Kulturmaschinen ist ein junger, 2008 gegründeter Verlag aus Ochsenfurt. Heinrich Peuckmann ist dagegen ein erfahrener Schriftsteller, der 2013 ins Präsidium des PEN-Zentrums Deutschland gewählt... Rezension | Gefährliches Spiel – Fußball um Leben und Tod

Kulturmaschinen ist ein junger, 2008 gegründeter Verlag aus Ochsenfurt. Heinrich Peuckmann ist dagegen ein erfahrener Schriftsteller, der 2013 ins Präsidium des PEN-Zentrums Deutschland gewählt worden ist. Gemeinsam haben beide ihre politische Richtung: Während Kulturmaschinen links-philosophische Sachbücher und Belletristik herausgibt, rechnete Peuckmann – einst Gymnasiallehrer für Deutsch, Religion und Geschichte – 2016 mit einer Ex-Schülerin, die einen gewissen Prominentenstatus erlangt hat, ab: „Jemanden wie Frauke mit so einem Menschenbild und mit plumper Verdrehung der Wahrheit möchte ich denn doch nicht mehr treffen. Das widerspricht allem, für das ich (auch in meiner Literatur) stehe.“ So urteilte der Schriftsteller über die damalige AfD-Spitzenkandidatin Frauke Petry. Peuckmanns jüngst erschienenes Buch, die Novellensammlung „Gefährliches Spiel“,  ist nicht parteipolitisch, aber wohl politisch.

Der Autor ist seit seiner Kindheit BVB-Fan. Ausschlaggebend war seine Fanleidenschaft für sein letztes Buch jedoch nicht, in allen drei Geschichten geht es um Fußball im Totalitarismus: Die erste Geschichte erzählt von den Brüdern Starostin, die am Roten Platz ein Fußballspiel spielen, das sie in den Gulag bringt. In der zweiten Novelle treffen die Ex-HSV-Spieler Otto „Tull“ Harder und Asbjørn Halvorsen bei einem Länderspiel aufeinander. „Das unterdrückte Spiel“ erzählt von Gottfried Fuchs, einem jüdischen Fußballer, der emigrieren musste.

Es sind die Abgründe im Menschlichen mit denen der Fußball verbunden sein kann, aber auch das Menschliche, das trotz der Abgründe immer wieder durchschimmert, definiert Peuckmann das verbindende Element seiner Geschichten. Er hat diese sowohl aus der Sichtweise der Täter als auch der Opfer geschrieben. Das Ergebnis sind drei kurzweilige aufgearbeitete Geschichte über historische Fußballereignisse. Man sieht wieder: Fußball ist mehr als nur ein Spiel.

Nikolai Petrowitsch Starostin – Protagonist der ersten Kurzgeschichte – war Eishockeyspieler, Fußballer und Mitgründer von Spartak Moskau. Er und seine Brüder kicken am Roten Platz um mehr als nur den Sieg. Es ist ein Match mit politischer Dynamik: „Berija, der Geheimdienstchef, der früher selbst Fußball gespielt hatte. Starostin hatte mal gegen ihn gespielt, damals, als Berija linker Läufer bei Dynamo Tiflis gewesen war. Ein kantiger, technisch grober Spieler, der auszutricksen nicht schwierig gewesen war.“ Der Leser verfolgt das Spiel aus der Sicht des Moskauer Fußballpioniers und wird in die aufgeheizte Atmosphäre hineingezogen. Nikolai Starostin spielt ein Stellvertreterspiel gegen den zum Geheimdienstchef aufgestiegen Georgier Lawrenti Beria. „Erst als der Schlusspfiff ertönte, blickte er [Anmerkung: Starostin] hoch, zwanghaft mit weit aufgerissenen Augen. […] Er sah diese Augen [Anmerkung: Berijas], die sich zu zwei Schlitzen verengt hatten, sah die zusammengepressten Lippen und das leicht vorgeschobene Kinn. Die anderen kamen zu ihm gelaufen, seine Brüder zuerst, dann die übrigen Mannschaftskollegen. „Wir haben gewonnen!“, riefen sie. „Wir haben wirklich gewonnen!“

Berija versucht die siegreichen Starostins verhaften zu lassen, dank Fürsprache kommen diese jedoch davon. Erst am 21. März 1942 klicken die Handschellen. Unter einem Vorwand kommen die vier Brüder in den Gulag, zehn Jahre später werden sie entlassen. Auch dieses Match haben sie gewonnen.

Gemixt hat der Autor diese Episode aus zwei Geschichten: Im Sommer 1936 fand am Tag der Körperkultur erstmals ein Fußballspiel auf dem Roten Platz statt. Die großen Rivalen Spartak Moskau und Dynamo Moskau sollten ein Demonstrationsspiel vor den Augen sämtlicher Sowjetfunktionäre veranstalten. Die Dynamoverantwortlichen zogen ihre Zusage jedoch aus Angst zurück. So führte Starostin die Einsermannschaft aufs Feld und trat gegen die eigene Reserve an. Der Spartak-Kapitän hatte während des ganzen Matches ein Auge auf den Chef der Jugendorganisation, der mit dem Taschentuch winken sollte, um das Spiel zu beenden, falls Stalin sich langweilte. 1939 gab es auf Berijas Initiative ein zweifelhaftes Cupfinal-Wiederholungsspiel gegen Dynamo Tiflis, indem Spartak erneut siegte. Berija war außer sich und versuchte Starostin, den er aus seiner aktiven Zeit als Fußballer kannte, verhaften zu lassen, was nicht gelang, weil sich Premier Molotow für den Fußballpionier einsetzte.

In der Hauptgeschichte des Buches treffen Otto „Tull“ Harder und Asbjørn Halvorsen beim Qualispiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Norwegen vor der legendären Endrunde 1954 aufeinander. Zweimal sind die beiden Meister mit dem HSV geworden, ehe sich ihre Lebensläufe diametral entwickelten: Während „Tull“ SS-Mann wird und Dienst im Konzentrationslager versieht, wird Halvorsen nach dem Einmarsch der Deutschen in Norwegen wegen Renitenz gegen die Besatzungsmacht inhaftiert. Im Frühjahr 1945 wird er mehr tot als lebendig aus Neuengamme befreit und stirbt zehn Jahre später an den Spätfolgen seiner KZ-Haft. Das Zusammentreffen ist fiktiv, aber ein interessantes Psychospiel. Während Max Morlock und Co um die WM-Teilnahme kämpfen, versucht Harder die jüngere Vergangenheit totzuschweigen, wobei er bei Halvorsen auf Granit beißt: „Kameraden waren wir, sagst du? […] Findest du das wirklich, Tull? Kameraden, wir beide?“ Peuckmann erläutert den Hintergrund von Harders Sportkarriere mit geschickten Perspektiv- und Zeitwechseln: In Braunschweig geboren kickte der Stürmer – gegen die Widerstände des Vaters – erst beim FC Hohenzollern Braunschweig ehe er zum Hamburger FC 88, aus dem der HSV hervorgehen sollte, wechselt. Harders Alleingänge und Tore machen ihn zu einer lokalen Berühmtheit: „Wenn spielt der Harder Tull, dann heißt es drei zu null.“, singen sie in den norddeutschen Kabaretts. Er ist beliebt und dreht einen Stummfilm. Nach Peuckmanns Analyse ist es die fehlende Kameradschaft, die Harder nach dem Ende seiner Spielerlaufbahn in die SS treibt: „Komm zu uns, es geht um Deutschland. Du kannst wieder kämpfen, mit einer neuen Mannschaft, mit neuen Kameraden. Für unser Land, für uns.“

Eindringlich liefert der Autor ein Psychogramm der Persönlichkeit des Ex-Starstürmers: Ein eiskalter Egoist. Halvorsens Anschuldigungen sowie jene des Richters beim Entnazifizierungsprozess prallen an ihm ab: Halvorsen solle doch froh sein, dass er dank seiner Tore Meister geworden war. Selbst als dieser die nebulösen Gründe für seine Verhaftung schildert, bleibt Harder stur: „Du bist selber schuld, an dem was passiert ist.“ 5:1 siegt die DFB-Elf. Harder aber verliert – wenigstens in der Novelle: „Nicht alle lieben dich. Denk an unsere Mitspieler von damals, denk an Hans Rave und Ali Beier, mit denen du auch in der Nationalmannschaft gespielt hast. […] Was du gemacht hast, sagen sie, das hätte ein Kamerad, ein wirklicher Kamerad, niemals tun dürfen.“ Dann stand er [Anmerkung Halvorsen] auf, er stand einfach auf und verließ das Stadion, ohne sich noch einmal umzudrehen. Harder starrte ihm nach, bis er in der Menschenmenge verschwunden war.“

Gottfried Fuchs ist eine vergessene Alt-Legende des deutschen Fußballs, ihm ist die letzte Novelle der Sammlung gewidmet. Der 1889 geborene Karlsruher spielte an der Seite von Julius „Juller“ Hirsch und wurde 1910 Deutscher Meister mit dem hiesigen FV. Wie Hirsch war auch Fuchs Jude und begann in den 30ern unter seiner Herkunft zu leiden. Peuckmann rekonstruiert die Gedankenwelt des Stürmers: Der Ex-Kicker plant mit Frau und Kindern zunächst eine riskante Flucht in die Schweiz. Fuchs, der den Holzhandel seines Vaters übernommen hat und dessen Bruder ein bekannter Architekt und Komponist ist, überlegt: „Ich habe für Deutschland im Weltkrieg gekämpft, ich habe in der Fußballnationalmannschaft gespielt und so viele Tore geschossen wie bisher noch keiner. Wenn ihr mich schon nicht mehr haben wollt, dann lasst mich wenigstens gehen.“  Fuchs gelingt die Flucht über Frankreich nach Kanada, irgendwann nimmt Sepp Herberger per Brief Kontakt mit ihm auf: „Godfrey Fochs“ – wie er sich jetzt nennt – sei immer Herbergers Vorbild gewesen, sein Weltrekord – zehn Tore in einem Länderspiel – sei unerreicht. Selbst Pelé will den einstigen Torjäger anlässlich eines Gastspieles in Montreal kennenlernen. Herberger bemüht sich den Ex-Nationalspieler offiziell ehren zu lassen, doch der Verband lehnt ab ihn auch nur zu einem Länderspiel einzuladen. Peuckmanns Resümee der pointierten Geschichte: „Soll man sagen, dass dem ehemaligen DFB-Präsidium zwei Leute angehörten, die Mitglieder der NSDAP gewesen waren, und dass ein weiterer einem SS-Totenkopfverband angehört hatte, der in Polen gemordet hatte? […] Ja, das soll man und ihre Namen dabei tunlichst verschweigen. Denn sie sind es nicht wert, dass man sich an sie erinnert. Dann doch lieber, so viel lieber an Gottfried Fuchs.“

Der Gemeinderat von Karlsruhe und die drei baden-württembergischen Fußballverbände Baden, Südbaden und Württemberg sehen das ähnlich: Sie würdigten den einstigen Top-Spieler indem sie einen Platz bzw. einen Jugendpreis nach ihm benannten.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag