Im Spiel der 31. Runde der österreichischen Bundesliga musste die Wiener Austria eine schwere Auswärtsreise zum starken Aufsteiger LASK antreten und sich dieser schwierigen... Analyse: Das Duell der RB-Musterschüler geht an den LASK

Im Spiel der 31. Runde der österreichischen Bundesliga musste die Wiener Austria eine schwere Auswärtsreise zum starken Aufsteiger LASK antreten und sich dieser schwierigen Aufgabe stellen. Der LASK befindet sich nämlich quasi bereits die gesamte Frühjahrssaison in einer Hochform und konnte zuletzt vier Siege am Stück verzeichnen, womit man naturgemäß mit einer breiten Brust in das Spiel ging. Völlig anders stellte sich die Lage bei den Violetten dar, nachdem man im Wiener Derby mit 0:4 unterging und einen heftigen Dämpfer im Kampf um den Europacup hinnehmen musste. Daher war man nun gegen den LASK gefordert „Big-Points“ einzufahren und dies wurde auch von Austria-Trainer Letsch ausgerufen. Gleichzeitig trafen auch zwei ehemalige Co-Trainer von Roger Schmidt aufeinander, die sich aus ihrer gemeinsamen Zeit bei Salzburg bestens kannten und die große Frage war daher, wer die „gemeinsame“ Spielidee mit seiner Mannschaft besser rüberbringen würde.

Letsch überrascht mal wieder mit seiner Aufstellung

Nachdem sich unter der Woche die angeschlagenen Prokop, Friesenbichler und Stangl wieder fit meldeten und auch die beiden Führungsspieler Holzhauser und Serbest nach ihren abgesessenen Sperren wieder zur Verfügung standen, gab es für Austria-Trainer Thomas Letsch mehrere Optionen und er hatte bei der Aufstellung quasi die Qual der Wahl. Dies machte sich der Deutsche auch zunutze und überraschte mit seiner Formation nicht nur die Anhänger der Austria, sondern auch sein Gegenüber. Serbest, Stangl, Holzhauser, Grünwald und Friesenbichler rutschten in die Startelf, während u.a. Pires, Venuto, Prokop und Monschein nur auf der Bank Platz nehmen mussten. Damit gingen die Veilchen also ohne einen einzigen (!) nominellen Flügelspieler in das Spiel gegen den starken Aufsteiger und es stellte sich so die Frage, welche Formation dies letztlich werden sollte? Ein ähnliches System wie es der LASK praktiziert mit der pendelnden Fünferkette schien zunächst die wahrscheinlichste Variante, doch es kam letztlich anders. Letsch entschied sich zu einem 4-1-4-1/4-3-3, welches leicht asymmetrisch daherkam. Serbest gab den alleinigen Sechser, Demaku und Grünwald kamen auf den Halbpositionen zum Einsatz und Holzhauser und Stangl wurden auf die Außenbahn gestellt, wobei letzterer etwas höher und teilweise neben Friesenbichler stand und scheinbar konstant Breite geben sollte.

Der Plan dahinter? Vermutlich wollte der Austria-Trainer einerseits auf die körperliche Stärke der Linzer entsprechend reagieren und bei dem Kampf um den ersten und zweiten Ball genügend Physis auf dem Platz haben, um dagegen anzukommen und andererseits ein passstarkes zentrales Mittelfeld aufbieten, da diese Position bei den Oberösterreichern nur mit Michorl und Holland nominell besetzt ist. Des Weiteren versuchte man scheinbar nicht mehr so zentrumsfokussiert zu agieren und mit einer hohen Direktheit, wie es noch die Spiele zuvor meist der Fall war. Augenscheinlich agierten die beiden Flügel wesentlich breiter und vor allem Stangl gab konstant Breite und sollte die Abwehrspieler nach hinten drücken und nicht aufrücken lassen.

Auf rechts gab es dafür immer wieder vertikale Läufe aus dem Zentrum heraus von Demaku zu sehen in Richtung der Schnittstelle zwischen Innen- und Außenverteidiger, um das gleiche auch auf der rechten Außenbahn zu bewerkstelligen und gleichzeitig Platz für Holzhauser zu schaffen.  Allerdings wirkte das Ganze nicht wirklich abgestimmt und passend eingebunden. Einerseits konnten weder Stangl, noch Holzhauser die daraus entstandenen Eins-gegen-Eins-Situationen für sich entscheiden, da keiner der beiden ein „klassischer“ Flügelspieler ist und Dribblings erfolgsstabil lösen kann. Andererseits agierten auch die beiden Achter  nicht immer entsprechend auf die Bewegungen ihrer offensiveren Mitspieler, wobei zumindest Kapitän Grünwald immer wieder ein kluges Positionsspiel zeigte und sich gut bewegte, dadurch das Loch im Halbraum zwischen Flügelspieler und Stürmer zumindest etwas verkleinerte und da Probleme für den Gegner verursachte.

Diese mangelhafte Staffelung und schlechte Balance bekam man unter Letsch bereits öfter zu sehen und auch in diesem Spiel war dies der Fall. Entweder stand man zu hoch, oder zu tief und legte dadurch ein unsauberes Positionsspiel an den Tag. Diese Problematik kann man auch bei der nächsten Szene gut sehen:

Gleich sechs (!) Spieler der Austria auf einer Linie und dadurch eine unzureichende Staffelung bzw. keine Anspielstation für Borkovic

Holzhauser (links unten) lässt sich klug fallen und schickt Klein nach vorne, da dieser Raum für das Linzer 5-2-3 schwer zu attackieren/kontrollieren war. Allerdings wird auf diese Bewegung nicht passend reagiert. Sieben (!) Spieler stehen quasi hinter dem Ball, weshalb der ebenfalls kluge Tiefenlauf von Demaku (Pfeil) ebenfalls verpufft und der dadurch geöffnete Raum im Kreis ungenutzt bleibt, da ihn keiner besetzt. Der Angriff muss deshalb abgebrochen und der Ball zurückgespielt werden.

Noch problematischer wird das ganze allerdings, wenn man sich diese im Ansatz strategisch aussichtsreiche Situation überhaupt nicht zunutze macht. So war dieses Zurückfallen von Holzhauser einzig dessen Spielintelligenz zu verdanken, denn solche Szenen hatten über die gesamte Spielzeit Seltenheitswert und wurden kaum genutzt. Im Gegenteil, von Holzhausers „freier“ Rolle war nur wenig zu sehen, hielt er sich doch meist auf dem rechten Flügel auf und stand da oft auf der Seitenlinie, was man auch anhand seiner Heatmap sehen kann:

Ob das für den besten Torschützen der Veilchen von Haus aus die richtige Rolle ist und ob der Blondschopf da wirklich am besten zur Geltung kommt, darüber lässt sich natürlich streiten. Noch schwieriger wird das ganze jedoch, wenn auf der Gegenseite mit Oliver Glasner ein Trainer das Zepter schwingt, der auf diese Aufgabenstellung die passende Antwort parat hat.

Der LASK agiert bekanntlich aus einer 5-2-3 Grundformation heraus, die im Ballbesitz zum 3-4-3 wird. Der strategische Fokus wird dabei ganz klar auf das Spiel gegen den Ball gelegt und bildet die Basis der Linzer. Ein gepflegtes Aufbauspiel oder lange Ballbesitzzeiten sieht man bei den Oberösterreichern kaum, das Ziel lautet den Ball schnell zu erobern und im Umschaltmoment den Gegner mit den drei schnellen Spitzen zu überrumpeln. Ähnlich agierte man auch gegen die Austria, mit Fokus auf das Spiel gegen den Ball und einem zurechtgelegten Plan. So pressten die Linzer das Aufbauspiel der Wiener nicht bedingungslos, sondern ließen die Verteidiger der Austria zunächst den Ball in den eigenen Reihen zirkulieren. Jedoch lauerte man auf einen ganz bestimmten Pass des Gegners, um dann das Kommando für das eigene Pressing zu geben. Dieser Pressingauslöser war oft das Zuspiel auf Madl, der immer wieder angelaufen wurde, wie wir bei der nächsten Szene gut sehen können:

Pentz spielt Madl an, Victor attackiert im Vollsprint Madl und der LASK startet dadurch ins Angriffspressing mit klaren Mannorientierungen – Tetteh stellt Pentz zu, Victor Madl, Wiesinger Klein, Michorl Demaku usw. Dadurch bleibt der Austria quasi nichts anderes mehr übrig, als den unkontrollierten langen Ball nach vorne zu spielen

Dass dieser Plan auch aufging, kann man an der entsprechenden Anzahl der Ballkontakte sehen – Salamon hatte mit 76 die meisten, Klein mit knapp über 50 auf deutlich weniger. Doch dieser taktische Kniff hatte noch einen wichtigeren Effekt, das Spiel wurde nämlich vom wichtigsten Spieler der Austria vermehrt ferngehalten. Holzhauser kam dadurch auch auf wesentlich weniger Ballkontakte als gewohnt (nur 50) und fand nur unzureichend ins Spiel. Das verstärkte das Problem seiner Positionierung also nur noch, da er für den Gegner am Flügel einfacher zu pressen und vom Spiel abzuschneiden war, als es im Zentrum der Fall gewesen wäre. Der LASK attackierte jedoch nicht ständig weit vorne, sondern wechselte immer wieder zwischen tieferem und höherem Pressing, um die Austria auch zu Ballbesitzzeiten „einzuladen“ und auf einen Ballgewinn zu lauern. Da vertraute man mehr oder weniger auf die eigene Kompaktheit gegen den Ball und überließ dem Gegner das Spiel. Dadurch kam die Austria auch auf eine wesentlich höhere Ballbesitzzeit, jedoch meist in ungefährlichen Räumen für die Linzer. Die Gastgeber versperrten bewusst das Zentrum und leiteten die Violetten auf den Flügel, um dort den Gegner dann durch starkes Verschieben mit drei bis vier Akteuren zu attackieren und zuzustellen. Dies kann man auch beim nächsten Bild gut erkennen:

Madl spielt einen schönen Vertikalpass auf Demaku, der sich nach außen dreht, jedoch prompt von mehreren Linzern umstellt wird und damit zum Ballverlust gezwungen wird, da es aus dem Netz kein Entrinnen gibt.

Durch das limitierte Ballbesitzspiel der beiden Mannschaften war es überwiegend ein Fußballspiel auf eher mäßigem Niveau und höchstens etwas für „Pressing-Liebhaber“. Die Austria versuchte, aber konnte nicht und der LASK wollte meist erst gar nicht. Dadurch gab es viele Fehler auf beiden Seiten zu sehen und eine unterirdische Passgenauigkeit von knapp 50 Prozent auf Seiten der Linzern und knapp 60 Prozent bei der Austria Dies hatte daher die Folge, dass eine hohe Intensität und Dynamik im Kampf um den ersten und zweiten Ball herrschte und das Spiel oft zerfahren und von vielen langen Bällen geprägt war – daher schöne Kombinationen über mehrere Stationen meist die Ausnahme waren. Nicht von ungefähr sammelte der Torhüter der Austria Patrick Pentz die zweitmeisten Ballkontakte auf dem gesamten Platz.

Eher gelang dies noch den Linzern, die mit dieser Spielart im Gegensatz zur Austria bereits vertraut sind und sich mit dieser Direktheit selten aber doch auch mal befreien können, indem sie über ihre linke Seite mit gezielten Überladungen ab und zu interessante Kombinationen starten. Ganz im Gegensatz dazu die Austria, die keinerlei Lösungen fand und mit Fortdauer der Partie immer mehr abbaute, da man im Ballbesitz durchschaubar war und im Umschaltspiel kein Tempo auf dem Platz hatte – man konnte sich daher auch bis auf ein, zwei Distanzschüsse kaum konkrete Gelegenheiten erspielen. Immerhin konnte man zumindest die Offensive der Linzer in Zaum halten und die physische Spielweise mit der eigenen kontern, ließ daher auch wenige qualitative Torchancen für den Gegner zu – abgesehen von Distanzschüssen oder Standardsituationen. Am Ende sorgte dann ein Lucky-Punch und eine tolle Einzelleistung von Goiginger doch noch für den späten Sieg der Linzer und so blieben die drei Punkte bei den Gastgebern.

Fazit

Die Austria erlitt also nach dem deftigen 0:4 gegen Rapid erneut eine bittere Niederlage und stand damit letztlich mit leeren Händen da. Dabei versuchte der Trainer der Austria zwar, einige Anpassungen vorzunehmen und das eigene Spiel zu verbessern, richtig stimmig wirkte das ganze jedoch nicht. Zwar konnte man die Spielweise des Gegners entsprechend „kontern“ und nahm die Intensität und den Kampf um den ersten und zweiten Ball gut an, jedoch konnte man im Ballbesitzspiel keinerlei Lösungen finden und blieb quasi über die gesamte Spielzeit ohne eine einzige echte Torchance. Bei der personellen Auswahl verwundert dies jedoch nicht, lief die Austria doch mit Friesenbichler, Holzhauser und Grünwald nur mit drei nominellen Offensivspielern auf, während Spieler wie Prokop, Pires oder Venuto auf der Bank schmorten, was sich auch sichtlich auf das eigene Spiel und die Kreativität auswirkte. Dieser mutlose Auftritt wurde dann auch noch mit einem späten Gegentreffer bestraft und damit auch ein Punktegewinn verhindert, womit der Europacup in weite Ferne gerückt ist, während die Linzer diesen mit dem Sieg quasi fixiert haben.

Dalibor Babic, abseits.at

Dalibor Babic