Nach elf Spieltagen liegt der SC Rheindorf Altach auf dem überraschenden vierten Platz in der österreichischen Liga – nur hinter den beiden Großteams Rapid...

SCR AltachNach elf Spieltagen liegt der SC Rheindorf Altach auf dem überraschenden vierten Platz in der österreichischen Liga – nur hinter den beiden Großteams Rapid Wien und Red Bull Salzburg, sowie dem Überraschungstabellenführer Wolfsberger AC. Trotz des geringsten Budgets der Liga können sie unter anderem Teams wie Austria Wien und Sturm Graz bislang hinter sich lassen. Doch was ist das Geheimnis hinter des eher unscheinbaren Altacher Aufschwungs?

Flexible Formationen

altachaufstellungTrainer Damir Canadi nutzt unterschiedliche Formationen, die je nach Gegner und Spielweise gewählt werden. Gegen die Salzburger spielten sie zum Beispiel mit einem 3-5-2, um das Zentrum eng zu machen, möglichst viele Akteure in der Mitte zu haben und durch drei zentrale Innenverteidiger die beiden Stürmer pressen zu können. In vielen anderen Partien agierten sie aber in einem 4-1-4-1 und gingen in den vergangenen Runden wieder häufiger zu einem 4-2-3-1 über. Die taktische Marschroute und Interpretation ist aber meistens die gleiche – und vergleichsweise simpel.

Unsauberer Zentrumsfokus

Altach betont in ihrer Spielweise den Umschaltmoment und nutzt hierbei die Physis; sie konzentrieren sich auf Stabilität in der Abwehr, lassen die Außenverteidiger vorsichtig aufrücken und sind insgesamt eher eine reaktive Mannschaft, die sich vorwiegend im Offensivspiel auf das Einrücken der Flügelstürmer konzentriert. Sie überladen die zentralen Räume und holen sich hier nicht nur die meisten Bälle in diesen Zonen (107 pro Spiel in der Mitte der eigenen Hälfte), sondern sind auch am effektivsten in den Zweikämpfen (60%) und generell in den Aktionen (79% in der eigenen Hälfte, 65% in der gegnerischen Hälfte). Mit dem Ball kommen die Flügelstürmer oft in die Mitte, spielen einen Pass ins Zentrum und suchen dann Raum zwischen den Linien.

Netzer sichert ab und verteilt die Pässe

Netzer im Zentrum kommt auf die meisten Ballkontakte und organisiert diesen Zentrumsfokus. Er erhält und spielt die meisten Pässe von allen Mittelfeldspielern und Angreifern, seine Passgenauigkeit ist mit 80% relativ gut. Oftmals kippt er zwischen die beiden Innenverteidiger zurück und spielt den Ball aus dieser tiefen Zone nach vorne.

Da Netzer dann auch tiefer bleibt und absichert und die Flügelstürmer einrücken, können die Außenverteidiger sich häufig an den Angriffen beteiligen und geben ihrer Mannschaft Breite. Sie brechen aber nicht immer bis nach vorne durch und haben eine schwache Kommunikation mit den vorderen Akteuren. Lienhart ist stärker in der Offensive und spielt mehr Pässe in den Strafraum, insbesondere Flanken auf den zweiten Pfosten; seine Seite wird auch stärker im Angriffsspiel fokussiert.

Lange Bälle bei unpassenden Staffelungen

Fehlt eine Anspielstation in der Mitte – ob durch mangelnde Präsenz in der Mitte wegen Netzers Abkippen oder generell unpassender Staffelung –, dann spielen die Verteidiger öfters einen langen Ball auf die Stürmer. Aigner ist als Mittelstürmer relativ präsent in der Luft, wobei auch Flügelstürmer Ngwat-Mahop eine elementare Rolle in diesem System spielt. Er soll die zweiten Bälle, aber auch die Weiterleitungen und Verlängerungen Aigners attackieren. Darum spielt er meistens nahe an Aigner und rückt schon früh ein.

