Gerade wechselte Samuel Eto’o für einen Bentley und ein Jahresgehalt von 20 Millionen Euro in die Krisenregion Dagestan. Die Überkommerzialisierung, die seit den Achtzigern... Contro il calcio moderno? – Die Berliner Tageszeitung und die Überkommerzialisierung des Fußballs

Gerade wechselte Samuel Eto’o für einen Bentley und ein Jahresgehalt von 20 Millionen Euro in die Krisenregion Dagestan. Die Überkommerzialisierung, die seit den Achtzigern im Fußball ihren Lauf nimmt, hat nun einen weiteren Mitstreiter: Die Berliner Tageszeitung.

Zwei Stiere riesig auf den rot-weißen Trikots eines Vereins, der mal violett und weiß war, ein deutlicher Balken eines Wiener Energieherstellers auf dem Logo eines Vereins aus Penzing, bei kleineren Vereinen sehen die Spieler aus wie Litfaßsäulen, die Vereinsfarben verschwinden. Was in Deutschland mit einem Magenbitterhersteller begann, zog um die Welt, um Fußballspieler um Abermillionen von hier nach da zu lotsen und ermöglicht den Kickern den Lebensstil, welcher sonst nur Wirtschaftstreibenden mit langer Erfolgsliste zugeschrieben wird. Neben dem bekannten „harten Kern“ diverser Fangruppen gesellt sich nun erstmals ein respektiertes Tagesmedium zu den Rufern in der Wüste gegen die Überkommerzialisierung im Fußball zu Wort. „Die Werbung im Fußball […] ist mit den Jahren der Kommerzialisierung einfach zu aufdringlich, zu omnipräsent geworden.“ heißt es im Redaktionsblog der Berliner Tageszeitung. Bilder von Sportlern ähneln seit kurzem Bildern vom Mond aus den 70ern, alle Werbebanden und jeder noch so kleine Sponsor wird unkenntlich gemacht. Diese Vorgehensweise ist nicht neu, bereits in den Achtzigern wurde darauf geachtet, Werbung nicht zu omnipräsent zu gestalten.

CONTRADICTIO PER SE

Laut dem Redaktionsblog möchte die „Taz“ unabhängig berichten, ein Anteil des Werbewertes von Zeitungsberichten wird mit 20 Prozent beziffert. Natürlich kann sich eine kleine Zeitung wie die Berliner es leisten, größere Sponsoren vor den Kopf zu stoßen. Die Sueddeutsche Zeitung, eine der größten und renommiertesten deutschen Blätter, stellt die Aktion in Frage, die Taz suche „intelligente Lösungen“ in der Sportwerbung: „Für die Form des Protests sollte das Gleiche gelten“. Hauptsächlicher Kritikpunkt in der SZ ist der Hinweis, dass zum einen bei Arjen Robben ein großer deutscher Telekomanbieter verpixelt werde, ein weltweit agierender Sportdressenhersteller aber nicht. Der Entschluss der Taz scheint populistisch, genauso wie der Kampf, den viele Ultra-Gruppen kämpfen: Einerseits will man Spitzensport, andererseits lehnt man den Weg zur Akquise ab. Die Katze beißt sich an beiden Enden in den Schwanz. Der österreichische Verteidigungsminister und Mitglied des Vorstand von Rapid, Darabos, meinte vor einiger Zeit, dass der Verein ohne Sponsorgeldern maximal in der Regionalliga spielen würde. Nicht einmal das ist möglich, wenn Fotos der Dressen von diversen Landesligisten betrachtet werden.

SPITZENSPORT AM SCHEIDEWEG

Natürlich haben die Berliner Tageszeitung und die Fans einen starken Mitstreiter: Michel Platini führt das Financial Fairplay ein, um den galoppierenden Kapitalismus im Fußball aufzuhalten. Die Einzelheiten des FFP sind auf abseits.at nachzulesen, in der Sache ist man geeint: Die Wirtschaft überfordert den Fußball schlichtweg, auffällige Beispiele sind La Liga und Premier League, welche hoch verschuldet sind. Der Fußball, Europas Sportart Nummer 1, weiß noch nicht zu Gänze, wie mit ihm selbst umgegangen werden soll. Die Rufer, die mehr Realismus verlangen, werden immer mehr. Ein reines Rückbesinnen auf Zuschauereinnahmen und Fernsehgelder kann sich ohnehin kein Verein leisten. Die Devise „too big to fail“ stimmt aber in der Wirtschaft auch nicht mehr, wurde diese Aussage doch oft genug im Zusammenhang mit der Pleite der Lehmann Brothers gehört. Abseits von FFP, den Ultras und der kleinen Taz müssen sich die Vereine noch mehr überlegen, wie in Zukunft budgetiert wird. Eine Studie der UEFA ergab, dass die vier gesündesten nationalen Ligen die deutsche, belgische, schwedische und die österreichische sind. Das mag vor allem im Zusammenhang mit den Konkursen des letzten Jahrzehnts auffällig sein, spielen doch die Belgier und Schweden nicht unbedingt eine große Rolle im Fußball, in Deutschland hilft die Regel „50+1“, die den Einstieg großer Einzelsponsoren verhindert. Angesichts dieser Tatsachen würde einem Wirtschaftsprüfer wohl übel werden, hätte er Einblick in die Geschäftsgebarungen, wenn die UEFA Österreich als finanziell gesund ansieht.

KLASSENKAMPF OLÉ?

Natürlich verfolgt die Taz umgekehrt Eigeninteressen. Die Zeitung ist nicht bereit, gratis Werbung zu machen, der Wortlaut: „Die werden einfach so abgedruckt. Das geschieht unentgeltlich.“ Ein Affront für die Partner, die Inserate schalten, in den Zeiten des Niedergangs der Printmedien aber auch verständlich. Doppelbödig bleibt die Art des Protestes dennoch, aber sie zielt auf etwas Richtiges ab. Der Fußballfan und die Medien stellen sich nämlich tatsächlich als Werbeträger bereit, ohne nur einen Cent dafür zu sehen. „Auf einem ganz normalen Sportfoto sind im Schnitt zwei bis drei Logos zu sehen, manchmal auch sieben oder acht“ stellt die Taz fest. Genau 74,95 € kostet beispielsweise ein Dress des FC Bayern München und die Sponsoren bekommen um die horrende Summe auch noch mehr Werbung. Ein Fanprotest wie bei Sturm Graz oder Rapid Wien, bei welchen die Mitglieder der Kurven keine offiziellen Fanartikel mehr kaufen, geht letzten Endes auch wieder ins Leere, denn es gibt ja immerhin noch genug Menschen, die sich trotzdem Dressen oder Schals kaufen.

KEINE LÖSUNGEN IN SICHT

„Wir sind dann schon mal die Vaterlandsverräter, die die Mechanismen des globalisierten Sports nicht verstanden haben“ müssen die Berliner sich vonseiten der Wirtschaft anhören. Auch Uli Hoeneß griff „seine“ Ultras frontal an, als er meinte „Wir müssen denen im VIP die Gelder aus der Tasche ziehen, damit ihr um sieben Euro in die Südkurve kommt“. Der umgekehrte Weg wird in Amerika im Profisport eingeschlagen, die Franchises würden in Europa aber wohl nicht funktionieren, zu regional verwurzelt sind die Vereine und Sponsoren, zu anders ist das System im Fußball im Gegensatz zu Football oder Basketball hinsichtlich des Nachwuchses. Sinngemäß funktioniert – und da ist der Vorwurf vonseiten der Wirtschaft an die Taz gerechtfertigt – der Sport eben nicht nur mit Luft und Liebe. Fans, Medienvertreter und Platini müssen nun mal damit leben, der Wirtschft hilflos ausgeliefert zu sein. Ob das FFP aber den großen Crash verhindern kann, sei dahingestellt.

NUR DIE B-MANNSCHAFTEN – BIS JETZT

In Österreich wurden Konkurse immer wieder von der Politik aufgefangen, sofern die Vereine relevant genug waren und irgendwie geholfen werden konnte. International waren es auch nicht der erste Anzug, der die volle Härte der Finanzaufsicht zu spüren bekam. Parma, Sevilla, Portsmouth – Beispiel für Misswirtschaft, aber eben keiner der „Global Players“. Wie lang sich allerdings die Vereine, die den Fußball international in den letzten 20 Jahren geprägt haben, etwa Barcelona, Real Madrid, AC Mailand oder Manchester United, ihre Ansprüche noch leisten können, bleibt die Frage. Manche mussten downsizen oder sich neu erfinden, zum Beispiel Arsenal oder Dortmund, andere melden sich im Konzert der Großen, Manchester City oder Paris St. Germain, neu an. Gerade in Dortmund kann eine moderne Version der Ikarussage erzählt werden, die Borussia kann aber auch ein Beispiel sein, wie gearbeitet werden kann. Von den Viertelfinalisten der vergangenen Champions-League-Saison soll nur Shakhtar Donezk finanziell solide aufgestellt sein.

WAS BRAUCHT ES, BIS DIE BOTSCHAFT ANKOMMT

Ohne einem finanziellen Crash der Größenordnung Barcelona wird trotz aller Proteste der Medien, einzelner Clubchefs, der UEFA und der Fans aber nichts passieren. Die UEFA ist im Endeffekt an der derzeitigen Situation selbst schuld. Durch die Champions League wurde alles bereitgestellt, was die Proteste hervorruft. Die schottische und die spanische Liga liegen vom sportlichen Reiz her in den letzten Zügen, in England brauchte es eine Portion Glück (Tottenham) und Geld (Manchester City), um die Dominanz zu brechen, auch in Deutschland sind zweite Plätze der Bayern mehr ein Zufall. Das Kartenhaus Spitzenfußball beginnt in sich zu bröckeln. Was mit den Ultras des AS Roma anfing, ist mittlerweile in einem respektablen Medium in Deutschland angekommen. Ob die UEFA mit dem FFP den Crash noch rechtzeitig verhindern kann, muss angesichts der Zustände in den großen Ligen bezweifelt werden. La Liga fand am Wochenende nicht statt, Gehälter werden teilweise seit Monaten nicht bezahlt. So begann es bei Tirol, Kärnten, Leoben – das Ergebnis ist bekannt.

Den immer mehr werdenden Rufern gegen den modernen Fußball wird dennoch nur eines überbleiben: Die Erkenntnis, es eigentlich „eh“ schon immer gesagt zu haben. Selbst wenn die Aktion der Taz nicht ganz uneigennützig ist.

Georg Sander, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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