Ich gebe es zu: meine Sympathien für Rapid waren nie sonderlich ausgeprägt, dennoch lässt einen die momentane Situation in Hütteldorf nicht kalt. Es geht... Kommentar | Rapids vergebene Chance

SK Rapid WienIch gebe es zu: meine Sympathien für Rapid waren nie sonderlich ausgeprägt, dennoch lässt einen die momentane Situation in Hütteldorf nicht kalt. Es geht hier nämlich nicht nur um Rapid, sondern um eine große vergebene Chance für den gesamten österreichischen Fußball. Als Rapid 2008 Meister wurde, war die Begeisterung und Emotion rund um den Verein nahezu grenzenlos, jedes Spiel im Hanappi-Stadion ein Erlebnis. Fünf Jahre später ist davon rein gar nichts mehr geblieben, die mühsame Aufbauarbeit vieler Jahre wurde auf fahrlässige Art und Weise zerstört; Tristesse, Resignation und Gleichgültigkeit regieren.

Fraglos ist Peter Schöttel mit Pauken und Granaten gescheitert, konnte so gut wie nie für attraktiven Fußball sorgen, sondern wirkte zumeist ratlos, wenn es darum ging, die Pleiten seiner Mannschaft zu erklären. Doch das Versagen auf dem Platz ist lediglich die Konsequenz dessen, was auf höheren Ebenen verbrochen wurde – dazu zählt auch die völlig irrsinnige Entscheidung, den Vertrag des Trainer um zweieinhalb Jahre zu verlängern.

Rapid wird wie ein Amateurverein und nicht wie ein mittelständisches Unternehmen, was dem Umsatz entsprechend wäre, geführt, professionelle Strukturen, die im internationalen Fußball mittlerweile Usus sind, sucht man vergeblich. Präsident Rudolf Edlinger hat den Verein fraglos aus der sportlichen und wirtschaftlichen Krise geführt, hat es aber versäumt, Rapid modern aufzustellen, sodass eine dramatische Abwärtsbewegung eingesetzt hat. Edlinger verstand es stets, die Konkurrenz – vornehmliche jene aus Salzburg und Wien-Favoriten – zu diffamieren, doch spätestens, wenn er beim Cup-Spiel gegen Pasching nahezu jeden Zuschauer per Handschlag begrüßen darf, wird vielleicht auch ihm dämmern, dass etwas mehr Demut beileibe nicht geschadet hätte.

Man könnte einen Roman über die Verfehlungen der Rapid-Führung verfassen, doch das soll nicht Sinn und Zweck dieses Kommentars sein. Ein paar Punkte müssen dennoch kurz angesprochen werden. Während rund um Österreich neue Stadien aus dem Boden sprießen, wurde jahrelang sinniert, wie man dem maroden Hanappi-Stadion einen neuen Anstrich verpassen kann. Dass man sich vorschnell auf den Standort Hütteldorf festgelegt hat und überhaupt in Erwägung gezogen wurde, die bestehende Baumasse lediglich zu sanieren, zeigt, wie wenig die Chefetage vom modernen Fußballgeschäft versteht.

Anfangs habe ich von einer vergebenen Chance für den gesamten österreichischen Fußball geschrieben – warum? Egal, ob man Rapid mag oder nicht, der Verein war stets eine der prägenden Kräfte im heimischen Fußball und könnte dazu beitragen, die Bundesliga nach vorne zu bringen. Aber hier kommt wieder der Dilettantismus zum Vorschein: Bei der Vergabe der TV-Rechte wurde etwa darauf gepocht, durch einen neuen Vergabeschlüssel ein paar hunderttausend Euro mehr zu erlösen, anstatt eine wahre Reform mitzutragen, die allen Vereinen deutlich mehr Geld gebracht hätte.

Und auf sportlicher Seite wäre das Scheitern in der Europa League zu nennen. Drei Mal als ungesetzter Verein den Sprung in die Gruppenphase zu schaffen ist fraglos eine enorme Leistung, der es viel Respekt zu zollen zu gilt. Dennoch ist es nicht gelungen, ausreichend Punkte zu sammeln, um künftig im Playoff gesetzt zu sein, was alles andere als eine Herkulesaufgabe gewesen wäre. Die Chancen lagen etwa gegen Celtic, ZSKA Sofia oder Rosenborg Trondheim auf dem Präsentierteller, wurden aber allesamt leichtfertig vergeben. Man gab sich damit zufrieden, es überhaupt bis in die Gruppenphase geschafft zu haben.

Somit dreht man sich weiterhin im Kreis und muss hoffen, erneut eine Sternstunde zu feiern, um in den Genuss der Gruppenspiele zu kommen. Mit einer Setzung hätte man hingegen eine gewisse Planungssicherheit und das Erreichen des europäischen Mittelfeldes wäre keine Illusion. Ich stelle mir die Frage, ob man sich bei Rapid überhaupt bewusst ist, welche große Möglichkeit hier mit Füßen getreten wurde.

Hinzu kommen die Verfehlungen auf wirtschaftlicher Seite. Man ist stets gezwungen (warum eigentlich?) mit einem Budgetloch in Millionenhöhe in die neue Saison zu gehen, schafft es aber gleichzeitig nicht, neue Geldquellen zu erschließen – die Farce um den „neuen“ Rückensponsor sei hier nur beispielhaft genannt. Daraus resultiert eine Mannschaft, die Rapid nicht würdig ist. Viele Spieler des aktuellen Kaders haben schlicht und ergreifend nicht die Klasse, um gehobenen Ansprüchen zu genügen.

Betrachtet man all diese Missstände, wird klar, warum von einer vergebenen Chance gesprochen werden muss. Es ist nicht gelungen, den Schwung der erfolgreichen Jahre mitzunehmen, sondern der Verein wurde wieder in jene Regionen herabgewirtschaftet, von denen die meisten dachten, dass sie nie mehr zu erreichen sein werden. Dass große Traditionsvereine nicht unsinkbar sind, offenbart übrigens ein Blick nach Dänemark, wo Brøndby am Tabellenende steht und verzweifelt gegen den finanziellen Kollaps kämpft.

OoK_PS, abseits.at

  • Müllner Franz, 1210 Wien

    8.April.2013 #1 Author

    Bitte, als E-Mail oder noch besser als Einschreibebrief an den SK Rapid senden.

    Und solange probieren, bis das Gesagte bei Edlinger & Co auch wirklich ankommt.

    Zum Inhalt: Lieber Verfasser, Sie sprechen mir aus der Seele – passt. Vor allem das „nie attraktiv gespielt“ unterschreibe ich.

    mfg, ein leidgeprüfter alter Rapidanhänger (seit 1971)

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  • Teiwaz

    8.April.2013 #2 Author

    Leider muss man, als Rapid-Fan, dem Kommentar ohne Widerworte recht geben.

    Ein einziger „Kritikpunkt“ aber: der Kader von 3 von 4 Vereinen der öst. Top 4 hat nicht den Ansprüchen gerechtwerdende Klasse, einzig der Salzburger-Kader hätte diese, allein dort will kaum einer 100% Leistung geben für das „überdurchschnittlich gut bezahlte schnelle Karriere-Sprungbrett“ RBS.

    Gerade mal mittelmäßige Fußballer und Mitläufer verdienen in Österreich einfach viel zu viel Geld, welches dann eben für (verhältnismäßig) wirklich qualitativ hochwertige Spieler fehlt. Was sich alles „Fußballprofi“ (als auch Profi-Verein) nennen darf in Österreich ist eine einzige Farce.

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  • rodrigo diaz

    8.April.2013 #3 Author

    Entweder mit Pauken und Trompeten oder mit Bomben und Granaten aber sicher nicht Pauken und Granaten.
    Sollte man mMn schon wissen wenn man Kommentare verfasst, welche in die Weiten des www gehen.

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  • Jimbo

    8.April.2013 #5 Author

    Guter Beitrag, schade um Rapid

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  • tf

    8.April.2013 #6 Author

    der Kommentar trifft es sehr gut. Edlinger hatte nie eine Vision, wohin er mit dem Verein will, sondern immer nur von einem Jahr ins nächste gedacht, wenn überhaupt.

    Dabei gibt es in der Organisationsstruktur von Fußballklubs klare Zeithorizonte:
    – der Präsident denkt strategisch (langfristig)
    – der Sportdirektor taktisch (mittelfristig)
    – der Trainer operativ (kurzfristig)
    Nachhaltige Arbeit wird also primär durch Präse und Sportdirektor gewährleistet. Der erste hat immer nur kurzfristig gedacht und den zweiten gab es nicht. Allein die Tatsache, daß man nach Hörtnagl ohne Sportdirektor agiert hat, zeigt schon die Perspektivenlosigkeit dieser miserablen Führungsclique um Präsident Edlinger. Mit dem Clown aus St. Pauli hat er dem Ganzen noch die Krone aufgesetzt.

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    • Teiwaz

      8.April.2013 #7 Author

      Mich würde wirklich interessieren was sein hätte können wenn:
      -) man Hörtnagl gehalten hätte
      -) Edlinger früher abgedankt hätte
      -) Kuhn & Co. niemals passiert wären
      -) Rapid über zumindest semi-professionelles Scouting verfügen würde

      Schulte würd ich mal (noch) in Schutz nehmen. Was soll er denn anderes als „Ja“ zur Verlängerung vom Trainerstab sagen in der kurzen Zeit beim Verein? Und so schlecht stand man ja nicht da (in der Tabelle). Für den extremen Lauf der Austria kann keiner was, das war auch nicht vorherzusehen. Was jetzt kommt sind klassische Durchhalteparolen um nicht noch mehr (öffentlichen) Druck auf die Spieler zu laden.

      Um es mit den Sportfreunden zu halten (die grade aus den Kopfhörern dudeln): wie lange müssen wir noch warten bis wieder bessere Zeiten starten?

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  • Scaevola

    9.April.2013 #8 Author

    Traurig, wie treffend diese Kommentar ist (und nebenbei ein großes Lob an den Verfasser für diesen qualitativ hochwertigen Kommentar)

    Genauso könnte man ihn jedoch auf jeden anderen der wenigen „großen“ Klubs in Österreich. Steckt einer von ihnen in einer Krise wie Rapid, sinkt autmatisch in der gesamten Liga das Niveau drastisch. Auch die Bullen könnten mehr aus sich heraus holen, wodurch die anderen Teams genau an dieser Herausforderung wachsen könnten. Es ist bezeichnend für unsere Liga (deren Teams sich auch gegen jede Reform sträuben), dass Rapid in seiner derzeitigen Verfassung immer noch im oberen Tabellendrittel liegt.

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