Es kommt nicht allzu oft vor, dass ich in einem öffentlichen Verkehrsmittel sitze und nicht lese. Während ich von A nach B gondle, sind... Buchrezension | Frenkie Schinkels‘ „nackte Wahrheit“

SpielszeneEs kommt nicht allzu oft vor, dass ich in einem öffentlichen Verkehrsmittel sitze und nicht lese. Während ich von A nach B gondle, sind Bücher und Zeitschriften mein liebster Zeitvertreib. Bis vor wenigen Tagen war es mir auch nie peinlich in der vollbesetzten U-Bahn gleich welches Buch aus der Tasche zu ziehen. Bis zu dem Augenblick als ich Frenkie Schinkels Autobiografie mit mir herumschleppte.

Der Ruf des gebürtigen Rotterdamers ist – wie der Deutsche sagen würde – ein bisschen schmuddelig: Ein großes Mundwerk hat er und ein Lieblingsthema. Demselben ist auch ein kurzes Kapitel in seinem Buch gewidmet. Mit den vielsagenden Worten: „Liebe, Sex, Seitensprünge und Bordelle“ glüht der Leser auf typische Schinkels-Schenkelklopfer-Manier vor. Danach üben sich der gebürtige Niederländer und seine Co-Autoren Klaus Pfeiffer und Martin Huber jedoch in nobler Zurückhaltung und es geht ans Eingemachte: Frenkies Leben. In einem bemüht-wirkenden Aufbau versucht das Autoren-Triumvirat immer wieder persönliche Worte von Wegbegleitern und der Schinkelschen Familie einfließen zu lassen. Es reicht zu einem durchschnittlichen Buch, dessen Ziel, Schinkels besser kennenzulernen, aber eindeutig erreicht wird.

Die Existenz seines unehelichen Sohnes wird als Ausgangspunkt genommen um in das Rotterdam des Jahres 1963 zurückzureisen, wo Frenk „Frenkie“ Schinkels als Sohn eines Hafenarbeiters geboren wird. Die Mutter ist depressiv, alkohol- und medikamentenabhängig, Randfigur sowie zugleich Hauptperson im Leben ihres Sohnes. Als 16-Jähriger hat er ihren Despotismus endgültig satt und vertschüsst sich nach Schweden, um bei Halmstads BK erste Sporen als Profi zu verdienen. Schnell überreißt der Leser: Die großgoscherte Frohnatur (Eigenbezeichnung!) hat es nicht immer leicht gehabt. In dem 1,70 Meter großen Dreikäsehoch stecken zwar ohne Zweifel eine Kämpfernatur und ein Stehaufmanderl erster Güte, jedoch wird er Zeit seines Lebens immer wieder Leidtragender seiner sensiblen Seele werden.

Bereits in Schweden muss der Mittelfeldspieler mit einem kurzen Anflug an Depression inklusive Essproblemen zu Recht kommen. Später als Meistertrainer der Austria beruhigt sich der Wahl-Niederösterreicher während der 90 Minuten gerne mit Rotwein aus der Plastikflasche. Geheilt wird sein Burnout aber durch den Erfolg der Veilchen. Davon ist am Anfang seiner Profikarriere noch keine Rede: Der Umgang mit zwielichtigen Gestalten des Rotterdamer Nachtlebens führt zu jener Erkenntnis die Frenkies Zukunft bestimmen soll: „Ich bin für den Fußball geboren, nicht für die Unterwelt“. Klar, denn sein einziger Versuch Kokain zu konsumieren, wird wahrscheinlich sogar dem weißen Pulver peinlich gewesen sein: Schinkels bläst die Droge von den Nasenschleimhäuten weg, anstatt sie aufzusaugen. Ein Tritt gegen den Schiedsrichter lässt seine Karriere in den Niederlanden als 22-Jähriger pausieren: Acht Monate wird das Zornbinkerl gesperrt. Da ist er schon mit seiner großen Jugendliebe Esther zusammen und bangt nach einer Eileiterschwangerschaft um zukünftigen Nachwuchs.

Über Umwege beschert ihm der Zufall ein Engagement beim Bundesligaaufsteiger SAK Salzburg. Schinkels Österreich-Zeit beginnt: Nächste Station ist der Wiener Sportklub. Hier plaudert Schinkels auf Seite 77 erstmals aus dem Nähkästchen: Wie etwa, als ihn Hanseee-Nationale (Krankl) überredet, seinen Freund Reinhard Kienast im Spiel gegen Rapid zu provozieren. Prompt wird Kienast wegen einer Rache-Ohrfeige ausgeschlossen und Frenkie versteht die Welt nicht mehr: „Bei aller Freude über die „gelungene Aktion“ habe ich nicht ganz verstanden, warum man das mit seinem besten Freund macht.“ Der Leser fühlt sich in jene Fußballwelt zurückversetzt, in der Kicker noch 80er-Schmäh mit Rotzbremse und Vokuhila zelebrierten: Krankl, Schinkels und Gasselich hocken im warmen Sportklub-Entspannungsbecken. Tom Selleck gefällt das.

In der – na-no-na-ned – größtenteils linear-chronologisch erzählten Bio dienen Schinkels Begegnungen mit mächtigen Herren als roter Faden: Tankstellen-Kaiser Hannes Nouza, der millionenschwere Einflüsterer des Sportklub, ist da noch von der harmlosen Sorte. Interessant wird es erst, als Namensvetter Stronach in Frenkies Leben tritt. Schinkels gelingt es den Magna-Gründer zunächst als sympathische und vor allem großzügige Person zu zeichnen. Kameradschaftlich-leger holt ihn der Großsponsor einst in sein Austria-Magna-Boot: „Du Frenkie, pass auf, es hat mir gefallen, was du im Fernsehen gesagt hast. Ich sehe es auch so. Ich will dich in meinem Team haben.“, goutiert Stronach geübte Kritik des damaligen TV-Experten.

Das Verhältnis der beiden ist zunächst von Vertrauen getragen. Kanada-Frank macht Holland-Frenkie sogar höchstpersönlich zum Cheftrainer. Schinkels gibt Einblicke wie kompliziert die Situation damals gewesen sein muss: Er und Sportdirektor Stöger sollen sich als Billiglösung bei den verwöhnten Spielern durchsetzen. Respekt muss sich das hausgemachte Duo erst erarbeiten. Kurzerhand wird der unkende Ernst Dospel als Kapitän der Veilchen abmontiert. Feierbiester und Erfolgsgaranten wie Rushfeldt oder Linz weiß Frenkie mit Fingerspitzengefühl anzufassen: Mal werden sie gedrückt, dann wird ihnen wieder Druck gemacht. Abgesehen von seinen Panikattacken lebt Frenkie in seiner Zeit bei der Austria auf. Doch der Himmel verdunkelt sich, als Stronach über Nacht zum Fußballgelehrten mutiert. Er verschließt seinen (Geld)strohsack und mischt sich in die Personalpolitik ein. Als der Austro-Kanadier „Stönkels“ auch noch die Prämie für den Doublesieg vorenthält, ist das Frank-Frenkie-Verhältnis endgültig tiefgekühlt. Spöttelnd hat Schinkels jedes, vom gebürtigen Steirer so gern repetierte „Nicht?!“-Füllwort, in den Wortlaut seines Buches aufgenommen. „Für ihn waren wir nur ein Spielzeug, das er wieder weglegte, wenn er keinen Spaß mehr daran hatte.“, resümiert er am Ende. Eigentlich verfehlt. Stronach überschätzte (nicht zum letzten Mal) seine eigenen Fähigkeiten und vertraute den falschen Menschen. Richtige Experten ließ er selten zum Zuge kommen, eingefleischte Austrianer frustrierte er mit Billiglöhnen und Null Prozent Anerkennung, so lange bis sein Projekt endgültig gescheitert war. Herbert Prohaska kann davon ein Lied singen. Der Jahrhundertspieler der Austria lässt jedoch an seiner Liebe zu den Veilchen keinen Zweifel aufkommen, anders Frenkie: „Ich war als Spieler und Trainer bei der Austria, fühle mich heute aber nicht als Violetter. Meine Erfolge wurden vom Verein und von den Fans zu wenig gewürdigt.“

Nach der Stronach-Story tritt ein anderer „Macher“ in Schinkels Leben. Schwarz auf weiß erzählt er, was leider noch immer nicht bis in die hintersten Winkel Süd-Österreichs vorgedrungen ist: „Frenk, wenn du für Haider arbeitest, geht es nicht darum, ob du ein paar Tausender mehr oder weniger verdienst. Es geht um seine Beziehungen. In Kärnten läuft alles über Haider. Vielleicht bekommst du ja einmal ein Grundstück umgewidmet. Plötzlich ist der Wörthersee dein Swimmingpool […]“ Vieldeutig auch ein anderes Gespräch der beiden Herren: „Das kostet Millionen. Da müssen wir ein paar Seen verkaufen.“, sagte ich im Spaß einmal zu ihm. „Wir werden das Geld aufstellen“, antwortete er.“ Konkreter wird Schinkels nicht, er erzählt nur von potenziellen russischen Investoren und einer nicht-erfolgreichen Fußballer-Schnäppchenjagd in Italien. Schwamm drüber. Die farbenprächtigen Träume vom Europacup in Klagenfurt werden durch Haiders Unfalltod im Jahre 2008 jäh beendet.

Das Engagement bei Austria Kärnten bleibt das letzte interessante Kapitel in Schinkels Buch. Dann kommt jener Teil, für den ich mich in der U-Bahn einst fremdschämte oder der mich ganz einfach nicht interessiert: Show, Sprüche und Distanzlosigkeit. Doch auch das ist Schinkels Leben. Erst seine Schlagfertigkeit rettete ihn buchstäblich.

