Mit erfrischendem Offensivfußball errang Borussia Dortmund in der Saison 2010/2011 den Titel in der deutschen Fußball-Bundesliga und begeisterte mit seiner Spielweise Zuschauer auf aller... Von der unflexiblen Notlösung zur variablen Allzweckwaffe – die Entwicklung des Dortmunder 4-2-3-1 (Teil 1/2)

Mit erfrischendem Offensivfußball errang Borussia Dortmund in der Saison 2010/2011 den Titel in der deutschen Fußball-Bundesliga und begeisterte mit seiner Spielweise Zuschauer auf aller Welt. Dabei war das Meister-System ursprünglich nur als Notlösung gedacht.

„Wir haben kein neues System erfunden, wir drücken einfach unsere Taktik durch“, schwört BVB-Coach Jürgen Klopp keine neue Ideologie ins Leben gerufen zu haben. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet das, dass das aggressive Pressing, das blitzschnelle Umschalten und die Kompaktheit bei gegnerischem Ballbesitz lediglich auf eine höchst engagierte Laufbereitschaft der Mannschaft zurückzuführen ist.

Hajnals Bänderriss Ausgangspunkt des Systemwechsels

Wir schreiben Montag, den 12. Oktober 2009. Enttäuscht muss Dortmunds damaliger Mittelfeld-Regisseur Tamas Hajnal zur Kenntnis nehmen, dass für ihn die Hinrunde der Saison 2009/2010 gelaufen ist. Beim ungarischen Nationalspieler wurde nach einer Untersuchung bei Mannschaftsarzt Dr. Markus Braun ein Bandabriss im linken Sprunggelenk diagnostiziert. Für Trainer Klopp ein Schlag ins Gesicht, war der 28-Jährige doch Dreh- und Angelpunkt in einer biederen Dortmunder Mannschaft. Der BVB ziert mit nur neun Punkten aus acht Spielen den zwölften Tabellenplatz und ist weit entfernt von jeglichen Meisterträumen. Aufgrund der dünnen Personaldecke sieht sich Klopp gezwungen die Formation für das anstehende „kleine“ Revierderby gegen den VfL Bochum umzustellen.

Fuchs als leidvoller Augenzeuge der Geburtsstunde

Gegenüber des vorangegangen 1:0-Auswärtserfolgs bei Borussia Mönchengladbach, den die Schwarzgelben in einem 4-4-2 mit Mittelfeldraute errangen, rückten Blaszczykowski und Valdez für die verletzten Hajnal und Tinga in die Startelf. Die beiden sollten auf den Seiten für Wirbel sorgen, Sahin wurde von der linken Halbposition auf eine zentralere, defensivere Position beordert. Zidans Aufgabe als Bindeglied war die Verbindung zur umstrittenen Solospitze Barrios herzustellen. Und Klopps Idee vom aggressiven Forechecking ging auf. Wie auch Österreichs Nationalspieler Christian Fuchs miterleben musste. Bedrängt von Blaszczykowski spielt er Zidan den Ball in die Beine, der das 1:0 für die Hausherren einleitet. Nachdem ihm der Pole ein ums andere Mal entwischte wurde Fuchs nach nur 25 Minuten ausgewechselt. Mit einem 2:0-Heimsieg wurde die aufsteigende Tendenz schließlich bestätigt.

Remis in Leverkusen als Bestätigung

Die folgende Partie beim damals ungeschlagenen Tabellenführer Bayer Leverkusen sollte ungleich schwieriger werden. Doch auch die Werkself hatte Probleme mit der laufintensiven Spielweise des Ballspielvereins. Bereits in der achten Minute war die Borussia in Führung gegangen, und wieder war Klopps Handschrift klar zu erkennen. Barrios erobert in der eigenen Hälfte gegen Vidal den Ball und fädelt den schnellen Gegenstoß ein. Nach einer Kombination über Zidan, Sahin und Valdez vollstreckt der gebürtige Argentinier in Karl-Heinz Riedle-Manier per Kopf zum 1:0. Auch in der Defensive zeigte sich, dass die Mannschaft Klopps Konzept verinnerlicht hatte.

Mit zehn Spielern hinter dem Ball haben die Gäste alle gefährlichen Räume und Anspielstationen zugestellt, Barrios lauert an der Mittelline auf den Rückpass. Etwas, mit dem sich die dominanten Leverkusener an diesem Abend oft konfrontiert sahen und wogegen sie kein Mittel fanden. Das Gegentor, das nach einem Eckstoß fiel, ist einem individuellen Fehler der Dortmunder anzulasten. Friedrichs Kopfball wäre von einem Spieler auf der Linie leicht zu klären gewesen. Seit diesem Spiel werden bei jedem Corner beide Pfosten besetzt.

Unzufrieden trotz 12 ungeschlagenen Spielen in Folge

Der Lauf, der sich durch die letzten drei Spiele angedeutet hatte, sollte sich endgültig bestätigen. Und so stürmte Borussia Dortmund bis zum Ende der Hinrunde bis in die Europacup-Plätze. Unter anderem wurde der amtierende Meister Wolfsburg auswärts besiegt, dabei phasenweise an die Wand gespielt, belegte man in der Jahrestabelle Platz drei und wurde pünktlich zum 100-Jahre-Jubiläum eine neue Rekordmarke an gegentorlosen Minuten im heimischen Stadion aufgestellt. Und dennoch lag Klopp ein Punkt empfindlich im Magen. Das System sei zu statisch und unflexibel, monierte der Übungsleiter. Da das Lazarett im BVB-Lager aber weiterhin gut gefüllt war und den Spielbericht Namen wie Götze, Koch, Hornschuh oder Stiepermann zierten, blieb dem Schwaben nichts anderes über als die Mannschaft weiter in einer 4-2-3-1-Formation aufs Feld zu schicken.

Viel Lob trotz Niederlage

Mit zwei Niederlagen im Gepäck reiste der BVB zum Klassiker nach München zum Duell gegen die Bayern an. Und obwohl Schwarzgelb mit einer 1:3-Niederlage den Heimweg antrat, war die taktische Fertigkeit der Westfalen spätestens zu diesem Zeitpunkt überall in Deutschland bekannt. Nicht kopflos anlaufen, sondern geordnet stehen und kontrollierter Spielaufbau waren die Devise. Attackiert wurde erst in der eigenen Hälfte, dort aber sehr konsequent. Den Münchenern wurde kaum Platz zum Spielaufbau gegeben.

Und auch die so gefährliche Flügelzange mit Robben und Ribery hatte man phasenweise gut unter Kontrolle. Die Außenbahnen wurden von zwei bis drei Spielern konsequent abgedeckt.

Neben der taktischen Disziplin offenbarte Dortmund aber einmal mehr eine große Schwäche, die sich über die ganze Spielzeit zog. Neunmal, öfter als keine andere Mannschaft in der Saison 2009/2010, verspielte man eine Führung. 14 der 21 Gegentore in der Rückrunde fingen sich Hummels & Co. in der letzten halben Stunde ein. Wäre jedes Bundeliga-Spiel nach 65 Minuten abgepfiffen worden, hätten 500.000 BVB-Fans bereits 2010 am Borsigplatz feiern können.

Gutes Händchen und Entwicklung auf hohem Niveau

Man mochte dies an fehlender körperlicher oder geistiger Fitness, am jugendlichen Alter oder schlichtweg an der individuellen Klasse des Teams festmachen, die Verantwortlichen gingen jedenfalls mit dieser Motivation in die Vorbereitung für die anstehende Saison. Von den Medien stets als harter Schleifer gehandelt, ließ Klopp seine Jungs viele Programme im Hochpulsbereich abspulen. Mit dem Ziel die gleiche Dominanz mit weniger Aufwand betreiben zu können. „Man hat den Eindruck, nur ein knallhartes Training sei ein gutes. Dabei wird häufig vergessen, dass die Regeneration nach einer Belastung mindestens genauso wichtig ist wie die Belastung selbst. Wir haben unseren Spielern ausreichend Raum zum Regenerieren gegeben“, betonte der Trainer aber immer wieder, dass die Erholungsphasen nicht zu kurz kamen. Neu in der Mannschaft, die ihre Zelte im burgenländischen Stegersbach aufschlug, waren mittlerweile unter anderem Stürmer Robert Lewandowski, Tempodribbler Shinji Kagawa sowie der ablösefreie Rechtsverteidiger Lukasz Piszczek. Punktuelle Verstärkungen, die notwendig waren und sich, wie man heute weiß, allesamt ausgezahlt haben.

Neben den Neuzugängen waren aber vor allem die Entwicklungen der bereits dagewesenen Akteure eine wichtige Basis für eine gute Saison. Linksverteidiger Marcel Schmelzer, von dem Klopp behauptet, er sei der Spieler, der unter ihm den größten Sprung gemacht habe, avancierte dank couragierter Vorstöße und solidem Defensivspiel zum Nationalspieler. Die Abstimmung des als Kinderriegel bekannt gewordenen Innenverteidiger-Duos Hummels und Subotic wurde stetig besser, ebenso wie deren Spieleröffnung. Malocher Sven Bender verbesserte seine Technik deutlich und zauberte den einen oder anderen Zuckerpass aus dem Fußgelenk. Der Dortmunder Jung Großkreutz bestätigte die Vorschusslorbeeren, die er nach seinem Nationalmannschafts-Debüt gegen Malta erntete. Der Senkrechtstarter schlechthin war aber mit Sicherheit Mario Götze. Mit Tempodribblings und einer unwiderstehlicher Ballbehandlung spielte er sich in die Notizblöcke großer Vereine und auf Platz zwei der vereinsinternen Scorerliste. Angeführt wurde diese von Torjäger Lucas Barrios, der seine sehr gute erste Saison bestätigte und um den herum Klopp die Mannschaft aufbauen wollte.

Im zweiten Teil unseres Dortmunder Taktik-Spezials lest ihr morgen alles über Schlüsselfigur Nuri Sahin, die Laufwege von Mats Hummels und die neuesten taktischen Entwicklungen rund um den deutschen Meister!

axl, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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