Man sagt ja, dass angesagte Revolutionen für gewöhnlich nicht stattfinden, doch heute lag vor dem Spiel bereits eine nicht zu verkennende Aggressivität seitens der... Tagesordnung ist später – die (Nach)Wirkung des Platzsturms

Man sagt ja, dass angesagte Revolutionen für gewöhnlich nicht stattfinden, doch heute lag vor dem Spiel bereits eine nicht zu verkennende Aggressivität seitens der Fans in der Luft. Was man so hörte, war der Platzsturm bei entsprechendem Rückstand auch schon vorher beschlossene Sache, was ich allerdings – zumindest im organisierten Stil – nicht ganz glauben möchte.

Was ist da also genau passiert? Rapid kann mit etwas Glück nach drei Minuten mit 1:0 führen, doch das 0:1, bedingt durch symptomatische Fehler in der Hintermannschaft, erstickt jeliche Aufbruchsstimmung im Keim. Was folgte hat jeder von uns gesehen.

Es ist unbedingt zu erwähnen, dass der Block West und (wohl auch bedingt durch in diesem Fall geografische Barrieren) die Ostkurve, sich geschlossen korrekt verhielten. Zumindest so „geschlossen“ wie es ein öffentliches Gebäude wie etwa ein Fußballstadion zulässt. Was ich von meiner Warte feststellen konnte war, dass der Block zu 95% dort blieb, wo er sein sollte, nämlich auf der Tribüne. Die Reaktionen wirkten selbstverständlich konsterniert, was angesichts des Spielauftakts und der unbefriedigenden Gesamtsituation ebenso verständlich ist. Aber diejenigen, die den Platz stürmten – und das waren, wie diejenigen, die im Stadion zugegen waren auch klar und deutlich sahen – einzelne Personen oder Grüppchen ALLER Tribünen.

Nun lassen sich für diejenigen, die diesen Spielabbruch überhaupt möglich machten, einige treffliche Synonyme finden: Ich nenne sie mal Mitläufer, Halbstarke, Besoffene, größtenteils junge Leute, die sich irgendjemandem gegenüber profilieren wollen. Im Überbegriff aber einfach: Vollidioten. Dieser Platzsturm war zwar angesichts der Ereignisse und Nicht-Ereignisse über die gesamte Saison hinweg früher oder später unausweichlich, aber die Art und Weise, wie diese Leute ihren Unmut äußerten, war gänzlich unangebracht und dumm. Dass in ahnungslosen Sportmedien mit dem Terminus „Hooligans“ hantiert wird ist somit auch unausweichlich. Klicks und Auflage sind wichtig, Recherchen angesichts des gebotenen Schauspiels offenbar unnotwendig. Auch ein friedlicher Sitzstreik wäre uns vonseiten der Mainstream-Medien als „Hooligan-Aktion“ verkauft worden.

Konkret gesagt: Ich verstehe es, wenn 50 – 100 Menschen den Platz stürmen und sich zum Beispiel ins Tor oder den Mittelkreis setzen, um still aber doch präsent gegen die Missstände auf und außerhalb des Platzes zu demonstrieren. Was wir stattdessen sahen war eine plan- und konzeptlose Meute, die sich einen nicht vereinsrepräsentativen A.C.A.B.-Adrenalinkick und eine versuchte Gewaltorgie flüchteten. Eine durchaus geordnete „Demo“ wie sie 2001 gegen den GAK passierte, ist meilenweit von dem entfernt, was wir heute sehen mussten. Viele von euch haben vermutlich noch das Bild im Kopf, als Schöttel einen sitzstreikenden Fan zum Dialog auffordert. Viele von euch werden sich auch noch erinnern, dass der damalige Trainer Ernst Dokupil nach dem Spiel zu den Fans sprach. Heute war das undenkbar.

Nun ist der Zeitpunkt des Platzsturms, ausgerechnet während eines Derbies, bei dem die Führung der Gästemannschaft, die aussichtslose Tabellensituationen und die (für mich völlig verständlichen – weil wie würdet ihr es umgekehrt machen?) Provokationen der Gästefans, ein weitaus präkerer als damals. Aber die Art und Weise des Protests war schwerst kontraproduktiv zur Revolution, die in diesem Verein zweifelsohne stattfinden muss. Viele von euch haben wahrscheinlich gesehen, dass Spieler wie etwa Kulovits und Soma körperlich angegriffen – wenn auch nur geschubst – wurden. Kaum auszudenken was passieren könnte, wenn die Halbstarken, die auf diese grandiose Idee kamen, tatsächlich so wenig Hirn hätten Ernst zu machen. Zudem sind natürlich auch die tätlichen Angriffe auf die Austria-Fans, Stichwort Leuchtraketen in den Sektor, schwer zu verurteilen. Dies sind keine Maßnahmen, die Rapids Fanszene national und über die Grenzen hinaus gefürchteter oder gar „besser“ machen, sondern einzig und allein kleine Mosaiksteine auf dem Weg dorthin, wo sicher KEIN Fan hin will: Stadionverbot für Einzelne, Geldstrafen für den Verein, keine Derbies mehr im Hanappi-Stadion, kein Derby-Heimvorteil mehr, daran geknüpft mögliche Geisterspiele und vorallem die wirtschaftlichen Folgen, an die der „durchschnittliche Platzstürmer“ gar nicht zu denken im Stande ist und die da heißen: Nicht nur, dass Rapid kommende Saison nicht im Europacup spielt, der Verein wird es sowohl finanziell als auch reputationstechnisch sehr schwer haben, Fußballer nach Hütteldorf zu holen, die die Mannschaft verstärken können. Von der Verängstigung aktueller Spieler ganz zu schweigen. Und zwar ganz egal wie schlecht sie momentan spielen.

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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