Im Spiel der 32. Runde der österreichischen Bundesliga empfing die Wiener Austria den Tabellennachbarn SV Mattersburg zum Duell der „ersten Verfolger“ auf die Fünfplatzierte... Unbalancierte Austria verabschiedet sich endgültig aus dem Europacup-Rennen

Im Spiel der 32. Runde der österreichischen Bundesliga empfing die Wiener Austria den Tabellennachbarn SV Mattersburg zum Duell der „ersten Verfolger“ auf die Fünfplatzierte Admira um den letzten verbliebenen Europacup-Platz. Dabei war es vor allem für die Veilchen ein richtiges Endspiel, hatte man doch die Chance mit einem Sieg den Druck auf die Admira zu erhöhen und eine gute Ausgangsposition für das direkte Duell nächste Woche zu schaffen. Die Burgenländer hingegen konnten mehr oder weniger befreit in das Spiel gehen und hatten als „Underdog“ nichts zu verlieren, da die Teilnahme am internationalen Geschäft im Gegensatz zur Austria keine Pflicht ist.

Austria mit geballter Offensivpower

Im Vorfeld der Partie gab es auf Seiten der Austria einige personelle Fragezeichen und es drohten mehrere Schlüsselspieler auszufallen. Letztlich wurden die meisten doch noch rechtzeitig fit, während Spielmacher Holzhauser sich mit Rückenproblemen abmelden musste und den Fitnesstest nicht bestand.

So schickte Trainer Letsch seine Mannschaft in einem 4-3-3 auf das Feld, in dem Stronati für den verletzten Borkovic ins Team rutschte, Serbest und Grünwald gemeinsam das Zentrum bildeten, während vorne die dynamischen Pires, Prokop und Venuto wirbeln und die einzige Sturmspitze Monschein mit Vorlagen füttern sollten. Eine ganz andere Ausrichtung der Violetten also, die im Gegensatz zur letzten Partie gegen den LASK    nominell wesentlich offensiver wirkte. Dies bestätigte sich dann auch auf dem Feld.

Die Austria schien in dieser Trainingswoche den Fokus auf das Ballbesitzspiel gelegt zu haben und auch Trainer Letsch nahm strategisch einige Anpassungen vor. So rückte der Deutsche im Positionsspiel etwas von der extremen Enge und dem Zentrumsfokus ab, schickte stattdessen seine Mannschaft mit einer wesentlich breiteren Raumaufteilung in das Spiel.

Dabei wurde auf einen gepflegten Spielaufbau Wert gelegt und der Fokus lag darauf, spielerische Lösungen gegen die Burgenländer zu finden und die langen Bälle in die Spitze zu reduzieren. Dabei agierte man durchaus variabel und mit verschiedenen Schemas. Das Augenmerk lag vordergründig darauf, die beiden zentralen Mittelfeldspieler Serbest und Kapitän Grünwald ins Spiel einzubinden, damit diese dann den Ball nach vorne treiben konnten. Dabei gab es bei den violetten Gastgebern immer wieder verschiedene Muster zu sehen. Mal agierte Grünwald höher und nur Serbest bot sich tiefer an, mal kippte Serbest nach hinten ab und schickte einen Innenverteidiger nach vorne, um die gegnerische Defensivformation anzudribbeln, oder beide ließen sich gemeinsam fallen und suchten den Kontakt zu den Innenverteidigern, um stabile Verbindungen nach vorne zu ermöglichen oder Passfenster für die Innenverteidiger zu öffnen. Dies kann man bei den nächsten beiden Bildern gut sehen:

Austria im Ballbesitz, beide Sechser halten sich relativ nahe bei den Innenverteidigern auf, wodurch Mattersburg zur Reaktion gezwungen ist, da die Austria hier eine 4 vs.2 Überzahlsituation vorfindet. Wenn ein Sechser von Mattersburg rausrückt, öffnet sich wiederum der Passweg in den Zwischenlinienraum für Prokop.

In dieser Situation kippt Serbest nach hinten zwischen den Innenverteidigern ab und Grünwald besetzt alleine den Sechserraum, wodurch man einerseits gegen die beiden Stürmer eine 3 vs. 2 Überzahl hat – gleichzeitig aber auch Madl mit dem Ball nach vorne stoßen kann, da ihn Serbest absichert.

