Dass David Alaba Wiener ist, weiß mittlerweile fast jedes Kind. Nicht alle wissen aber, dass der Spross eines nigerianischen Vaters und einer philippinischen Mutter... Buchrezension: David Alaba – Das österreichische Fußballwunder

Dass David Alaba Wiener ist, weiß mittlerweile fast jedes Kind. Nicht alle wissen aber, dass der Spross eines nigerianischen Vaters und einer philippinischen Mutter seine ersten Fußballschuhe beim SV Aspern im 22. Wiener Gemeindebezirk schnürte. Damals hatte David das Glück rechtzeitig seinen „Professor Higgins“ zu finden. Eigentlich waren es sogar mehrere: Der Erste – Emanuel Dahner, Trainer von Aspern – erweist sich als Glücksgriff.

Väter des Erfolges

Felix Haselsteiner, ein Österreicher, der in München aufwuchs, hat 2017 eine Biografie über David Alaba geschrieben: Untertitel: Das österreichische Fußballwunder. Haselsteiner ist selbst ein Frühentwickler: 1995 geboren, hat er bereits zwei Bücher (mit)geschrieben und arbeitet neben seinem Studium als freier Autor. Wer sein Pygmalion ist, kann man nur raten. Die Förderer von Alaba hat Haselsteiner dagegen herausgefiltert: Einst zog Damir Canadi die Fäden um aus dem Donaustädter einen Austrianer zu machen. Später ist es Heiko Vogel, der den Bayern den entscheidenden Tipp gibt: Die C-Jugend der Veilchen hätte zwei überragende Spieler: Christoph Knasmüllner und David Alaba. Hermann Hummels, der Vater von Mats, Stephan Beckenbauer (†), der Sohn von Franz und Werner Kern, damals FCB-Nachwuchschef, zogen als Triumvirat aus, um Alaba (mit der violetten U19) gegen eine Tiroler Landesauwahl zu beobachten. „Den mussten wir holen.“, behauptet Kern später.

Am Anfang der (Vor)Geschichte des erfolgreichsten österreichischen Spielers der Gegenwart kommt George Alaba 1984 nach Wien, um zu studieren. Nebenbei legt er Platten auf, bis er den Hörsaal schließlich ganz gegen das Tonstudio eintauscht. „Two in One“ heißt Georges Duo, das er gemeinsam mit einer Wiener Sängerin bildet. Die beiden landen mit ihrem Dance-Pop inklusive afrikanischer Einflüsse mehrmals in den Charts, bis nach sieben Jahren der Traum ausgeträumt ist: Eine deutsche Plattenfirma hat sich den Namen sichern lassen, für einen Rechtsstreit ist kein Geld da. George geht zurück an die Turntables und legt in Diskos auf. Er lernt Gina kennen, die gelernte Krankenschwester ist und in einem Seniorenheim arbeitet. Glaube, Ehrgeiz, Familie sind die Grundwerte, die David und seiner Schwester Rosemaie (heute nennt sich die Sängerin Rose May) vermittelt werden.

Die Ganztagsvolksschule am Hammerfestweg und der staubige Platz der Sandefjordgasse sind Davids erste Aufenthaltsorte, ehe er immer häufiger am Trainingsplatz des SV Aspern anzutreffen ist. 2006 geht es für das Ausnahmetalent weiter in die Austria Akademie nach Hollabrunn. Er sticht heraus, weil er akribisch arbeitet und selbstbewusst agiert. Der damalige Nachwuchschef Ralf Muhr beschreibt ihn als Musterschüler. Am 18. April 2008 spielt David zum ersten Mal in der Zweiten Liga. Einen Profivertrag lehnt er höflich ab: München ruft. Da nutzt selbst ein unmoralisches Angebot nichts: „Wir haben gesagt, dass er bei uns die Schule abbrechen und eine Lehre zum Automechaniker machen könne.“, erzählt Muhr. Die Schule mochte David nämlich nie.

Er beendet diese in der Folge auch. Ausnahmsweise natürlich. Das behauptet Bayern-Nachwuchskoordinator Kern: Er habe bei keinem anderen Burschen das Gefühl gehabt, es würde zum Profi reichen. Kurz nach seinem 17. Geburtstag spielt Alaba fix bei den Amateuren. Jetzt geht es schnell: Debüt im Nationalteam, Profi-Trainingslager in Dubai. Der Autor resümiert treffend die erste Zeit als Bundesligaspieler: „Alaba hatte seine erste halbe Saison bei der ersten Mannschaft gespielt, er hatte ein herausragendes Spiel gemacht, war fünf Minuten unkonzentriert gewesen, was in der Bundesliga zu zwei Gegentoren führen kann.“

Jauchzet, frohlocket

Ich erinnere mich dunkel daran, dass ein Online-Portal 2011 einen „Experten“ zitierte, der meinte Alaba sei für die Bayern nicht gut genug und würde deshalb leihweise zu Hoffenheim gehen. Dieses Zitat findet sich in Felix Haselsteiners Buch ebenso wenig wie andere kritische Bemerkungen über den mittlerweile siebenfachen deutschen Meister. Die Verehrung des Autors schlägt durch die Lobpreisung der (von ihm interviewten) Wegbegleiter durch: Jeder hat von der glorreichen Zukunft des Wieners gewusst. Empirisch gesehen kann das nicht stimmen. Fußballinternate gleichen Hühnerfabriken, in denen Küken geschreddert, Biografien zerstört werden. Ein Promillewert bleibt über und wird Profi. Wer es schaffen will, der braucht mehr Glück als Verstand oder Talent. Am Ende haben es natürlich alle immer schon gewusst: Allen voran die Mama, an den Fußtritten des Ungeborenen im Mutterleib. Schade, dass dieser Mythos auch hier weiter bedient wird. So schreibt man keine gute Biografie. Egal über wen.

2011 geht David Alaba nach Baden-Württemberg, als er unter Van Gaal nicht mehr zum Zug kommt. „Er hat sich überhaupt nicht abschrecken lassen.“, erinnert sich Trainer Marco Pezzaiuoli. Der Spieler will schon damals ins Mittelfeld versetzt werden und kommuniziert das klar. Hoffenheim spielt natürlich anders als Bayern und auch Alaba wird gefordert. Er verbessert sein Spiel ohne Ball enorm und kehrt schließlich mit 18 Einsätzen nach München zurück. Heynckes vertraut ihm. Als Bastian Schweinsteiger verletzt ist, wechselt er tatsächlich ins Mittelfeld, ist aber zunächst überfordert. Als Heynckes nach einer Niederlage gegen Schalke vor dem Aus steht, setzt er Lahm rechts und Alaba hinten links ein. Mit dieser neuen Defensive geht es fortan bergauf. Sein Verhalten nachdem er in der 4. Minute des CL-Semifinales 2012 Gelb gesehen und einen Elfer verschuldet hat, zeigt, dass er wirklich Weltklasse ist. Seine Reaktion: Er macht eine perfekte Hereingabe, die Arjen Robben übers Tor drückt. Di María hat keine Chance gegen den Jungspund. Beim entscheidenden Elferschießen glaubt man David spiele im Strandbad Gänsehäufel ein Badkickerl. Aufgrund seiner Sperre sieht er mit Tränen in den Augen wie Didier Drogba den entscheidenden Elfmeter verwandelt. Ein Jahr später soll er jedoch mit dem Triple, 91 Punkten in der Meisterschaft Bestandteil der besten Bayern‑Mannschaft aller Zeiten werden. David Alaba ist zu diesem Zeitpunkt gerade 21 Jahre alt.

Gescheiterter Führungsspieler

So weit, so gut. Der Autor rezipiert eine Geschichte, die man als Fußballinteressierter schon kennt und einfach mittels google recherchieren kann. Eine kritische Aufarbeitung findet sich nicht einmal ansatzweise. Einzig beim Zankapfel Position greift der Autor ein: Felix Haselsteiner sieht ihn als Weltklasse-Außenverteidiger: Alaba sei einfach niemand, der ein Spiel an sich reißen könne. Profitiert habe er am meisten von Pep Guardiola, der ihn als „eingerückten Außenverteidiger“ und somit als versteckten Mittelfeldspieler einsetzt. Während Alaba unter Heynckes seinem Kumpel Ribéry quasi nachläuft, rückt er nun mehr ins Feld und bewegt sich auf einer Höhe mit Philipp Lahm, der damals Sechser ist. Kein Tiki-Taka, sondern Positionsspiel à la catalane. Haselsteiner sieht in Alabas taktischer Intelligenz seine größte Stärke. Die Zeit unter Pep machte ihn zum „variabel einsetzbaren Hybridspieler“.

Die beinahe traumatische Endrunde in Frankreich wird im Buch nur kurz gestreift. Für den Heilsbringer ist das Spiel gegen Portugal – der einzige Punktgewinn der Euro – sein schwächstes im Nationaltrikot: „Alaba versuchte überall zu sein und war nirgendwo“. Der Autor verteidigt die Nationalmannschaft gegen den bösen Boulevard. Die alte Garde an Fußballlegenden bekommt an unzähligen Stellen ihr Fett weg. Haselsteiner gibt sich sachlich: „Der kurzfristig errungene Weltranglistenplatz zehn war mehr Schein als Sein. In Wahrheit lagen vermutlich eher 20 bis 25 Mannschaften vor der des ÖFB.“ Für David Alaba beginnt sowohl bei den Bayern – Ancelotti ante portas – als auch zuhause eine neue Zeitrechnung: Er ist jetzt ein Führungsspieler und für manche schon ein gescheiterter Führungsspieler. Snapchat-Krise: Alabas Autosingerei, seine „Leidenschaft für Schelmereien, […] und ausgefallene Klamotten“, die er mit Ribéry teilt, wird nun in einem anderen Licht gesehen. David Alaba spielt als klassischer Linksverteidiger seine schwächsten 15 Monate im Bayern-Trikot unter dem Italiener, der stoisch an der Linie Kaugummi kaut. Der einstige Liebling wird getadelt: „Peinliches Gestolpere“ nennt die Krone seine Leistung beim 2:3 gegen Serbien. Die Kapitänsrolle, das Positionstheater – alles Angriffe auf den sechsfachen österreichischen Sportler des Jahres. Haselsteiner resümiert: „Die Frage ist bloß: Werden Sie ihn zu einem besseren Spieler machen oder gilt für Alaba dasselbe wie für die österreichische Nationalmannschaft? Nämlich dass der Weg aus der Krise vor allem mit einer angepassten, realitätsnäheren und sachlicheren Beurteilung zusammenhängt.“ Schade, dass das Buch mehr unreflektierte Liebeserklärung als Lebensgeschichte ist. Zu selten sind charmante Wendungen in dem leicht zu lesenden Text eingestreut. Das nächste wird hoffentlich besser, Felix. Glück auf!

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag