Bei der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien spielten erstmals 24 Teams um den Titel. Die Erhöhung der Teilnehmeranzahl wurde im Vorfeld ausgiebig diskutiert, wobei schlussendlich...

Paolo Rossi - Italien 1982Bei der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien spielten erstmals 24 Teams um den Titel. Die Erhöhung der Teilnehmeranzahl wurde im Vorfeld ausgiebig diskutiert, wobei schlussendlich finanzielle und politische Gründe für die Aufstockung verantwortlich waren. Italien setzte sich im Finale gegen Deutschland durch, Österreich schaffte es aufgrund eines wenig ruhmreichen Nichtangriffspakts mit Deutschland in die zweite Gruppenphase.

Dass die Anzahl der Teilnehmer von 16 auf 24 erhöht wurde, verdankt man in erster Linie dem brasilianischen Fußballfunktionär João Havelange, der 1974 die Wahl zum FIFA-Präsidenten gewann und dieses Amt 24 Jahre lang innehatte. Er sicherte sich den Posten indem er zahlreichen kleineren Nationen versprach die Teilnehmeranzahl bei Weltmeisterschaften zu erhöhen, sodass diese größere Chancen hatten an einer Endrunde teilzunehmen.

Weiters waren jedoch auch finanzielle Überlegungen der FIFA ausschlaggebend, da diese mit einem größeren Turnier mehr Geld einnehmen konnten. Bei Havelanges Amtsantritt steckte der Verband in Geldschwierigkeiten, nach seiner Amtszeit zog der ehemalige Präsident fest: Als ich im FIFA-Hauptquartier in Zürich ankam, da fand ich ein altes Haus vor und ein bisschen Geld in einer Schublade. Als ich 24 Jahre später meinen Posten räumte, besaß die FIFA Verträge und Besitztümer im Wert von über vier Milliarden US-Dollar.“

Probleme im Vorfeld der Weltmeisterschaft

Spanien wollte schon seit Längerem eine Weltmeisterschaft austragen, zog aber immer wieder die Kandidatur zurück, um sich schließlich ganz auf das Turnier im Jahr 1982 zu konzentrieren. Die Aufstockung der Teilnehmeranzahl wurde erst drei Jahre vor der WM beschlossen, sodass den Gastgebern nur wenig Zeit blieb, die dazu nötige Infrastruktur aufzustellen. Viele Länder hätten angesichts dieser Neuerung wohl kapitulieren müssen, doch in Spanien standen schon zahlreiche Stadien zur Verfügung, die lediglich an die Anforderung einer Weltmeisterschaft angepasst werden mussten. Für die WM musste nur ein Stadion neu gebaut werden, der Rest wurde einfach adaptiert, wobei die Bauarbeiten bei zahlreichen Spielstätten erst ein paar Tage vor dem Turnier auf den letzten Drücker fertiggestellt wurden.

Farce bei der Auslosung und finanzielle Ausbeutung der Fans

Als am 16. Januar 1982 die Gruppen in Madrid ausgelost wurden trauten die Zuschauer ihren Augen nicht. Nachdem das ausgeloste Eröffnungsspiel zwischen Argentinien und Schottland den Funktionären nicht genehm war, wurde die Begegnung kurzerhand neu ausgelost und Argentinien traf stattdessen auf Belgien. Auch im weiteren Verlauf kam es zu zahlreichen Pannen, denn einerseits war das ausgeklügelte Losungssystem anscheinend so kompliziert, dass selbst die dafür Verantwortlichen die Orientierung verloren, andererseits steckten die Kugeln teilweise so fest zusammen, dass sie sich mehrere Minuten lang nicht öffnen konnten. Die vorwiegende Meinung der Medien war es, dass die starken Mannschaften absichtlich leichte Gegner zugelost bekamen, damit sie möglichst lange am Turnier teilnahmen und so die Attraktivität der Weltmeisterschaft sichergestellt wurde.

Eine weitere Vorgehensweise erzürnte zudem die Fußballfans, denn sie konnten Matchkarten fürs Turnier nur im Paket mit Flugreisen und teuren Hotelreservierungen buchen. Mit dem eigenen Auto anreisen und sich eine günstige Unterkunft zu suchen war zunächst nicht möglich. Erst in den folgenden Monaten gab es Sonderregelungen, die diese strikte Politik der FIFA aufweichten. Dennoch quittierten die Fans diese Vorgehensweise weitgehend mit ihrer Nichtanwesenheit, sodass der Zuschauerschnitt statt der anvisierten 55.000 Besucher pro Spiel schließlich nur bei 39.700 lag.

Viele Debütanten aber kein Vizeweltmeister

Aufgrund der Erhöhung der Teilnehmeranzahl gelang es Algerien, Kamerun, Kuwait und Neuseeland sich für eine Weltmeisterschaft zu qualifizieren. Der Vizeweltmeister aus den Niederlanden verpasste jedoch das Turnier, da Belgien und Frankreich in der Gruppe die Oberhand behielten. England gelang nach drei erfolglosen Versuchen endlich wieder die Qualifikation für eine Endrunde. Österreich überstand die Qualifikation mit dem zweiten Gruppenplatz hinter Deutschland vor Bulgarien, Albanien und Finnland.

