Mit Spannung erwartete Fußball-England das erneute Aufeinandertreffen von Luis Suarez und Patrice Evra, das die Chance zur Beruhigung der aufgeheizten Stimmung und die Möglichkeit... Pfosten der Woche (KW 06) – Luis Suarez, Patrice Evra, Kenny Dalglish & Alex Ferguson

Mit Spannung erwartete Fußball-England das erneute Aufeinandertreffen von Luis Suarez und Patrice Evra, das die Chance zur Beruhigung der aufgeheizten Stimmung und die Möglichkeit auf einen Friedensschluß nach den Rassismusvorwürfen und der drakonischen Sperre für den Liverpool-Stürmer bot. Die beiden Streithähne und ihre Trainer zogen es jedoch vor, diese Chance auf dem Niveau von intellektuell unterprivilegierten Dreijährigen zu versemmeln.

Dass die Vorzeichen rund um die Premier-League-Partie Manchester United gegen Liverpool nicht die allerbesten waren, bewies das Fanzine „Red Issue“, das auf Seite 1 eine Ku-Klux-Klan-Kapuze mit der Aufschrift „LFC“ und der Schlagzeile „Suarez ist unschuldig“ abgedruckt hatte und daraufhin vor dem Spiel von der Polizei konfisziert wurde. Umso wichtiger schien es, eine Geste des guten Willens zu setzen und die erhitzten Gemüter ein wenig zu beruhigen – was offenbar auch Liverpool-Coach Kenny Dalglish bewusst war, der einige Tage vor dem Spiel angekündigt hatte, dass Suarez selbstverständlich die Hand seines Kontrahenten schütteln würde:

„Wir alle haben die Verantwortung dafür, dass es ein begeisterndes Spiel wird und sonst nichts. Die Zeit ist reif, das Geschehene hinter sich zu lassen und nach vorne zu schauen.“

Als es kurz vor Anpfiff zum obligatorischen Handshake zwischen den beiden Teams kommen sollte, verweigerte Suarez Evra jedoch den Handschlag und die Atmosphäre auf und neben dem Platz war endgültig vergiftet: in der Halbzeitpause kam es im Spielertunnel zu tumultartigen Szenen, einige Hitzköpfe aus beiden Teams gerieten aneinander und mussten von Polizei und Ordnerdienst getrennt werden. Nur wenige Augenblicke nach Schlusspfiff feierte Evra den 2:1-Sieg Uniteds demonstrativ und provokant in unmittelbarer Nähe von Suarez – und abermals endete das Ganze auf dem Platz und in den Katakomben mit handfesten Auseinandersetzungen.

Vor laufenden TV-Kameras zu den unschönen Szenen befragt, tat Kenny Dalglish zunächst so, als hätte er den verweigerten Handschlag nicht bemerkt und bezeichnete es als “absolut unverschämt“, Suarez für die Vorkommnisse verantwortlich zu machen; keine 24 Stunden später ließ er in einem offiziellen Statement verlauten, dass ihm dieser Auftritt leid tue und er von Suarez‘ Verhalten schockiert sei, der ihm den ordnungsgemäßen Handshake mit Evra fest versprochen hatte. Diese Erleuchtung ereilte Dalglish allerdings erst, nachdem Liverpools Managing Director Ian Ayre seine Position ebenfalls mittels offizieller Aussendung unzweideutig klargemacht und sich im Namen des Klubs entschuldigt hatte; und weil aller guten Dinge drei sind, entschuldigte sich schließlich auch noch Suarez selbst für den verweigerten Handshake.

United-Manager Alex Ferguson wiederum hatte bei der Pressekonferenz nach dem Spiel nichts Besseres zu tun, als ordentlich Öl ins Feuer zu gießen:

„Suarez ist eine Schande für einen Verein wie Liverpool, ich würde ihn rausschmeißen. Der Fußball in diesem Land ist einen langen Weg gegangen seit den Tagen, als Bananen auf John Barnes geworfen wurden. Wir können nicht zurückgehen.“

Bei allem Verständnis für das englische Fair Play-Gefühl und die daraus möglicherweise resultierende Entrüstung sind solche Aussagen wenig hilfreich und darüber hinaus auch maßlos übertrieben: einen verweigerten Handschlag mit der jahrelangen rassistischen Verhöhnung eines jamaikanisch stämmigen Nationalspielers gleichzusetzen ist mindestens ebenso daneben wie die Verweigerung der Handschlags an sich. Fergusons Urteil über das provokante Verhalten Evras fiel hingegen vergleichsweise milde aus: „Er hätte das nicht tun sollen.“

So hat der englische Fußball seinen nächsten Skandal, Fans und Medien reichlich Diskussionsstoff und alle Beteiligten können sich irgendwie als Opfer fühlen – denn offenbar ist es von erwachsenen Männern zu viel verlangt, ein Mindestmaß an Anstand und Unrechtsbewusstsein zu wahren, das kindische Spiel wechselseitiger Beschuldigungen einzustellen, begangene Fehler einzugestehen und sich wieder dem Spiel an sich zu widmen. Stattdessen benehmen sich die Herren lieber wie Kleinkinder in der Sandkiste und donnern sich wechselseitig ihre Plastikeimer an die Schädel; und vermutlich muss erst jemand bluten, bevor irgendwann vielleicht doch noch Vernunft einsetzt.

(Lichtgestalt)

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  • fupduck

    13.Februar.2012 #1 Author

    Ich fürchte der Artikel verharmlost die ganze Situtation doch sehr. Wie soll man denn mit der Sache umgehen? Mund abputzen, weitermachen?
    Was hier als ‚Öl ins Feuer gießen‘ bezeichnet wird, ist endlich ein klares Statement von Ferguson gegen diesen fürchterlichen Rassismusschlonz. Und in wiefern er diese Situation  mit den Vorfällen um John Barnes gleichgesetzt haben soll, verstehe ich auch nicht so ganz – es geht ja gerade darum, dass man laut Ferguson seitdem einen langen Weg gegangen sei. 
    Auch wenn Ferguson sonst oft reichlich irrationales Zeug redet und der Siegestanz von Evra freilich nicht gerade das Gscheiteste in dieser Situation war – die Täter-Opfer-Verteilung ist in dem Fall zu eindeutig und die Sache zu ernst, als das man hier alles über einen Kamm scheren kann, weil ‚die eh alles Kleinkinder sind‘.

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