In dieser Serie soll es um eine beispielhafte Gegneranalyse gehen. Wie sehen Vorbereitungen im professionellen Bereich aus? Welche Aspekte werden geschildert? Diese Fragen sollen... abseits.at scoutet Sturm Graz (4): Defensivausrichtung und Pressing

SK Sturm Graz - Wappen mit FarbenIn dieser Serie soll es um eine beispielhafte Gegneranalyse gehen. Wie sehen Vorbereitungen im professionellen Bereich aus? Welche Aspekte werden geschildert? Diese Fragen sollen beantwortet werden. Neben den vielen statistischen- und Videoanalysen gibt es nämlich auch zuhauf reine Textanalysen im Profibereich, mit denen dem Trainer der gegnerischen Mannschaft durch einen Überblick über die grundsätzliche Struktur des Gegners in den vier Spielphasen und bei Standards ein präziser Überblick gegeben werden soll. Meistens wird dies mit einzelnen Erklärungen, gelegentlichen Bewertungen und Ratschlägen garniert, welche das Trainerteam vom Scout erhält und dann bespricht, sowie ins Training implementiert.

Diese Textanalyse nimmt als Beispiel den SK Sturm Graz. Im vierten Teil geht es um die Defensive. Wie presst die Mannschaft? Was tut sie in der Defensive? Welche Eigenheiten und Mechanismen gibt es?

Spiel gegen den Ball

Defensiv formieren sich die Grazer entweder im 4-4-1-1 oder im 4-4-2. Die Bewegungen sind hierbei relativ simpel; Stankovic steht gelegentlich tiefer als Djuricin, was aber von der genauen Zone und der Situation im gegnerischen Aufbauspiel abhängig ist. Meistens formieren sie sich nämlich im Mittelfeldpressing und warten ab, bis der Gegner das Spiel aufbaut. Sie lassen also die Innenverteidiger offen. Die beiden vorderen Akteure agieren dann in einer Linie. Jetzt entsteht in der Defensivstaffelung der Grazer ein 4-4-2. Dieses ist in puncto horizontaler und vertikaler Kompaktheit relativ gut organisiert.

Bei gegnerischem Ballbesitz in der Mitte ist die Kompaktheit in der Horizontale gut, die Flügelstürmer könnten etwas enger an der Mitte stehen, alles in allem decken sie aber die wichtigen und erreichbaren Räume gut ab und bieten nur wenig Zugriffsfläche innerhalb der Formation. Ein extremes und gut abgesichertes Überladen einzelner Zonen mit viel Bewegung, technisch anspruchsvolle Kombinationen in den engen Räumen oder dynamische Ballzirkulation mit intelligentem Positionsspiel würden also benötigt werden, um hier sofort aus dem ersten Drittel bis nach vorne durchzubrechen.

Während der gegnerischen Ballzirkulation entstehen aber häufiger Probleme für die Grazer, welche sie aber wiederum relativ gut kompensieren können. Kommt der Ball auf den Flügel, verhalten sich die Außenspieler mannorientiert; die Flügelstürmer gehen auf die Außenverteidiger, die Außenverteidiger auf die Flügelstürmer. Hier öffnen sie dann die Halbräume, verschieben aber gut in diese und stellen sie zu, wenn Pässe dorthin gespielt werden.

In diesen Situationen lässt sich auch Stankovic etwas zurückfallen und aus dem 4-4-2 wird ein 4-4-1-1. Meistens stellen Djuricin und Stankovic in der ersten Phase den Sechserraum zu; die Innenverteidiger bleiben wie erwähnt frei. Wenn sie den Ball haben, schieben Djuricin und Stankovic wechselnd nach vorne; jeweils der eine auf den näheren Innenverteidiger. Der verbleibende Stürmer Sturms bleibt also und sichert den Sechserraum, während der andere so anläuft, dass der Sechserraum sich in seinem Deckungsschatten befindet. Durch den losen Druck auf den Innenverteidiger zwingen sie ihn zu einem Pass, meistens zur Seite. Der zuvor pressende Stürmer läuft zurück, der andere Stürmer rückt heraus, das gegnerische Aufbauspiel wird zur Seite geleitet. Hier sehen wir ein Bild aus dem Pressing:

Sechserraumversperrung

Kommt der Gegner nach vorne, dann spielt Stankovic aber konstant tiefer; er füllt die Löcher in den Halbräumen und er ist nicht mehr der zweite (tiefere) Stürmer, sondern ein weiterer, höherer Mittelfeldspieler. Er lässt sich in einzelnen Situationen, wenn die offenen Räume neben den Sechsern, die er von vorne bewacht, auch dynamisch zurückfallen – und attackiert dort, wenn sie bespielt werden.

Sturm Halbräume und Kompaktheit

Die grundlegende mannschaftstaktische Ausrichtung ist also ziemlich stabil und strategisch intelligent. Der Sechserraum wird versperrt, das Spiel wird auf die Seite geleitet, dort stellt man mit den Mannorientierungen direkt Zugriff her und verschiebt möglichst kompakt zum Ball. Der gegnerische Torwart wird gar nicht gepresst, teilweise laufen sie die Innenverteidiger aggressiver an oder bauen bei einem abkippenden Gegenspieler eine Manndeckung aus dem Mittelfeld ein, alles in allem ist dieses 4-4-2/4-4-1-1 ihre Standardausrichtung. Sie sichern ihre eigene Hälfte und besonders die vertikale Kompaktheit zwischen Mittelfeld- und Angriffslinie sorgt für Probleme beim Gegner.

Probleme und Schwachstellen

Die Schwachstellen Sturms sind in der Umsetzung, in der Harmonie der gruppentaktischen Bewegungen und den Mechanismen selbst zu suchen. Die Innenverteidiger rücken beispielsweise gerne bei Zentrumsangriffen des Gegners, besonders bei langen Bällen, in den Zwischenlinienraum nach vorne, was Löcher öffnet. Sturm versucht diese zwar zu versperren – die verbleibenden drei Spieler ziehen sich zusammen und machen das Loch kleiner –, aber das funktioniert nicht immer dynamisch genug.

Eine Beispielgrafik mit positivem Verlauf sieht man hier, wo der Außenverteidiger gut unter Druck setzt und Sturm horizontal relativ kompakt steht:

RBS breitenlos, Sturm herausrückend und flexibel dabei

Besonders schwach ist aber die Bewegung der Viererkette, wenn man es schafft, dass man das Mittelfeld überbrückt. Kommt man mit einem flachen Pass in den Raum zwischen Viererkette und Mittelfeldreihe, dann bekommt Sturm große Probleme, weil sie diese Räume häufig zu weit öffnen. Die Abstände zwischen Abwehr- und Mittelfeld sind nämlich nicht die kleinsten, sondern die größten, wenn man konstruktiv nach vorne spielt. Die Abwehrkette schiebt nicht nach vorne nach, wenn das Mittelfeld presst, wozu sich auch die Sechser verleiten lassen.

Das Mittelfeld wiederum achtet nicht besonders auf die Abwehr, die sich gerne leicht zurückfallen lässt, wodurch der Vertikalabstand zwischen den beiden Linien während der gegnerischen Ballzirkulation größer wird. Besonders die Besetzung des Sechserraums zwischen den defensiven Mittelfeldspielern und den Innenverteidigern ist sehr inkonstant, die Räume werden geöffnet und sind teilweise so weit offen, dass die Innenverteidiger nicht mehr herausrücken und ausreichend den Raum zu den Sechsern absichern können.

Sturms Probleme im Verschieben

Die Breitenstaffelung ist ebenfalls interessant, wenn auch gegnerbedingt. Meistens spielen sie mit einem etwas breiteren Mittelfeld (breitere Positionierung der Flügelstürmer gegen den Ball, um Zugriff im Sinne der Mannorientierungen auf die gegnerischen Außenverteidiger aufrechtzuerhalten) und einer etwas engeren Abwehr (stärkere positionsorientiertere Spielweise, eher mannorientierte Raumdeckung als direkte Mannorientierung auf ihrer Position sowie natürlich das meist praktizierte Einrücken der Flügelstürmer und die Außenverteidiger als Breitengeber).

In dieser Grafik sehen wir, wie das aussehen kann:

Hohe AV drücken nach hinten

Potenziell wäre es interessant, wenn man Positionswechsel entlang der Vertikale auf dem Flügel praktiziert (Überladen der Mannorientierung der Grazer Flügelstürmer sowie mögliches Herausziehen der Außenverteidiger aus der Kette) und die Seite überlädt oder wenn man mit einem 3-4-3 oder 3-5-2 in eigenem Ballbesitz spielt, damit die Spielweise der Flügelstürmer nach hinten gedrückt wird. Das sehr offensive Spiel der Salzburger Außenverteidiger beim Sieg gegen Red Bull Salzburg forderte häufig kurzzeitige 5er- oder gar 6er-Abwehrreihen bei Sturm, wodurch sie die Mitte aufgaben und weniger stabil waren; zwar gewannen sie die Partie (durch ihre Konter und Effizienz), nahmen aber auch zwei Gegentore und zahlreiche Torschüsse hin.

Rene Maric

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