Es hätte ein ORF-produziertes Serienformat in Vorbereitung auf die EM 2008 werden sollen. Das hat nicht geklappt. So wurde es ein launiges Büchlein. Das... Buchrezension: Franzobels großer Fußballtest

_Österreich FansEs hätte ein ORF-produziertes Serienformat in Vorbereitung auf die EM 2008 werden sollen. Das hat nicht geklappt. So wurde es ein launiges Büchlein. Das hat gut geklappt. Franzobels 238 Seiten langer „Fußballtest“, erschienen im Picus-Verlag, ist ein amüsantes Freizeitvergnügen für literaturbegeisterte Fußballfans. Der Herr Literat (O-Ton Hans Krankl) ist selbst bekennender Fußballanhänger, so wählte er beispielsweise seinen Künstlernamen anlässlich eines 2:0-Sieges der Equipe tricolore über Nachbar Belgien (FRA 2:0 BEL). Sagt er jedenfalls manchmal. Sicher ist, dass Franzobel in personam für die Literaten-Nationalmannschaft Österreichs (ja, die gibt es wirklich) aufläuft. Er versuchte sich auch als Kandidat in der Serie „Das Match“. Am besten kann er jedoch schreiben: Das beweisen seine hervorragenden kolumnenartig-gestaffelten Kurzbeiträge zum Thema Fußball.

Fußball ist für Franzobel fast religiös, jedenfalls aber Religionsersatz. Anfängliches Geplänkel inwieweit ein sexueller Trieb im Ballsport fortlebt, wird von ihm nicht weiterverfolgt. „Fußball ist sinnlos, manchmal aber sehr poetisch.“, bringt es der Autor auf den Punkt. So poetisch, dass man lang und breit darüber schreiben kann. Und mir persönlich bereitete das Lesen der Franzobelschen Ergüsse großes Vergnügen. Denn eigentlich schreibt er so wie ich es gerne möchte und nur selten im Podolskischen Sinn „im Leisten zu Stande bin.“ Besonders erfrischend ist sein Doppelpass mit dem Schweizer Richard Reich. Die beiden Autoren exerzieren die Zusammenarbeit der Euro-Ausrichter anno 2008 schon einmal literarisch vor: Sie lamentieren, analysieren und kommentieren die Situation ihrer Nationalmannschaften. Dass die „Nati“ der (namenlosen) österreichischen Auswahl einiges voraus hat, war damals so und ist bis heute so geblieben.

Doppelpass als Steilvorlage

Der gebürtige Berner Reich leistet als Gastautor jenen Beitrag, der zu einem Gustostückerl für historienaffine Fußball-Leseratten wird: In „Der andere Herr Karl“ behandelt er den Österreicher Karl Rappan, der 1938 und 1954 mit den Schweizern ins WM-Viertelfinale vorstieß. Rappan, Erfinder des „Schweizer Riegels“, ließ sich anlässlich des Abspielens der großdeutschen Nationalhymne bei der WM 1938 zum Heben des rechten Armes verleiten und geriet somit bei den Eidgenossen in Verruf ein brauner Bruder zu sein. Dass die „Nati“ des „Nazi“ die Hakenkreuzler nach dem Hymnen-Eklat mit 4:2 besiegte, spielte da keine Rolle mehr. Rappan, der erfolgreichste Schweizer Nationalcoach aller Zeiten, starb 1996 „einsam, verlassen und vergessen“ in Bern.

Der Dialog mit Reich ist das Herzstück des Buches und passt hervorragend. Komisch mutet nur an, dass Franzobel im Gespräch mit seinem Schweizer Gegenpart fast alle auf den vorigen Seiten aufgegriffenen „Bonmotscherl“ noch einmal aufs Tapet bringt: Wie etwa Ernst Happels absichtliches Eigentor oder die Fußball-Unkenntnis des damaligen Vienna-Präsidenten Paul Hörbiger. Letzterer wusste nicht einmal, dass nach der Halbzeit die Seiten gewechselt wurden und jubelte so bei den Toren des Gegners mit. Kurzsichtig war er anscheinend auch.

