht optimal war, die wichtigen Ausfälle große Auswirkungen auf die Performance hatte, man phasenweise in der ersten Halbzeit gut mitspielte und eine hohe Intensität auf den Rasen brachte.

Allerdings muss sich auch Trainer Thomas Letsch der Kritik stellen, da er trotz der Ausfälle versuchte, das übliche Spiel mit dem hohen Pressing und dem Risiko durchzuziehen, obwohl Rapid bereits gegen Salzburg bewiesen hatte, dass man über ausreichend Spielstärke verfügt und in der Lage ist, sich auch unter Druck befreien zu können.

Auf das Rezept von Rapid mit der engen Formation gegen den Ball und breiten Formation mit dem Ball fand die Austria im gesamten Spiel keine passende Antwort und dieser Sachverhalt änderte sich nicht einmal nach dem 0:4, weshalb man selbst bei diesem Spielstand weiterhin vorne attackierte, offensiv agierte und nur von Glück sagen kann, nicht noch mehr Gegentore kassiert zu haben. Alles in allem also ein gebrauchter Tag auf allen Ebenen für die Violetten, was zweifellos einige Fragen hinterlässt.

Dalibor Babic, abseits.at

Dalibor Babic

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.