Er war einer von vielen Reisenden, die im Jänner 1968 am Wiener Westbahnhof ankamen. Keiner jubelt ihm zu oder nahm auch nur von ihm... Buchrezension: „Rudi Hiden – Die Hand des Wunderteams“

Er war einer von vielen Reisenden, die im Jänner 1968 am Wiener Westbahnhof ankamen. Keiner jubelt ihm zu oder nahm auch nur von ihm Notiz. Der bald 59-jährige war müde von der langen Zugfahrt und vielleicht auch müde vom Leben, das sich auf seinem wettergegerbten Gesicht widerspiegelte.

Die vergangenen Jahre waren nicht gut gelaufen. Trotzdem sollte Rudi Hiden in allen Facetten ein außergewöhnliches Leben leben: Aus einem Steirerbua wurde ein sensationeller Athlet, Wunderteamgoalie, Lebenskünstler, österreichischer Praterlöwe, französischer Bonvivant und Womanizer. Hidens betörende Wirkung auf Frauen hielt bis ins Alter an. Selbst als der Schwerkranke nichts mehr mit dem durchtrainierten Beau von einst gemeinsam hatte, ritterten Ehefrau (die zweite!) und Geliebte gleichermaßen um seine Gunst. Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs riss Hidens Glücksträhne und sein Leben machte einen gewaltigen U-Turn. Auftritte als Elfmeterkiller im Zirkus aus Geldnot gehören eher noch zu den komischen Begebenheiten aus dieser Zeit. Als der einstige Stürmerschreck aus dem Zug stieg, wusste er noch nicht, wie bitter sein Lebensabend tatsächlich werden sollte.

David Herrmann-Meng erinnert in seinem vor wenigen Tagen erschienenen Buch an eine Legende des österreichischen Fußballs, die in der historischen Würdigung bisher wenig Beachtung findet. Woran das liegt, ist logisch. Schon zu Lebzeiten verspielte Rudi Hiden seine hart erarbeiteten Erfolge: Seine Versuche, außerhalb des Sportes beruflich Fuß zu fassen, schlugen fehl. Jene guten Freunde, die man immer hat, wenn man Geld hat, ließen ihn im Stich. Sein angespartes Vermögen schmolz dahin. Zeit hat keinen Respekt vor körperlicher Stärke. Hiden wurde älter, der Leistungssport, das Rauchen, der Alkohol hinterließen Spuren. Unterm Strich machte der Grazer jedoch keinen Hehl daraus, dass er sich sein Unglück hauptsächlich selbst eingebrockt hatte.

Schrecken mit Ende

Nach Jahren im europäischen Ausland war aus einem der besten Torhüter seiner Zeit Ende der 60er ein kranker Bittsteller geworden. Rudi Hiden hatte Probleme mit den Zähnen und der Prostata, doch am meisten quälten ihn Schmerzen im rechten Bein. Er hatte keinen Groschen in der Tasche und musste von ehemaligen Sportkameraden unterstützt werden. Lange wohnten der Ex-Profi und seine französische Frau nach ihrer Rückkehr nach Wien zur Untermiete auf Zimmer-Kuchl in der Wittelsbachstraße 3. Hiden klapperte jeden ab den er noch von früher kannte: Der ÖFB, sein Ex-Verein WAC, der Wiener Stadtrat Heller, die Tageszeitung Kurier, der französische Fußballverband halfen mit Geld- und Sachspenden. Für Rudi Hiden begann eine Odyssee durch Spitäler und Reha-Zentren. Das Knochengewebe in seinem rechten Bein war voller Metastasen, das Bein musste schließlich amputiert werden. Später fand man bei einer Blasenspiegelung einen walnussgroßen Tumor und Hiden wurde in seiner Geburtsstadt eine aggressive Strahlentherapie verordnet. Zwischen den Einheiten schleppte er sich wehmütig auf Sportplätze. Die Krone schrieb: „Hiden war sehr deprimiert, verschlossen und enttäuscht, dass man in Österreich keine Notiz von ihm genommen hat.“

Der Ex-Fußballer erbettelte sich eine Versehrtenrente und kleine Wohnung. Seinen letzten Wohnsitz hatte er in Wien-Floridsdorf, von wo er mit dem Taxi zu seinen regelmäßigen Krankenhausaufenthalten fuhr. Seine letzten Wochen verbrachte er im Bett – ein unrühmliches Ende für jemanden, der von Bewegung eigentlich nicht genug bekommen konnte. Am 11. September 1973 starb Rudi Hiden. Ein vor Fehlern strotzender Nachruf in der Arbeiterzeitung machte deutlich, warum vierundvierzig Jahre später eine Biografie vonnöten ist.

In einem Land vor unserer Zeit

Der Autor hat sein Buch großteils in Graz recherchiert. In der Geschäftsstelle des steirischen Fußballverbandes begann im Jahr 2008 mit einem Telefonanruf die Geschichte des Rudi-Hiden-Archives. In Kartons lieferte der Angehörige einer Familie, die den Tormann während seiner letzten Lebensjahre finanziell unterstützt hatte, dem Archivar des GAK Hidens unglaubliche Karriere in Fotos, Dokumenten und Gegenständen. Das umfangreiche Archiv wurde schließlich dem Landesverband zur Verfügung gestellt, der einen Schauraum zum Gedenken an den legendären Schlussmann adaptierte.

Herrmann-Mengs Buch macht keine Experimente, sondern verlässt sich auf die nüchternen Fakten. Wie es sich für Sportlerbios schon fast traditionell gehört, arbeitet der Autor Tatsachen mit Zeitzeugnissen ab und geht ohne große Umschweife in medias res: Rudi Hiden kommt als Josef Rudolf Hiden am 9. März 1909 in der Schönaugasse 32, wenige Meter vom Grazer Augarten entfernt, zur Welt. Siebeneinhalb Jahre vor seiner Geburt gründete sich sein späterer Stammklub, der GAK. Pate für den Namen stand kurioserweise der Verein, bei dem Hiden den endgültigen Durchbruch schaffen sollte: Der Wiener Athletiksportclub, der 1897 gegründet wurde. Die Eltern Franz und Luise Hiden sind Wirtsleute, die auch eine Greisslerei betreiben. Die Verhältnisse, in denen Rudi und sein älterer Bruder Franz junior aufwachsen, sind dennoch karg. Der Vater ist streng, die Mutter sanft und liebevoll. Beide verfolgen dasselbe Ziel: Ihre Buben sollen es einmal besser haben. Der vife Rudi wird also in gute Schulen geschickt, wo der Lausbua bald zum Schrecken der Lehrer mutiert. Nach der Bürgerschule erlernt er bei einem Onkel das Bäckerhandwerk.

Dem Fußball ist der Lehrling seit frühester Kindheit verfallen. Anfangs kickt er mit Freunden auf der Wiese vor dem Elternhaus, später im nahen Augarten. Als Schüler heuert Hiden als Mittelstürmer beim GAK an. Wie die meisten Torhüter kommt er zufällig zu seiner Position: Als sich einmal der Schlussmann verletzt, übernimmt der Kapitän Verantwortung und geht zwischen die Pfosten. Es ist Liebe auf den ersten Blick, ein coup de foudre. Der mit seinen 1,84 Meter eher kleinere Tormann feiert 1925 sein Pflichtspieldebüt. „Hyden im Tor Zukunft verriet“ – schreibt die Grazer Montagszeitung, sie sollte seinen Nachnamen (der nun wirklich nicht kompliziert ist) noch etliche Male falsch schreiben, ehe Rudi 1927 zum WAC wechselte. Rasch wird Hiden zu einer lokalen Berühmtheit. Sein Spiel ist revolutionär. Er ist der Erste, der einen Ball mit der Hand 50 Meter punktgenau vor die Füße eines Mitspielers werfen kann. Er brilliert durch waghalsigen Einsatz im Eins-zu-Eins, hat Ausstrahlung und Präsenz.

Was kaum jemand weiß: Schon zu Hidens Grazer Zeit wird Arsenal London auf den robusten Schlussmann aufmerksam und verhandelt mit dem GAK. Ein Freundschaftsspiel mit den Engländern kommt aber ebenso wenig wie der Sensations-Transfer zustande. Nach vier schweren Rippenverletzungen und halb so vielen steirischen Meistertiteln übersiedelt ein heimwehkranker Keeper in die Donaumetropole. Mutter Luise unterschreibt für den Minderjährigen einen Vertrag mit dem WAC. GAK-Funktionär Ircher beschwört den Jungspund bei seiner Verabschiedung: „Zeig, was du kannst, und ich bin sicher, in einigen Jahren spielst du in der österreichischen Nationalmannschaft.“ Wie recht er damit hat, konnte damals niemand ahnen.

