1987 packte Toni Schumacher in seiner Biografie aus: Bei der WM ’86 seien die deutschen Nationalspieler vom Teamarzt überversorgt worden. Schumacher selbst habe in... Doping im Fußball (2/3): French Connection

1987 packte Toni Schumacher in seiner Biografie aus: Bei der WM ’86 seien die deutschen Nationalspieler vom Teamarzt überversorgt worden. Schumacher selbst habe in Eigenregie mit Captagon und Ephedrin experimentiert. Schumachers Outing führte zu seinem Rauswurf aus der Nationalmannschaft. 2010 gab der Torwart zu, dass der Tod mehrerer Amateurspieler die Initialzündung sein Buch zu schreiben gewesen sei: „Ich dachte, das darf nicht wahr sein! Was geht hier vor sich?“ Rückendeckung erhielt Schumacher von Peter Neururer, der bestätigte, dass sehr viele Spieler in den 80er-Jahren mit Captagon experimentierten: „Bis zu 50 Prozent haben das konsumiert.“ Ob vom Arzt verschrieben, als harmloses Multivitaminpräpart verkauft oder zur Selbstbedienung freigegeben: Paul Breitner, Ex-ÖFB-Spieler Werner Kriess oder Basel-Legionär Hitzfeld schlugen alle in dieselbe Kerbe. Fenetyllin – so der Name des Arzneistoffes – verändert den Gehirnstoffwechsel und wirkt aufputschend. Seit 2013 gilt Syrien als Hochburg der Droge, die dort von Kämpfern des Bürgerkrieges konsumiert wird. Unter dem Markennamen Captagon wurde es ab 1961 in Deutschland gegen ADHS, Narkolepsie oder als Antidepressivum eingesetzt. Nach Schumachers-Buchgeständnis führte der DFB ein erstes Doping-Kontrollsystem ein, das diesen Namen jedoch nur bedingt verdiente. Mit Vorwarnzeit wurden sporadisch ein, zwei Kicker pro Mannschaft getestet.

Plötzliche Herztode, wie sie Schumacher miterlebte, sind für den Dopingexperten Prof. Dr. Franke oft auf Medikamentenmissbrauch zurückzuführen. Er erklärt, dass der Herzmuskel, ein quergestreifter Muskel sei, der bei jeder Kontraktion Druck auf die Aufhängerfunktion ausübe. Sei diese durch Doping-Mutationen verändert, könne diese reißen und zu einem sofortigen Tod führen.

French Connection

Aus Marseille schiffte man ab den 30er-Jahren Heroin und Kokain in die Vereinigten Staaten. Später wurde Stoff der „French Connection“ berühmt und berüchtigt, doch in den 80ern und 90ern hatte der örtliche Fußballklub ebenfalls Probleme mit (eigentlich legalen) pharmazeutischen Substanzen.

Epo gilt als Radfahrerdroge schlechthin. Ursprünglich für Nierenpatienten, die an Blutarmut leiden, entwickelt, fand das Präparat bei Sportlern bald mehr Verwendung als bei Kranken. Die Rennradfahrer waren unter den Ersten, die es einfach in der Apotheke erwarben und sich so genügend Luft für anstrengende Bergetappen und Sprints sicherten. Wenig später fand Erythropoetin auch unter Leichtathleten und Wintersportlern Verwendung und gelangte in den 80ern in den Fußball. Ende der 80er-Jahre dominierten Olympique Marseille und Juventus Turin den europäischen Klubfußball. Bei OM war ein Mann der Macher: Selfmademillionär Bernard Tapie. Tapies Geschichte beginnt in Paris, wo er in einfachen Verhältnissen zur Welt kommt. Er will ganz nach oben und versucht sich erst mit mäßigem Erfolg als Sänger und Formel-3-Pilot. Schließlich entdeckt er seinen Geschäftssinn und beginnt nach dem Militärdienst mit dem Verkaufen von TV-Geräten. Bald eröffnet er ein eigenes Geschäft und zahlt Lehrgeld in der Welt der Firmengründer. Nach der ersten Pleite spezialisiert sich Tapie und macht ein Vermögen mit Firmenumstrukturierungen. Der Geschäftsmann kauft das strauchelnde Adidas und steigt bei Olympique Marseille ein, obwohl er eigentlich Fan von AS St. Étienne ist. Tapie hat jedoch einen Plan: Er will sich zum Staatspräsidenten wählen lassen und muss dafür als Zwischenschritt Bürgermeister der Hafenstadt werden. Die Gunst der Wähler möchte er sich über den Fußball erkaufen – Brot und Spiele. Tapie nimmt Geld in die Hand: Er holt Beckenbauer, macht Maradona schöne Augen, schmiert und besticht. Und da gibt es noch andere Hilfsmittel: Mittelfeldspieler Jean-Jacques Eydelies schilderte in seiner Biografie das CL-Finale von 1993: „Wir müssen uns alle in einer Schlange aufstellen und bekamen eine Spritze ins Gesäß.“ Alle – außer Rudi Völler, der sich weigerte. Kollege Marcel Desailly legte später nach und erzählte wie Klubchef Tapie im Dezember 1992 in die Kabine gekommen sei und den Spielern Tabletten angeboten hatte: „So, Jungs nun macht schon.“ Das Finale um den Henkelpott gewannen die OM-Spieler, bald darauf brach das Konstrukt jedoch zusammen. Aufgrund eines Bestechungsskandals gegen US Valenciennes wurde Marseille die französische Meisterschaft aberkannt und der Verein 1994 in die Zweite Liga zurückgestuft. Tapie wurde in zweiter Instanz zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten verurteilt, im Herbst 1994 meldete er Privatinsolvenz an und zog sich aus dem Sport zurück. OM musste ein halbes Jahr später erklären, dass es zahlungsunfähig sei. Gegen Eydelies Vorwürfe versuchte sich der heute an Krebs erkrankte Tapie zu wehren, er konnte die Veröffentlichung des Buches jedoch nicht verhindern. Die UEFA selbst verfolgte die Geschehnisse nicht mehr, da keine endgültige Klärung mehr zu erwarten sei. Noch Fragen?

Marseilles italienisches Gegenstück – Juventus Turin – wurde von Roma-Trainer Zeman in Verruf gebracht. Der gebürtige Tscheche erklärte in den 90ern: „Ich bin immer wieder erstaunt angesichts der muskulären Explosion mancher Juventus-Spieler.“ 2004 standen der ehemalige Klubarzt Riccardo Agricola und Geschäftsführer Antonio Giraudo wegen des Vorwurfs systematisches Blutdoping mit Epo betrieben zu haben vor Gericht. Beide wurden (Agricola erst in zweiter Instanz) freigesprochen. Fußball ist ein italienisches Heiligtum. Damals in 90ern hielt die Fußballfamilie zusammen, jeder, der es wagte, über das augenscheinliche Problem zu sprechen wurde zur persona non grata erklärt. So dauerte es auch bis nach der Jahrtausendwende ehe es zum Prozess kam. Gerichtsgutachterin Lanterno wies auf die Werte des heutigen französischen Nationalcoachs Didier Deschamps hin: Im Juni ’96 hatte der Mittelfeldspieler mehr als 12% Hämatokritwert als im vorigen Jahr. Eine Auswertung der Dokumente zu Blutwerten ergab ebenfalls, dass die CL-Sieger von 1996 Epo genommen hatten.  Passiert ist nichts.

1998 starb der Mittelfeldspieler Axel Jüptner zwei Tage vor seinem 29. Geburtstag an einem Herzinfarkt. Seine Witwe verklagte den Mannschaftsarzt auf Schadenersatz und Schmerzensgeld. Ihr Mann sei trotz einer Erkrankung als spieltauglich eingestuft worden, das habe ihn das Leben gekostet. Überhaupt sei „der Axel“, so erzählte sie, „nach Verletzungen oder nach einer Grippe mit Spritzen versorgt worden, von denen er nicht wusste, was sie enthielten.“ Ihre Klage wurde 2007 abgewiesen. Die Liga reagierte auf Jüptners Tod mit der Einführung der Lex Jüptner – internistische Check-Ups für Profis sind seitdem verpflichtend.

Seit 2001 ist Doping ein Offizialdelikt in Italien. Damals wurden der heutige Weltklasse-Coach Guardiola und die Holländer Edgar Davis und Frank de Boer positiv auf Nandrolon getestet. Die Oranje-Spieler hatten Ausreden parat, die sensationell blöd waren: Davis behauptete unabsichtlich den Hustensirup seiner Frau eingenommen zu haben – ein Medikament, das überhaupt kein Nandrolon enthielt. Der Juve-Profi wurde fünf Monate gesperrt. De Boer beschuldigte eine Salbe, mit der er sein Kind eingeschmiert haben soll. Er beteuerte seine Unschuld, seine einjährige Sperre wurde schließlich auf zweieinhalb Monate reduziert. Zufall? Guardiola – damals bei Brescia Calcio – ließ sich umfassend juristisch verteidigen und erreichte so eine Aufhebung seiner Strafe. Heute will er nicht mehr darüber sprechen. Nur so viel: „Ich bin Pep Guardiola. Ich habe nie Nandrolon genommen.“ Na dann.

Falco wusste was gut ist: Der Popstar aus Wien ließ sein Blut regelmäßig mit Sauerstoff anreichern und zurück in den Körper pumpen. Ein anderer Rocker verplapperte sich 2003 in einer TV-Talkshow und brachte so seinen fußballspielenden Freund in eine Zwickmühle. Frankreichs Jugendidol, der kürzlich verstorbene Johnny Hallyday, plauderte aus, dass er Blut-Ozon-Therapien auf Anraten seines Freundes Zinédine Zidane in Südtirol vornehmen lasse. Die Wogen gingen hoch. Blödsinn, sagte der nunmehrige Real-Madrid-Trainer, er entgifte regelmäßig in Meran – that‘s it. In einem Südtiroler Edelspital halten sich angebliche regelmäßig viele Fußballer von Maradona über Benzema bis Cristiano Ronaldo auf. Blut-Ozon-Therapien sind übrigens nicht verboten, aber umstritten.

Spritzenweltmeister

Rein quantitativ gibt es im Fußball die meisten Dopingtests, doch wer daraus schließt, dass es ein engmaschiges Kontrollsystem gibt, der hat keine Ahnung. Es gibt die meisten Dopingtest, weil es – im Gegensatz zu den weltweit aktiven Schwimmern, Leichtathleten oder Radfahrern – zahlenmäßig viel mehr Profifußballer gibt. Die Kontrollen sind nicht unbedingt das Gelbe vom Ei. Bei Weltmeisterschaften sitzt zwar der ganze Planet vor dem Fernseher, die Dopingkontrollen sind jedoch nicht einmal landesligatauglich.

Den ersten offiziellen Dopingfall bei einer WM gab es mit Jean-Joseph Ernst bei der Endrunde 1974 in Deutschland. Der Abwehrspieler von Haiti wurde nach der 1:3-Niederlage gegen Italien positiv getestet. Der brasilianische EM-Held Zico gab medizinische Nachhilfe zu. Er erklärte schon als 16-,17-jähriger Spritzen verabreicht bekommen zu haben: „Ich gewann an Masse. Wobei weder Geschwindigkeit noch Beweglichkeit beeinträchtigt wurden.“ Maradona erzählte – wie er lange vor seinem verschneiten Sündenfall – im WM- Achtelfinale 1990 den Gegner gemeinsam mit Argentiniens Masseur außer Gefecht gesetzt hatte. Mehrere Wasserflaschen, die der Staffmember während Maradonas Behandlung aufs Feld brachte, waren mit Rohypnol versetzt. Die Brasilianer griffen – dem sportethischen Kodex gemäß zu – und standen bald neben sich. Branco, der eine „gezinkte“ Flasche in dieser Affenhitze in einem Zug geleert hatte, traf keinen Ball mehr. Als Maradona 2004 die Affäre enthüllte, stritten sein Verbandschef und der damalige Masseur alles ab. Es passierte nichts weiter. Vier Jahre nach dem „Watergate“ wurde die „Hand Gottes“ mit Spuren von fünf verschiedenen Aufputschmitteln im Urin erwischt. Der argentinische Superstar gab zu, dass Doping in der Albiceleste ganz normal gewesen sein soll.

Marie Samstag, abseits.at 

Marie Samstag