Jedem, der schon einmal ein Fußballspiel gesehen hat, sind während der TV-Übertragung zweifellos die häufig eingeblendeten Ballbesitzstatistiken aufgefallen. Sie waren eine der ersten Daten,...

Jedem, der schon einmal ein Fußballspiel gesehen hat, sind während der TV-Übertragung zweifellos die häufig eingeblendeten Ballbesitzstatistiken aufgefallen. Sie waren eine der ersten Daten, die erfasst und der breiten Masse präsentiert wurden. Einen dementsprechend hohen Stellenwert nehmen sie bei der Beurteilung eines Spiels ein und beeinflussen die Wahrnehmung ob eine Mannschaft gut gespielt hat. Aber wie wichtig ist der Ballbesitz wirklich? Gibt es klare Zusammenhänge zwischen ihm und dem Erfolg einer Mannschaft?

Solange wir den Ball haben können sie nicht treffen“ – ein viel zitierter Satz, der unumstrittenen Wahrheitsgehalt hat. Das jüngste Beispiel im internationalen Spitzenfußball ist die spanische Nationalmannschaft, die in den letzten Jahren von ihrem berüchtigten vertikalen Kurzpassspiel abgewichen ist und vor kurzem dem EM-Titel errungen hat. Im Schnitt hatte das Team von Vicente del Bosque 65,2% Ballbesitz pro Spiel, was ebenso die klare Turnierbestmarke darstellt wie die Tatsache, dass es pro Spiel nur 8,3 Torschüsse aufs eigene Tor zuließ.

Niederlagen sind auch mit viel Ballbesitz möglich

Nun ist es aber so, dass es im Weltfußball kaum Mannschaften gibt, die über eine derart hohe Ballsicherheit wie die Spanier verfügen. Am ehesten ähnelt ihnen der FC Barcelona, was aufgrund der Tatsache, dass das spielerische Gerüst des Nationalteams bei den Katalanen unter Vertrag steht, nicht verwundert. Aber selbst die für viele beste Mannschaft der Welt musste in jüngerer Vergangenheit trotz astronomisch hoher Ballbesitzwerte Rückschläge hinnehmen und Niederlagen verkraften. Als Paradebeispiel könnte man an dieser Stelle das Halbfinale der Champions League 2010 hernehmen, als Barca gegen Inter trotz 84% Ballbesitz ausschied. Ähnlich lief es auch im ersten Heimspiel der Saison 2010/2011. Damals verlor man im Camp Nou bei einem Ballbesitzverhältnis von 77:23 Prozent gegen Aufsteiger Hercules 0:2 – die letzte Niederlage in einem Heimspiel bis zum meisterschaftsentscheidenden Clasico in der abgelaufenen Spielzeit. Diese beiden Beispiele sollen die Leistungen des FC Barcelonas allerdings nicht schmälern und keine Kritik an seiner Philosophie sein, feierte er doch sehr beachtliche Erfolge mit seiner Spielweise.

Ballposition ist wichtiger als Ballbesitz

In den beiden genannten Fällen spielte neben Barcas vergebenen Torchancen und unglücklichen Schiedsrichterentscheidungen vor allem die Taktik eine große Rolle. Jose Mourinhos Inter praktizierte ein nahezu perfektes Defensivspiel, indem es dem Gegner die gefährlichen Räume zustellte und nur 12 Schüsse auf das eigene Tor zuließ, von denen acht das Ziel verfehlten. Es wird dies wohl ein einmaliges Ereignis bleiben, nichtsdestotrotz ist es ein eindrucksvolles Beispiel, dass es in vielen Fällen nicht darauf ankommt, dass man den Ball hat, sondern wo man ihn hat. Manchmal ist die Organisation wichtiger als Ballbesitz und numerische Überlegenheit. Diesen Leitspruch folgte auch Arrigo Sacchi, seines Zeichen Trainer des AC Milan der späten 80er- und frühen 90er-Jahre. Einige seiner Stars äußerten ihren Unmut aufgrund seiner Besessenheit vom Positionsspiel. „Ich gewann Gullit und van Basten für mich, indem ich ihnen erklärte, dass fünf organisierte Spieler zehn unorganisierte schlagen würden“, so der Trainer des Jahres 1989. „Und ich lieferte ihnen den Beweis. Ich nahm fünf Spieler: Giovanni Galli im Tor, Tassotti, Maldini, Costacurta und Baresi. Sie hatten zehn Spieler: Gullit, van Basten, Rijkaard, Virdis, Evani, Ancelotti, Colombo, Donadoni, Lantignotti und Mannari. Sie bekamen 15 Minuten Zeit, um gegen meine fünf Spieler ein Tor zu schießen. Die einzige Regel war, dass sie zehn Meter hinter Mittellinie in der eigenen Hälfte beginnen mussten, wenn wir den Ball eroberten oder sie ihn verloren. Das habe ich immer wieder gemacht, und sie haben niemals getroffen. Nicht ein einziges Mal.

Das sagt die Statistik

Eine klare Antwort darauf ob mehr Ballbesitz mehr Erfolg impliziert gibt es nicht. Das nebenstehende Diagramm zeigt das Verhältnis von Ballbesitz zu den erreichten Punkten pro Spiel der letzten Saison in den europäischen Topligen. Ein klarer Trend ist dabei nicht zu erkennen, vor allem in linken unteren Bereich ist eine deutliche Streuung auszumachen. Manche Teams streben gemäß ihrer Philosophie sogar wenig Ballbesitz an, andere folgen dem Eingangszitat. Ford Bohrmann untersuchte in seinem Blog diverse Spiele der englischen Premier League und kam zu dem Schluss, dass Ballbesitz sehr wohl eine Rolle im Fußball spielt – damit meint er aber nicht den allgemeinen Ballbesitz, sondern jenen in speziellen Szenarien. Anstatt sich auf die Ballkontakte als Ganzes zu konzentrieren, fasste er jeweils die letzten 25 Pässe zusammen und zeichnete sie auf. Im Zeitraum bevor in den jeweiligen Begegnungen die Tore fielen konnte er so einen Trend ausmachen. Hier ein Beispiel eines Graphen.

Eine positive Differenz zeigt an, dass die Heimmannschaft den Majoritätsanteil an den letzten 25 Pässen hatte, eine negative kennzeichnet ein Übergewicht zugunsten der Auswärtself. Die Zeitpunkte, an denen die Tore fielen sind durch rote Striche gekennzeichnet. Einen allgemeineren Zugang suchte die britische Datenfirma Opta Sports, einer der führenden Statistiklieferanten. In Zusammenarbeit mit Castrol wurden die Premier-League-Saisonen 2007/2008 und 2008/2009 hinsichtlich dieses Themengebiets untersucht. Nur in etwa einem Drittel aller Spiele hatte dabei eine Mannschaft mehr als 60% Ballbesitz, in 52% der Fälle gewann dieses Team auch, rund 25% gingen als Verlierer vom Platz. Hatte ein Klub 70% Ballbesitz oder mehr, was in 7,4% der Spiele so war, betrug die Siegquote 67%.

axl, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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