In der 83. Minute war es so weit: Am 21. Juli betrat Daniel Beichler das Feld wieder im Trikot seines Heimatvereines, kurz nachdem er... Der Unglücksrabe: Daniel Beichlers Karriere auf dem Scheideweg

Uhrturm Graz (Sturm Graz)In der 83. Minute war es so weit: Am 21. Juli betrat Daniel Beichler das Feld wieder im Trikot seines Heimatvereines, kurz nachdem er seinen vorläufig letzten Rückschlag überstanden hatte. Gehirnhautentzündung lautete die Diagnose nach einem Ägypten-Urlaub. Eine riskante Diagnose für jeden Menschen, eine karrieregefährdende für einen Profisportler. Für Beichler war sie nur ein weiterer Tiefpunkt auf einem Weg, der 2010 seinen Anfang nahm.

Oma Hertha aus Berlin

Jetzt läuft der 24-jährige Steirer also wieder für Sturm Graz auf, jenen Klub den er fast auf den Tag genau vor drei Jahren verließ um im Ausland sein Glück zu suchen. Damals galt der Offensivspieler als  Riesentalent, dessen neue Wirkungsstätte Hertha BSC werden sollte. Aus dem beschaulichen Graz wechselte er hinüber in die hektische, deutsche Hauptstadt. Die Götter schienen Beichler damals wohlgesonnen:  Bei Hertha, die damals gerade in die zweite Bundesliga abgerutscht war, rüstete man sich für den Wiederaufstieg. Da kam ein hungriger Bursche, der aber schon 64 Erstligaspiele in den Beinen hatte und auch im Nationalteam zu den Hoffnungsträgern gehörte, gerade recht. Und Daniel Beichler verkündete schicksalhaft, dass mit seiner Berliner Großmutter namens Hertha seine berufliche Laufbahn quasi vorgeschrieben war.

Oma Hertha konnte dem Enkelsohn aber leider nicht helfen, als beim Vertragsabschluss die Rechnung ohne den Wirten gemacht wurde. Der Konkurrenzdruck war hoch, 5-6 Spieler ritterten mit Beichler um einen Stammplatz auf derselben Position und der „Wirt“ Trainer Markus Babbel hat sich seinen „Gast“ Daniel Beichler gar nicht ausgesucht, verantwortlich für  dessen Verpflichtung war nämlich allein Hertha-Manager Michael Preetz. Hinzu kam, dass Beichler kurz nach seiner Landung im Kiez operiert werden musste. Die Leiste machte ihm zu schaffen.

Aber auch nach seiner Genesung spielte er nicht für die A-Mannschaft. Daniel Beichlerund sein Trainer schienen sich nicht besonders zu verstehen, der Grazer warf Babbel vor, ihn trotz guter Leistung nicht einzusetzen. Im Interview mit der Berliner Zeitung machte Beichlerseinem angestauten Ärger Luft. Wie seine Berufskollegen Lothar Matthäus, Philipp Lahm musste der Mittelfeldspieler nun erfahren, dass Kritik am Trainer teuer ist. Kolportierte 5.000 € Bußgeld zahlte er in die Mannschaftskasse ein und das unterkühlte Verhältnis zum Berliner Trainer war endgültig tiefgefroren.

Rent a Beichler

Beichler versuchte dennoch sich durchzusetzen: In der Wintervorbereitung schoss er die meisten Tore für die Blau-Weißen. Trotzdem blieb Trainer Babbel hart. Im Winter 2011 wurde er leihweise nach St. Gallen verliehen. In der Raiffeisen Super League spielte Beichler von Anfang an und erzielte gleich in seinem ersten Spiel ein Tor. Doch dann lernte er wieder ein neues Krankenhaus kennen: Eine Viruserkrankung fesselte ihn von heute auf morgen ans Bett. Fieberschübe führten dazu, dass Beichler wieder nicht seinem Broterwerb nachgehen konnte. Bis heute ist nicht geklärt,  wie er sich die Krankheit zugezogen hat. Erst im Sommer 2011 ging es dem Spieler langsam besser, der halbjährige Leihvertrag war zu Ende und Hertha verlieh in weiter zum MSV Duisburg. Dort weilte er aber nur kurz und stand lediglich in einem Pflichtspiel der Zebras am Platz. Im August 2011 wurde der Leihvertrag beidseitig aufgelöst und Beichler kehrte auf österreichischen Boden, nämlich nach Ried, zurück. Damals räumte der Steirer erstmals ein, auch selbst Fehler begangen zu haben, die zu dieser erfolglosen Odyssee geführt hatten. Genauere Präzisierungen blieben aber aus. Daniel Beichler, inzwischen Vater eines Sohnes geworden, siedelte mit seiner Familie nach Oberösterreich um.

„Ich finde, Ried ist ein sehr professionell geführter Klub, der sich in den vergangenen Jahren noch einmal sehr entwickelt hat. Hinzu kommt das ruhige Umfeld, das mir nach einem sehr turbulenten vergangenen Jahr sehr gut tut.“, sagte der damals 23-Jährige über sein erneutes Leihgeschäft. Er meinte weiters, familiäre Gründe haben ihn zurück nach Österreich kommen lassen. Auch hier fehlten gründlichere Angaben.

