Die Verletzungsmisere der Rapid-Angreifer lässt keinen Erfindergeist mehr zu. Auch das Festhalten am Österreicher-Topf macht die Hütteldorfer nicht flexibler – deshalb wird ein Heimkehrer... Gereifter Alar wieder in Hütteldorf: Eine Rückkehr mit Vor- und Nachteilen

Die Verletzungsmisere der Rapid-Angreifer lässt keinen Erfindergeist mehr zu. Auch das Festhalten am Österreicher-Topf macht die Hütteldorfer nicht flexibler – deshalb wird ein Heimkehrer künftig das grün-weiße Trikot überstreifen. Rapid holt Deni Alar nach zwei Jahren retour. Der Angreifer unterschrieb einen Vertrag bis 2022!

Giorgi Kvilitaia fällt mit einem Knöchelbruch aus, Neuzugang Andrija Pavlovic fehlt mit einem Muskelriss im Hüftbereich ähnlich lange. Andrei Ivan auf der Neun zu bringen wäre bereits eine Zweckentfremdung, aber der Rumäne ist auch noch nicht fit genug, um sofort zu funktionieren. Mit Philipp Schobesberger ist eine weitere Stürmeroption dauerverletzt und wohl kein Thema für den bevorstehenden Herbst. Gerade für die wichtige Europa-League-Qualifikation musste aber einer her, der gleich trifft.

Die guten Kicker mit Handicaps

Fredy Bickel analysierte die Situation um Rapid-Neuverpflichtungen im Allgemeinen dennoch richtig. Wen man hochveranlagte Spieler bekommen will, muss man auch mit gewissen Handicaps zurechtkommen. Dabei kann es sich um mangelnde Fitness, aber auch einen schwierigen Charakter handeln. Ersteres nimmt man bei Rapid lieber in Kauf, was die Hütteldorfer von der „großen Fußballwelt“ unterscheidet.

Schwere Verletzungen verhinderten Rapid-Verlängerung

Als Deni Alar im Sommer 2016 ablösefrei nach Graz übersiedelte, war er in Hütteldorf seit drei Jahren kein Stammspieler mehr. Die Basis allen Übels waren zwei schwere Verletzungen: 2013 riss bei Alar die Achillessehne und er fiel für acht Monate aus. Im folgenden Halbjahr war Alar die Angst vor neuen Verletzungen deutlich anzusehen und er ging nicht immer mit 100% in die Zweikämpfe. Ein halbes Jahr später die nächste Diagnose: Mittelfußbruch. Der frühe Anfang vom späteren Ende der (ersten) Rapid-Karriere.

Einige „Rapid-Momente“

Dabei begann alles gut: Im Sommer 2011 wechselte Alar für die damals beeindruckende Ablösesumme von 800.000 Euro von Kapfenberg zu Rapid und war sofort Top-Stürmer in Grün-Weiß. In seinen ersten beiden Saisonen – vor der ersten schweren Verletzung – erzielte Alar 31 Tore und 14 Assists für die Hütteldorfer. Auch einige denkwürdige Treffer waren dabei, so etwa je ein Tor heim und auswärts bei den hitzigen Duellen mit PAOK Saloniki und Vojvodina Novi Sad oder ein Hattrick gegen Ried. In den drei Jahren danach traf Alar insgesamt nur noch 12-mal, bereitete nur vier Tore vor. Die Verletzungen hatten ihre Spuren hinterlassen – und am Ende stand der heute 28-Jährige heftig in der Kritik.

Zweiter Frühling in Graz

Nachdem Alars Vertrag nicht verlängert wurde, folgte der „logische Wechsel“ zum SK Sturm, wo er einschlug wie eine Bombe. In seinen zwei Jahren in Graz traf Alar in allen Bewerben 41-mal und damit nur zweimal weniger als in fünf Jahren bei Rapid. Er avancierte zum (Zweit-)Kapitän, zur Führungspersönlichkeit und schließlich unter Franco Foda auch zum Teamspieler. Auch gegen Rapid trug sich Alar zweimal in die Torschützenliste ein. Sturm und Alar – das passte einfach. Aber wieso nun der neuerliche Wechsel zu Rapid?

Eine „einfache Lösung“, die gar nicht so einfach ist

Es liest sich ja fast unspektakulär: Bei Rapid sind sämtliche Stürmer verletzt, also holt man Deni Alar via Kaufoption zurück nach Hütteldorf. Eine einfache, bereits früher erprobte Lösung. Aber ganz so einfach ist die Sache nicht, auch weil Deni Alar in Graz zu einem Führungsspieler reifte, der er bei Rapid nie wirklich war. In seinen letzten Jahren in Hütteldorf haderte Alar mit sich selbst, fand seine Leichtigkeit im Spiel nicht wieder. Nun ist er nicht nur seit einem Jahr verletzungsfrei, sondern hat auch noch viele neue Tore auf seine Visitenkarte geschrieben – und somit bestimmt Ansprüche.

Alar als Neuner – aber was passiert „danach“?

Kurzfristig ist natürlich alles klar: Rapid geht mit Alar als Einserstürmer in die neue Saison. Der Heimkehrer wird dabei voraussichtlich von Berisha links und Murg oder Ivan rechts flankiert und hat wiederum Murg oder Knasmüllner als Zehner hinter sich. Da Alar damit weitgehend von guten Arbeitern umgeben ist und die Position der Solospitze einnimmt, ist diese Lösung so weit in Ordnung. Aber was passiert, wenn wieder alle Spieler fit sind?

Die Notwendigkeit eines Zuarbeiters

Ein Spieler des Kalibers Alar wechselt sicher nicht als Notnagel zurück nach Hütteldorf, wo er immerhin auch schon so seine Problemchen hatte, unter anderem weil er falsch eingesetzt wurde. Mit Kvilitaia, Pavlovic und Alar hätte Rapid deutlich zu viele hochkarätige und auch gut bezahlte Angreifer für ein 4-2-3-1-System. Alar selbst funktionierte im Rapid-Sturm immer dann gut, wenn er einen Zuarbeiter hatte, der die weiten Wege ging und die „Drecksarbeit“ verrichtete. Teilweise war das Burgstaller, manchmal auch Boyd, der durch seine Physis Gegner binden konnte. Auch der hart arbeitende Steffen Hofmann trug einiges zum anfänglichen Erfolg Alars bei Rapid bei.

Doppelspitze mit Pavlovic oder Kvilitaia würde Probleme bringen

Das Problem an der momentanen Personalsituation – Verletzungen ausgenommen – ist aber, dass auch Pavlovic und Kvilitaia Spieler sind, die Raumöffner um sich brauchen. Ein 4-4-2-System mit Alar als Angreifer, würde ihn sozusagen wieder zum Zehner, weniger zu einer echten Halbspitze machen. Die Staffelung zweier Stürmer – wenn Alar einer von ihnen ist – wird sicher nicht so aussehen, dass der Rückkehrer und der zweite Angreifer rochieren. Alar wäre der klare Zehner – und diese Rolle passte ihm in Grün-Weiß schon früher nicht. Diese Lösung würde zwar als 4-4-2 verkauft werden, wäre aber de facto ein 4-2-3-1 mit einem nicht ideal eingesetzten Alar.

Aus der Not heraus: Zu viele ähnliche Angreifer

Der einzige Akteur, der in einem Zweistürmersystem als Zuarbeiter für die drei Top-Stürmer Rapids geeignet wäre, ist Veton Berisha. Er kann die Wege gehen, die die anderen meiden, um am Ende in der unmittelbaren Gefahrenzone lauern zu können. Schobesbergers Verletzung macht aber auch das unrealistisch. Berisha sollte auf der linken Außenbahn gesetzt sein, sofern Bolingoli nicht weiter nach vorne gezogen wird. Auch das ist nicht wahrscheinlich, zumal der Belgier als Linksverteidiger gut funktionierte. Alar und einer der anderen beiden klassischen Mittelstürmer gemeinsam wird aufgrund der zu ähnlichen Strafraumdenke kaum funktionieren.

Idealsituation im Sturm-Angriff

Dies war auch schon bei Sturm zu beobachten. Alar spielte zumeist den Knipser, der nur wenige Chancen für einen Treffer brauchte und enorm von seinen hart arbeitenden Nebenleuten profitierte. Einerseits von Röcher, der durch seine unkonventionelle Spielweise immer wieder Löcher ins gegnerische Gefüge reißen konnte, aber auch durch Edomwonyi, der die Tiefe und freie Räume suchte, wodurch Alar entlastet wurde.

Dünne Luft

Alar funktionierte in Fodas 4-4-2 und der Vogel’schen Folgeerscheinung so gut, weil die Angriffsstaffelung ideal war. So bekam er ausreichend Entlastung und musste auch in weniger Schnittzweikämpfe gehen, die er ohnehin nie wirklich liebte. Im System Djuricin ist er (bei diesem Kader) aber nur als Solospitze in einem 4-2-3-1/4-3-3-System denkbar. Nicht am Flügel, nicht als Zehner, nicht neben Kvilitaia oder Pavlovic. Sobald die beiden Legionäre also wieder fit sind, ist entweder für Alar kein Platz mehr im Team oder für einen der anderen beiden.

Darf Kvilitaia doch noch gehen?

Relativ klar sollte somit sein, dass durch Alars Verpflichtung ein Kvilitaia-Abgang vor Ende der Transferzeit nicht mehr ausgeschlossen werden kann. Der Georgier liebäugelte ohnehin schon mit einem Wechsel nach Osteuropa, ist dort sehr gefragt. Seine Verletzung, sowie die Tatsache, dass Rapid bei einer Freigabe zugibt, eher mit Pavlovic und Alar zu planen als mit Kvilitaia, wird den 24-Jährigen aber nicht gerade teurer machen.

Mental gereift – aber weiterhin keine Kampfmaschine

Und wie immer muss am Ende auch das Thema Mentalität in den Fokus gerückt werden. Alar ist in Graz sicher gereift, aber Mentalitätsmonster ist er dennoch keines. Wie viele seiner Vorgänger ist er ein technisch beschlagener, aber eher leichtfüßiger Spieler, der nicht im Jelavic- oder Maierhofer-Stil in den Strafraum stößt. Trotz eines verletzungsfreien Jahres ist auch die Frage nach möglichen neuen Verletzungen ein Fragezeichen, das es im Auge zu behalten gilt.

Schatten aus der Vergangenheit

Das Fazit des Transfers: Wäre Alar zuvor nie bei Rapid gewesen und nach 36 Bundesligatoren in zwei Jahren von Sturm zu Rapid gewechselt, hätten alle Beobachter mit der Zunge geschnalzt. So bleiben aber viele offene Fragen, die auch schon vor drei, vier Jahren auf dem Tisch lagen und die Alar schlussendlich nur selbst mit Leistungen beantworten kann. Klar ist aber auch, dass Rapid mit der Alar-Verpflichtung die deutlich beste österreichische Lösung fand. Nicht umsonst stand der „gereifte Alar“ zuletzt auch auf dem Zettel von Klubs wie Brügge oder Sporting Lissabon bzw. im Frühjahr auch Nürnberg, Köln, Palermo und Sporting Braga.

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen