Rapid gewann einen „Test unter Wettkampfbedingungen“ gegen den 1.FC Nürnberg mit 2:1. Auch wenn es sich um ein Testspiel handelte, konnte man einige grundlegende... Viel Luft nach oben: Beobachtungen zu Rapids Sieg gegen Nürnberg

Rapid gewann einen „Test unter Wettkampfbedingungen“ gegen den 1.FC Nürnberg mit 2:1. Auch wenn es sich um ein Testspiel handelte, konnte man einige grundlegende Fehlerquellen, aber auch individuelle Verbesserungen beobachten. Eine Liste an subjektiven Beobachtungen von Daniel Mandl.

Den Zuschauern in Hütteldorf wurde erstmals das neue „Hauptsystem“ präsentiert. Im 3-5-2 forderte Rapid eine Nürnberg-Elf, die – ganz in Canadi-Manier – defensiv sehr kompakt stand und höchstes Augenmerk aufs defensive Umschaltspiel legte. Es ist unwahrscheinlich, dass Rapid in der Meisterschaft auf Gegner treffen wird, die nach Ballverlusten so schnell, so zahlreich und vor allem so kompakt hinter den Ball kommen werden, wie es Canadis Nürnberger taten. Auch Salzburg kann dies nicht, weil die gesamte Spielanlage stärker auf Offensive ausgerichtet ist.

Der Kader ist eindeutig noch nicht fertig

Das 3-5-2-System sieht bestimmt einige Gewinner und ein paar Verlierer. Klar ist, dass Rapid-Sportchef Barisic noch seine Hausaufgaben am Transfermarkt machen muss. Für dieses System ist der Kader definitiv noch nicht fertiggebaut und wenn man sich nicht über die ein, zwei nötigen „Königstransfers“ drüber traut, sind die „wir wollen da sein, wenn Salzburg patzt“-Ansagen weiterhin nur leere Floskeln. Mit Ausnahme von Schick spielten in der ersten Halbzeit nur Spieler, die die vergangene Saison „verbrochen“ haben – und dementsprechend zäh und fehlerbehaftet war das Auftreten des Teams.

Hauptproblem bekommt noch genauere „Behandlung“

Das Grundproblem Rapids liegt im zentralen Mittelfeld. Dieses Problem ist aber so umfassend und allgemein, dass es noch heute einen eigenen Artikel gewidmet bekommt. Hier wollen wir, der Übersichtlichkeit wegen, speziell auf die gruppentaktischen Abläufe und Kleinigkeiten eingehen. Dabei darf nie vergessen werden, dass es sich gestern um ein Freundschaftsspiel handelte und einige Abläufe in Pflichtspielen anders aussehen werden. In erster Linie gehen wir auf das Spiel der vermeintlichen Einsergarnitur ein, die man in der ersten Halbzeit sah.

Linker Innenverteidiger verbessert, aber keine Idealbesetzung

Die Dreierabwehrkette ist durchaus als Pluspunkt zu bezeichnen, wenngleich es seit dem Abgang von Galvao Aufbauprobleme gibt. Der Brasilianer würde ideal auf die linke Position einer Dreierkette passen – vor allem wenn der noch einmal verbesserte Müldür sein Pendent auf der rechten Seite wäre. Dies würde fast schon den Prototyp einer Dreierkette herstellen, aber so ist mit Mateo Barac doch noch eine leichte Schwachstelle mit von der Partie. Zwar präsentierte sich der einzige Linksfuß in Rapids Abwehr ebenfalls ein wenig stabilisiert, aber seine Passmuster im Aufbau sind nicht so geradlinig, wie die von Müldür.

Noch Mängel im Herausrücken und Abkippen

Gegen den Ball verhält sich die Dreierkette noch ein bisschen wie die Innenverteidigung in einer Viererkette. Die Herausrückbewegungen sind noch nicht ideal abgestimmt, wurden im Laufe der zweiten Halbzeit etwas besser. Allerdings sah man auch, dass das ballnahe Herausrücken ein Teil des Konzepts ist und schlichtweg noch nicht automatisiert wurde. Probleme bereitet dies vor allem dem Sechser, der gerade bei schnellen Gegenstößen durch den Gegner, punktiertes Herausrücken durch einen ballnahen Innenverteidiger benötigt. Alternativ wäre das Abkippen des Zehners oder Achters eine Option (Fountas setzte dies in der zweiten Halbzeit gut um), oder aber das Einrücken eines Flügelverteidigers. Es gab einige Situationen, in denen Rapids Sechser zu viel Raum abdecken musste. Einmal konnte der Gegner sogar ohne Not einen Einwurf in diesen Raum bringen, weil dieser nicht ideal besetzt und die Mannorientierung in ungefährlicheren Zonen stärker ausgeprägt war, als die nötige Raumbesetzung. Hier muss Rapid situativ auf jeden Fall für mehr Masse sorgen und die am einfachsten zu organisierende Variante wäre das punktierte Herausrücken eines ballnahen Innenverteidigers.

