Egal wen ich treffe, ich werde gefragt warum nicht Liverpool, Manchester oder Arsenal? Ganz einfach, dort waren wir schon und wir wollen gerne eine... Groundhopping deluxe – Going South and being Proud

Egal wen ich treffe, ich werde gefragt warum nicht Liverpool, Manchester oder Arsenal? Ganz einfach, dort waren wir schon und wir wollen gerne eine neuen Ground sehen. Die Planungen verliefen wie immer schwierig, bis zur Terminisierung und zum Kartenverkaufsstart ergeben sich einige wenige Konstellationen. Wolverhampton, Newcastle, Wales,.. Crystal Palace gegen West Ham und Brighton gegen Bournemouth ist es geworden. Auf der Achse der Verkehrsverbindung des Londoner Flughafen Gatwicks pendeln wir also in den Londoner Süden und and die Südküste nach Brighton.

Matchday 1 – 26.12.2019 – Selhurst Park – Crystal Palace : West Ham United 2:1 – 30.000 Zuschauer

Hier stehen wir nun im Süden Londons, der Kristallpalast existiert nicht mehr, 1854 angesiedelt, 1905 Schauplatz der Vereinsgründung, 1936 abgerissen. Der Vorort ist etwas hügelig und so kommt es, dass wir am höchsten Eckpunkt ankommen und auf das historische backsteingemauerte Stadion hinabblicken. Ein tolles Gefühl. Bald geht es los. Typisch mitten in einer ursprünglichen Wohngegend kommt uns bald das Vereinsmaskottchen – der Adler – getragen von einem Falkner entgegen. In der Fanzone gibt es einen obligatorischen Stadion Hot-Dog.

Ein paar erfahrene Profis ala Zaha, Benteke und Ayew um Manager – wie es hier heißt – Roy Hodgson jagen das runde Leder. Der Trainer ist hier aufgewachsen und hat seine Jugendzeit bei Palace verbracht. Sie stehen in der Tabelle ganz gut da, haben schon viele Punkte gemacht. Es hört auf zu regnen. Zum Glück, die vorderen Reihen wären sonst nass geworden. Weiter hinten in Reihe 19 hält es kaum jemanden auf den Sitzen. Meine Knie fast im Genick des Vordermannes wird bei jeder Gelegenheit aufgesprungen. .. und sehr viel gesungen. Vom Walk On zum Lied „Glad all over“ bis zum typischen Sister Act-Chant bleiben wenige atmosphärische Wünsche offen. Der Spielverlauf trägt dazu bei. Das frühe 0:1 wird in ein 2:1 gedreht.

Ich überlege, was ich im Fanshop kaufen soll: Mousepad, Sitzkissen, Weihnachtspullover – vielleicht gibts ein Schnäppchen im Ausverkauf – vielleicht ein Schlüsselband – das von der letzten Reise könnte abgelöst werden. Oft bleibt aber übrig, dass die Logos zwar nett sind, aber die Vereine sich bis auf die Sportkleidung nicht allzu modisch präsentieren. Es ist nur ein Kugelschreiber geworden. „South London and Proud“ steht auf dem Einkaufssackerl. Die Wege mit Gästetrainer Pelegrini haben sich bei unserem Abgang durch den (Spieler-) Parkplatz gekreuzt. Er schien in Eile zu sein – er sollte zwei Tage später entlassen werden.

Auch ihr Derby stammt aus vergangen Zeiten, die größte Rivalität besteht zum nicht weit entfernten Brighton. Die Fangruppierung von Palace ist einzigartig. Die Ultras scheinen sich an denen von Kontinentaleuropa zu orientieren, sind gut organisiert und haben einen für England unüblichen Trommler. Das sehr ursprüngliche, enge und tiefe Stadion gilt es wertzuschätzen, es gibt immer weniger traditionelle Spielstätten. Arsenal, Tottenham und West Ham sind bereits umgezogen, Everton und Chelsea wollen übersiedeln, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Die dichte Atmosphäre kann in einem neuen Stadion kaum geschaffen werden und ist wohl auch nicht mehr zeitgemäß. Sicherheitsmaßnahmen gehen vor und der Verkauf von Merchandising und Gastronomie sind sicher nicht unerheblich. Von „organischem Wachstum statt Plastik-Fans in Plastik-Stadien“ sprechen Fans im Video. [Der Videotipp hierzu: Premier League | English Ultras and the story of Crystal Palace von DW Kick off! auf Youtube https://www.youtube.com/watch?v=1IaXxZ6Vlzw]

Matchday 2 – 28.12.2019 – Amex Stadium – Brighton & Hove Albion : AFC Bournemouth – 30.000 Zuschauer

In Brighton ergibt sich ein anderes Bild – raus aus der Hektik Londons in die Küstenstadt Brighton. Das Stadion modern und komfortabel, aus einem Guss und geschlossen. Die Heimfans singen zu „Good Old Sussex by the Sea“, der innoffiziellen Hymne der Region. Später monieren die Auswärtsfans zu recht „Is this a library?“ weil es leiser wird. „Now let your hearts be gay“ – ist eine Zeile aus der Stadionhymne. Brighton fällt auf für seine Offenheit und in der ganzen Stadt sind Regenbogenfarben zu sehen.

Unsere Plätze sind großartig, in Reihe 2 schräg hinter den Trainerbänken können wir die Bournemouth Coaching Anweisung mithören und könnten wohl selbst auch welche geben. Auffällig das auch der Cotrainer sehr aktiv am Spielfeldrand teilnimmt. Bournemouth, von Verletzungen geplagt, kann im Kellerduell nicht mithalten.

Der Videoschiedsrichter kam mehrmals zum Einsatz, in einer Hand-Elfmeter und einer Abseitssituation, durchaus unnötig und sehr knapp. Das Beweisbild wird immerhin im Stadion auf der Leinwand gezeigt. „This is not football anymore!“ skandieren die Fans, und jubeln nach den Toren penetrant erst, nachdem das Spiel wieder angepfiffen wurde und der VAR somit nicht mehr eingreifen kann. Dem Spielverlauf tut es Gott sei Dank nichts zur Sache, was der Souveränität von Brighton am diesem Tag zu verdanken ist.

Zu Recht wird der Verein die Seemöven, die Seagulls genannt und diese werden auch als Wappentier getragen, denn sie Kreisen unermüdlich im Oberbereich des Stadions. Hove ist ein eigener Ort, welcher auch politisch mit Brighton vereinigt ist, dies hat somit nicht nur mit dem Verein an sich zu tun.

Wenig Andrang gab es nach dem Spiel beim Bus der Gastmannschaft. Viele Spieler gingen trotz Niederlage die Runde, wir haben auch ein paar Autogramme in unser Matchday Programm bekommen und unter anderem ein Foto mit dem Gästetrainer Eddie Howe. Beindruckend seine Stationen, denn die waren seit 1994 hauptsächlich nur Bournemouth. Und auch als Trainer ist er schon seit 2012 im Amt. Apropos Trainer, der von Brighton ist Namenskollege von Harry Potter. Graham, aber sie sind nicht verwandt noch verschwägert, ein Töpferkollege vielleicht? Howe sowie Potter scheinen aus der jüngeren Garde, einer neuen Generation der Premier League Trainer, zu sein.

Unsere Reise wurde wieder ein voller Erfolg. Vor allem die zwei Dreißigtausender-Stadien waren beeindruckend und die dichte Atmosphäre bleibt im Gedächtnis. Ein Teil der Gruppe war noch beim Dart-Spektakel im Ally Pally. Auch sehr beeindruckend war die Themse-Flussfahrt, in Brighton der Pier und dessen Ausgehviertel. Ein kultureller Besuch in der Royal Albert Hall rundet den Besuch ab. Kulinarisch gab es wieder weniger Highlights, aber ich mag mittlerweile Bohnen und diverse Würste auch ganz gern schon zum Frühstück. Und der Tee schmeckt. „Mannschaftsfoto“ haben wir zwar leider keines gemacht, aber mit meinem Bericht kommen einige Bildimpressionen, die den stimmungsvollen Ausflug dokumentieren. Der Erfahrenste in unserer Truppe reiste nun bereits das genau zehnte Jahr in Folge nach England, es ist zur Boxing Day Tradition geworden.

Paul Stelzhammer – Fan von Borussia Dortmund und Groundhopper aus Leidenschaft

Paul Stelzhammer