Erwann Menthéour ist ein nicht sehr bekannter Ex-Radprofi aus Brest. Er sagte gegen Dopingdoktor Michele Ferrari – Lance-Armstrongs-Quasi-Privatarzt – aus und behauptete vor einem... Doping im Fußball (3/3): Wo bleibt die öffentliche Debatte?

Erwann Menthéour ist ein nicht sehr bekannter Ex-Radprofi aus Brest. Er sagte gegen Dopingdoktor Michele Ferrari – Lance-Armstrongs-Quasi-Privatarzt – aus und behauptete vor einem Ermittler, dass zahlreicher Fußballer unter Ferraris Klienten gewesen sein sollen. Zeugen des Festina-Prozesses 1998 (ein Betreuer des Radteams Festina war mit einer Autoladung voller Dopingmittel erwischt worden) sagten ebenfalls aus, Fußballnationalspieler mit illegalen Medikamenten beliefert zu haben.  Menthéour erzählte einem Polizisten, er habe einmal auch Zidane bei Ferrari getroffen. Nachdem der Fußballer und der Arzt dies jedoch energisch bestritten, zog der heutige Fitnesscoach seine Aussage zurück. Tatsache ist, dass der einstige Weltfußballer weder nach seiner roten Karte bei der WM 1998 noch nach seinem unrühmlichen Kopfstoß-Abschied 2006 nicht bei der Dopingkontrolle erschienen war. Die FIFA schaute einfach weg. Während der Endrunde 1998 wurde das strenge französische Anti-Dopinggesetz durch Anordnung von ganz oben umgangen: Der Weltfußballverband ordnete an, dass keine Trainingskontrollen stattzufinden hätten, außerdem mussten alle Probenergebnisse sofort der FIFA mitgeteilt werden, die diese anschließend an das nationale Ministerium weiterleiten würde. Offiziell gab es natürlich keinen Dopingfall, aber überrascht das irgendjemanden?

Am Nachmittag des 12. Juli 1998 liegt Roberto Carlos ganz entspannt in seinem Hotelbett im Chateau de Grande Romaine und hört Musik. Plötzlich bemerkt er, dass mit seinem Zimmerpartner etwas nicht stimmt: Superstürmer Ronaldo windet sich unter Krämpfen, hat Schaum vorm Mund. Er ringt mit dem Tod. Zwei Stunden später wird er nach einem anaphylaktischen Schock im Krankenhaus in Les Lilas durchgecheckt. Die Ärzte können nichts finden. Es ist klar, dass Ronaldo nicht spielen kann, doch der Profi von Inter Mailand besteht darauf aufzulaufen. Er kickt miserabel. Frankreich wird Weltmeister und ganz Brasilien diskutiert, warum der Angreifer überhaupt in der Startformation stehen musste. Selbst das Parlament erörtert den Einfluss von Ronaldos Sponsor Nike. Es wird über Verträge, Schmiergeld und andere schmutzige Deals spekuliert. Doch wieso kam es überhaupt zu diesem Anfall? War er eine Reaktion auf ständigen Missbrauch von Cortison oder Xylocain? Der beste Spieler des Turniers habe 15 Minuten bevor er zusammenbrach eine letzte, mysteriöse Injektion bekommen. Xylocain? „Das wäre Doping gewesen.“, sagt selbst Teamarzt Toledo. Xylocain ist ein örtlich wirksames Betäubungsmittel. Heute wird spekuliert, ob Ronaldo nicht seit seinem Engagement als Teenager beim PSV Eindhoven systematisch gedopt wurde. Angeblich seien ihm Steroide zu schnellerem Muskelwachstum verabreicht worden. In der Folge hatte er seine gesamte Karriere hindurch Probleme mit Bändern und Sehnen, die die zu mächtigen Muskeln nicht mehr stützen konnten.

2002 und 2008 versetzten Guus Hiddinks Mannschaften mit ihrer enormen Laufstärke die Welt bei Endrunden in Staunen. Die russische Nationalmannschaft lief im Viertelfinale der EM ’08 143,7km und damit um 2 km mehr als die Holländer, die allerdings fünf Tage länger Regenerationszeit hatten. Die Russen, zu deren Stärke Kondition nie gehört hatte, gewannen jede Wertung – ob Sprint, Geschwindigkeit oder abgespulte Kilometer. Alles Zufall? Griechenlands Kapitän beim Europameistertitel 2004, Theodoros Zagorakis, erfuhr erst fünf Tage vor der Endrunde, dass seine Teilnahme erwünscht sei. Der AEK-Athen-Spieler war schon einmal positiv auf Testosteron getestet worden, in Portugal wurde er zum besten Spieler des Turniers gewählt. Die Erklärung für seinen außergewöhnlich hohen Testosteronwert: Zystische Akne und ein intensives Sexualleben.

Bei den Weltmeisterschaften 2010 und 2014 gab es keine positiven Dopingtests und das, obwohl die Spieler immer schneller und ausdauernder laufen. Der Ausrichter der Endrunde 2010 verfügte anfangs nicht einmal über ein Dopingtestlabor. Die Veranstalter richteten eines in Tunesien ein und erklärten ein anderes, das vor Beginn des Turnieres nicht einmal einen Kühlschrank hatte, zum zweiten offiziellen Testlabor. 2014 trieb es die FIFA allerdings noch bunter: Sie flog die in Brasilien genommenen Proben nach Lausanne aus, wo sie 24 oder 48 Stunden später eintrafen. Das konnte nur ein schlechter Witz sein: Wie soll es denn vonstattengehen, wenn der Siegtorschütze erst 48 Stunden später als gedopt entlarvt werden kann? Wie stellt man sicher, dass die Kühlkette eingehalten wird und so wasserdicht analysiert werden kann. Farce – ein Hilfsausdruck.

Spanien gilt als Dopingparadies und – wie in Italien – ist Fußball ein Nationalheiligtum. Im Land von La Liga wurde mit dem Beckham-Gesetz extra eine Steuererleichterung für Fußballprofis geschaffen, trotz gigantischer Staatsverschuldung werden die Fußballvereine mit Krediten vollgepumpt. Der FC Barcelona wollte 1996 unbedingt mit einem Herrn zusammenarbeiten, der ein Jahrzehnt später anlässlich der Operación Puerto von der spanischen Polizei hochgenommen wurde: Eufemiano Fuentes – auch bekannt als Jan-Ullrichs-Dopingdoc. Der Gynäkologe hatte zuvor das spanische Leichtathletikteam bei Olympia betreut, erste pharmazeutische Inspirationen sammelte Fuentes bei Studienreisen in die ehemalige DDR und nach Polen. In den 90ern begann er neben Radsportlern auch die Fußballer von Las Palmas zu behandeln. Nach einem Ligaspiel fand man in deren Kabine EPO-Kanülen – Überraschung! – der Vorfall konnte nie aufgeklärt worden. Fuentes zog sich dennoch offiziell zurück. Als dem Arzt nach der Razzia 2006 der Prozess gemacht wurde, zeigte sich dieser erstaunt, dass nur über die zahlreichen Radler, die er behandelt hatte, gesprochen wurde. Er sagte, es habe eine öffentliche „selektive Filterung gegeben, denn er habe auch Behandlungen zur Regeneration für Fußballmannschaften, Leichtathleten, Tennisspielern empfohlen.“ Der Zeitung Le Monde gab Fuentes später ein Interview, indem er angeblich handgeschriebene Medikationspläne von Spielern von Betis Sevilla, dem FC Valencia, Real Madrid und dem FC Barcelona vorlegte. Valencia verzichtete auf eine Klage, Barcelona dagegen klagte und gewann. Der Prozess gegen den Mediziner ergab nichts. Als der Angeklagte Namen der Sportler, die bei ihm behandelt worden waren, nennen wollte, verbot ihm die Richterin dies – aus Rücksicht auf deren Privatsphäre! Der im Verfahren belastete Mountainbiker Alberto León erhängte sich mit 37 Jahren in seinem Haus in Madrid, ein Kronzeuge starb an einem Herzinfarkt. Letztendlich wurde Fuentes zu einer einjährigen Gefängnisstrafe wegen Gefährdung der öffentlichen Gesundheit und nicht wegen Dopings verurteilt: Die gefundenen Blutbeutel waren unhygienisch gelagert worden.

Die Hausapotheke

Doping ist eine tragische Sache. Der betrogene Konsument ist dabei nicht einmal der Ärmste, die Sportler, die ihren Körper so zugrunderichten, sind die Opfer von Frankenstein-Ärzten denen die Fußballindustrie ihre Wünsche diktiert. So ermittelte die FIFA 2010, dass über 60% der Profis Schmerzmittel nehmen. 40% von ihnen tun dies vor jedem Spiel. Eine italienische Studie legt nahe, dass die Profis am Stiefel ständig auf Droge sind: 92,6 % griffen mindestens einmal zu Entzündungshemmern. Für Fußballer sind diese Medikamente ultraschädlich. Der Sport selbst greift den Kreislauf (besonders die Nieren) an und Schmerzmittel verschlimmern die Abnützung dieser paarigen Organe.

Der Heidelberger Forscher Werner Franke ist sich sicher, dass im Fußball systematisch gedopt wird. Franke ortet in der Bundesliga zu viele, die eine Aufklärung verhindern wollen. Er fordert ein von den Vereinen unabhängiges, professionelles Prüfsystem. Franke hat eine Hausapotheke der typischsten Fußballdopingmittel zusammengestellt: Dazugehört der Insulinfaktor IGF-1: Eufemiano Fuentes nannte diesen „Ignacio“. Es handelt sich um ein Wachstumshormon, das bis heute nicht nachzuweisen ist. Kleine Dosen fördern Blutbildung und Muskelaufbau. Weiters gehört zum privaten Medizinschrank der Spitzensportler Epo-Mimetika, das rote Blutzellen fördert. Auch Eigenblutdoping und Testosteronspritzen würden oft verabreicht. Das Platelet-Rich-Plasma-Verfahren ist ebenso weitverbreitet: Dem Sportler wird Eigenblut entnommen, zentrifugiert und jetzt, wo es reich an Plättchen und weißen Blutzellen ist, in kleinen Dosen injiziert. Dieses Verfahren helfe bei Muskel- und Sehnenverletzungen. Es ist – wie Eigenblutdoping, Koffein und Nikotin – nicht verboten. Studien bescheinigen Koffein bessere Aufputscheffekte als Ephedrin im Hirn und in den Muskeln. Nikotin wird von Profis als Nahrungsergänzungsmittel zur Verbesserung kognitiver Fähigkeiten eingenommen. So weit, so schlecht. Doping ist eine tragische Sache, doch bisher hat kein Fußballer eine öffentliche Debatte darüber angestoßen. Wissenschaftler formulieren oft vorsichtig:„In der Rekonvaleszenz der Spieler geht es um viel Geld. Es wäre „verständlich“, dass in diesen Bereichen unlauterere Methoden eingesetzt werden. Ich denke schon, dass man in diesen Bereichen besser hinschauen muss.“, sagt etwa Prof. Dr. Perikles Simon.

Wie die FIFA zu dem Problem steht, liegt leider auf der Hand. Der deutsche Journalist und Dopingexperte Hajo Seppelt ist vom WM-Veranstalter Russland für das kommende Turnier zunächst mit einem Einreiseverbot, das nur auf Intervention der deutschen Bundesregierung aufgehoben wurde, belegt worden. Und was macht die FIFA? Die Lösung ist Teil des Problems. Tragisch.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag