Sturm Graz trifft in der zweiten Qualifikationsrunde für die Champions League auf den ungarischen Meister Videoton FC. Die Ungarn konnten sich in der vergangenen... Sturms Gegner unter der Lupe: Videoton FC

Sturm Graz trifft in der zweiten Qualifikationsrunde für die Champions League auf den ungarischen Meister Videoton FC. Die Ungarn konnten sich in der vergangenen Saison zum ersten Mal in der Geschichte des Vereins den Meitertitel sichern und wollen nun auch in Europa ein kleines Ausrufezeichen setzen. Trainer Paulo Sousa soll den Aufstieg ermöglichen.

Name: Videoton FC
Gegründet: 1941
Alter: 70 Jahre
Vereinsfarben: Rot-Blau
Stadion : Sóstói-Stadion
Fassungsvermögen: 14.900 Plätze (10.900 Sitzplätze)
Eigentümer: Dr. István Garancsi
Präsident: Péter Csicsáky
Trainer: Paulo Sousa

* 1x UEFA Pokal Finale: 1985
* 1 x Ungarischer Meister: 2011
* 1 x Ungarischer Cupsieger: 2006
* 2 x Ungarischer Ligapokalsieger: 2008, 2009

Vor gut vier Jahren war der Verein, der 1941 gegründet wurde und seitdem siebzehn Mal den Namen wechselte, so gut wie Bankrott. Das neue Management sanierte den Klub, setzte auf die Nachwuchsakademie und konnte vergangene Saison zum ersten Mal in der Geschichte des Vereins den ungarischen Meistertitel gewinnen. Schon im Jahr davor landete der Klub auf dem zweiten Tabellenplatz und war somit für die Europa League spielberechtigt. Lange konnten sich die Ungarn jedoch nicht über das europäische Abenteuer freuen, denn schon in der ersten Qualifikationsrunde war der NK Maribor aus Slowenien eine Nummer zu groß. Seitdem ist die Mannschaft aber ein wenig stärker geworden und Sturm Graz darf die Partie keinesfalls auf die leichte Schulter nehmen.

Im Jahr 1985 schrieb der Verein Geschichte als er sich für das Finale im UEFA Cup qualifizieren konnte und einige legendäre Partien ablieferte. Nachdem Dukla Prag und Paris Saint German aus dem Bewerb geschmissen wurden, verloren die Ungarn auswärts gegen Partizan Belgrad mit 0:2. Ein 5:0 Heimsieg rettete den Klub in die nächste Runde, wo schon Manchester United auf Videoton wartete. Beide Vereine gewannen ihr Heimspiel mit 1:0. Im Elfmeterschießen hatten die Ungarn das Glück auf ihrer Seite und gewannen mit 5:4. Erst Real Madrid stoppte den Siegeszug der Ungarn, denn nach der 0:3 Heimniederlage gegen die Galaktischen konnte selbst ein historischer 1:0 Auswärtssieg im Santiago-Bernabéu-Stadion Videoton nicht mehr retten.

DER TRAINER

Der zweifache Champions-League-Sieger Paulo Sousa feierte als Spieler große Erfolge, war jedoch als Trainer bis lang noch nicht sonderlich erfolgreich. Zunächst betreute er für den portugiesischen Verband den Nachwuchs. Im November 2008 übernahm er das Kommando bei den Queens Park Rangers. Schon ein halbes Jahr später wurde er entlassen, da er angeblich Informationen an die Presse weitergab, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Kurze Zeit danach unterschrieb er bei Swansea City und konnte den Verein auf den siebenten Platz der Football League Championship führen. Nach dieser starken Saison unterschrieb er bei Leicester City, wo er aber nach nur drei Monaten wieder entlassen wurde. Ein ganz schwacher Start brach dem Portugiesen das Genick.