Tatsächlich spielte Beichler wieder regelmäßig, seine Leistungen am Ende der Saison, waren wie Rieds Tabellenplatz: Durchwachsen. Fehlendes Bemühen konnte man ihm jedoch nicht absprechen.

Babbel war bei Hertha längst Geschichte und an Daniel Beichlers Können gab es sowieso nie Zweifel. Zur Saison 2012/2013 hieß Beichlers Ziel: Re-Etablierung in Berlin-Charlottenburg. Schon zuvor hatte er anklingen lassen, dass weitere Leihgeschäfte nicht nach seinem Geschmack wären. Und dieses Mal erwischte er einen guten Start: Im ersten Saisonspiel stand er in der Hertha-Startaufstellung. Doch wieder rief die Familie, Beichler beantragte Sonderurlaub und stand seiner kranken Mutter in Graz bei. Danach brach er sich das Kahnbein und fiel wieder aus. Tragik pur für einen jungen Mann, der eigentlich ausgezogen war um die Fußballwelt zu erobern.  Sein Freund und ehemaliger Sturm-Graz-Kollege Jakob Jantscher hatte ähnliche familiäre Sorgen: Sein Vater schied überraschend aus dem Leben, doch Jantscher blieb von Verletzungen verschont und kam über Red Bull Salzburg zu Dinamo Moskau. Seelische Platzwunden trugen also beide davon, doch im Gegensatz zu Beichler, blieben Jantschers Probleme „nur“ im mentalen Bereich.

Im Jänner 2013 trat Daniel Beichler seine vierte Leihstation in nicht einmal drei Jahren an: Der kleine Klub SV Sandhausen, ein Ligakonkurrent der zweitklassigen Hertha, sollte sein Arbeitgeber für die restliche Saison sein.

Im Standard-Interview im Frühling 2013 redete Beichler erstmals konkret über seine eigenen Schuldigkeiten und sein Scheitern im Ausland. Er gab an, dass seine jugendlich-erfrischende Art Fußball zu spielen in einer Knochenmühle wie dem Profisport nicht jeden Trainer erfreut hätte. Im Training habe sich der Steirer zu oft hängen lassen. Diesbezügliche Kritik fiel 2013 in Baden-Württemberg endlich auf fruchtbaren Boden: Beichler verrichtete mehr Defensivarbeit, ließ unnötige Haken sein und spielte mannschaftsdienlicher.

Sein Spielerfoto aus der damaligen Zeit, zeigt einen jungen Mann, dem die Last der Vergangenheit wahrhaftig anzusehen ist: Ein fahles Gesicht, fast ausgemergelt wirkt der Offensive im Trikot der Sandhausner. Nach dem Ablauf dieser Saison beendeten Beichler und die Hertha ihre unglückliche Ehe. Verständlicherweise wollte der junge Spieler einen längerfristigen Vertrag bei einem Verein, wo seine Spielart gebraucht und gefördert wird. Schon im Winter 2012 stand eine Rückkehr zu Sturm Graz im Raum, jetzt im Sommer klappte es mit dem Transfer. Daniel Beichler ist seit Juni 2013 wieder ein Schwarz-Weißer.

Die Zukunft wird es zeigen

Die Grazer Fans sind nicht allzu begeistert, viele denken, dass Beichler sein Potential schon verschossen hat. Wenn er helfen kann, dann braucht er Zeit wieder in die Spur zu finden, sagen sie. Zeit die Sturm vielleicht nicht hat: Der Saisonauftakt gegen Wacker Innsbruck wurde verpatzt, in der zweiten Europacuprunde hieß die Grazer Endstation Breidablik, der isländische Vizemeister.

Beichler selbst hat immer eingestanden neben seiner vielen Blessuren auch falsche Entscheidungen getroffen zu haben. Ein Mix aus Schicksalsschlägen, Verletzungen und falschen Entscheidungen machten Beichlers Reise zu einem Horrortrip. Bemängelt hat der Spieler, dass die Menschlichkeit im Profifußball nicht mehr existiert. Beispielsweise nahm ihm Manager Preetz den Besuch bei seiner kranken Mutter übel.

Das Online-Forum des Standard bestätigt dies. Hämisch machen sich viele User über den Steirer lustig: „Sein Gehalt kann ihn doch über so etwas hinwegtrösten“ oder „Menschlichkeit existiert in keinem Beruf“. Anhören muss sich Beichler auch, dass er sowieso vollkommen überschätzt sei und an seinem Unglück selbst Schuld trage und dass, es vermessen sei, wenn er einen mehrjährigen Vertrag bei einem Verein möchte, der ihn wirklich will.

Wenn man diese Kommentare liest, muss man Beichlers Annahme erweitern: Menschlichkeit existiert nicht nur im Profifußball nicht mehr.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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