Im Spiel der 26. Runde der österreichischen Bundesliga und dem zweiten Spiel unter Neo-Trainer Thomas Letsch empfing die Austria den Tabellenletzten SKN St. Pölten.... Analyse: Austria gewinnt das Duell um den „zweiten Ball“

Im Spiel der 26. Runde der österreichischen Bundesliga und dem zweiten Spiel unter Neo-Trainer Thomas Letsch empfing die Austria den Tabellenletzten SKN St. Pölten. Dabei wollten die Veilchen nach dem ersten vollen Erfolg im Jahr 2018 gegen den WAC gleich nachlegen und die nächsten drei Punkte einfahren, um den Abstand auf die oberen Ränge zu verkürzen und im Rennen um den Europacup dran zu bleiben. Für den SKN hingegen wird es von Woche zu Woche immer schwieriger, die Relegation zu verhindern und doch noch das rettende Ufer zu erreichen. Dadurch steht man langsam unter Zugzwang und sollte so schnell wie möglich anfangen zu gewinnen. Durch diese prekäre Ausgangslage der beiden Mannschaften verwundert es nicht, dass die Partie letztlich äußerst umkämpft war, mit dem besseren Ausgang für die violetten Gastgeber.

 Letsch überrascht mit einer neuen Grundordnung

Durch den Ausfall von Ankerspieler Tarkan Serbest war der Trainer der Austria Thomas Letsch im Vorfeld der Partie bereits zur Umstellung gezwungen worden und musste sich etwas einfallen lassen. Da im Kader der Austria die Position des defensiven Mittelfeldspielers äußerst dünn besetzt ist und einzig der blutjunge Vesel Demaku die Rolle Eins zu Eins übernehmen hätte können, entschied sich der Austria-Trainer dafür, stattdessen das System zu verändern und die beiden Stürmern Friesenbichler und Monschein gemeinsam starten zu lassen, was es in dieser Saison nur ganz selten zu sehen gab. So lief die Austria in einer 4-4-2 Grundordnung ohne echten „Sechser“ auf und stattdessen sollten sich De Paula und Kapitän Holzhauser um das Zentrum gemeinsam kümmern, wobei ersterer eher absichernd agierte. Dafür rückte auch Prokop auf den rechten Flügel, während Flügelflitzer Venuto auf der Bank Platz nehmen musste.

Diese Umstellung und der Ausfall von Serbest hatten vor allem im Spielaufbau von Beginn an sichtbare Konsequenzen, mit denen die Veilchen konfrontiert wurden. So hatte man bereits in der Vorwoche gegen den WAC mit den altbekannten Verbindungsproblemen im Spielaufbau zu kämpfen, wodurch man zu ungewöhnlich vielen hohen Bällen griff. Gegen den SKN verstärkte sich dieser Effekt noch zusätzlich, da sich De Paula in der Rolle sichtlich unwohl fühlte und in seinem Bewegungsspiel nicht in der Lage war sich entweder anzubieten oder Räume für seine Kollegen zu öffnen. Dadurch hatten die Innenverteidiger der Austria im Zentrum meist keine Anspielstation und waren zu den vielen langen Bällen quasi gezwungen. Im ersten Bild kann man dies gut nachvollziehen:

Innenverteidiger Ruan am Ball, sowohl De Paula als auch Holzhauser machen gar keine Anstalten sich anzubieten. Aber auch Salamon steht zu hoch und verschwindet dadurch im Deckungsschatten des Gegners. Die Konsequenz daraus – ein langer Ball.

Die vielen langen Bälle bei den Veilchen hingen nicht nur mit den eigenen strukturellen Schwierigkeiten zusammen, sondern auch der SKN schien sich gut auf die Austria vorbereitet zu haben und passte das eigene Defensivverhalten entsprechend an. Trainer Oliver Lederer schickte seine Mannen in einem 4-2-3-1 auf das Feld, welches bei gegnerischen Ballbesitz auch öfter zum 4-4-2 wurde, indem Malicsek in die Spitze zu Riski rückte. Die beiden liefen die Innenverteidiger der Gastgeber oft mit etwas Verzögerung an, wobei der ballferne Stürmer immer ins Zentrum rückte und den Sechser im Auge behielt, während der ballnahe Angreifer den ballführenden Gegenspieler meist im Bogen anlief, um die Verbindung zwischen den beiden Innenverteidigern zu kappen. Dadurch blieb den Violetten meist keine andere Möglichkeit, als bereits frühzeitig zum langen Ball zu greifen. Hin und wieder ging der SKN auch ins Angriffspressing und attackierte sehr hoch, wobei in dem Fall die beiden Stürmer die Verteidiger direkt attackierten und dies meist auch bereits reichte, um das eigene Ziel zu erreichen, den gegnerischen Spielaufbau zu unterbinden. Lösungen fand die Austria dagegen meist keine, was man auch beim nächsten Bild gut sehen kann:

Die Stürmer des SKN laufen die Innenverteidiger an, Salamon steht zu hoch, De Paula kommt zu spät und besetzt die Position im Zentrum mit Verzögerung, weshalb Ruan bereits kurz nach dem eigenen Strafraum den langen Ball nach vorne spielen muss.

Dadurch war die Austria bereits frühzeitig dazu gezwungen, das eigene Spiel umzustellen und auf die Gegebenheiten zu reagieren. Das gelang auch ganz gut, hatte man doch mit Monschein und Friesenbichler zwei Stürmer zur Verfügung, die mit den langen Bällen was anzufangen wussten und der Ball nicht wie in der Vergangenheit oft postwendend wieder retour kam, wie es z.B. im Spiel gegen den LASK zuletzt der Fall war. Dadurch, dass der SKN mit der Offensive etwas höher stand und die Austria relativ früh aufrückte, hatten die Veilchen beim Kampf um den ersten & zweiten Ball eine ordentliche Struktur und bekamen sofort Zugriff, weshalb man meist relativ schnörkellos in die gegnerische Hälfte vordrang und dort den Angriff fortsetzen könnte. Das kann man auch ungefähr beim zweiten Bild nachvollziehen, wo beim SKN ein Loch zwischen Abwehr und Mittelfeld zu erahnen ist.

Umkämpfte Anfangsphase und die Austria beweist „Kaltschnäuzigkeit“

Überraschend war nicht nur die vielen langen Bälle bei den Veilchen, sondern auch die gewählte Strategie von SKN-Trainer Lederer, der etwas von der eigenen Spielidee abrückte. So versuchen die Niederösterreicher für gewöhnlich durchaus auch spielerische Akzente zu setzen und auf die Prinzipien des „Positionsspiels“ zu setzen, welche man mit einem geordneten Spielaufbau versucht zu vollziehen, was auch vergleichsweise durchaus ansehnlich ist und man in der Hinsicht zu den besseren Mannschaften der Liga zählt. In diesem Spiel entschied man sich jedoch komplett darauf zu verzichten und sich früh auf das Spiel bzw. den Kampf um den zweiten Ball einzulassen. Das hing vermutlich auch damit zusammen, dass man die entsprechenden Lehren aus dem ersten Spiel unter Austria-Trainer Letsch zog und die „Schwachstellen“ attackieren wollte, da die Veilchen ja nun wesentlich höher attackieren und rasch ins Angriffspressing gehen, wodurch zumindest im Spiel gegen den WAC auch mal ein größeres Loch zwischen Mittelfeld und Abwehr der Violetten klaffte. Dass man keine Anstalten machte, das Spiel behutsam aufzubauen, kann man auch beim nächsten Bild sofort erahnen:

Der SKN im Spielaufbau, die beiden Stürmer laufen die Verteidiger direkt an und setzen sie unter Druck. Es klafft ein riesiges Loch im Zentrum und kein Mittelfeldspieler/Sechser kommt entgegen, da man sich strategisch bereits auf den langen Ball einstellt und frühzeitig aufrückt, um genügend Spieler in der Umgebung beim Kampf um den zweiten Ball zu haben.

Der Plan des SKN ging jedoch relativ mäßig auf. Einerseits hing das damit zusammen, dass die Austria sich relativ früh auf die Umstände entsprechend einstellte und so oft nur die beiden Stürmer Monschein und Friesenbichler den Gegner anpressten, während sich der Rest der Mannschaft etwas zurückzog, um ebenfalls sofortigen Zugriff auf den „zweiten Ball“ zu bekommen. Andererseits war die Besetzung der „Sturmreihe“ eher unpassend für diesen Spielstil, waren doch Riski und Malicsek gegen die zweikampfstarken Madl und Ruan nahezu chancenlos und deshalb landete jeder Ball quasi wieder beim Gegner.

Im Gegensatz dazu, hatte die Austria mit Monschein und Friesenbichler zwei Stürmer, die damit gut umgingen und dabei oft geschickt agierten. Man attackierte immer wieder abwechselnd die Tiefe, während ein Spieler ins Kopfballduell ging und drückte so die Abwehrlinie nach hinten, während De Paula und Holzhauser nachrückten und die Abpraller oft aufsammeln konnten. So verlängerte man entweder den Ball in die Tiefe und setze den Gegner so unter Druck, oder sammelte die Abpraller von hinten auf und setze den Angriff fort.

Zunächst war allerdings das Spiel äußerst umkämpft und ausgeglichen, wo keine der beiden Mannschaften das Spiel unter ihre Kontrolle bringen konnte. Der Austria gelang dennoch der frühe Führungstreffer, nach einem schnell ausgeführten Freistoß von Holzhauser, den Friesenbichler glücklich über den Torhüter drüber brachte und Klein drückte den Ball über die Linie. Mit dem Rückenwind des Erfolgserlebnisses wurde das Auftreten der Veilchen etwas sicherer und man bekam guten Zugriff auf die Partie. Vor allem die oben angesprochenen Maßnahmen ermöglichten im Kampf um den zweiten Ball ein deutliches Übergewicht. Aber weil auch die SKN-Abwehr immer wieder sehr tief stand und nicht nachrückte, aus Angst vor den schnellen Spitzen der Austria, entstand dadurch ein Loch im Zwischenlinienraum, was im Kampf um den zweiten Ball nicht gerade förderlich war. Durch die vielen langen Bälle war das Spiel zwar nicht wirklich ansehnlich und zum Teil zerfahren, dafür aber intensiv und mit vielen Zweikämpfen geführt. Das zeigen auch die jeweiligen Passquoten der beiden Mannschaften, die zur Halbzeit mit 70 zu 59 Prozent ungewöhnlich niedrig waren, was natürlich mit den vielen langen Bällen zusammenhing. Dabei hätte die Defensive der Veilchen durchaus Räume für den SKN offenbart und speziell das Zentrum mit De Paula und Holzhauser war nicht wirklich kompakt, jedoch griffen die Niederösterreicher meist zu früh zum langen Ball oder ihnen unterliefen technische Fehler.

Für das nächste Highlight sorgte dann jedoch wieder die Austria. Nach einem tollen Abschlag von Torhüter Pentz, erlief sich Kapitän Holzhauser noch den Ball vor der Outlinie und bediente Stürmer Monschein, der das runde Leder sehenswert per Hacke im Tor unterbrachte. Wenig später hatten die Veilchen nach einem Konter das 3:0 und die Vorentscheidung auf dem Fuß, jedoch vergab Pires freistehend aus wenigen Metern. So gingen die violetten Gastgeber mit einer verdienten 2:0 Führung in die Pause.

Kurzes Aufbäumen des SKN und die Partie auf der Kippe

Nach der Halbzeitpause schwor der Trainer des SKN seine Mannschaft nochmal auf dem Feld ein und versuchte seine Spieler zum Umschwung zu animieren. Das klappte auch einigermaßen, wurde das Spiel doch etwas ausgeglichener. Die Austria vermochte es zu selten, den Ball in den eigenen Reihen zu halten und der SKN versuchte wieder vermehrt Fußball zu spielen und nicht nur lange Bälle nach vorne zu schlagen, wodurch die Gäste zu mehr Spielanteilen kamen. Die Austria hingegen versuchte das eigene Zentrum etwas zu verstärken und nahm eine kleine Anpassung vor. Friesenbichler sollte nun öfter auf den rechten Flügel ausweichen und Prokop ins Zentrum einrücken lassen, um da noch kompakter agieren zu können und Überzahl zu schaffen.

Die erste gute Möglichkeit hatte dennoch die Austria nach einem Konter, als Pires aus guter Position an Torhüter Dmitrovic scheiterte, was jedoch nun einen Schlagabtausch zur Folge hatte. Kurz danach hätte die Partie jedoch nochmal spannend werden können, als der SKN zu einer Doppelchance kam. Zunächst scheiterte Malicsek freistehend aus wenigen Metern an Torhüter Pentz, der mit einer tollen Fußabwehr seine Mannschaft vor einem Gegentreffer bewahrte. Die anschließende Ecke wurde ebenfalls gefährlich, jedoch war erneut der Torhüter der Austria zur Stelle und konnte die Situation bereinigen. Die Veilchen ihrerseits hätten wiederrum kurz darauf ebenfalls eine Doppelchance auf die Vorentscheidung gehabt, jedoch scheiterte Monschein alleine vor dem Tor und Prokop konnte den Nachschuss ebenfalls nicht verwerten.

Danach nahm die Partie wieder etwas an Fahrt ab und plätscherte so dahin, ehe der violette Gastgeber für die Vorentscheidung sorgte. Kapitän Holzhauser brachte einen Freistoß gefährlich zur Mitte – Innenverteidiger Madl lauerte bei der zweiten Stange und drückte den Ball über die Linie. Wenig später brachte Trainer Letsch mit Demaku einen Debütanten in die Partie und veränderte auch damit das System. Die Veilchen agierten nun in einem 4-3-1-2, um wohl das Zentrum nochmal zu verstärken und die Stabilität zu erhöhen. Das fruchtete auch sofort und die Austria hatte nun eine wesentlich bessere Ballzirkulation – ließ also das Spielgerät in den eigenen Reihen laufen und reduzierte die vielen langen Bälle in die Spitze. Nicht nur, dass man die Partie nun trocken heimspielte, man setze sogar noch ein weiteres Tor drauf. Nach einer Flanke von Salamon verwertete sein mitaufgerücktes Pendant Florian Klein mit einem schönen Abschluss den Ball zum 4:0 Endstand und markierte damit auch seinen ersten Doppelback in seiner Karriere.

Fazit

Die Austria konnte also auch im zweiten Spiel unter Thomas Letsch einen Sieg und wichtige drei Punkte im Kampf um den Europacup einfahren. Dabei fiel das Ergebnis höher aus, als es dem Spiel in Wirklichkeit entsprach und verdeckte die Probleme der Austria etwas, was auch der Trainer der Veilchen nach dem Spiel so zu Protokoll gab. Vor allem kurz nach der Halbzeit hatte man eine wacklige Phase zu überstehen und da hätte der SKN auch die große Chance gehabt, nochmal in das Spiel zurückzufinden und für den Anschlusstreffer zu sorgen. Andererseits bekam man auf der anderen Seite einige Tugenden zu sehen, die man von den Veilchen bislang in der Saison so nicht kannte. Dabei war vor allem die starke Dominanz im Kampf um den zweiten Ball ungewöhnlich, aber andererseits spielte man auch wesentlich schnörkelloser und direkter und kam so zu vielen Torchancen. Man agierte aber auch vor allem auch im defensiven Umschaltspiel sehr aufmerksam und ließ so bis auf die zwei Möglichkeiten nach der Pause nichts zu.

Für Trainer Letsch bedeutet dies also ein Start nach Maß, auch wenn die beiden Aufgaben wohl nicht gerade undankbar waren. Sowohl der WAC, als auch der SKN sind mit Abstand die schwächsten Offensiven der Liga und hinken dem Rest deutlich hinterher, weshalb man in keine Euphorie verfallen sollte, auch wenn die Siege natürlich wieder viel Selbstvertrauen geben. Der Härtetest folgt erst im nächsten Spiel gegen Meister Salzburg, wo die Austria wesentlich mehr gefordert sein wird und auf dem Prüfstein steht. Dann wird man sehen, ob die Veilchen mit Neo-Trainer Letsch auch gegen stärkere Gegner bestehen können.

Dalibor Babic, abseits.at

Dalibor Babic

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