Offensiver Ballverlust, abwartendes Verhalten der Dreierkette, zu wenig Defensivarbeit durch die offensiveren Mittelfeldspieler, weshalb Grahovac alleingelassen wird.

Starke Mannorientierung, aber Probleme in der Raumbesetzung nach einem Nürnberger Einwurf zur Mitte.

Mehr Selbstverständlichkeit im Pressing nötig

Dies setzt allerdings auch eine gute Kommunikation zwischen den Mannschaftsteilen voraus und man hatte den Eindruck, dass hier der innerste Innenverteidiger Christopher Dibon der „Wortführer“ war. Viele Dinge passieren aber nicht automatisch: Es kommt etwa im Pressing immer wieder vor, dass sich die erste Pressinginstanz (in der zweiten Halbzeit mehrmals Knasmüllner) während seiner Pressingaktion umdrehen muss, um zu schauen, ob Mitspieler nachrücken, um die nächsten Anspielstationen des Gegners zuzustellen. Da er davon offenbar nicht ausgeht, ist er in seiner eigenen Aktion beeinträchtigt. Hier fehlt es noch an einem gewissen Selbstverständnis.

Konter durch den Keeper: Fehlende Systematik im Umschalten

Eine andere häufig beobachtete Problematik in der gruppen- und mannschaftstaktischen Abstimmung sind Ballgewinne durch den Torhüter. Wenn Strebinger den Ball nach einem gegnerischen Angriff gewinnt, schwärmen die Hütteldorf nicht strukturiert aus, sondern praktisch „jeder für sich“. Gelegentlich kann Strebinger das Spiel dann über die Flügel schnellmachen, aber man ist dennoch auf Einzelaktionen eines Spielers angewiesen, der sich selbst gut freiläuft. Das Herausrücken in Gruppen funktioniert weiterhin nicht gut, weshalb häufig nur der weite Ball durch den Keeper oder eine Verzögerung und Neuformierung bleibt. Diese weiten Bälle sind allerdings Lotteriespiele: Wenn etwa Badji das folgende Kopfballduell gewinnt, hat man eine Chance auf eine gute Möglichkeit. Strebingers Ausschüsse waren aber im gestrigen Test zumeist „Bogenlampen“ und weniger scharfe, genaue Zuspiele auf den Zielspieler. Es bleibt beim Verlust des Kopfballduells immer noch die Chance auf den zweiten Ball, aber dafür ist das Nachrückverhalten noch zu inkonsequent. Rapid kommt zu spät in die Zonen, in denen der zweite Ball interessant wäre und kann den Gegner so noch nicht systematisch unter Druck setzen.

Pendeln und Abkippen durch den zweiten Stürmer

Im Offensivspiel hapert es noch an der Antizipation durch den zweiten Stürmer. Schobesberger kippte zwar immer wieder ins Mittelfeld ab, hat aber Probleme, wenn er energisch gepresst wird, weshalb Nürnberg viele Fehler des zweiten Stürmers erzwingen konnte. In der Zentrale ist Schobesbergers wichtigste Aufgabe, dass er Tiefe sucht und zu Abschlüssen kommt, was in vorangegangenen Tests bereits gut funktionierte. Gegen tiefstehende und gut verteidigende Mannschaften muss der Rapid-Stürmer auch mehr „von innen nach außen“ denken. Dass vom etatmäßigen Flügelspieler zu wenige Pendelbewegungen hinaus auf den linken Flügel kamen, wurde zum Problem. Die Hütteldorfer konnten dadurch keine Flügelüberladungen herstellen und waren gezwungen den Gegner mit schnellem Kurzpassspiel durch die Mitte auszuspielen. Diese Mitte machte der Gegner aber außerordentlich gut dicht und so hingen Murg und Schobesberger weitgehend in der Luft. Ausweichende Bewegungen auf den Flügel hätten Rapid mehr Flankengelegenheiten gegeben und auch die Formation des Gegners mehr in die Breite gezogen. Schobesbergers Aktionsradius blieb aber zu klein, weshalb Nürnberg nur die Mitte dichtmachen musste und die Flügel vernachlässigen konnte. Erst mit der Einwechslung von Taxiarchis Fountas wurde dies besser: Nicht nur wegen Fountas‘ besserer Ausweichbewegungen in der Breite, sondern auch weil er sich vertikal besser nach hinten orientierte, um beim Aufbau zu helfen. Allerdings war dies in einer Phase, in der bereits beidseitig häufig gewechselt wurde – Schobesberger hatte es also in der ersten Halbzeit schon aus personellen Gründen deutlich schwerer als Fountas, der nach dem ausgiebigen Durchwechseln des Gegners besser aussah, weil die Ordnung nicht mehr zu 100% gegeben war.

Zu wenig offensive Entlastung bei Defensivstandards

Ein weiteres, „altes“ Problem war ebenfalls speziell in der ersten Halbzeit zu erkennen. Rapid sorgt bei Defensivstandards für viel zu wenig Entlastung. Zehn Spieler verteidigen im eigenen Strafraum und der „offensivste“ Rapidler steht knapp davor. Die Alternative wäre zwei Spieler im Raum zu positionieren: Einen an der Mittellinie, einen etwa 30 Meter vor dem eigenen Tor. Nach Ballgewinnen könnte Rapid dadurch wesentlich systematischer umschalten. Was aber noch wichtiger ist: Der Gegner könnte bei einer mutigeren Entlastungsstaffelung bei seinen eigenen Offensivstandards nicht so hoch stehen und müsste selbst mehr Spieler zur Absicherung abstellen. Dadurch verringert man die Power des Gegners in der unmittelbaren Gefahrenzone und ist selbst gefährlicher im Konter. Dies ist ein Problem, das bereits unter Djuricin flächendeckend vorhanden war und sich leider auch in die Ära Kühbauer weiterzieht.

Offensivstandard Nürnberg: Alle Rapid-Spieler in oder um den eigenen Strafraum.

Szene unmittelbar nach Margreitters 1:0 – alle Rapidler verteidigten den Eckball tief, wodurch Nürnberg viel zu viele eigene Spieler nach vorne bringen konnte.

Offensivstandard Nürnberg kurz vor der Pause: Erneut sind alle Rapid-Spieler in oder um ein eigenen Strafraum positioniert.

Mehrere Vorbereitungs-Gewinner

Individuell gibt es gegen Ende der Vorbereitung einige Gewinner. Müldür wird – sollte er bleiben – ein unumstrittener Leistungsträger der Hütteldorfer werden. Auch Grahovac stabilisierte sich weiter, präsentiert sich umsichtig und kampfkräftig. Auch Thorsten Schick kann mit seinem geradlinigen Spiel zu einem wertvollen Asset für die Hütteldorfer werden – ebenso wie Fountas, der für Überraschungsmomente gut ist und sich dauerhaft in gutem Tempo bewegt. Zudem sind auch die Jungen eine positive Überraschung: Leo Greiml ist nicht weit von der ersten Elf entfernt und Nicholas Wunsch überzeugt mit Übersicht und Ruhe am Ball. Er wird es positionsbedingt schwerer haben als Greiml, sollte aber zumindest die Rolle des dauerverletzten Szántó einnehmen und zu einigen Einsätzen kommen können.

Zusammenfassung

Zusammenfassend gab es also einige Kinderkrankheiten zu beobachten: Die Dreierkette ist personell noch etwas unausgewogen und gegen den Ball noch nicht perfekt beim Herausrücken. Das mannschaftlich geschlossene Pressing ist ebenso ausbaufähig, wie die Kommunikation und Direktheit im offensiven Umschaltspiel. Schobesberger wird es im 3-5-2 dauerhaft sehr schwer haben, seinen Platz im Team zu behalten. Nicht nur weil ein weiterer Stürmer kommen soll, sondern auch weil Fountas schon jetzt die besseren Bewegungsabläufe zeigt. Gerade gegen extrem tief stehende Gegner wird es nicht nur für Schobesberger, sondern auch für Murg schwierig, der insgesamt gegenüber Knasmüllner abfiel. Kleinigkeiten wie Standardentlastung oder Konterstöße durch Ausschüsse könnte man ebenfalls noch systematisch adaptieren. Auf die großen Hauptprobleme im zentralen Mittelfeld gehen wir, wie bereits vorhin erwähnt, in einem Extraartikel ein.

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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