Der SK Rapid verstärkt seine Offensive mit dem rumänischen Supertalent Andrei Virgil Ivan, dessen Karriere im letzten Jahr ein wenig ins Stocken geriet. Wir... Hütteldorf statt Barcelona: Rapid holt „Trickster“ Andrei Ivan

Der SK Rapid verstärkt seine Offensive mit dem rumänischen Supertalent Andrei Virgil Ivan, dessen Karriere im letzten Jahr ein wenig ins Stocken geriet. Wir beleuchten die Gründe und erklären, was dieser Transfer für Rapid bedeutet.

Fredy Bickel fixiert einen Transfer, der in dieser Form bis vor kurzem nicht möglich gewesen wäre. Der 21-jährige sechsfache Teamspieler wechselte vor einem Jahr von Universitatea Craiova nach Russland zum FK Krasnodar. Die Ablöse für den damals 20-Jährigen betrug drei Millionen und liegt damit deutlich über dem, was Rapid für einen Perspektivspieler bezahlen kann. Nun organisierte Rapid sich eine Leihe mit Kaufoption. Andrei Ivan ist der allererste rumänische Spieler im Rapid-Dress.

Sehr faire Kaufoption

Diesmal sollte es auch eine leistbare sein, anders als bei Joelinton, dessen Option von Andreas Müller unzureichend bzw. mit zu wenig Weitblick ausgehandelt wurde. Obwohl Ivan bei Krasnodar noch einen Vertrag bis 2022 besitzt, planen die aufstrebenden Russen nicht mit dem Rumänen, der somit wechseln darf, wenn er in seiner Leihsaison in Hütteldorf entspricht. Rumänische Medien berichteten bereits vor wenigen Wochen, dass Ivan in seine Heimat zurückkehren könnte und sprachen dabei von einer Ablöseforderung von etwa 1,5 Millionen Euro – also nur die Hälfte dessen, was Krasnodar vor einem Jahr für ihn bezahlte. Ivan präferierte das Ausland, wie er es schon früher tat – später mehr dazu.

Schneller Aufstieg als Teenager

Die noch junge Karriere von Andrei Ivan war bereits ziemlich ereignisreich. Bereits in jüngsten Jahren galt der Offensivmann als Ausnahmetalent. Er durchlief sämtliche Nachwuchsnationalteams der Rumänen, debütierte zwei Monate nach seinem 17.Geburtstag in der zweiten Liga für Uni Craiova, wo er insgesamt vier Jahre im Profikader stand. Craiova stieg in die höchste Spielklasse auf und Ivan war bereits mit 18 unumstrittener Stammspieler.

Teamdebüt und das erste Bukarest-Angebot

Kurze Zeit nachdem Ivan zum Stammspieler aufstieg und seine ersten Tore und Assists beisteuerte, debütierte er auch in der kriselnden rumänischen Nationalelf. Beim 2:2 im Freundschaftsspiel gegen Italien im November 2015 wurde er – weiterhin 18-jährig – eingewechselt. Nicht nur diese Einberufung, auch seine Zugehörigkeit zum erweiterten EM-Kader, rief einige größere Klubs auf den Plan. Steaua Bukarest, nach einer Namensänderung mittlerweile FCSB Bukarest, bot über zwei Millionen Euro für den Youngster – Ivan, der aus der Kleinstadt Moreni, 100 Kilometer vor Bukarest stammt, winkte ab.

Dem FC Barcelona abgesagt…

Ein halbes Jahr später kam schließlich der wesentlich größere Anruf. Wenige Tage vor seinem 19.Geburtstag erkundigte sich der FC Barcelona nach Ivan. Eine Leihe für ein halbes Jahr und ein Vier-Millionen-Transfer ab Sommer standen im Raum. Ivan wurde in dieser Zeit als „einziger Rumäne, der Barcelona ablehnte“ bekannt, denn die Begleitumstände waren nicht unbedingt vielversprechend. Er wäre nach nur einem halben Jahr als klarer Stammspieler in Craiova vorerst für Barcas zweite Mannschaft eingeplant gewesen, hätte „einige Minuten“ in La Liga zugesichert bekommen, aber ansonsten keine allzu großen Sicherheiten. Die Gefahr in den Niederungen des spanischen Fußballs kleben zu bleiben war zu hoch.

Weitere Angebote aus Deutschland und Italien

Später erklärte Ivan, dass Barcelona ihn schon länger verfolgte, ehe das erste konkrete Angebot kam. Es sollte nicht das letzte bleiben und noch im selben Frühjahr klopften der VfB Stuttgart, der FC Turin, Napoli und Sampdoria an – zudem legte der FCSB Bukarest ein neues, verbessertes Angebot. Ivan entschied sich vorerst für den Stammplatz und spielte weiter für Craiova. Unterm Strich standen am Ende seiner Zeit in Rumänien 19 Tore und 13 Assists in 101 Pflichtspielen – davon die meisten als Rechtsaußen oder Mittelstürmer, zeitweise auch als Linksaußen.

Die freie Auswahl in Russland

Im vergangenen Sommer traten schließlich die russischen Klubs auf den Plan. Der spätere Meister Lokomotiv Moskau und der erste Verfolger ZSKA Moskau waren an einer Verpflichtung interessiert, Ivan entschied sich aber gegen die Hauptstadt und für das südrussische Krasnodar. Ebenfalls eine Großstadt, aber in einem druckfreieren Umfeld und mit besseren Chancen auf Einsätze. Nachdem Ivan um drei Millionen Euro zum FK Krasnodar wechselte und dort einen Fünfjahresvertrag unterschrieb, erklärte er, mit dem Underdog um den Meistertitel mitspielen zu wollen. Krasnodar tat dies tatsächlich, wurde am Ende Vierter mit sechs Punkten Rückstand auf Leader Lok, aber Ivan spielte dabei kaum eine Rolle.

Flop-Jahr in Krasnodar

Das professionelle Umfeld, die Ambitionen des Klubs und natürlich die Chancen auf einen Stammplatz ließen Ivan in Krasnodar unterschreiben. Am Ende kam aber alles anders: In neun Pflichtspielen stand Ivan insgesamt nur 82 Minuten auf dem Feld, wobei ihm in der Europa League Qualifikation ein Assist gelang. An den Flügeln gab es am schwedischen Teamspieler Viktor Claesson, derzeit bei der WM im Einsatz, kein Vorbeikommen – sowohl links als auch rechts. Zudem verstellten der Ex-Salzburger Wanderson, der routinierte Russe Pavel Mamaev und der Kolumbianer Ricardo Laborde die Plätze an den Flügeln. Früher in der Saison gab es mit Vyacheslav Podberezkin noch einen weiteren Konkurrenten, der aber im Winter nach Kazan verliehen wurde, weil er selbst auf zu wenige Einsätze kam. In der Sturmspitze gab es erst recht keine Chance: Russlands derzeit bester Angreifer Fedor Smolov hat eine Stammplatzgarantie und hinter ihm lauert mit dem 19-jährigen Eigenbauspieler Ivan Ignatjev ein ähnlicher Typ.

Neuer Trainer, ebenso wenig Perspektive

Der erst 34-jährige Trainer Murad Musaev, der im April zunächst interimistisch begann und dann einen fixen Vertrag erhielt, verhalf Ivan anfänglich zu zwei Kurzeinsätzen, gab ihn dann aber frei. Im Sommer kommt mit dem 28-jährigen Dmitri Stotskiy ohnehin ein weiterer Spieler, der ideal auf Ivans Paradeposition am rechten Flügel passt und zudem defensiv aggressiver ist.

Adaptierungsschwierigkeiten und Wehwehchen

Andrei Ivan bekam in Krasnodar also praktisch keine Chancen sein Können zu zeigen. Aber woran liegt das? Zunächst an Integrationsschwierigkeiten, denn die sprachliche Barriere war in Russland eine große. In der Mannschaft gab es elf Legionäre, in seiner Muttersprache konnte er sich mit keinem unterhalten, viele Spieler sprachen zudem kein Englisch. Auch muskuläre Probleme machten ihm im Laufe seiner Krasnodar-Zeit immer wieder zu schaffen und so wurde Ivan, der von 34 möglichen Pflichtspielen nur 16-mal im Matchkader stand, zum Außenseiter.

Der „Strebinger-Helm“ als frühes Markenzeichen

Dabei verlief davor alles perfekt: Im Alter von 20 Jahren wurde er sogar zum Kapitän von Universitatea Craiova ernannt, nachdem Bogdan Vatajelu zu Sparta Prag wechselte. Und in Rumänien war der Jungstar des im Jahr 2013 neu gegründeten Vereins fast schon ein Paradiesvogel. Im Nachwuchs stieß er übel mit einem Gegenspieler zusammen und erlitt eine schwere Gehirnerschütterung, sowie einen angeknacksten Halswirbel. Deshalb trug er in weiterer Folge in Strebinger-Manier einen Kopfschutz – untypisch für einen Rechtsaußen.

Eine junge Karriere mit viel Kopfweh

Als er kurz vor Schluss im freundschaftlichen Länderspiel gegen Italien eingewechselt wurde, war er so nervös, dass er vergaß seinen Kopfschutz aufzusetzen. Und nach Spielende verweigerte er Juventus-Star Claudio Marchisio den Leiberltausch. Später verzichtete Ivan auf seinen Helm, was beinahe schlimme Folgen hatte, als er ein Jahr später wieder mit einem Gegner zusammenstieß. Wenn alles anders gelaufen wäre, wäre Mihai Balasa vom FCSB Bukarest sein Mitspieler geworden – aber so knipste er ihm in einem Kopfballduell die Lichter aus. Nicht nur Ivan verlor auf dem Platz das Bewusstsein und war auf Erste Hilfe durch den gegnerischen Keeper angewiesen, auch seine Schwester, die im Publikum saß, musste ärztlich betreut werden.

Wenn der „Trickster“ zu zaubern beginnt

Doch auch davon erholte sich Ivan, der bis auf seine Kopfverletzung im Nachwuchs, keine schwereren Verletzungen oder Ausfallzeiten wegstecken musste, gut. Es sind eher Kleinigkeiten, die den 21-Jährigen da und dort aus der Bahn warfen. Die Fans in Rumänien liebten ihn so oder so. Nicht nur weil er seine Tore gerne mit einem Doppelsalto feiert, sondern auch weil er ein echter „Trickster“ ist und ein bisschen große Fußballwelt in die kleinen rumänischen Stadien brachte. Nicht selten ging ein Raunen durchs Stadion, wenn Ivan mal wieder einen Gegenspieler vernascht hat.

Enormes Tempo, auch in Ballbesitz

Hiermit sind wir auch schon bei Ivans größten Stärken. Seine Ballführung und sein Tempo am Ball suchen ihresgleichen. In seiner Stammspieler-Zeit in Craiova machte ihn dies zu einem der besten Spieler der Liga in Ballbesitz. Wenn Ivan aufdreht, ist nicht nur mit einigen Gustostückerln zu rechnen, man darf auch sehr hohes Tempo erwarten. Was etwa Schobesberger auf links ohne Ball macht – oder dann wenn er komplett freie Bahn hat – macht Ivan auch in Bedrängnis und auf tieferen Feldpositionen. Seine athletische Statur und seine Körpergröße von 189cm sind ein großer Vorteil auf den ersten Metern und häufig ist er nur durch Fouls zu stoppen. Die Ivan übrigens meistens gerne annimmt; frühzeitigem Bodenkontakt ist der Neo-Rapidler nicht abgeneigt.

Idealer Rechtsaußen mit Murg als zentralem Nebenmann

Die rechte Außenbahn ist die Idealposition für Ivan, wodurch Thomas Murg künftig wohl in die Mitte auf die „Zehn“ rücken wird. Dies bringt mehrere Vorteile mit sich, unter anderem, dass Murg horizontal flexibler wird und sich auch auf die Achterposition zurückfallen lassen kann, um Bälle nach vorne zu schleppen. Ivan ist ähnlich wie Murg kein Liniendribbler, sondern sucht inverse Läufe, sticht gerne in unangenehme Zonen hervor, um die Ordnung des Gegners zu stören. In seinen einzelnen Offensivaktionen weist er eine hohe Variabilität auf, weshalb es schwer vorauszuahnen ist, ob er sich selbst in die Schnittstellen bewegt oder den Ball fordert, um den Schnittstellenpass zu geben.

