Gary Neville gilt als kompetentester Fußballexperte in der englischen Medienwelt. Seine Erklärungen zu gruppentaktischen Spielzügen oder individualtaktischem Fehlverhalten sind hervorragend. Doch in seinem Artikel... Gary Neville auf analytischen Abwegen (1) – Was der englische Top-Experte beim FC Bayern zuletzt übersah…

TaktikGary Neville gilt als kompetentester Fußballexperte in der englischen Medienwelt. Seine Erklärungen zu gruppentaktischen Spielzügen oder individualtaktischem Fehlverhalten sind hervorragend. Doch in seinem Artikel in der Dailymail weicht er von seiner Linie ab. Weil sein Wort allerdings enormes Gewicht in der Medienwelt und in Taktiksphären hat, ist eine genaue Auseinandersetzung damit unabdinglich – bei uns geschieht sie in zwei Teilen.

Die erste wichtige Aussage Nevilles steckt in folgenden Zeilen:

But having sat in the Nou Camp and watched Bayern Munich complete a staggering 7-0 aggregate victory over Barcelona, I could almost hear the doyens of English coaching, the likes of Don Howe, sighing in relief and saying: ‘Thank goodness for that! Normality has resumed.’

Because I watched a Bayern side — playing a classic 4-4-1-1 formation straight out of the old school English coaching manual — dismantle Barcelona. There were no diamond systems, no Christmas trees and it wasn’t a 4-2-3-1. I repeat: it wasn’t a 4-2-3-1.

Abgesehen davon, dass sich Heynckes selbst die Formation als 4-2-3-1 bezeichnete, fällt einerseits die Arroganz auf. Alle Welt spricht bei den Bayern über ein 4-2-3-1 oder, mit Kroos auf der nominellen Zehner-Position, gar von einem 4-3-3, Neville jedoch nicht. Er sagt nur nachdrücklich, es wäre keines gewesen. Die Erklärung, wieso es kein 4-2-3-1 gewesen sein soll, fehlt vollkommen. Auch mit dem „klassischen englischen System“ hat es kaum etwas zu tun.

Das typische englische System wurde z.B. bei der EM 1996 mit zwei klassischen Außenmittelfeldspielern gespielt. Anderton und McManaman hatten zwar einige diagonale Läufe und kamen zum Abschluss, doch sie hatten vorrangig vertikale Laufwege, sollten zur Grundlinie durchmarschieren und konzentrierten sich eher auf das Flanken. Mit den Außenverteidigern überluden sie die Seiten, wobei die Außenverteidiger, damals übrigens eben jener Gary Neville und Stuart Pearce, sehr defensiv orientiert waren.

Zentral war das klassische 4-4-2 übrigens mit Gascoigne als Zehner statt einem Sechser besetzt – war es also klassisch oder nicht? Auch Aston Villa in den frühen 80ern spielte mit einem eigentlichen Zehner auf der Sechs (Cowans), der von einem rein defensiven Sechser abgesichert wurde (Mortimer). Bremner und Morley gaben die klassisch agierenden Flügelstürmer und Shaw war der „hängende Stürmer“ zum bulligen Withe als Zielspieler. Ähnlich spielten auch Nottingham Forrest in den späten 70ern oder die Blackburn Rovers Mitte der 90er.

Besonders paradox wird die Bezeichnung der Bayern als „klassisches 4-4-1-1/4-4-2“ in Verbindung mit dem nächsten Absatz.

This wasn’t clever inventive players working in between the lines. This was a conventionally coached team made up of two banks of four, with the second striker dropping into midfield at times and the first striker working hard up top.

Keine kreativen Spieler im Zwischenlinienraum? Ribéry ging einige Male in die Mitte und in den Zwischenlinienraum – als Flügelstürmer, wohl gemerkt. Müller wurde gar von van Gaal als Zwischenlinienspieler und „Schattenstürmer“ bezeichnet. Die gleiche Bezeichnung erhielt auch Jari Litmanen; fraglich, ob man Ajax‘ System in den 90ern ebenfalls als 4-4-2 bezeichnen würde.

Auch die Bezeichnung als „konventionell gecoacht“ scheint an der Sache vorbeizugehen. Ist es konventionell, dass der Linksaußen nach rechts geht, der Rechtsaußen im Spiel keine Flanke anbringt, aber zu einer Vielzahl von Dribblings in die Mitte ansetzt? Sind die Außenverteidiger noch „konventionell“, wenn sie beide mehr Scorerpunkte haben als ihre Pendants des FC Barcelona, die im ersten Absatz von Gary Neville selbst als sich wie Flügelstürmer verhaltende Außenverteidiger bezeichnet werden und er selbst suggeriert, dies wäre etwas Unnatürliches in der Welt des Fußballs gewesen? Vereinfacht gesagt: Im klassischen englischen System gibt der Flügelstürmer die Breite, im angeblich konventionellen System der Bayern sind es aber die Außenverteidiger.

Allerdings könnte es sein, dass Gary Neville die Defensivformation meint.

Bayern gave as good a performance as you could want to see from a coaching perspective. You would have to say they allied that with some superb skill and excellent technical players. But tactically they were flawless. To get that system to work correctly, the distances between the four defenders have to be exactly right. And the four defenders and the four midfielders have to work in two lines of four, staying close to each other.

Dieser Absatz würde dies zumindest unterstützen. Doch seit wann werden die Mannschaften nach ihrer Defensivformation klassifiziert? Der FC Barcelona verteidigte unter Pep Guardiola und Tito Vilanova zumeist im 4-1-4-1 oder auch im 4-1-3-2. Ihre Formation wurde allerdings nie so deklariert –es war immer ein 4-3-3. Dieses 4-3-3 bezeichnet weder die Offensivformation noch die Defensivformation; es geht um die Rollenverteilung der Spieler.

Welcher Spieler hat primär welche Aufgaben? Bei den Bayern wäre es also angemessen, wenn man es als ein 4-2-3-1 in der offensiven Anordnung deklariert. Aber auch das hier trifft den Kern nicht, weil sich zumeist ein Sechser und die Außenverteidiger nach vorne bewegen und dann ein 2-1-3-4 oder 2-1-4-3 entsteht. Ersterer Variante wird vorwiegend mit Müller genutzt, die zweite mit Kroos – allerdings ist die Formation natürlich variabel.

Die Beschreibung von Abläufen durch statische Zahlen ist eines der großen Undinge im Fußball, die oftmals die Dinge verkomplizieren, anstatt sie zu vereinfachen. Logischer wäre eine Bezeichnung der Rollenverteilung: Ribéry und Robben sind trotz aller Defensivarbeit Flügelstürmer, Lahm und Alaba sind trotz aller offensiven Beteiligung weiterhin Außenverteidiger. Mit Kroos ist es dann eben eher ein 4-3-3, mit Müller gar ein 4-2-4.

Wegen der Defensivformation bzw. eigentlich nur der grundlegenden Anordnung ohne Betrachtung von Kompaktheit und Abläufen von einem „klassischen englischen 4-4-2“ zu sprechen, wäre wie ein Vergleich des FC Barcelona mit einer ultradefensiven Mannschaft, weil sie manchmal im 4-1-4-1 und somit mit „nur“ einem Stürmer presst. Bei den Bayern war es oftmals gar kein Stürmer; im ersten Spiel orientierte sich Gomez ebenso wie Müller eher an Busquets und Xavi, im Rückspiel gab es viele freie Zuteilungen und selten  4-5-1 und öfters asymmetrische 4-3-3-Anordnungen; teilweise rückte sogar Schweinsteiger nach vorne heraus.

Ein griffigeres Beispiel: Ginge es nach Gary Nevilles Maßstäben könnte man sagen, dass sowohl der BVB als auch der FC Bayern den gleichen Fußball spielen wie Borussia Mönchengladbach. Defensiv steht man in einem 4-4-1-1/4-4-2 da und man spielt mit einer positionsorientierten Raumdeckung. Wie unterschiedlich alle drei Mannschaften sind, erkennt man aber bei einer solchen Vereinfachung nicht. Die reine Betrachtung der Defensivformation – und darauf Rückschlüsse auf Abläufe, Spielphilosophie, Offensive oder Rollenverteilung zu ziehen – geht also am Kern einer Mannschaftsanalyse vorbei. Zahlen sind im Fußball immer mit Vorsicht zu genießen, sehr oft sind sie einfach Schwachsinn.

Rene Maric, abseits.at

Rene Maric

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