Generell sorgen diese einrückenden Läufe für die meiste Gefahr. Insbesondere Zehner Kovacec ist hierbei wichtig. Er ist ein sehr guter Fußballer, der sich intelligent zwischen den Linien bewegt, Schnittstellenpässe und Abschlussmöglichkeiten sucht. Dazu weicht er häufig auf den Flügel aus, um den Flügelstürmern mehr Freiheit im Einrücken zu geben. Diese agieren etwas asymmetrisch, zumindest in der Rollenverteilung: Tajouri ist eher ein individueller Spieler mit vielen Dribblings und diagonalen Läufen, Ngwat-Mahop sucht den tödlichen Pass. Die beiden Flügelstürmer sorgen also für Präsenz in der Mitte, der Zehner unterstützt sie oder geht auf die Flügel und die Seiten werden von den Außenverteidigern besetzt. Das sorgt für positive Effekte in der Ballzirkulation.

Gute Seitenwechsel und Spielverlagerungen

Altach ist gut beim Wechseln der Seite. Gegen sehr defensive Mannschaften, die eng und tief in der eigenen Hälfte stehen, können sie den Ball sehr gut von einer Seite auf die andere verlagern. Sie sind dabei schnell und versuchen die Flügelstürmer in 1-gegen-1-Situationen mit den gegnerischen Außenverteidigern oder Flügelstürmern zu bringen, um diese aus dem Spiel zu nehmen. Sie schießen auch gerne aus der Distanz. Sie kommen auf 13 Abschlüsse pro Spiel im Schnitt, davon drei aufs Tor, was bedeutet, dass sie häufiger aus unvorbereiteten Situationen schießen.

Defensive Probleme im Umschaltmoment

Mit drei defensiven Spielern hinten, wenn sie in Ballbesitz sind, kann man sie einfach mit Kontern ausspielen. Ihnen fehlt es an Absicherung in der Mitte, da der Sechser zwischen den Innenverteidigern steht und nicht zentral für Präsenz sorgen kann; die 3-1-Staffelung ist hierbei suboptimal. Wenn der Gegner nach vorne aufrückt, bewegt sich Netzer meist nach vorne heraus, kann aber nur schwer in den Zweikampf kommen und wird mit einem schnellen Pass oder Dribbling aus dem Spiel genommen. Das öffnet Löcher. Die Innenverteidiger müssen dann auch oft ins 1-gegen-1 gegen die gegnerischen Flügelstürmer, während das Zentrum unbesetzt ist.

Weil sie versuchen das zentrale Mittelfeld zu überladen, lassen sie Räume auf den Flügeln, wo die gegnerischen Flügelstürmer und Außenverteidiger mehr Zeit am Ball haben. Dieses Problem haben sie aber auch im normalen Pressing, weil sie sich sehr auf die Mitte konzentrieren und Räume entlang der Flügel offen lassen. Ihr Mittelfeldpressing erlaubt teilweise diagonale Pässe von der Seite hinter die Abwehr und Überladungen auf der Seite, doch alles in allem haben sie mehr Vor- als Nachteile dadurch. Sie haben sehr gute Defensivstatistiken in der Mitte, im Schnitt kommen sie auf mehr als 75% erfolgreiche Aktionen, verlieren nur wenige Bälle selbst und erobern den Ball 107 mal im Schnitt.

Fazit und Prognose

Alles in allem machen die Altacher nichts Spektakuläres oder Innovatives – sie passen sich gut an, setzen bestimmte Aspekte sehr gut um und konzentrieren sich auf Stabilität. Das reicht aktuell in Österreich, um sich nach dieser Anzahl von Spieltagen höher platzieren zu können, als das Budget es vermuten lassen würde. Die Arbeit der Altacher ist hierbei natürlich absolut als lobend zu bewerten, wirft aber Fragen gegenüber der restlichen Liga auf. Gleichzeitig darf man davon ausgehen, dass Altach trotzdem in den nächsten Wochen und Monaten zurückfallen wird. Mit dem Abstiegskampf sollten sie aber nicht mehr in Kontakt kommen.

René Maric, www.abseits.at

Rene Maric

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