Nachdem Schinkels Frau Esther tödlich verunglückt und seine kurze Karriere als Cafetier nichts als Schulden einbrachte, braucht der Neo-Österreicher jeden Schilling. Ein hochverschuldeter Witwer mit vier kleinen Töchtern ist Frenkie Mitte der 90er, ehe er langsam wieder Tritt fasst. Sein Leben, pures Aprilwetter: Auf Glück folgt Pech und umgekehrt. Kurz nach dem Tod seiner Frau verliert er auch noch die Mutter und den Schwiegervater. Dafür lernt er mit seiner zweiten Ehefrau eine verlässliche Lebenspartnerin kennen und auch ein Lottogewinn flattert ins St. Pöltener Heim der Schinkels. Trotz der finanziellen Unterstützung vieler, muss sich der Ex-Profi einst mit Jobs am Bau, als Schneeschaufler und Prospektverteiler über Wasser halten: „Wenn die Leute aus dem Zug gestiegen sind und getuschelt haben: „Das ist ja der Schinkels.“ Vor sechs Jahren hatte ich noch im österreichischen Fußballnationalteam gespielt. Jetzt sorgte ich mit der Schneeschaufel und Kieselsteinen dafür, dass die Leute am Bahnhof nicht ausrutschten.“ Sein persönliches AMS ist das Fernsehen, wo er sich als Kommentator und Experte einen Namen macht und so letztendlich zunächst als Scout zur Austria stößt.

Die ganz große Karriere des hochtalentierten Feyenoord-Jugendspielers ist ausgeblieben. International ist selbst sein größter Moment eine Niederlage. Im unmenschlichen Spitzensport bleibt die Reinwaschung seines Namens durch eine Einberufung des Wödmastas Ernst Happel und sein 2:3-Tor gegen die alte Heimat nur eine Nebensache. Keinen Hehl macht der gebürtige Holländer aus seiner Unfairness, die mitunter den Gipfel der Frechheit erreicht: „Auswärts in Würmla gingen mir wieder einmal die Nerven durch, nach einem Zweikampf habe ich nachgetreten. „Dafür muss ich ihnen die rote Karte geben, Herr Schinkels“, sagte der Schiedsrichter fast mitleidig zu mir. „Aber Schiri“, entgegnete ich. „Er hat gerade zu mir gesagt, es ist gut, dass meine Frau gestorben ist.“ Eine glatte Lüge, die Schinkels bereut. Sein Verhalten sei ihm heute selbst ein Rätsel. Es ist nicht das erste und letzte Mal, dass die Pferde mit ihm durchgehen. Einen seiner Angestellten aus der Schuldenfalle Kaffeehaus salzt Frenkie in der Küche eines Heurigen. Ohne Streuer, dafür mit der Hand. Zuvor hatte dieser Geld veruntreut.

Schinkels macht sich in seinem Buch wirklich nackig und gesteht tadellos. Dazu gehört Mut und Abgeklärtheit. Freilich stößt er an seine Grenzen, wenn er Zeitgenossen beschreibt. Denn viel Erzählbares bleibt dem Ex-Offensiven nicht über. Ganz Fußballösterreich kann seine Helden schon blind charakterisieren: Hans‘ Stürmeregoismus, Schneckerls Mittelfeldregie, Ogerls Nachtschichten. Auch vermeintliche Enthüllungen bleiben nur Randnotizen: „Es ist kein Märchen, dass Spiele manipuliert werden. Als Aktiver bin ich selbst angesprochen worden. Als Spieler in St. Pölten und Gerasdorf, als Trainer in Kärnten. […] In Kärnten haben vier, fünf Spieler gegen mich und für das Wettbüro gespielt. Anfällig für solche Aktionen sind Junge, die nicht so gut verdienen, oder Spieler, die hohe Schulden haben. Meist Spielschulden.“ Anno 2014 schrillen hier die Alarmglocken.

Insgesamt ist die Geschichte berührend und mit vielen kleinen und großen lesenswerten Schicksalsschlägen gespickt. Dazu gehört Schinkels Sicht auf den Freitod des Polen Adam Ledwon. Eher vermeidbar ist die schmutzige Wäsche, die Frenkie nur teilweise wäscht: Namen nennt er nicht, wenn er über nächtliche Pokerpartien bei der Nationalmannschaft spricht, die dazu führten, dass das gut bestückte Team damals keinen Blumentopf gewinnt. Unter Nationalspielern beruft er sich auf den Ehrenkodex. Bei seinen einstigen Schützlingen Dospel und Dollinger ist Schinkels da nicht so zimperlich, erspart sich zwar Konkretisierungen, erklärt beide aber zu seinen persönlichen Nieten.

Der Rest: Dürftig, aber passabel. (Schreib-)Stil ist zwar immer noch nicht das Ende des Besens, jedoch kennt die Sportlerbiografienwelt wirklich schaurigere Werke. Peinlich ist der Inhalt des Buches sicher nicht und eigentlich auch die perfekte U-Bahn-Lektüre.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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