Im zweiten Halbfinale der WM duellieren sich Argentinien und die Niederlande, um auszumachen, wer die finale Chance auf den Titel erhält. Die KO-Runde prägten...

Louis van Gaal - Niederlande (transparent)Im zweiten Halbfinale der WM duellieren sich Argentinien und die Niederlande, um auszumachen, wer die finale Chance auf den Titel erhält. Die KO-Runde prägten bislang Vorsicht und Defensivfokus, was oftmals zu spielerischer Armut führte. Doch da sich die Stars hier in der Offensive tummeln, könnte diese Partie anders aussehen.

Argentinien baut auf Messi

Argentinien musste im Achtelfinale gegen die Schweiz in die Verlängerung, ansonsten gewannen sie jedes Turnierspiel. Dennoch war ihre Leistung eher durchwachsen. Gegen Bosnien und Iran bescherte Messi jeweils mit einer Einzelaktion den Sieg, auch beim 3:2 gegen Nigeria war er mit zwei Toren der entscheidende Mann. Im Achtelfinale mangelte es zuerst an Automatismen, die Defensive der Eidgenossen wirklich in Bedrängnis zu bringen. Erst mit zunehmender Spielzeit erhöhte Argentinien die Durchschlagskraft, ehe Messi mit einem hervorragenden Tempodribbling Di Marias 1:0 in der Verlängerung vorbereitete. Im Aufeinandertreffen mit Belgien zeigte sich Argentinien druckvoller, wobei der Gegner riesige Räume zwischen den Ketten neben „Sechser“ Witsel preisgab. So kombinierte die „Albiceleste“ mit Di Maria und Messi vereinzelt erfolgsversprechend über halbrechts, was gegen die Niederlande allerdings schwerer sein dürfte.

Generell probierte Sabella schon verschiedene Systeme aus. Das 3-5-2 legte er nach einer schwachen Halbzeit gegen Bosnien scheinbar ad acta, um mit einer Mittelfeldraute und Messi im offensiven Mittelfeld mehr Offensivstars unterzubringen. Als Kompromiss zwischen Defensive und Offensive scheint sich jetzt das 4-4-1-1 etabliert zu haben, was sich allerdings ändern könnte, falls Sabella mit einer Umstellung auf die Verletzung Di Marias reagiert. Eine erneute Rückkehr zum 4-3-1-2 wäre denkbar.

Argentiniens Spiel krankt zum einen an der schlechten Organisation der Offensive. Die Spieler sind in der konkreten Offensivsituation meistens zu weit voneinander entfernt, so dass nicht zügig kombiniert werden kann. Di Maria und Messi müssen den Raum erst mit einem Dribbling überbrücken, was Zeit kostet und das Risiko des Ballverlustes birgt. Bis auf den Rechtsverteidiger Zabaleta schalten sich zudem die hinteren Spieler nicht gut ein. Zum anderen arbeiten die Offensivspieler nicht ausreichend für die Defensive. Messi hält sich meistens völlig aus der Defensive heraus, um dann sporadisch sehr aggressiv den Ball zu jagen. Weil sein Beitrag aber extrem unkonstant ist und auch Higuain und gegebenenfalls Agüero nur ein geringes Pensum abspulen, kann der Gegner häufig in Ruhe seinen Spielaufbau einleiten.

Niederlande ungewohnt – Konterspiel und Kompaktheit als Stärke

Louis van Gaal formierte seine Mannschaft im 3-4-1-2, wo mit Sneijder im offensiven Mittelfeld und dem Doppelsturm aus Robben sowie van Persie die Stars in der Offensive zum Einsatz kommen. Gegen die meisten Gegner verschob sich das System im Pressing zum 3-4-3 oder 5-2-3, weil Sneijder nach vorne rückte und die Stürmer nach außen abkippten. Da die Stürmer aber immer noch Zugriff aufs Zentrum behalten, ergibt sich dort ein sehr engmaschiges Netz, das schwer zu überspielen ist. Oft schieben die Innenverteidiger, insbesondere Martins Indi, außerdem weit vor, um freie Spieler hinter dem Mittelfeld zu decken. Vor allem gegen Spanien zeigte sich dieses Mittel effektiv, schließlich plagten David Silva und Iniesta massive Schwierigkeiten mit der situativ engen Deckung durch die Innenverteidiger.

Was des Weiteren auffällt, sind die Probleme der Niederlande, selbst das Spiel zu gestalten. Während mit Chile und Spanien zwei renommierte Gegner, die selbst den Ball besitzen wollten, 2:0 und 5:1 bezwungen wurden, taten sie sich mit Außenseitern ungleich schwerer. Gegen Australien ließ sich der Rückstand noch drehen, aber gegen Mexiko brauchten sie schon zwei sehr späte Tore. Hingegen musste Niederlande gegen Costa Rica, zugegeben auch wegen Abschlusspech, lange auf die erlösenden Treffer warten. Erst im Elfmeterschießen fixierten sie den Halbfinaleinzug. Die Stärke des Teams liegt also deutlich im Konterspiel, wo sie mannschaftlich blitzschnell nach vorne starten und auch die Einzelakteure ihre Qualität besser einbringen können. Robben ist kaum aufzuhalten, wenn er mit Tempo auf eine ungeordnete Abwehr zuläuft. Van Persie schießt nicht nur Tore, sondern kann dazu Bälle verarbeiten und den nachrückenden Spielern servieren. Zudem glänzt Sneijder mit seinen langen Pässen, die er den Stürmern punktgenau in den Lauf spielen kann, wenn der Gegner aufgerückt ist.

Di Marias Ausfall – wer unterstützt Messi?

Angesichts des Spielstils der beiden Teams ist davon auszugehen, dass Argentinien die Ballbesitzhoheit verbuchen wird. Sie werden gegen die kollektiv ausgezeichnete niederländische Defensive kreative Akzente setzen müssen. Die Niederlande ist dabei schwer zu überwinden, weil sie ihre Mannorientierungen mit hoher Kompaktheit verbinden, da die Abwehrkette hoch steht, obwohl die Stürmer erst recht tief pressen. Sabella wird weiterhin versuchen, seinen Schlüsselspieler, Messi, in gefährliche Räume zu bringen. Da sich Messi allerdings im halbrechten Raum herumtreibt, wird er von einem ähnlich zweikampfstarken Dreieck eingekesselt sein, wie das, das bereits Alexis Sanchez von Chile ausschaltete. Blind wird die Außenseite verteidigen, während der oftmals rüde De Jong sich speziell an Messis Fersen heftet. Entkommt dieser, unterstützt ihn Martins Indi mit seinem typischen Herausrücken aus der Dreier-oder Fünferkette.

Es könnte entscheidend sein, wie es gelingt, Messi aus dieser Lage zu befreien. Er braucht Mitspieler, die ihn einsetzen und sich wiederum für ihn anbieten, was es umso folgenschwerer macht, dass Di Maria sich verletzt hat. Der Madrider ist der einzige argentinische Offensivstar, der überdies durch eine hohe Arbeitsrate besticht. Weil es vermutlich zu riskant wäre, einen weiteren Stürmer aufzustellen, könnte Perez ihn ersetzen. Er ist defensiv verlässlich, allerdings mangelt es ihm an der Durchschlagskraft, die Di Maria mit seinen Dribblings erzeugte. Deshalb wäre es vielleicht sinnvoll, Lavezzi auf die rechte Seite zu ziehen, um dort das gefährlichste Personal zu konzentrieren. Zusammen mit weiterem Aufrücken Zabaletas könnten sie Überladungen halbrechts forcieren und dort Kombinationen initiieren.

Kann Argentinien Konter verhindern?

Ein weiterer Schlüsselaspekt des Spiels wird die Frage sein, ob die Niederlande Kontergelegenheiten kreieren kann. Sie pressen nicht besonders hoch, dafür üben sie in einzelnen, passenden Szenen, hohen Druck aus, um den Ball zu erobern. Es ist unsicher, ob Biglia oder Gago bei Argentinien von Anfang an auflaufen werden. Ersterer ist dynamischer, letzterer dafür ballsicherer, was Konter im Ansatz schon reduzieren könnte. Da Argentinien über kein kollektives Gegenpressing verfügt und nicht so schnell umschaltet, wird die Niederlande vermutlich auf diesem Weg zu Chancen kommen. Allerdings halten sich die Außenverteidiger und die „Sechser“ im Offensivspiel Argentiniens eher zurück, so dass meistens ausreichend Absicherung herrscht. Sabella könnte, um dies zu verstärken, auf eine noch defensivere Variante, beispielsweise die Dreierkette, zurückgreifen, was jedoch das kreative Potential beschneiden würde, zumal Di Maria für diese Formation wichtig wäre.

Kann Niederlande die Zentrumsüberzahl ausspielen?

Wenn man davon ausgeht, dass Argentinien im 4-4-1-1 auftritt und sich die Laufleistung der vorderen zwei Stürmer nicht signifikant erhöht, wird die Niederlande ein quantitativ deutlich überlegenes Zentrum haben. Falls die Stürmer sich defensiv enthalten, werden fünf Akteure der „Oranje“ plus eventuell nachstoßende Innenverteidiger den argentinischen Viererblock im Zentrum bespielen. Argentinien muss horizontal und vertikal enger stehen als zuletzt, um diese Situation zu kontrollieren. Sneijder kann entweder durch Mascherano gedeckt oder im Zwischenlinienraum isoliert werden. Ihn mannzudecken würde dazu führen, dass Argentinien sich tiefer formieren muss. Ihn ohne direkten Gegenspieler zu lassen, wäre jedoch riskant, da die Innenverteidiger durch Robben und van Persie gebunden wären, so dass sie den „Zehner“ nicht aufnehmen könnten.

Außerdem dürfen die argentinischen Außen die niederländischen Flügelläufer nicht stur decken, sondern müssen sie in tieferen Zonen übergeben. Da Blind und Kuyt wegen der zusätzlichen Absicherung höher agieren als normale Außenverteidiger, würden sie ihre Gegenspieler sonst in tiefe Zonen mitziehen, was wiederum das Mittelfeld schwächen würde. Diese Übergabemomente müssen allerdings passen, schließlich hat Blind bereits drei Tore vorbereitet. Eventuell orientiert sich van Gaal am Spiel mit Costa Rica und richtet seine Mannschaft offensiver aus. Im 3-4-3 könnte mit Depay ein zweiter Flügeldribbler seinen Platz finden, um den Angriff zu beschleunigen. Sneijder würde dann tiefer agieren.

Zwei ebenbürtige Teams

Es erscheint wahrscheinlich, dass sich die beiden Mannschaften auf Augenhöhe begegnen werden. Die Niederlande verfügt über taktische Vorteile, dafür ist Argentinien um Messi individuell besser besetzt. Die „Albiceleste“ muss den Ausfall von Di Maria kompensieren und zu einem besseren Kombinationsspiel finden, um den niederländischen Defensivblock zu übenfinden. Für die „Oranje“ wird es hingegen darum gehen, Messi auszuschalten und auch selbst spielerische Akzente zu setzen. Aber unabhängig davon, wie das Spiel verläuft, könnte am Ende wieder eine Einzelleistung von Arjen Robben oder Lionel Messi die Entscheidung bringen.

Leonard Dung, abseits.at

Leonard Dung

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