Sousa sagt über sich selbst, dass er ein „romantischer“ Trainer ist, der die attraktive Spielweise forciert. Trotz dieser Einstellung ist es ihm natürlich bewusst, dass der Erfolg an erster Stelle zu stehen hat und er diesem alles andere unterordnen muss. Trotzdem glaubt er, dass er gerade durch den attraktiven Kombinationsfußball den größtmöglichen Erfolg erreichen kann.

DIE AUFSTELLUNG

Es gibt einige Fixstarter in der Mannschaft, allerdings kann man nur schwer voraussehen welche Startelf der neue Trainer gegen Sturm Graz bringen wird. Im Trainingslager absolvierte die Mannschaft ein Testmatch gegen eine lokale italienische Auswahl, welches mit 4:0 gewonnen wurde. In der ersten Halbzeit entschied sich Sousa für ein 4-4-2-System, in den zweiten 45 Minuten probierte er es mit einem 4-3-3-System. Da aber etliche Stammkräfte noch auf Urlaub sind, lassen sich aus den Aufstellungen nicht viele Rückschlüsse ziehen. Sehen wir uns den Kader im Detail an:

DER TORMANN

Die unumstrittene Nummer eins der Ungarn ist der 26-jährge 15-fache Nationalspieler aus Montenegro Mladen Bozovic. Bozovic spielte bis 2007 beim FK Budućnost Podgorica, wechselte danach zu Partizan Belgrad wo er zweieinhalb Jahre Stammtormann war. Bei den Serben gelang ihm das Kunststück 916 Minuten ohne Gegentreffer zu bleiben. Vergangene Saison unterschrieb er einen Vertrag bei Videoton, wo er ab der sechsten Meisterschaftsrunde ein verlässlicher Rückhalt war. Bozovic ist 196cm groß und dementsprechend sehr stark in der Luft. Aber auch ansonsten ist er ein sehr solider Tormann, der locker in einer stärkeren Liga spielen könnte. Auch im Nationalteam feierte der Montenegriner schon schöne Erfolge. In seinen letzten sieben Länderspielen kassierte der Schlussmann nur einen Treffer. Während dieser Serie besiegte Montenegro unter anderem die Schweiz, Bulgarien und Wales und erreichte gegen England auswärts ein 0:0 Unentschieden.

Ersatztormann ist der 27-jährige Tomás Tujvel der vergangene Saison zu Beginn vier Spiele absolvierte und keine ernsthafte Konkurrenz für Bozovic ist.

DIE INNENVERTEIDIGUNG

Videoton verfügt über drei starke Innenverteidiger, die allesamt schon im Nationalteam gespielt haben und Auslandserfahrung besitzen. Tamás Vaskó ist 27 Jahre alt und absolvierte vergangene Saison 26 Meisterschaftsspiele im Abwehrzentrum, Der 193cm lange Innenverteidiger lief zwölf Mal für die ungarische Nationalmannschaft auf. Von seinem Stammverein Ujpest wechselte er 2008 leihweise zu Bristol City, wo er zwar 19 Einsätze in der Innenverteidigung absolvierte, allerdings elf Mal erst gegen Ende der Partie als Absicherung auf den Platz kam. Vor seinem Transfer zu Videoton absolvierte er ein Probetraining bei Leeds United.

Neben Vaskó ist der 194cm große Zoltán Lipták gesetzt, der erst vor zwei Wochen beim 3:0 Auswärtssieg der ungarischen Nationalmannschaft gegen San Marino einmal traf. Lipták ist trotz seiner Größe auch technisch zu gebrauchen, beidbeinig und sicherlich einer der besten Abwehrspieler in der ungarischen Liga. Wenn diese beiden Innenverteidiger im Zentrum stehen, dann braucht es der Gegner erst gar nicht mit hohen Bällen versuchen.

Der 25-jährige Innenverteidiger Gabor Horváth wurde vergangene Saison an NAC Breda verliehen, dürfte jetzt aber wieder bei seinem Stammverein trainieren. Horváth hat für Videoton bereits 133 Meisterschaftsspiele in den Beinen und hat es auch in den Niederlanden auf 19 Einsätze gebracht.

DIE AUSSENVERTEIDIGUNG

Auf der rechten Abwehrseite ist der 23-jährige Pal Lázár gesetzt. Lázár ist ein recht schneller und technisch guter Außenverteidiger, der momentan auch in der ungarischen Nationalmannschaft regelmäßig zum Zug kommt. Im Normalfall geht von Lázár aber keine direkte Torgefahr aus, da er in 71 Meisterschaftspartien noch kein einziges Mal für seinen Verein traf.

Für die linke Außenbahn verpflichtete der Verein vor einigen Tagen den 26-jährigen Spanier Héctor Sánchez Cabrera. Der Außenverteidiger hat über 100 Meisterschaftsspiele für Teneriffa in seinen Beinen. Vergangene Saison spielte er bei Villareal, wo er sich jedoch nicht durchsetzen konnte. Mit Videoton will er in die Champions League, um sich dort erneut für größere Vereine präsentieren zu können.

Die erste Alternative für die linke Abwehrseite ist der 28-jährige Sándor Hidvégi, da Marko Andic, der vergangene Saison Stammspieler auf dieser Position war, nun bei Anorthosis auf Zypern sein Geld verdient.

DAS MITTELFELD

Der 22-jährige Akos Elek zieht im defensiven Mittelfeld der Ungarn die Fäden. In den letzten beiden Saisonen war Elek einer der Hauptverantwortlichen für die Erfolge seines Vereins und spielte sich über den Klub in die ungarische Nationalmannschaft. Elek, der seit Ende November 2009 11 Länderspiele absolvierte, wäre ebenfalls reif für eine stärkere Liga.

Der 20-jährige András Gosztonyi ist ein weiteres junges Talent, dass im Mittelfeld sowohl rechts als auch links eingesetzt werden kann. Der beidbeinige Flügelspieler ist Stammspieler in der U-21-Nationalmannschaft und spielte unter anderem auch im März gegen Österreich die gesamte Partie durch.

Attila Polonkai ist der Mittelfeldspieler mit der größten Erfahrung in der Mannschaft. Der beidbeinige Spielmacher kam vergangene Saison auf 24 Einsätze in denen er fünf Treffer erzielte. Polonkai spielte während seiner gesamten Karriere nie im Ausland und stand zwischen 2004 und 2006 einige Male im Kader der ungarischen Nationalmannschaft, für die er drei Spiele bestritt. Mittlerweile spielt er selten über 90 Minuten durch und wird meistens nach ungefähr einer Stunde ein- oder ausgewechselt.

Im linken Mittelfeld kämpft der ehemalige Nationalspieler Balász Farkas um einen Stammplatz. Farkas kam vergangene Saison auf 20 Einsätze, wobei er zwölf Mal in der Startaufstellung stand. Der 31-jährige absolviert heuer bereits seine siebente Saison für Videoton und bestritt insgesamt 151 Meisterschaftsspiele für den Verein.

Der 27-jährige György Sándor kann sowohl im rechten Mittelfeld, als auch im zentralen offensiven Mittelfeld zum Einsatz kommen. Vor zehn Jahren galt er als eines der größten Talente in Ungarn, allerdings schaffte er nie den großen Durchbruch. In den letzten eineinhalb Saisonen war er so gut wie immer Stammspieler und erzielte sechs Treffer in 44 Partien. Davor absolvierte der technisch starke Mittelfeldspieler 112 Meisterschaftsspiele für Ujpest und hatte zwei kurze Gastspiele Ausland. Während er bei Litex Lovech in Bulgarien immerhin Stammspieler war, konnte er sich in England bei Plymouth Argyle nicht durchsetzen.

Der Serbe Dusan Vasiljevic ist ebenfalls eine Option im offensiven Mittelfeld. In der vergangenen Saison absolvierte der ehemalige Spieler von Energie Cottbus 27 Partien, wobei er elf Mal von der Bank als Joker in die Partie kam.

Der U-21-Teamspieler Denés Szakály ist ein zwar ein Versprechen für die Zukunft, wird aber gegen Sturm höchstwahrscheinlich nur auf der Bank sitzen, da es im offensiven Mittelfeld zahlreiche andere Optionen gibt.

DER STURM

Der Star des Teams ist ohne jeden Zweifel der 27-jährige Brasilianer Andre Alves, der bis auf eine kurze Unterbrechung seit 2005 in Ungarn sein Geld verdient. Für Kaposvar erzielte er in 73 Partien 26 Treffer. Seit seinem Wechsel im Jahr 2008 zu Videoton ist der trickreiche Angreifer noch gefährlicher geworden und schoss in bisher 74 Meisterschaftsspielen 43 Tore. Besonders seit letzter Saison ist der Mittelstürmer ein gefragter Mann, denn Alves schoss in 29 Meisterschaftsspielen 24 Treffer. Alves wurde nicht nur ungarischer Torschützenkönig, sondern auch Spieler des Jahres. In den vergangenen beiden Jahren schaffte er es zudem in das ungarische All-Star-Team. Alves hat einen ausgeprägten Torriecher, steht dort wo er hingehört und ist auch technisch sehr stark. Sturm Graz kann noch hoffen, dass er eines der zahlreichen Angebote annimmt, allerdings möchte ihn Videoton gerne behalten und sollte nicht ein wirklich überzeugendes Angebot kommen, dann wird man ihn nicht gehen lassen. Interessenten sind unter anderem Betis Sevilla, Partizan Belgrad, Hajduk Split und Genclerbirligi.

Der 23-jährige Serbe Nemanja Nikolic ist der zweitbeste Stürmer im Kader der Ungarn. So wie Andre Alves wechselte er von Kaposvar zu Videoton, nachdem er für Kaposvar in 49 Spielen 30 Mal traf! Bei Videoton absolvierte er vergangene Saison 24 Partien, wobei er ganze 15 Mal von der Bank in das Spiel kam. Nikolic traf acht Mal, wobei ihm insbesondere gegen Ende der vergangenen Saison der Knopf aufging. In den letzten neun Partien traf er in sieben verschiedenen Spielen jeweils einmal, obwohl er nur zwei Mal die gesamten 90 Minuten auf dem Feld stand.

Ein Versprechen für die Zukunft ist der 22-jährige Flügelstürmer Lászlo Lencse, der sich aber erst gegen die große Konkurrenz im Sturm durchsetzen wird müssen. Vergangene Saison traf ein in 14 Einsätzen fünf Mal, stellte aber besonders in den Cupspielen seine Torgefährlichkeit unter Beweis.

Im Testspiel gegen die italienische Lokalauswahl wurde der ghanaische Stürmer Ransford Osei in der zweiten Halbzeit eingesetzt. Eine Vollzugsmeldung wurde bis jetzt noch nicht vernommen, aber Videoton könnte sich hier noch einmal mit einem interessanten jungen Spieler verstärken. Osei spielte vor zwei Saisonen bei Maccabi Haifa, wo er in elf Partien zwei Treffer erzielen konnte. Er wurde anschließend an Twente Enschede verliehen, wo sich der junge Stürmer jedoch nicht durchsetzen konnte. Trotzdem ein interessanter Spieler mit viel Potential nach oben.

FAZIT

Sturm Graz ist leichter Favorit, die Aufstiegschancen liegen jedoch höchstens bei 60%. Dass das Heimspiel nicht in Graz ausgetragen werden kann ist natürlich mehr als ärgerlich.

Die Ungarn haben einen sehr guten Torhüter und einen brandgefährlichen Stürmer in ihren Reihen. Die Verteidigung ist für ungarische Verhältnisse stark. Im Mittelfeld wird Sturm Graz allerdings recht große Vorteile haben.

Stefan Karger, abseits.at

Stefan Karger