Franzobel kann seine Herkunft nicht verleugnen. Er schreibt sehr österreichisch. Zunächst wird bemängelt (oder festgestellt?), dass Österreich ein Land sei, „in dem keiner keinem etwas gönnt, wenigstens nichts Positives. Entweder ist man neidig, oder man nimmt einen Erfolg nicht ernst.“ Der Autor zieht Parallelen zur Kultur: Cordoba und die hiesige Wehmut nach 1978 seien die Gegenstücke zur kulturellen Sisi-Mozart-Kaiser-Klimt-Anbetung. Oder um es mit Alfred Polgars Worten zu sagen: „Die Österreicher schauen mit großer Zuversicht in die Vergangenheit.“ Gefühlsbetont, leidensfähig und superlativsüchtig seien sie. Auch im Fußball.

Franzobel kommt von seinem persönlichen WM-Koller zur Kritik am Adidas-Spielball („Ist also der Ball mit Slipeinlagendesign ein Steilpass in die Nähe des Fußballgottes zum weiblichen Geschlecht?“). Er rekapituliert Hape Kerkelings legendären Auftritt als vermeintlicher GAK-Trainer Albertas Klimawiszys, bei dem die Presse Kerkeling einiges an Schauspielkunst abverlangte. Satire ist man in Österreich schließlich gewohnt, da braucht es eine gehörige Portion Übertreibung um die Ironie der versteckten Kamera zu entlarven.

Ironie ist auch die Stärke des „Fußballtests“. Fußball ist poetisch, Franzobel auch: Herrlich, zum Beispiel, wenn er über die Namen der Profis sinniert, die bei der EM 08 demnächst zum Einsatz kommen sollen: „Der schönste Vorname ist Lilliam, das klingt wie ein mit Veilchensorbet-Atem auf Schmetterlingsflügel gehauchter Liebesbrief.“ Als er einen Kosenamen für das A-Nationalteam kreieren möchte, verfeinert der Autor seine Weisheit vom „garstigen“ Österreich: Wenn bei der Schweizer „Nati“ an Natalie oder Natascha gedacht wird, soll für die „Ösis“ doch auch ein Frauenname herhalten: Zum Beispiel: Dorli, „weil Dolores Schmerz bedeutet, auch Claudia, die Hinkende, wäre angebracht.“

Die lästigen Deutschen

Was für einen Austria-Anhänger Rapid ist (und umgekehrt), ist für einen österreichischen Fußballfan die vermaledeite DFB-Elf. Die altbekannte Abneigung verarbeitet Franzobel gleich in mehreren Abschnitten seines Buches. Ganze drei Kapitel widmet der Schriftsteller unserem Nachbarland: „Als Österreicher wird man zur Mieselsucht erzogen, und man lernt, egal was auch immer geschieht, in jedem Fall gegen Deutschland zu sein. Schon Vorschulkindern ist klar. Wenn sich Österreich, weil seine Kicker zu viel Talent haben, wieder einmal nicht qualifiziert, bleibt normalerweise immer noch die Hoffnung auf einer frühes Ausscheiden der Deutschen.“ Der Autor zieht alle Register und entpuppt sich dabei als Wolf (Ösi) im Schafs –(Piefke)-pelz, denn zunächst werden rationale Zugeständnisse gemacht: „Im Gegensatz zu Österreich hat in Deutschland eine Aufklärung und später eine Vergangenheitsaufarbeitung stattgefunden, ist man politisch korrekt im Reden wie im Handeln. Auf die Deutschen kann man sich verlassen. Sie sind großzügig, nicht verbohrt, hilfsbereit und einschüchternd intelligent.“ Soweit, so gut. Doch der letzte Satz stimmt viele österreichische Fußballfans wieder milde: „Trotzdem, ich mag sie nicht, niemand mag sie.“ Keinen Argumenten zugänglich, dieser Franzobel. Verschmitzt wirft er uns noch ein Letztes vor die Füße: „Irgendwann werde ich vielleicht sogar froh sein, wenn man mich im Ausland für einen Deutschen hält. Oder ist das auch schon wieder die charmante österreichische Ironie und meine ich es gar nicht so?“

Solche Wehklagen werden mit einer Aufzählung der verdeutschten Fußballbegriffe fortgesetzt. In der internationalen Vereinheitlichung (Coaching Zone und Co.) ortet der Autor gar eine „sprachliche Planierung“, die dem Fußball das Subversive stiehlt.

