Wenn man am Ende einer Buchlektüre den Klappentext lesen muss, um zu verstehen worin die Intention des Autors bestand selbiges zu schreiben, ist es... Buchrezension: Fußballgötter

Wenn man am Ende einer Buchlektüre den Klappentext lesen muss, um zu verstehen worin die Intention des Autors bestand selbiges zu schreiben, ist es schon zu spät: Enttäuschung pur meldet das limbische Oberdeck. So ging es mir nachdem ich Harry Scheffers „Fußballgötter – Der schöne Schein des Profisports“ fertiggelesen hatte.

Der Autor wollte über Erfolgsrezepte von Spielern auspacken, sowie ein kritisches Bild der Branche zeichnen, hat aber nur eine kopflose Ansammlung von Eh-schon-wissen-Wissen ohne Pfiff geschrieben. Scheffer kratzt an der Oberfläche von Körperkult, Teamgeist und Motivation, um sich mit Seitenblicke-Kapiteln wie Spielerfrauen und Co. vollends zu blamieren. Sorry, aber der Wissenswert, das den Söhnen von Völler, Beckenbauer und Kirsten keine Karriere wie ihren Altvorderen vergönnt war, hält sich für durchschnittliche Fußballkonsumenten eher in Grenzen. Die aus diesen Fakten gezogenen Schlüsse sind auch für ABC‑Schützen logisch.

Scheffer scheint in der Tradition jener aschenputtelhaften Fußballmärchen zu stehen, die er nicht bedienen möchte, er rekapituliert aber zunächst selbst Lionel Messis Lebensgeschichte, um daraus die Strategie der Großklubs abzuleiten: „Sie sehen in einem Spieler das Talent für eine bestimmte Position und setzen alle Hebel in Bewegung, um ihn über Berater, Freunde und Eltern unter Vertrag zu bekommen.“ Hermann Hummels, der Vater von Bayern-Verteidiger Mats, drückt seinen Zugang zu diesem Thema folgendermaßen aus: Bescheidenheit und Geduld. Genies wie Messi sind die Ausnahme, alle anderen Jungspieler brauchen Zeit, gehen auch durch Tiefs. Man muss den Burschen Entwicklungsmöglichkeiten geben, sie abfedern um Fortschritte zu erzielen. Der Autor versucht die Erfolgsfaktoren für einen Werdegang als Profi aufzulisten. Letztendlich ist der Weg jedes Spielers aber so individuell wie er und sein Talent. Scheffer probiert eine Talentdefinition und zeigt, dass der DFB sechs Kriterien auf seiner Webseite gelistet hat, die von Basistechnik über Spielfreude bis zu Fitness und Persönlichkeit gehen. Für den Autor fehlt in dieser Aufzählung vor allem Mentalität. Er widmet diesem Aspekt ein ganzes Kapitel: Wichtig ist, dass Jungprofis über ein soziales Umfeld verfügen, das sie in Notzeiten auffangen kann. Scheffer kritisiert, dass vor allem Nachwuchsspieler nicht mit Ernährungsplänen konfrontiert werden, doch so wie das Thema Verführungen streift er auch dieses Kleinst-Kapitel ohne konkret zu werden.

Glaubwürdig ist das Buch allemal, doch Scheffers Thesen wären überzeugender, würde der Autor einen Gegenentwurf ausarbeiten und nicht nur altbekannte Beispiele skizzieren: Einzig an diesen Kurzbiografien im Buch kann man erkennen, dass Scheffer an einer Charakterisierung von Fußballertypen gescheitert ist: Die Superstars – Messi, Schweinsteiger, CR7 – auf der einen Seite, die „Versager“ auf der anderen Seite: Sebastian Deisler, Uli Borowka. Stutzig macht, dass ausgerechnet Maradona als herausragendes Beispiel für Stehaufmännchen angeführt wird: Ironiefrei hält Scheffer fest, wie sich der argentinische Superstar „nach jedem Rückschlag“ wieder aufgerappelt hat. So kann man es freilich auch betrachten. Nur einmal bekennt der Autor so etwas wie Farbe: Er plädiert für Yoga als wichtigen Beitrag zur Gesundheit und zitiert den Spielerberater Roman Grill (betreute unter anderem auch Steffen Hofmann), der seine Schützlinge zum 30-minütigen Rumturnen nach asiatischer Methode verpflichtet.

Wer „Fußballgötter“ schnell überfliegt, erfährt am Ende, welche „goldenen Regeln“ es zu befolgen gilt, wenn man Profi werden will. Scheffers vier Säulen: Rückhalt im sozialen Umfeld, medizinische Betreuung, ein seriöser Berater, Trainer und Verein, die die Entwicklung des Individuums fördern. Ja, was denn sonst?

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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