Der Nichtangriffspakt von Gijón

Die FIFA hatte von den Fehlern von 1978 nichts gelernt und ließ abermals die Gruppenspiele des letzten Spieltags nicht zeitgleich austragen, sodass die Mannschaften die das spätere Spiel bestritten, genau wussten, welches Ergebnis sie für den Aufstieg brauchten. Bei der Weltmeisterschaft in Argentinien profitierte der Gastgeber von dieser Regelung und erspielte bzw. erkaufte sich einen 6:0-Sieg gegen Peru, wodurch Brasilien aufgrund der Tordifferenz den Kürzeren zog. Diesmal konnten beide Mannschaften mit einem 1:0-Sieg der Deutschen leben, die mit diesem Resultat Österreich am letzten Spieltag überholten. Das heimische Trainerduo Georg Schmidt und Felix Latzke war mit diesem Ergebnis ebenfalls zufrieden, da aufgrund der Tordifferenz zumindest der zweite Platz gesichert war.

Horst Hrubesch erzielte nach 10 Minuten den Führungstreffer, danach hörten die beiden Mannschaften komplett mit dem Fußballspielen auf und der Ball wurde nur noch in ungefährlichen Zonen hin und hergeschoben. ARD-Kommentator Eberhard Stanjek kritisierte die Spieler während der zweiten Halbzeit und sprach von einem schändlichen Verhalten. ORF-Kommentator Robert Seeger forderte die Zuschauer gar auf ihre Fernsehgeräte auszuschalten. Die 41.000 Besucher im Stadion waren ebenfalls entsetzt und die Algerier fühlten sich zu Recht betrogen. Die Spieler hingegen sahen die Sache anders und betonten, dass es keine Absprache gab, aber die Situation diese Spielweise aus taktischer Sicht gefordert hätte. Lobend muss hier Walter Schachner erwähnt werden, der so ziemlich als einziger Spieler versuchte einen Treffer zu erzielen. Während sich die deutschen Funktionäre zumindest weitestgehend zurückhaltend nach dem Spiel gaben, erwies sich der österreichische Delegationsleiter Hans Tschak als wenig diplomatisch: „Natürlich ist heute taktisch gespielt worden. Aber wenn jetzt deswegen hier 10.000 Wüstensöhne im Stadion einen Skandal entfachen wollen, zeigt das doch nur, dass die zu wenig Schulen haben. Da kommt so ein Scheich aus einer Oase, darf nach 300 Jahren mal WM-Luft schnuppern und glaubt, jetzt die Klappe aufreißen zu können.“ Hans Krankl hielt sich zumindest ein wenig bedeckter: „Ich weiß nicht, was man will. Wir sind qualifiziert.“

Immerhin war dieses Spiel Grund genug für die FIFA diese Regelung zu überdenken und schon bei der Europameisterschaft 1984 fanden die Begegnungen am letzten Spieltag der Gruppenphase zur gleichen Uhrzeit parallel nebeneinander statt.

Der weitere Turnierverlauf

In der Zwischenrunde folgte dann das Aus für das ÖFB Team, denn in der Dreiergruppe mit Frankreich (0:1) und Nordirland (2:2) erreichte man nur einen Punkt und musste den Franzosen den Gruppensieg überlassen. Brasilien, die beste Mannschaft des Turniers, zerbrach in der Zwischenrunde an der italienischen Abwehrmauer und wurde für die offensive Spielweise nicht belohnt. Polen setzte sich überraschend gegen die Sowjetunion und Belgien durch, verlor dann aber im Semifinale mit 2:0 gegen Italien. Immerhin durfte sich die Mannschaft von Antoni Krzysztof Piechniczek über den dritten Platz freuen, da Frankreich im kleinen Finale mit 3:1 besiegt wurde. Die Franzosen traten nach der Halbfinalniederlage gegen Deutschland allerdings mit ihrer B-Mannschaft an. Erwähnt sei hier noch die unrühmliche Attacke des deutschen Goalies Schumacher an Patrick Battiston, die dem Franzosen im Semifinale eine Gehirnerschütterung, Wirbelverletzungen und zwei ausgeschlagene Zähne einbrachte.

Das Endspiel zwischen Italien und Deutschland verlief wenig spektakulär, beide Mannschaften nahmen in der ersten Hälfte keinerlei Risiko. Im zweiten Durchgang wurde Italien stärker und wandelte die Überlegenheit schließlich auch in Tore um. Deutschland fand nur ganz selten Lücken in der starken Abwehr des Weltmeisters, sodass der 3:1-Sieg der Italiener schlussendlich in Ordnung ging. Die Reaktionen waren dennoch überschaubar euphorisch, da das Finalspiel insgesamt Tempo und Emotionen vermissen ließ. Insgesamt ein enttäuschendes Turnier, bei dem im Vorfeld einiges schief ging, die Zuschauerzahlen unter den Erwartungen blieben, unattraktive Spiele an der Tagesordnung standen, die mit der Schande von Gijon und der Verletzung Battistons ihre Höhepunkte fanden.

Stefan Karger, abseits.at

Stefan Karger

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