Spezialität: Flachschüsse und Hidenwuchtel

Die vorliegende Biografie lebt von den kleinen Details, die in jedem Leben das eigentliche Salz in der Suppe sind. Da das Buch in seiner Erzählweise keineswegs filigran-gestrickt ist, beleben bekanntere und unbekanntere Anekdoten die eher emotionslose Abhandlung. Viele Schwänke aus dem Leben Hidens wurden auch schon im Rahmen meiner Anekdote-zum-Sonntag-Serie erzählt: So wie Hidens Vorstellung in Wien, als der Fußballer à la Der Wilde mit seiner Maschin in Motorradkleidung ins feine Ring-Café stapfte und sich so den Unmut der Sportprominenz zuzog oder als der Grazer – dank Karl Sesta zum Paten des „Steirertors“ wurde. Letztere Story ist übrigens keineswegs historisch belegt. Tatsache ist, dass die ersten Wochen in Wien im Herbst 1927 für den Halbwüchsigen schwer waren. Das Niveau war noch ein Alzerl höher als im beschaulichen Graz, zudem packte Rudi das Lampenfieber. Ab Dezember hatte sich das Ausnahmetalent aber gefangen und lieferte Talentprobe um Talentprobe ab. Nebenbei machte er sich auf der Landstraße Hauptstraße 93 mit einer Bäckerei selbstständig und warb später sogar im Dress der Nationalmannschaft für „Hiden Brot“. Wie die warmen Semmeln (!) ging die sogenannte Hiden-Wuchtel weg – ein Gebäckstück in der Form eines Fußballs mit rumlastiger Nussfülle. Als Praterlöwe geigte der Tormann mit Rollkragenpullover, weißem Kragen und Pullman-Kappl auf.  Er war ein „Ereignis“: Hiden liebte Penaltys, war als Elfmeterkiller bekannt und betrachtete sich als feldspielenden Torwart. Sein Geheimnis: „Tischtennis und Tennis halte ich vor allem wegen der Schulung des Auges für einen Tormann außerordentlich geeignet.“ Trotz aller abendlichen Partys schonte sich Hiden im Training überhaupt nicht. Er liebte Bewegung. Alles sah bei ihm leicht aus. Der Praterlöwe glich einem geschmeidigen Panther.

Sein Team-Debüt feierte Rudi Hiden im Mai 1928 als 19-jähriger. Auch bei den Rot-Weiß-Roten dauerte die Anlaufzeit. Als einziger Nicht-Wiener gehörte Hiden jedoch ab 1931 zum Wunderteam – das verbindet man noch heute mit ihm. Bei 6:0-Auswärtstriumph über Deutschland stand der 22-jährige im Mittelpunkt und nicht Marlene Dietrich, die den Ehrenankick durchgeführt hatte, oder der dreifache Torschütze Toni Schall. Doch nicht immer stieß Hiden nur auf Begeisterung: Der risikofreudige Goalie fand sich öfters wegen Körperverletzung vor Bezirksgerichten wieder. Stürmer Karl Jiszda musste nach einem Zusammenstoß mit dem WAC-Keeper und doppeltem Schienbeinbruch gar seine Karriere beenden. Sportskamerad Hiden fühlte sich lebenslang zu Unrecht als Raubein gebrandmarkt: „Man hat mir vielfach vorgeworden, ich hätte während meiner Spielerlaufbahn manchen Spieler absichtlich verletzt. Daran ist natürlich kein wahres Wort.“

Der Wechsel zu Arsenal, der sich schon zu GAK-Zeiten angekündigt hatte, klappte schließlich. Am 7. Juli 1930 meldete das Wiener Sporttagblatt „Hiden fährt nach England“. Die FA war jedoch nicht begeistert und verweigerte dem Österreicher – trotz Intervention des Außenministers (und Arsenalfan) Arthur Henderson – die Arbeitsgenehmigung. Am 17. August war Rudi Hiden wieder in heimischen Gefilden. Eine semi-originelle Mischung aus Geld und Abenteuerlust lockte den Spitzenspieler nach einer Top-Partie gegen Frankreich schließlich nach Paris.

Douce France

Hidens Zeit in Frankreich gehört zu meinen Lieblingskapiteln. Im Leben des Tormanns markiert diese Zeit jedoch den Wendepunkt. Anfangs knüpft Hiden noch nahtlos an seinen gewohnten Tagesablauf aus Wien an: Mit Zigarette im Mundwinkel sitzt er mit der Haute Volée in Bars und Cafés, nachmittags hütet er den Kasten von Racing Paris. Er verdient die kolossale Summe von 25.000 Francs im Monat. Die Fans lieben ihn und taufen ihn ob seiner vermeintlichen Zauberkräfte auf der Linie „Merlin“.

1934 beginnt „Sid“ Kimpton Racing zu trainieren und baut das Team erfolgreich taktisch um. Ein „Rodolphe“ Hiden wird 1936 französischer Cupsieger und Meister. Hiden identifiziert sich völlig mit dem savoir vivre. Er genießt sein Leben an der Seine und tauscht auch seine österreichische Susi gegen eine Namensvetterin mit „z“ ein. Selbst einer Rückberufung in das Nationalteam winkt er ab: „Es war für mich unmöglich gegen Frankreich zu spielen, wo ich doch dort mein Brot verdiene.“  Als eine restriktive Legionärsregelung in Kraft tritt, ist es nur Formsache, dass sich Rudi und sein Landsmann August(e) Jordan einbürgern lassen.

Doch justament zeitgleich mit der Aufgabe seiner ursprünglichen Staatsbürgerschaft reißt Hidens Glückssträhne: Im Jänner 1939 stirbt sein Freund Matthias Sindelar, am 3. September erklären Frankreich und Großbritannien dem Dritten Reich den Krieg. Der Fußballer wird als Soldat ohne Waffe als Sportlehrer für Kfz-Fahrer abkommandiert. Als einem Höherrangigen seine anstrengenden Einheiten nicht passen, wird er kurzerhand an die Front strafversetzt. Doch – keine Panik – an der Maginot-Linie stehen sich die feindlichen Truppen nur lauernd gegenüber. Hiden vertreibt sich die Zeit mit Kicken. 1940 feiert er sein Debüt für les bleus. Kurz nach seinem dritten Cupsieg mit Racing gerät er in deutsche Kriegsgefangenschaft. Der 31-jährige erleidet Höllenqualen. Die Gestapo verhört ihn in Trier und Köln, will herausfinden, wann er Österreich verlassen hat. Drei Monate lang wird er gepeinigt, ehe man ihn entlässt. Nach einem Abstecher bei der Mutter in Graz, reist er zurück ins besetzte Paris. Dort verdingt sich Hiden als Sportreporter und eröffnet eine Bar in der Rue de la michodière. Nach der Befreiung der französischen Hauptstadt klicken wieder die Handschellen – diesmal französische menottes: Hiden hat für ein deutsches Blatt geschrieben, ist er ein Kollaborateur, ein Spitzel? Nein, ist er nicht. Rudi Hiden kommt davon. Der Krieg ist zwar aus, die Nazis sind besiegt. Eine goldene Zukunft wartete jedoch nicht auf ihn.

Leerzeit

Hidens Bar läuft schleppend. Die Karriere ist vorbei, das angesparte Geld rinnt ihm durch die Finger. Er beschließt sich als Trainer zu versuchen und heuert bei Vigevano Calcio, einem drittklassigen Klub in der Lombardei an. Dort gewinnt er keinen Blumentopf. Auch mit Salerno, Messina und Palermo gelingt ihm nichts. Ob als Wundertormann im Zirkus oder als Hotelier in Hörtendorf bei Klagenfurt – immer folgt schnell der Schlusspfiff. Wie es weitergeht? Eh schon wissen. Schon zu Lebzeiten wurde es bald sehr still um Rudi Hiden. Seine Karriere war kurz und intensiv, sein Schicksal als Mensch tragisch. So dramatisch, dass es im Roman des Nobelpreisträgers Patrick Mondiano verarbeitet wurde. Mondiano lässt in „Fleurs de ruine“ einen älteren Herrn mit Filmstargesicht auftreten, der Rudi Hiden heißt und erzählt, dass er einst in Paris lebte und die Stadt sehr vermisse. Mondianos Buch ist eine künstlerische Auseinandersetzung mit Hiden und dem Wunderteam. David Herrmann-Meng musste sich an die Fakten halten. Seine Hiden-Bio ist ok. Die angehängten Interviews mit Otto Konrad oder Michi Konsel lassen aber zweifeln, ob der Autor genügend verarbeitungswürdigen Stoff aufgetrieben hat. Auch warum Herrmann-Meng Hidens Privatleben in einem separaten Kapitel behandelt und nicht in die Erzählung eingeflochten hat, ist unschlüssig. Das ist dann doch eher amateurhaft und nicht Teamniveau. Schon gar nicht Wunderteamniveau.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag