Im November 2013 wurde Michael Krammer zum Präsidenten des SK Rapid gewählt. Sechs Jahre später wird er auf eine zweite Wiederwahl verzichten. In Hütteldorf... Krammer-Rückzug: Was bleibt und wie es weitergeht

Im November 2013 wurde Michael Krammer zum Präsidenten des SK Rapid gewählt. Sechs Jahre später wird er auf eine zweite Wiederwahl verzichten. In Hütteldorf wird der 58-jährige Topmanager vor allem als einer der wichtigsten „Baumeister“ der Vereinsgeschichte in die Annalen eingehen.

Krammer verstand es zu Beginn seiner Amtszeit bestens, für Euphorie im nicht gerade erfolgsverwöhnten grün-weißen Lager zu sorgen. Das neue Stadion wurde als das große Projekt der ersten Amtszeit auserkoren, aber auch andere Projekte, wie etwa eine große Mitgliederinitiative, die (recht schnell ad acta gelegte) Internationalisierung, Digitalisierung und Professionalisierung der Geschäftsstrukturen waren von Beginn an Krammers Herzensprojekte.

Wirtschafts-Sport-Automatismus unterschätzt

Was in all diesen Planungen stets zu kurz kam, war der Sport. Kommerzieller Erfolg sollte – gerade im kleinen Fußballland Österreich – fast schon automatisch zu Erfolg führen. Noch dazu, weil Rapid zu Krammers Amtsantritt keinen schlechten Fußball spielte. Für den traditionell eher finanziell gebeutelten Klub war es denkunmöglich, dass eine klar verbesserte wirtschaftliche Situation nicht zum gewünschten Erfolg führen würde. Dass die wirtschaftliche Stabilisierung nur eine zentrale Hilfe, aber keine Garantie darstellen würde, hatte wohl niemand im Sinn. Schließlich spielte Rapid während Edlingers Präsidentschaft stark, obwohl jeder Cent zusammengekratzt werden musste.

Rückfall hinter die „Kleinen“, trotz bester finanzieller Voraussetzungen

Ein halbes Jahr erlebte Krammer noch im Hanappi-Stadion, danach ging es für zwei Jahre in den Prater. Salzburg ist nicht erst seit Krammers Amtsantritt das Maß aller Dinge, aber Rapid war weitgehend als Nummer zwei hinter den Bullen positioniert. Hinter den Bullen zu bleiben, ist ob der krassen Überlegenheit des Konzernklubs keine Schande. Dass Rapid aber hinter teilweise sehr kleine Klubs zurückfiel bzw. –fällt, ist der eigentliche Dorn im Auge der Fans.

Größter Erfolg bringt die erste große Negativwende

Eine erste Wende und somit auch einen Vorboten des allgemeinen Euphorieknacks‘ gab es im Frühjahr 2016 – und zwar ausgerechnet zu Rapids größtem Europacuperfolg der letzten Jahre. Valencia warf Rapid mit einem Gesamtscore von 10:0 aus dem Sechzehntelfinale der Europa League, in der Liga ergab man sich zu Hause der Admira und verlor mit 0:4, lieferte schauderhafte Leistungen in Ried und Grödig ab. Das sah zunächst nach einer schlechten Phase aus, war aber wiederum ein Vorbote für die sportlich-konzeptionellen Fehler, die in der Krammer-Ära nie ausgemerzt werden konnten.

Zerwürfnisse initiierten erste Personalrochaden

Zoran Barisic als Rapid-Trainer – das stand für Kontinuität. Zwar mit einer Spielidee, die beim Publikum unbeliebt war, aber dennoch über einen längeren Zeitraum und mit recht klar definierten Transferideen. Schließlich kam es aber zu Zerwürfnissen, zuerst zwischen Sportchef Müller und Barisic, danach zwischen dem Präsidium und Müller. Ausgerechnet zum Einzug ins neue Stadion begannen somit sportliche Personalrochaden, die bis dahin kein Thema und auch nicht erprobt waren.

Stadion-fokussierte Präsidiumsbesetzung

Krammer und sein Präsidium werden in der Öffentlichkeit seit jeher für die fehlende Sportkompetenz kritisiert. Dies kam in der Vergangenheit zwar meistens von Möchtegern-Meinungsmachern und Ex-Internationalen, die selbst über keine moderne Sportkompetenz mehr verfügen, aber von der Hand zu weisen ist der Vorwurf trotzdem nicht. Die Zusammensetzung des Präsidiums war teils der traditionellen Rapid-Loyalität zu Altgedienten, teils den nötigen wirtschaftlichen Veränderungen geschuldet. Die Erstbesetzung war aber auch ein Politikum. Wegen des geplanten Stadionbaus sollte das Rapid-Präsidium alle denkbaren und guten Kontakte zur Stadt noch einmal extra mobilisieren und erfüllen.

