Gestern Abend schaffte Red Bull Salzburg in der Champions-League-Qualifikation den Aufstieg ins Playoff. Nach dem 1:0 im Hinspiel gewann man gegen den FK Partizani... Antizipation als Fluch und Segen: Hat Upamecano schon das Zeug zum Stammspieler?

Red Bull Salzburg - Wappen mit Farben_abseits.atGestern Abend schaffte Red Bull Salzburg in der Champions-League-Qualifikation den Aufstieg ins Playoff. Nach dem 1:0 im Hinspiel gewann man gegen den FK Partizani aus Tirana auch das Rückspiel. Es schien eine reine Formsache gewesen zu sein, auch wenn Oscar Garcia personell nicht aus dem Vollem schöpfen konnte. So fehlte unter anderem ein junger Verteidiger, der in den ersten Wochen beeindruckte.

Mit der Verpflichtung von Dayot Upamecano im letzten Sommer sorgte Red Bull auch international für ein Zeichen. Im Kampf um den potenziellen Weltklassespieler stach man nämlich namhafte Konkurrenz aus und nahm viel Geld in die Hand. Warum der 17-Jährige hoch gehandelt wird, deutete er in den ersten Pflichtspielen wieder an.

International zweite Wahl

Sieben Pflichtspiele ist die Saison 2016/2017 für Red Bull Salzburg mittlerweile schon wieder alt – ein Zeitraum, der durchaus erste Tendenzen erkennen lässt. So hat Upamecano trotz der höheren Konkurrenz – Abwehrchef Martin Hinteregger kehrte bekanntlich nach seiner Leihe zurück – schon jetzt mehr Einsatzzeit in der ersten Mannschaft als in der ganzen letzten Saison. In der Bundesliga spielte er ebenso beide Partien durch wie in der ersten Cup-Runde gegen Vorwärts Steyr. Im Europacup stehen allerdings erst drei Einsatzminuten.

Gestern konnte dieses Konto nicht aufgestockt werden, da Upamecano mit Knieproblemen ausfiel. Auch im weiteren Verlauf der Saison wird es, so personell nichts dazwischenkommt, wohl nur langsam wachsen. Das dürfte vor allem mit dem Spielstil des jungen Franzosen zusammenhängen, der um einiges riskanter agiert als Paulo Miranda und Duje Caleta-Car. Hat man weniger Spiele, können einzelne Tore schwerer wiegen als in einem Bewerb, der 36 Runden hat. Dass er international zumindest heuer zweite Wahl ist, ist durchaus nachvollziehbar.

Hochantizipativ

Das Spiel von Upamecano zeichnet sich vor allem durch eine enorm hohe Antizipation aus – eine Charakterisik, die im modernen Fußball immer wichtiger wird. Spitzenspieler bestechen vor allem dadurch, dass sie ihre Entscheidungen situativ und im mannschaftlichen Kontext treffen, diese dann ebenso schnell ausführen. Der Gegner soll in dem für ihn ungünstigsten Zeitpunkt ausgespielt oder vom Ball getrennt werden. Bei der Entstehung des 1:0 am Wochenende gegen den WAC konnte man die Vorteile dieser Spielweise sehr gut sehen.

Die Bewegungen der WAC-Spieler waren an und für sich gut, denn der Stürmer zog Upamecano aus seiner Position heraus und öffnete damit den Rücken der Abwehr. Aus dem Mittelfeld lief ein Mitspieler in ebendiesen Raum und wollte vom Ballführenden mit einem Lupfer eingesetzt werden. Upamecano antizipierte dieses Zuspiel jedoch und fing den Ball ab. Dadurch hatte er sofort Kontrolle über ihn und konnte den großen Raum im zweiten Drittel vor ihm anlaufen. Er spielte einen präzisen langen Ball auf den linken Flügelspieler, der dann einen Elfmeter rausholte.

Dass Upamecano eher antizipativ als reaktiv spielt erkennt man auch anhand seiner Balleroberungsdaten. In den ersten beiden Bundesligaspielen betrug seine Abfangrate (der Anteil an abgefangenen Bällen an den Balleroberungen) 62,5% und in der letzten Saison 60,5%. Das unterscheidet ihn zum Beispiel auch von Konrad Laimer, dem zweiten Teenager der bei Garcia hoch im Kurs steht.

Unbekümmert

Gerade wenn man so jung wie Upamecano ist bedarf es vor allem viel Mut und Selbstbewusstsein um diese Spielweise dauerhaft durchzubringen – zwei Dinge, die beim französischen Nachwuchsteamspieler recht stark ausgeprägt sein dürften. So hat der Youngster nach den ersten beiden Spielen die meisten erfolgreichen Dribblings aller Bundesligaspieler. Der Betrachtungszeitraum ist zwar sehr klein und es ist unwahrscheinlich, dass Upamecano diesen Schnitt halten wird, allerdings zeigt dieser Fakt seine Unbekümmertheit.

Ein Beispiel dafür ist sein Assist bei der 1:3-Auftaktniederlage gegen den SK Sturm, der zudem die für seine körperlichen Verhältnisse starke Koordination unterstreicht. Upamecano nahm sich den Ball mit dem linken Fuß an, um sofort sein Sichtfeld nach vorne zu drehen. Den im hohen Tempo anlaufenden Gegenspieler ließ dann mit einem Haken mit dem rechten Außenrist stehen um dann wieder mit links in den Lauf seines Mitspielers zu passen.

Keine Leichtsinnsfehler

Die Vorteile der Spielweise Upamecanos sind unverkennbar. Antizipiert man richtig, so erwischt man den Gegner mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem für ihn äußerst ungünstigen Zeitpunkt. Individuell ist er aus der Balance, taktisch ungeordnet. Oft verhindert man dadurch nicht nur eine potenziell sehr gefährliche Situation, sondern kann umgehend zum Gegenschlag ausholen. Gerade das jüngste 1:1 gegen den WAC zeigte aber auch die Nachteile dieser Herangehensweise.

Beim Ausgleich spielte Upamecano nämlich ebenfalls eine entscheidende Rolle, als er sich vor den gegnerischen Stürmer drängen und den Ball abfangen wollte, dieser sich aber durchsetze. Ähnliche Aktionen sah man von ihm bereits in der letzten Saison beim FC Liefering. Oberflächlich spricht man hier gerne von schweren individuellen Fehlern oder Unkonzentriertheit. Es gilt hier allerdings weiter zu differenzieren. Im Falle von Upamecano sind es nämlich weniger klassische Konzentrationsfehler – wie zum Beispiel ein Fehlpass im Aufbauspiel direkt in den Fuß des Gegners – sondern Fehler, die sich aus seinem Spielstil heraus ergeben.

Ein prominenteres Beispiel ist Mats Hummels, dessen forsches Attackieren gegen das italienische Schlitzohr Antonio Cassano Deutschland 2012 wohl um den EM-Finaleinzug brachte. In derartigen Situationen zeigt sich, dass es vor allem die richtige Balance braucht um sie erfolgsstabil zu lösen. Diese Balance lässt sich aber praktisch nur durch regelmäßige Einsatzzeit und Vertrauen finden. Ob Upamecano dies bei den Bullen heuer gewährt wird, wird sich zeigen.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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