Diese Maßnahmen hatten einen überaus positiven Effekt auf die Spieleröffnung der Violetten, die in diesem Aspekt einen Schritt in die richtige Richtung tätigten. Man zeigte verschiedene Muster und Formen den Ball in die  höheren Zonen zu bringen, griff auch zu einigen bekannten Schemas, die man noch aus der Fink-Zeit kannte, spielte dabei aber auch wesentlich direkter nach vorne und penetrierte laufend die Schnittstellen der Burgenländer mit Vertikal- und Diagonalpässen.

Bei allen Verbesserungen und Anpassungen zeigte sich ebenfalls, wie wichtig auch die individuelle Qualität auf dem Spielfeld ist. Dass sich das Ballbesitzspiel verbesserte, hing nämlich vor allem mit einer Personalie zusammen: Mit der Rückkehr von Alexander Grünwald. Der Kapitän der Veilchen brachte viel Struktur in das Ballbesitzspiel seiner Mannschaft, zeigte kluges Bewegungsspiel und verteilte immer wieder die Bälle überlegt und mit viel Übersicht – nahm also das Heft in die Hand, egal ob es im Spielaufbau war, oder tiefer in der gegnerischen Hälfte. Gemeinsam mit dem ebenfalls starken Sechser Serbest hatte die Austria also ein dominantes Zentrum auf dem Feld, welches die Fäden zog und dies wirkte sich auch sofort positiv auf das Offensivspiel aus.

Doch nicht nur deswegen wurde das Angriffsspiel der Violetten besser, das lag auch vor allem daran, dass man die Flügelspieler wesentlich besser in das Spiel einbinden konnte. Venuto und Pires agierten seit der Amtsübernahme von Letsch sehr oft im Zentrum und nur selten auf den Flügeln, wo sie allerdings ihr Tempo und ihre Dribbelstärke nicht wirklich ausspielen konnten. In diesem Spiel sah dies wesentlich anders auf und die beiden tauchten immer wieder auf der Seitenlinie auf, wobei speziell Venuto auf der rechten Seite eine sehr breite Rolle im Spiel einnahm und dadurch oft in Dribblings gehen konnte – dadurch auch viele Eins gegen Eins Situationen erzwang und gewann. Nach dem Spiel gab auch der Gäste-Trainer Baumgartner zu Protokoll, dass man mit den beiden brasilianischen Flügelspielern große Probleme hatte und in der Halbzeitpause Umstellungen vornahm, um sie besser in den Griff zu bekommen.

Gleichwohl es im Ballbesitzspiel Verbesserungen gab, so richtig strukturell und stimmig wirkte das Konstrukt der Austria nach wie vor nicht. Man hatte oft Probleme mit der Balance und der passenden Staffelung in der Raumaufteilung, was sich speziell gegen den Ball bzw. bei Ballverlust immer wieder rächen sollte. So gab es einige Szenen zu sehen, wo die Austria sehr hoch aufrückte und viele Spieler vor dem Ball postiere, dadurch nach Ballverlust einerseits nicht ins Gegenpressing kam und andererseits große Löcher zwischen Mittelfeld und Abwehr klafften, da man die Höhe der Abwehrlinie tiefer hielt und auch Sechser Serbest oft sehr nah an der Abwehr rückte , um die langen Bälle der Mattersburger besser verteidigen zu können, was jedoch auf Kosten der Kompaktheit des Mittelfelds ging. Dadurch kamen die Burgenländer nach Ballgewinn auch zu vielen aussichtsreichen Konterchancen, aus denen zahlreiche gute Torchancen resultierten.  Diese Problematik kann man beim nächsten Bild gut sehen:

Austria im Ballbesitz, viele Spieler rücken mit auf, vergessen jedoch auf die Absicherung der Angriffe. Da weder Grünwald zum Ball nachrückt und absichert, noch die Innenverteidigung nachschiebt, entsteht nach dem Ballverlust der Violetten ein großer Raum im Rücken der Austria-Spieler, was die Burgenländer auch nutzen und einen gefährlichen Konter starten.

Durch diese Faktoren kam es in diesem Spiel quasi zu einem offenen Schlagabtausch und man sah zwei Mannschaften, die quasi wie zwei Boxer ohne jegliche Deckung aufeinander einschlugen. Bei der Austria hieß es in der Spielweise Hopp oder Drop, was oft ein zweischneidiges Schwert war. Einerseits konnte man die 4-2-3-1/4-4-2 Formation der Burgenländer immer wieder gut bespielen, da die Gäste zu vielen Mannorientierungen griffen und die Austria sich recht ordentlich im Zwischenlinienraum bewegte und diesen besetzte, oder speziell auf der linken Seite zu gezielten Raumüberladungen griff und da den Gegner zu Problemen bei der Übergabe der Gegenspieler zwang, wie man dies beim nächsten Bild gut sehen kann:

Die Austria im Ballbesitz und dem Versuch, die linke Seite mit Pires, Grünwald, Stangl und Prokop zu Überladen. Durch das geschickte Aufziehen von Stangl auf der Seitenlinie, stehen die beiden Außenbahnspieler der Mattersburger und ihren Mannorientierungen vor einem Problem – wer übernimmt Stangl, wer Prokop (gelber Strich)?

Gegen die vielen Mannorientierungen der Burgenländer fand die Austria also immer wieder die passenden Lösungen und stellte die Gäste laufend vor Übernahmeprobleme der Gegenspieler, wodurch man sich eine Vielzahl an gefährlichen Situationen herausspielen konnte und so auch zwei schöne Tore in der ersten Hälfte erzielte. Gleichzeitig aber agierte man gegen den Ball viel zu nachlässig und gab den Gästen so viel Raum zum Umschalten, dass man meinen könnte, der Defensivverbund der Austria wäre offen wie ein Scheunentor gewesen. Es schlichen sich aber auch oft einfache Stellungsfehler und eine schlechte Absicherung der Abwehr ein. So wie beim 1:1 Ausgleichstreffer durch Okugawa, als Madl nach einem Einwurf auf Prevljak herausrückte, und die restlichen Abwehrspieler der Violetten ihn nicht absicherten und die Schnittstelle im Rücken von Madl nicht schlossen, wie man dies beim nächsten Bild gut sehen kann:

Szene im Vorfeld zum 1:1, Einwurf auf Prevljak, Madl rückt auf den Stürmer hinaus, Stronati und Klein orientieren sich fälschlicherweise an den Gegenspielern (gelbe Linie) statt rechtzeitig den herausrückenden Madl abzusichern und die Schnittstelle hinter Madl zu verschließen (schwarze Linie), weshalb Okugawa durchbrechen kann und letztlich das Tor erzielt. 

Durch diese Unzulänglichkeiten der violetten Gastgeber erzielten auch die Mattersburger zwei Treffer und kamen ebenfalls zu vielen gefährlichen Situationen in der Offensive, wodurch das Spiel in der ersten Halbzeit bereits gut und gerne 4:4 stehen hätte können. So ging man mit einem 2:2 in die Kabine zum Pausentee.

Mattersburg stellt in der Defensive um und bekommt besseren Zugriff

Da der Trainer der Gäste sichtlich mit der Defensivleistung seiner Mannschaft unzufrieden war, nahm Gerald Baumgartner zur Pause auch einige Veränderungen vor. Zunächst nahm man von den strikten Mannorientierung Abstand und man stellte stattdessen nun einen 4-5-1 Block auf, der tief in der eigenen Hälfte postiert wurden und wesentlich raumorientierter agierte. Man versuchte nun, den Zwischenlinienraum und die Abstände zwischen den eigenen Spielern so klein wie nur möglich zu halten. Damit wollte man auf das Spiel der Austria reagieren, die in der ersten Halbzeit wie bereits angeschnitten den wichtigen Zwischenlinienraum immer wieder erfolgreich bespielen konnte und so gefährlich vor das gegnerische Tor kam. Wie sich die Burgenländer nun aufstellen, zeigen die nächsten Bilder relativ deutlich:

Mattersburg setzt nun nicht mehr auf strikte Mannorientierungen, sondern stellt einen kompakten raumorientierten Block mit einer Vierer- und Fünferkette auf die Wiese, der die Abstände zwischen den Spielern extrem eng hält und so den Zwischenlinienraum stark verknappt.

Durch diese Maßnahme vom Mattersburg-Trainer konnte die Austria nicht mehr so leicht durch das Zentrum angreifen und sich durchspielen, wodurch man zunehmend auf den Flügel gedrängt wurde. Gleichzeitig wäre dies allerdings die Chance für die Veilchen gewesen, die Burgenländer mit einem aggressiven Gegenpressing hinten reinzudrängen nicht mehr aus der eigenen Hälfte kommen zu lassen, da die Wege nach vorne für die Mattersburger nun sehr weit waren und sie auf ein tieferes Abwehrpressing setzten. Jedoch verzichtete die Austria weitestgehend darauf, im Gegenteil. In den ersten fünfzehn, zwanzig Minuten der zweiten Halbzeit agierte man sehr passiv und die Mattersburger verbuchten in der Phase zum Teil sogar längere Ballbesitzzeiten als die Gastgeber. Da es auf Seiten der Austria keinerlei Anpassungen und Reaktionen von draußen gab, wurde das Offensivspiel nicht mehr so Durchschlagskräftig und man selbst nur durch zwei Stangl-Fernschüsse gefährlich, während man in der Defensive nach wie vor den Gästen viele Räume offenbarte und die Burgenländer auch im zweiten Durchgang zu zahlreichen hochkarätigen Torchancen kamen, die sie entweder fahrlässig liegen ließen oder vom starken Austria-Torhüter vereitelt wurden.

In den letzten fünfzehn Minuten erhöhten die violetten Gastgeber dann nochmal die Schlagzahl und gingen mehr Risiko ein, wodurch man den Gegner vermehrt nach hinten drücken und das Spiel in die gegnerische Hälfte verlagern konnte. Gegen den massiven Abwehrblock der Mattersburger war es allerdings schwer, sich durchzuspielen, weshalb Chancen im Minutentakt ausblieben. Einen Stangl-Schuss drehte Kuster sehenswert über die Latte, Venuto wurde im Fünfer in höchster Not am Abschluss behindert und Fitz scheiterte in der Nachspielzeit erneut am Torhüter der Burgenländer. Während die Violetten den Matchball ausließen, schlugen die Mattersburger im Gegenzug nach einem Konter zu und erzielten kurz vor Abpfiff den 3:2 Führungstreffer, welchem jedoch ein Foulspiel an Venuto vorausging, welches der Schiedsrichter übersah. So nahmen letztendlich die Gäste aus dem Burgenland die drei Punkte mit auf die Heimfahrt und die Austria verabschiedete sich endgültig aus dem Rennen um den Einzug in den Europacup.

Fazit    

Ein weiterer Rückschlag für die Austria und ihre Fans, womit die Saison durch diese Niederlage nun endgültig verkorkst ist. Dabei präsentierte sich die Austria zwar in einigen Bereichen verbessert und zeigte offensiv wohl die beste Leistung unter Letsch, wo man mit einem guten Spielaufbau und einem ansprechenden Kombinationsspiel die Mattersburger immer wieder vor große Probleme stellen konnte. Dies ging allerdings auf Kosten der Defensive, die in diesem Spiel nahezu katastrophal und zeitweise so offen wie ein Scheunentor war. Dabei war es schlicht eine Kombination aus vielen Aspekten, sowohl strategisch was das Coaching betrifft, als auch das individuelle Verhalten der Spieler, die sich taktisch oft nicht klug verhielten. So kamen die Gäste letztlich auf sieben-acht hochkarätige Torchancen, und das als eine Mannschaft, die nicht gerade für ihre Offensivpower bekannt ist und qualitativ klar unter die der Wiener zu stellen ist. Die fehlende Balance im Spiel der Austria bleibt eines der großen Mankos unter Trainer Thomas Letsch und dieser scheint das Problem auch nicht wirklich in den Griff zu bekommen, weshalb es auch in den letzten drei Spielen jeweils Niederlagen hagelte. Für die Veilchen bedeutet diese Niederlagenserie, dass man sich nach zwei Europa League-Gruppenphasen in der nächsten Spielzeit nun ausschließlich auf die Meisterschaft konzentrieren kann und der Neustart im sportlichen Bereich zwingend notwendig sein wird.

Dalibor Babic, abseits.at

Dalibor Babic