Das Hauptproblem der fehlenden Sportkompetenz im Präsidium

Überspitzt formuliert uferte dieses Problem in einen gelebten Buchtitel der „Science Busters“ aus: „Wer nichts weiß, muss alles glauben“. Einerseits glaubte man Müller, der Barisic durch Büskens ersetzte, aber keine klare Spielphilosophie, sondern lediglich eine Art Mentalitätsfahrplan vorgab. Danach glaubte man dem Großteil der Einsager, die den taktisch versierten Canadi als idealen Nachfolger sahen, ohne die offensichtliche menschliche Komponente zu berücksichtigen (Stichwort „Altacher Kabinenparty“). Und schließlich vertraute Krammer auch in einer viel zu heiklen Situation darauf, dass Goran Djuricin, gemäß den Erwartungen von Fredy Bickel, die Kehrtwende schafft.

Kein Knalleffekt, sondern ein Prozess

Das statistische sportliche Resultat daraus ist ohnehin sichtbar. Das tatsächliche Resultat aus den oft uninspirierten Personalentscheidungen der letzten 2 ½ Jahre waren die verschiedenen Trainerphilosophien und Spielerpräferenzen – die allesamt keinem großen Ganzen folgten, sondern im Ermessensspielraum des jeweiligen Trainers oder Trainerteams lagen. Nicht erst seit diesem Sommer stellt Rapid eine zusammengewürfelte Mannschaft, die allerdings über Jahre so gewürfelt wurde. Rapid ist sportlich-personell entstellt und das ist auch der Grund, warum der Mannschaft von Seiten der Fans mittlerweile der Rücken gekehrt wird. Gegen Ende der 0:1-Niederlage gegen den LASK war die Allianztribüne nur noch halbvoll, weil die Hälfte der Zuschauer enttäuscht das Stadion verließ. Und zwar nicht bei 0:3, sondern bei 0:1.

In entscheidender Einzugsphase fehlte sportlicher Architekt

Womöglich fehlte Krammer tatsächlich Sportkompetenz im Präsidium, um auf dem Platz erfolgreicher zu sein. Wahrscheinlicher ist es jedoch, dass ausgerechnet die richtige sportliche Architektur fehlte. Ein Mensch, ein Beraterstab, ein Konsortium, das den SK Rapid und sein sportliches Gesamtkonzept ebenso in die Moderne überführt, wie Krammer selbst es mit dem Jahrhundertprojekt Stadion vorbildlich gelang. Stattdessen vertraute man auf Müller und damit auf einen „Kampfmannschaftssportdirektor“, der den Nachwuchs vernachlässigte und später (zu Recht) auf Bickel, der aber nur mit Ausbesserungsarbeiten beschäftigt war und gerade als es – vergangenen Sommer – in eine vernünftige Planungsphase gehen sollte, auf viel zu weiche Spieler und einen überforderten Trainer vertraute. Das gefühlt Heftigste an der Sache: So schnell können sechs Jahre vergehen…

Schwierige Suche nach Grundproblemen

Ein weiteres Resultat aus alldem war, dass Krammer nie in den Genuss kam, auf einer dauerhaften Euphoriewelle zu surfen. Hätte bei Rapid zumindest phasenweise alles geklappt, wäre Krammer durchaus der Präsident gewesen, der Rapid Selbstverständnis und Energie einimpfen kann. Wenn bei Rapid aber eine Sache funktioniert und die andere nicht, dann redet man naturgemäß immer über das, was gerade nicht funktioniert. Das „äußere“ Problem an den sportlichen Problemen war lange, dass man sich als Fan selbst keine klare Projektionsfläche schuf. Irgendwie schienen alle ein bisschen daran Schuld zu tragen und auch die Vergangenheit müsste erst aufgearbeitet werden. Auf die manchmal prinzessinnenhaften Spieler schoss man sich in der Hütteldorfer Fanbase erst sehr spät ein – und das gilt wohl auch für das Präsidium. Immer wieder werden Spieler, die schlichtweg nicht 100% geben, nach außen hin als sakrosankt dahingestellt, anstatt vielleicht da und dort auch mal in der Sprache unserer Zeit zu bleiben und einen harten Diskurs zu fördern – wie es unter Arbeitern eben manchmal üblich ist.

Zuwendung zum Sport, um die „Working Class“ wieder zu einen

Apropos Arbeiter. Vom Arbeiterverein Rapid war in letzter Zeit nicht mehr viel zu sehen. Working Class sieht angesichts des insgesamt völlig übertriebenen Wirtschaftsfokus anders aus. Wer auch immer Krammers Nachfolger wird, wird hier eine neue Balance schaffen müssen. Nicht primär für den sportlichen Erfolg, sondern vielmehr um die eigenen Fans zu versöhnen, die auf die Wurzeln des SK Rapid doch sehr viel geben und mit Slim Fit und Co. nicht viel anfangen können. Die oft zitierte Rapid-Familie war schon lange nicht mehr so entzweit und es besteht fast schon ein beidseitiges „die da drüben“, wenn sich Block, VIP und Normalos im Stadion auf ihre Plätze begeben. Bevor Rapid erfolgreich sein kann, muss Rapid wieder „leiwand“ werden. Dafür braucht es vielleicht gar nicht viel, ganz sicher aber eine Abkehr vom (auch im internationalen Vergleich) außergewöhnlich hohen Wirtschaftsfokus und eine größere Zuwendung zum Sport.

Mutiger als alle anderen

Was Krammer nach fünf Amtsjahren auf der Habenseite hat, ist wiederum seine eigene, erlernte Kernkompetenz. Unter ihm wurde Rapid in die Moderne überführt, ein neues Stadion gebaut und zum Abschluss der Krammer-Ära wird nun auch der Startschuss für das dringend benötigte Trainingszentrum erfolgen. Krammer pflanzte damit Früchte, die ein anderer ernten wird. Übrigens handelt es sich hier um Früchte, sich die seine einstigen möglichen Gegenkandidaten nicht zutrauten und ängstlich blieben – Krammer aber ging vorneweg. Die Basis für langfristigen Erfolg wurde durch die große Infrastrukturoffensive Krammers gelegt und so wird der beinharte Manager wohl erst in einigen Jahren zu einem „großen Präsidenten“ ausgerufen und seinen Platz in Rapids „Hall Of Fame“ finden, die erst bei der vergangenen Ordentlichen Hauptversammlung präsentiert wurde.

Es gibt Dinge, die immer vor dem Sport stehen

Am Ende gaben private Gründe den Ausschlag für Krammers Entscheidung nicht mehr anzutreten. Bei der Ordentlichen Hauptversammlung des SK Rapid machte er die Krebserkrankung seiner Frau öffentlich und entschied sich somit verständlicherweise für einen Rückzug als Rapid-Präsident. Als ebendieser wollte Krammer immer als das „oberste Mitglied“ gesehen werden, das die Interessen aller anderen Mitglieder vertritt. Und wenn man einmal dieses oberste Mitglied war, wird man in alter bzw. neuer Frische auch in Zukunft als ordentliches Mitglied, eine wichtige beratende Instanz im Verein sein. Eines ist Krammer nach den letzten Jahren so richtig zu vergönnen, wie es auch schon bei seinem Vorgänger Rudi Edlinger der Fall war: Rapid-Spiele endlich wieder entspannt ansehen können.

Was geht noch?

Knapp ein Jahr hat Krammer als Präsident noch vor sich. Was kann man in dieser Zeit noch erreichen, was kann man angehen? Das Trainingszentrum wird sicher ein Hauptthema sind, aber auch den Verein personell weiter zu gestalten ist sicher noch möglich. Dazu könnte einerseits das Schaffen einer sportlichen Philosophie gehören, die Krammer dann selbst als ordentliches Mitglied genießen kann. Auch eine Reform des Kuratoriums, in Insider- und Fankreisen wegen der lethargischen Außenwirkung auch schmähhaft Krematorium genannt, wäre ein denkbarer Ansatz für das letzte Amtsjahr. Und da nach Krammers schwerer Entscheidung auch Druck und Stress abfallen werden, könnte das Einen der Rapid-Familie auch ein heißer Punkt auf der „Jahresordnung“ sein. Der Zugang Krammers wird, durch seine Entscheidung aufzuhören, sicher ein entspannterer sein, als in den nagenden letzten Monaten und Jahren. Titelchance gibt’s nur noch eine: Den Cup-Sieg 2019 – der mit der Teilnahme an der nächstjährigen Europa-League-Gruppenphase gleichbedeutend wäre.

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Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen