Coach Fernando Santos will mit dem amtierenden Europameister erneut für eine große Überraschung sorgen und der Aufstieg in einer Gruppe mit Spanien, Marokko und... WM-Teamanalyse Portugal: Zwischen Pragmatismus, Altersschwäche und Weltklasse

Coach Fernando Santos will mit dem amtierenden Europameister erneut für eine große Überraschung sorgen und der Aufstieg in einer Gruppe mit Spanien, Marokko und dem Iran wird von Fans und Medien erwartet. Die Mannschaft ist in der Offensive, so wie in den vergangenen Jahren, noch immer stark von Cristiano Ronaldo abhängig, während die Innenverteidigung nicht jünger wird.

Nach der erfolgreichen Qualifikation absolvierte die portugiesische Nationalmannschaft sieben Testspiele, von denen nur drei gewonnen werden konnten. Siege gab es gegen Saudi-Arabien (3:0), Ägypten (2:1) und Algerien (3:0), Punkteteilungen gegen die USA (1:1), Tunesien (2:2) und Belgien (0:0). Die einzige Niederlage kam Ende März gegen die Niederlande zustande, als man mit 3:0 deutlich verlor.

Der Wickel mit den eigenen Fans

Rui Patricio ist die unumstrittene Nummer 1 im Tor der Portugiesen und war auch beim Gewinn der Europameisterschaft 2016 ein enorm sicherer Rückhalt. Der 1,90 Meter große Schlussmann ist ein kompletter und erfahrener Keeper, der 327 Meisterschaftsspiele für Sporting bestritt. Nachdem Sporting-Hooligans das Training der eigenen Mannschaft stürmten, bat er den Klub um die Auflösung seines Vertrags. Ein Wechsel zum SSC Neapel scheiterte noch an der Ablöse, nun soll aber ein Wechsel zu den Wolverhampton Wanderers im Raum stehen. Wir werden sehen ob die aktuelle Situation auf seine Leistung beim Turnier abfärbt.

Alte Herren im Abwehrzentrum

Die Innenverteidigung könnte die Achillesferse der Portugiesen werden. Der alte Haudegen Pepe, der vergangene Saison nach 10 Jahren Real Madrid zu Besiktas wechselte, ist im Abwehrzentrum gesetzt. Pepe ist ein richtiger Leader, der manchmal äußerst rustikal zur Sache geht. 35 Jahre bedeuten viel Erfahrung, allerdings hat er seinen Zenit bereits überstritten. Die besten Karten auf einen Platz im Abwehrzentrum neben Pepe, hat ein Spieler, der sogar noch um ein Jahr älter ist. Bruno Alves ist derzeit bei den Rangers unter Vertrag, spielte dort aber in diesem Kalenderjahr keine große Rolle mehr. Der kopfballstarke Abwehrspieler befand sich in einer Formkrise, könnte aber dennoch den Vorzug vor dem ebenfalls schon 34 Jahre alten José Fonte erhalten, der in der chinesischen Liga tätig ist und ebenfalls schon bessere Tage erlebte.

Die Außen machen Dampf

Links hinten verfügt Portugal über zwei spielstarke Außenverteidiger, wobei der Dortmunder Raphael Guerreiro den Vorzug gegenüber Mario Rui vom SSC Neapel erhält. Guerreiro interpretiert seine Rolle offensiv und besetzt hohe Räume, sodass die defensiven Mittelfeldspieler den Rückraum hinter ihm absichern müssen. Rechtsverteidiger Cedric Soares steht aktuell beim FC Southampton unter Vertrag und könnte diese Weltmeisterschaft noch einmal als richtig großes Sprungbrett nutzen, da schon vor dem Turnier Klubs wie Manchester United am 26-Jährigen interessiert sind. Soares verfügt über eine Pferdelunge, die er auch braucht, da er unermüdlich den Flügel hinauf und hinunter marschiert, um seine präzisen Flanken zu schlagen, auf die in erster Linie Cristiano Ronaldo lauern wird.

Gute Mischung und viele Optionen im Zentrum

Der defensivste Mittelfeldakteur im 4-2-2-2 der Portugiesen ist William Carvalho. Der 26-jährige Sporting-Spieler blieb bis jetzt trotz zahlreicher Angebote in der heimischen Liga, wobei momentan der FC Everton den athletischen Sechser unbedingt verpflichten will. Carvalho muss insbesondere auch die Räume absichern, die die offensiv ausgerichteten Außenverteidiger aufreißen. Ein wenig offensiver agiert neben ihm Joao Moutinho. Der Monaco-Legionär bestimmt das Tempo im Aufbauspiel und hat ein gutes Gefühl für die jeweilige Spielsituation.

Im offensiven Mittelfeld hat Coach Fernando Santos die Wahl der Qual. Die besten Karten auf einen Platz in der Startaufstellung haben momentan Joao Mario und Bernardo Silva. Joao Mario war im letzten halben Jahr bei Arnautovic-Klub West Ham leihweise von Inter unter Vertrag und würde am liebsten gleich in der Premier League bleiben. Der 25-Jährige ist universell einsetzbar im Mittelfeld, verfügt über eine tolle Technik und ist ein richtiger Allrounder, der viel Dynamik im Kombinationsspiel mitbringt. Er verfügt über eine eine hohe Intensität und ist auch im Kopf äußerst reaktionsschnell. Bernardo Silva gewann mit Manchester City heuer die englische Meisterschaft und kam dabei auf 35 Einsätze, wobei er jedoch 20 Mal als Joker ins Spiel kam. In der Nationalmannschaft könnte er aber den Vorzug vor Manuel Fernandes (Lokomotive Moskau) und Ricardo Quaresma (Besiktas) erhalten. Der 23-Jährige spielte sich mit Monaco in der Champions League ins Rampenlicht und ist ein richtiger Spielmacher. Er verfügt über exzellente Dribblings und muss nur noch in der Entscheidungsfindung ein wenig konstanter werden, um zur absoluten Weltklasse dazuzugehören.

Der Plan B

Ziehen die Portugiesen ihr gewöhnliches 4-2-2-2 durch, dann sind für die Besetzung der Flügel in erster Linie die Außenverteidiger zuständig. Allerdings gibt es auch Plan B mit einem 4-3-3-System, in dem Ricardo Quaresma und Gelson Martins beispielsweise als Flügelstürmer auflaufen können. Quaresma kann aber auch im zentralen, offensiven Mittelfeld statt Bernardo Silva eingesetzt werden, so wie auch Bernardo Silva in der Theorie Rechtsaußen auflaufen könnte.  Die Fans schätzen an Ricardo Quaresma seinen spektakulären Spielstil, da er immer wieder für ein technisches Gustostückerl gut ist. Gelson Martins Stärken liegen in seinem Speed und im Dribbling bei Eins-gegen-Eins-Situationen. Im 4-3-3 würde Cristiano Ronaldo als Mittelstürmer auflaufen, allerdings könnte er natürlich auch auf den Flügel ausweichen – das ist aber alles eher nur in der Theorie relevant, da schon einiges passieren muss, damit Fernando Santos von seinem 4-2-2-2 abrücken wird.

CR7 Superstar & ein Austria-Schreck

Der Star des Teams spielt im Sturm – und damit meinen wir nicht André Silva, der wohl neben Cristiano Ronaldo beginnen wird. Der 22-jährige André Silva erzielte heuer für den AC Milan nur zwei Serie-A-Treffer, steuerte in der Europa League aber inklusive Qualifikation gleich acht Tore bei. Fans der Wiener Austria wird er noch in schlechter Erinnerung sein, da er in den beiden Begegnungen gleich fünf Treffer erzielte. Er verfügt über eine starke Technik und ist ein recht kompletter Stürmer. Der Schlüsselspieler im Team ist natürlich Cristiano Ronaldo, der auch heuer wieder seine Torjägerqualitäten unter Beweis stellte. 26 Tore in der spanischen Liga und unglaubliche 15 Treffer in der Champions League. Auch wenn die Portugiesen im Mittelfeld gegenüber der EM 2016 mehr Optionen haben, sind sie dennoch in erster Linie von ihrem Superstar abhängig, der Spiele im Alleingang entscheiden kann bzw. muss.

Es lebe der Pragmatismus

Fernando Santos steht nicht gerade für einen spektakulären Fußball und wurde während der Europameisterschaft 2016 aufgrund der „langweiligen“ Spielanlage sogar von den eigenen Fans kritisiert – diese Stimmen wurden jedoch leiser, je weiter die Mannschaft Richtung Titelgewinn kam. Er wird seine pragmatische Spielphilosophie nicht ablegen und versuchen alles aus diesem Kader herauszuholen.

Die abseits.at-Einschätzung

Gegenüber der Europameisterschaft ist insbesondere im Mittelfeld der Kader qualitativ besser und in der Leistungsdichte größer geworden. Cristiano Ronaldo bewies in den letzten Monaten, dass er in Topform ist und dass auch bei der Weltmeisterschaft mit ihm zu rechnen sein wird. Problematisch könnte die steinalte Innenverteidigung werden, insbesondere da sich die Akteure teilweise in einer Unform befinden. Ein Ausscheiden in der Gruppenphase ist nicht undenkbar, aber doch eher unwahrscheinlich. Danach könnte Portugal von der Auslosung profitieren, da der Gegner aus der Gruppe A im Achtelfinale keine Gigant sein wird.

Stefan Karger, abseits.at

Stefan Karger

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