Sei schön brav!

In dieser Tonart steht auch die Aufarbeitung der Geschehnisse vom 30. Mai 2007, als Andi Ivanschitz als Kapitän des Nationalteams den Zorn einiger Rapid-Fans zu spüren bekam: „Waren Sie schon mal verliebt? Und sind Sie auch schon mal verlassen worden?“ Franzobel darf was Funktionär, Politiker, Kommentator nicht dürfen. Das bekräftigt er auch in einem Standard-Interview: „Für mich als Kind hatte Fußball etwas Proletarisches, fast Verbotenes, ich durfte ein paar Spielszenen in der „ZiB“ sehen, das war’s. Heute gibt es Vermarktung ohne Ende, das hat schon etwas Abgehobenes. Und was sich in der österreichischen Bundesliga abspielt, ist teils unterirdisch. So gesehen war diese Ivanschitz-Geschichte im Hanappi-Stadion sehr interessant für mich. Natürlich war es unklug und unangenehm, was die Rapid-Fans da getan haben. Aber es war auch ein Protest dagegen, dass die Identifikation verloren geht. Russische Oligarchen kaufen Vereine, bei uns gibt es Stronach und Mateschitz. Fußball wird benützt, das spürt man.“ Die unsäglichen Judaschitz-Schreiereien setzt der Autor mit dem Bruch einer Liebesbeziehung gleich. Er zeigt Verständnis, aber keine Akzeptanz. Jene Stellen bleiben leider die kontroversesten Abgründe, die das Buch zu bieten hat. Richtig feurig wird es nicht. Auch nicht beim Thema Bestechung: Das Korruptionskapitel mit dem Titel „Kann Schmiergeld fließen“ ist gerade dreieinhalb mickrige Seitchen lang und erschöpft sich in der Betrachtung des CL-Quali-Spieles RB Salzburg gegen Donetzk. Der gebürtige Oberösterreicher teilt eigentlich nur Seitenhiebe gegen das „Fabrikskonstrukt“ aus der Mozartstadt aus: „[…] bei Salzburg spielten zwei Österreicher und zwei Schweizer mit und dass der Mann im Tor den Namen Ochs trägt, kann nur eine schmierige Verbeugung vor dem Energiedrink sein.“

Überflüssig, wirklich überflüssig ist dann aber das vorvorletzte Kapitel des Werkes, das demselben seinen Namen gibt: „Franzobels großer Fußballtest – Ein Drehbuch“ ist an Langatmigkeit nicht zu überbieten und gefüllt mit Späßen so tief wie der Neusiedlersee. Wenn das nicht-entstandene Serienformat ausschließlich auf diesem beruht hat, verwundert eine Ablehnung desselben überhaupt nicht. Der EM-Tauglichkeitstest mit dem Dichter, Stefanie Dvorak und Michael Ostrowski ist zum Schnarchen fad und haut dem Buch, den zuvor mühsam erkämpften Schmäh raus. Auch die anschließende ballesterische Bearbeitung von Kafkas „Verwandlung“, in der sich ein gewisser Klaus Samsa nach dem morgendlichen Erwachen als Weihnachtsmann in seinem Bett wiederfindet, stört das Gesamtbild, eines launigen, interessanten Buches mit wirklich gut gelungenen Anekdoten. Ansonsten gibt es aber nicht viel zu meckern. Wer sprachgewandte Fußballsatire liebt, kommt beim „Fußballtest“ voll auf seine Kosten. Ich schwör‘s.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag