Da war es also endlich soweit! Lange hatte man auf den Moment gewartet, Österreich hat sich zum ersten Mal aus eigener Kraft für eine... EM-Tagebuch aus Bordeaux (6): Don´t speak about football with a french metalhead

Freunde im PubDa war es also endlich soweit! Lange hatte man auf den Moment gewartet, Österreich hat sich zum ersten Mal aus eigener Kraft für eine Fußball-Europameisterschaft qualifiziert! Und wie auch noch! In dermaßen souveräner Art und Weise, dass die ein oder andere Boulevardpresse schon nahezu fix mit dem Titel rechnete. Doch alles der Reihe nach: Die Auslosung wurde mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen. Portugal? Island? Ungarn? Na das schaffen wir doch locker! Die Tage wurden gezählt, bis endlich der Abflugstag gekommen war! Was wird uns erwarten? Heerscharen an Polizei? Sicherheitsmaßnahmen wie in einem Kriegsgebiet? Streiks, dass man vielleicht gar nicht vorwärts kommt?

Don´t speak about football with a french metalhead

Der Koffer war gepackt, dreimal überprüft, ob die Tickets auch dabei waren und es ging Richtung Flughafen.  Auf Grund einer früheren Anreise waren noch wenig Fußballfans im Flugzeug, die paar wenige konnten aber sofort an der Adjustierung ausgemacht werden. Erster Stopp war Paris, mit der Schnellbahn ging es in die Stadt, die ersten Franzosen stimmten sich für das Auftaktspiel gegen Rumänien ein und man beschloss in einem Metal-Lokal Steak essen zu gehen. Auf die Frage nach dem Zwischenstand kam dann die verblüffende grinsende Antwort: „Dont speak about football with a french metalhead, we only like Rugby“. Nun gut, wussten wir das auch. Man zog also weiter um in einem doch etwas feineren Kaffeehaus die zweite Halbzeit zu verfolgen und als Payet in Minute 89 „Les Bleus“ zum Sieg schoss, gab es kein Halten mehr und die vorher eher reservierten Franzosen feierten lautstark, einzig der argentinische Kellner blieb ruhig und freute sich auf das nächtliche Copa-America-Spiel gegen Panama (welches dann souverän 5:0 gewonnen wurde).

Feiernde Waliser

In aller Frühe ging es am nächsten Tag nach Bordeaux, in den Austragungsort von Österreichs erstem Spiel, etwa dreieinhalb Stunden per Zug von Paris entfernt, Heimat von Girondins Bordeaux und Weinhauptstadt des Landes. In dieser 200.000-Einwohner-Stadt gibt es insgesamt vier Vorrundenspiele und ein Viertelfinale und da hier am zweiten Tag der EM das Spiel Wales gegen Slowakei stattfand, sah man in erster Linie viele mitgereiste gutgelaunte, trinkfreudige Waliser und einige wenige Slowaken. Wales gewann mit 2:1 und feierte damit den ersten Sieg im ersten EM-Spiel – dementsprechend war die Laune in der Stadt überragend.

Die Tragödie nahm ihren Lauf

Nach einigen Sightseeing-Touren in und um Bordeaux war der Spieltag dann endlich gekommen: Dienstag 14.6.2016 18.00 – Österreich gegen Ungarn!
Ein Pflichtsieg – sofern man davon im Rahmen einer EM überhaupt sprechen kann – will man ins Achtelfinale aufsteigen! Nach einem ausgiebigen Mittagessen ging es langsam aber sicher in den Norden der Stadt, zum neu erbauten Stadion Matmut Atlantique, Heimstätte von Girondins Bordeaux mit Platz für 42.000 Zuschauer. Mittels überfüllter Tram – von den angekündigten Streiks wurde man offenbar verschont – ging es langsam aber stetig Richtung Stadion, etwas mehr Österreicher als Ungarn an Bord. Die groß angekündigten strengen Sicherheitskontrollen entpuppten sich als laues Lüftchen und nach kurzem Abtasten ging es durch zwei Sicherheitsringe in den Fansektor, gut gefüllt mit etwa 10.000 Österreichern, verteilt auf zwei Ränge. Von Anfang an war die Stimmung gut bis sehr gut, auch die ungarische Kurve gegenüber gab richtig Gas und wenn es nach 30 Sekunden 1:0 für Österreich gestanden hätte, wäre wohl das Dach unseres Sektors weggeflogen. So nahm die Tragödie jedoch ihren Lauf und die Ungarn durften zweimal – inklusive Pyrotechnik-Unterstützung – jubeln, die österreichischen Fans wurden leiser und leiser und mussten betrübt die Abreise antreten, damit hatte wohl niemand gerechnet. Der Auftakt war misslungen und jetzt ist der Druck groß und ein kleines Fußballwunder gegen Portugal notwendig, um weiterhin mit dem Achtelfinale spekulieren zu können.

Martin Bartos, abseits.at

Martin Bartos