Torgefährlich, guter Passspieler, aber kein Flankengott

Spielerisch macht Ivan den SK Rapid sicher unberechenbarer. Auch torgefährlicher sollte Rapid mit dem Rumänen werden, denn neben seinen durchaus präzisen Abschlüssen ist er dank seiner Größe auch noch ein guter Kopfballspieler. Das trifft sich auch gut, denn Eckbälle sollte man jemand anderem überlassen. Während Ivans Kurzpassspiel absolut in Ordnung ist, sind Flanken und weite Zuspiele nicht unbedingt seine Stärke, was auch mit seinen Bewegungsabläufen zu tun hat. Ivan führt den Ball für gewöhnlich so eng am Fuß, dass Ausfallschritte vor weiten Pässen oder Flanken ihn aus dem Tritt bringen können. Er weist demnach eine relativ schwache Flankenquote auf und wird sich auch bei Rapid eher auf inverse Läufe, eigene Abschlüsse und Stanglpässe konzentrieren.

Bedächtig im Pressing, stark im Gegenpressing

Ivan ist darüber hinaus ein guter Gegenpressing-Spieler, hat allerdings Schwächen im Pressing. Nach kurzfristigen Ballverlusten, ist er durch seine Spielintelligenz und seine körperliche Präsenz im Stande den Ball schnell zurückzuerobern. Auch das Abdecken des Balles, beispielsweise nach solchen Ballgewinnen, ist eine seiner Stärken. Bei gegnerischem Ballbesitz ist er jedoch als aktive Pressinginstanz ungeeignet. Hier wären Nebenleute gefragt – so etwa Murg oder der jeweilige Angreifer. Ivan ist kein Spieler, der den aufbauenden Innenverteidiger wie verrückt anläuft oder unter Druck setzt. Viel mehr agiert er abwartend und ist eher der erste Zielspieler nach Ballgewinnen. Nicht die hohe Eroberung des Balles, sondern die Weiterverarbeitung mit dem Zweitkontakt zählt zu Ivans Stärken. Allgemein bleibt aber abzuwarten, welche Auswirkungen die Änderungen im Rapid-Team auf das Pressing haben werden. Oder polemisch gesprochen: Ob es nun endlich mal ein durchgängiges Pressingkonzept geben wird…?

Alternative als Ablagestürmer

Ivan sollte als Rechtsaußen gesetzt sein und als Linksaußen hierarchisch immer hinter Schobesberger und Berisha stehen. Frühere Experimente auf der linken Seite waren nicht unbedingt von Erfolg gekrönt. Allerdings bewies sich Ivan in der Vergangenheit bereits als guter zweiter Stürmer in 4-4-2- und 3-5-2-Systemen. Dabei ist er weniger ein Knipser, sondern das, was man modern als Ablagestürmer bezeichnet. Kurze, schnelle Aktionen, „prallen lassen“, einfache Zuspiele bringen andere Spieler stets gut in Position.

Physis und gut mit dem Ball – Ivan als Mentalitäts-Hybrid

Zum Abschluss einmal mehr die alles entscheidende Frage: Wie sieht’s mit der Mentalität aus? Die Antwort ist: Gut, aber nicht unbedingt auf den ersten Blick. Andrei Ivan war Kapitän seines Heimatvereins, zog das Interesse von zahlreichen Topklubs, inklusive dem FC Barcelona, auf sich und diese Vereine beobachten einen Spieler nur über einen längeren Zeitraum, wenn sie wissen, dass die Einstellung passt. Das große Kampfmonster gegen den Ball ist Ivan wohl nicht, dafür ist er in Ballbesitz extrem hungrig und fokussiert. Ein nicht unwesentlicher Aspekt ist seine Größe. Die 189cm, noch dazu am Flügel eingesetzt, geben Rapid mehr Präsenz. Auch seine spielerische Kompatibilität mit seinem neuen Hintermann Marvin Potzmann wird von Vorteil sein. Man könnte sagen, dass Rapids Offensive mit Ivan wieder einen Tick „männlicher“ wird. Ob das Rapids Mentalitätsprobleme gegen die „kleineren“ Gegner ausmerzen kann, ist aber schwer zu sagen. Unterm Strich ist Ivan ein Spieler, der Fußball eher spielt, als arbeitet. Wie so oft wird also vieles vom Umfeld und den Mitspielern abhängen.

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen